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Musik des Allmachtwahns |
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Eröffnungskonzert des 20. Rheingau Musik Festivals mit Mahlers 3. Sinfonie |
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Ende des
19. Jahrhunderts war Europa und speziell das deutsche Kaiserreich in
eine Art Größenwahn verfallen. Der rasante technologische
Fortschritt und die imperialistische Ausdehnung der
europäischen (Welt-)Mächte hatten zu einem nicht nur
ungebrochenen sondern geradezu unbegrenzten Glauben an die eigene
Größe und Zukunft geführt. Dass sich dieser
Glaube auch auf die Musik auswirkte, liegt auf der Hand. Dabei muss die
Transformation in den musikalischen Kontext nicht unbedingt die
politischen Intentionen einschließen, die Mentalität des
"immer größer, immer umfassender" jedoch färbte
durchaus auf diese Kunstgattung ab. Schon Wagner hatte sich an das
allumfassende, totale Kunstwerk gemacht, und so lag es nahe, dass
auch der nahezu fünfzig Jahre jüngere Mahler
die große musikalische Geste suchte. Seine dritte
Sinfonie aus dem Jahr 1896 ist ein lebendiges Beispiel für die
Suche des späten 19. Jahrhunderts nach dem allumfassenden Ausdruck
in der Musik. Das 20. Rheingau Musik
Festival setzte dieses Werk als Eröffnungskonzert in das
diesjährige Programm.
Die Sinfonie sprengt den Rahmen herkömmlicher Sinfonik nicht nur durch die Satzzahl, wobei Mahler die anfänglich auf sieben Sätze angelegte Sinfonie sogar noch auf sechs verkürzte. Die Sätze sind darüber hinaus auch extrem ungleichgewichtig; der erste Satz dauert alleine etwa 35 Minuten, eine Zeit, in der andere Komponisten vor ihm eine viersätziges Werk untergebracht hatten. Die anderen Sätze sind von kürzerer Dauer, das Gesamtwerk nimmt jedoch immer noch gut 90 Minuten in Anspruch. In zwei dieser Sätze nimmt Mahler Beethovens Neuerung wieder auf, Singstimmen und Chor in eine Sinfonie zu integrieren. Mahler hat die gesamte Sinfonie nach einem inneren Plan komponiert, den er aber später wegen einer vielleicht zu plakativen Programmatik weitgehend ausblendete. Danach stellt der erste Satz das Erwachen der Natur und des Sommers dar, der zweite ist ein Zwiegespräch mit den Blumen, der dritte eins mit den Tieren des Waldes. Der vierte und fünfte Satz sind den Menschen und den Engeln (Religion!) gewidmet, der letzte schließlich stellt eine Apotheose der Liebe dar. Die Stimme des Menschen im 4. Satz interpretierte an diesem Abend die international bekannte Mezzosopranistin Waltraud Meier. Sie intoniert dabei "Zarathustras Mitternachtslied" aus Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra". Als Gegengewicht setzen im 5. Satz der Chor und die Knabenstimmen mit dem Lied "Es sungen drei Engel" aus Mahlers "Des Knaben Wunderhorn" ein. Die Absicht, die gesamte Bandbreite musikalischer und sprachlicher Äußerungsformen abzudecken, ist unverkennbar. In diesem Sinne rückt auch diese Sinfonie in die Nähe des angestrebten Gesamtkunstwerks.
In der Basilika des
Klosters Eberbach mitten in den Weinbergen des Rheingaus interpretierte
das Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks unter seinem Dirigenten
Paavo Järvi Mahlers Sinfonie mit Unterstützung des
Rundfunkchors Leipzig sowie der Limburger Domsingknaben. Bereits die
machtvollen Fanfaren der Hörner zu Beginn des ersten Satzes
füllen die Basilika akustisch bis in die letzte Nische, und von
diesem Augenblick an schlägt die machtvolle Musik das Publikum in
seinen Bann. Der erste Satz scheint immer wieder leise zu verklingen,
nur um dann nach einer Generalpause sich wieder aufzuschwingen zu neuen
Motiven oder Variationen des Eingangsmotivs. Märsche aller Tempi
dominieren diesen ersten Satz, der sich damit durchaus zu einer
Bestandsaufnahme der damaligen zeitgenössischen (Gebrauchs-)Musik
und zu einer unbeabsichtigten (?) Parodie derselben entwickelt. Doch
auch etwaige parodistische Züge kann man in den weit ausladenden
und nie trivialen Themenbögen nur erahnen, so dass Mahler den
allgemeinen Musikgeschmack seiner Zeit auf eine Art verinnerlicht und
verarbeitet zu haben scheint, die weit über die Parodie oder
Satire hinausgeht. Dieser musikalische Gestus hat vor allem nachher
viele Kritiker verwirrt, vor allem nach dem Dritten Reich, als
Marschmusik in jeder Hinsicht seine politische Korrektheit verloren
hatte.
Ähnliches gilt
für den dritten Satz, in dem unerwartet ein einzelnes Horn ein
langes, nur "schönes" - oder kritisch ausgedrückt: triviales
- Thema entwickelt. In die Zeit des in der Retrospektive alles andere
als unschuldigen "fin du siècle" scheint diese Musik partout
nicht zu passen, führt sie doch in ihrer Schlichtheit eher
zurück in die Frühromatik. Ein Kritiker wie Adorno hat diese
Passage denn auch mit dem Adjektiv "skandalös" belegt. Vielleicht
sehen spätere Generationen wieder gelassener auf diesen so
melodiös "unschuldigen" Satz. Der letzte Satz ist dann wieder
"Mahler pur", wie wir ihn aus der 5. SInfonie kennen. Weite, getragen
Bögen, Dominanz der Streicher im Gegensatz zu den
bläserdominierten ersten Sätzen und tiefer Friede prägen
diesen abschließenden Satz, der dann doch mit einem nicht enden
wollenden Crescendo in den Streichern und Pauken zu Ende geht.
Die Überhöhung der göttlichen Liebe und die strahlenden
Vereinigung aller Kräfte stehen hinter diesem Schluss des letzten
Satzes. Das in fast allen
Teilen deutlich erweiterte Orchester wurde dem Anspruch dieses Werkes
in jeder Hinsicht gerecht. Trotz des umfangreichen
Orchesterkörpers wahrte Dirigent Järvi in jeder Situation die
Transparenz und die Klangschärfe. Auch in den expressivsten
Momenten drohte die Musik nie zu einem unkonturierten Klang zu
zerfallen. Die Gesangspartien erhielten den Freiraum, den sie vor allem
in der akustisch nicht unproblematischen Basilika benötigten.
Jedes Wort der Solistin und des Chores war deutlich zu verstehen
einschließlich der sängerischen Interpretation. Nach dem
begeisterten Schlussapplaus hob Järvi vor allem die Leistung der
fehlerfreien Bläsergruppen hervor. Doch diese berechtigte
Hervorhebung soll die Leistung des gesamten Ensembles in keiner Weise
schmälern. Das Publikum in der ausverkauften Basilika erlebte
einen Abend, wie man ihn selten erlebt, und bedankte sich entsprechend
bei allen Beteiligten. Die einzig störende Randerscheinung waren
die Aufnahmegeräte des Fernsehens, die sich mitten im
Zuschauerraum fast bis auf oder unmittelbar vor die Köpfe der
Zuhörer bewegten. Auch für die nicht unmittelbar Betroffenen
war dies ärgerlich, da die permanenten Bewegungen der großen
Arme die Aufmerksamkeit der Besucher vom Orchester ablenkten. |
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