Kirchenmusik mit säkularem Klang

Rheingau Musik Festival - Sakralmusik von Mozart und Haydn in der Basislika des Klosters Eberbach

 

Die Sakralmusik stellt einen der Grundsteine der Musikliteratur dar, denn schließlich begann die ernsthafte Musik in den Klöstern des Mittelalters. Die Messen bilden einen wesentlichen Teil dieser Musikgattung und unterliegen selbst der vorgegebenen Struktur der katholischen Liturgie. Dem einleitenden "Kyrie" ("Herr, erbarme Dich unser) folgen das jubelnde "Gloria" (Anbetung Gottes), das "Credo" (Glaubensbekenntnis), das "Sanctus", das "Benedictus"  (Lobgesang) und das abschließende "Agnus Dei" (Lamm Gottes). Die Texte dieser Liturgie-Elemente stehen fest - in Latein oder Deutsch - und dürfen nicht frei variiert werden. Man kann sich also vorstellen, wie wenig Freiraum ein Komponist bei der musikalischen Ausgestaltung der Liturgie in einem orthodoxen Kirchenumfeld hatte, konnten doch schon beliebige Wiederholungen einzelner Textteile Eiferern unangenehm aufstoßen. Man kann sich ferner vorstellen, dass sich musikalische Genies wie Mozart und Haydn höchst ungern in ein solch enges Korsett zwängen ließen und sich ihren Freiraum selbst verschafften. Von Haydn wissen wir denn auch, dass seine Auftraggeber seine Messen zeitweise wegen zu großer musikalischer Freiheiten - sprich weltlicher Ausdruck der Musik - aus den Kirchen verbannten. Bei Mozart spürt man sofort die Nähe zu seinen Opern, und auch das dürfte ihm bei seinen Auftraggebern Probleme bereitet haben.

Ulrich StölzelDirigent Ulrich Stötzel

Im Rahmen des 20. Rheingau Musik Festival interpretierte die "Hannoversche Hofkapelle" unter der Leitung von Ulrich Stötzel zusammen mit dem "Collegium vocale Siegen" verschiedene sakrale Werke dieser beiden Komponisten. Den Beginn machte Mozarts Kirchensonate C-Dur KV 329 (317a). Kirchensonaten waren einsätzige Instrumentalwerke, die der eigentlichen Messe vorangingen, in etwa vergleichbar mit der Ouvertüre einer Oper. Mozarts Kirchensonate zeigt denn auch eine unverkennbare Nähe zu seiner sinfonischen Musik und seinen Opern. Das sakrale, hymnische Element ist stark zurückgedrängt zugunsten einer rein musikalischen Sicht; Mozart hat offensichtlich Zweck und Aufführungsort dieser Musik weniger beachtet als die innere musikalische Struktur. Wir Nachgeborenen beziehen unseren musikalischen Maßstäbe unbewusst aus der klassischen und romantischen Musik, die sich bereits weitgehend aus den krichlichen Fesseln befreit hatte, und betrachten Barock-Komponisten wie Bach oder Händel als notwendige Stationen der Musikgeschichte. Daher nehmen wir den Charakter dieser Sonate wie selbstverständlich als Musik auf und nicht als Teil einer klerikalen Verkündigung. Zu Mozarts Zeit begann sich dieses Verständnis jedoch gerade erst zu entwickeln, und Mozart als dessen erster konsequenter Vertreter musste als  Pionier einer neuen Musikauffassung unter dem herkömmlichen Verständnis seiner Zeitgenossen leiden. Da die Auftraggeber entweder aus kirchlichen oder höfischen Kreisen kamen, galt auch damals schon die Regel "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing", und diese Auftraggeber sahen die Aufgabe der Musik primär in der Verherrlichung Gottes oder des Herrschers. Man sollte sich bei der Rezeption dieser "Kirchen-Ouvertüre" gedanklich einmal um über 200 Jahre zurückversetzen, um das Risiko ermessen zu können, das Mozart mit seiner als Selbstzweck konzipierten Musik einging.

Ingrid SchmithüsenIngrid Schmithüsen (Sopran)

Im Anschluss an die ausgedehnte Einleitung der Kirchen-Sonate erklang dann Mozarts Messe in C-Dur, die offensichtlich auch zeitlich in engem Zusammenhang mit der Kirchensonate entstand. Hier musste Mozart sich an den Text der Liturgie halten und hatte weniger Spielraum für die freie ENtfaltung seiner musikalsichen Phantasie. Dennoch nutzt er die Möglichkeiten des freien Ausdrucks, soweit es ihm der Text erlaubt. Im Vergleich zu Bachs Messen breitet sich in seiner "Krönungsmesse" eine ganz andere Atmosphäre aus. Statt tiefer Feierlichkeit - wie wir sie von Bachs H-Moll-Messe kennen- herrscht hier eine individuell-emotionale Ergriffenheit. Das "Gloria" verströmt reine Freude und das "Agnus Dei" tiefste Innigkeit. Im "Credo" pflegt er einen ernsteren Ton,  "Sanctus" und "Benedictus" hält er sehr kurz, da er auch noch an eine maximale Aufführungsdauer von 45 Minuten gebunden war.  Am Ende siegt Mozarts Musik über der Liturgie.

Angela FroemerDie vier Solisten -Ingrid Schmithüsen (Sopran), Angela Froemer (Alt), Georg Poplutz (Tenor) und Sebastian Klein (Bass) - fügten sich hervorragend in das musikalische Geschehen ein. Ingrid Schmithüsen stach nicht nur durch ihren hellen Sopran - der meist gegen die anderen Stimmen gewinnt - hervor, sondern vor allem durch ihre Stimmpräsenz und ihre inhaltliche Interpretation, die sich schon dem Opernausdruck näherte. Angela Froemer und Georg Poplutz konnten sich neben ihr mit sicheren Stimmen gut behaupten, während Sebastian Klein in den tiefen Lagen etwas Volumen vermissen ließ,

Angela Froemer (Alt)

Im zweiten Teil des Abends kam dann Mozarts älterer Kollege, Freund und Mentor - Joseph Haydn - mit seiner erst im Jahr 1800 entstandenen Messe in d-moll zu Gehör. In dieser düsteren Tonart verarbeitet Haydn die napoleonischen Kriege, die zu dieser Zeit Europa verheerten. Der Beiname "Nelson-Messe" stammt wohl nur aus einem zeitgleichen Besuch des englischen Admirals in Wien und hat sonst keine weitere Bedeutung. Allerdings liegen solche Missverständnisse nahe, weil gleich zu Beginn martialische Töne von Bläsern und Pauken an eine Schlacht erinnern. Zum Ende nimmt Haydn diese Kriegsgeräusche noch einmal auf und erinnert damit an die kriegerische Zeit. An dieser Messe erkennt man, dass seit Mozarts Tod knapp zehn Jahre vergangen sind, denn selbst der konservativere und mehr den musikalischen Konventionen seiner Zeit verhaftete Haydn - schließlich war er fast ein Vierteljahrhundert älter als Mozart - zeigt hier eine eigenständigere musikalische Linie, als den Klerikern lieb gewesen sein mag. Auch bei Haydn beginnt das musikalische Element gegenüber der reinen Vertonung einer Liturgie in den Vordergrund zu treten. Emotionen werden nicht mehr aus den liturgischen Texten sondern aus den säkulären Ereignissen der Zeit abgeleitet und in die klerikale Musik eingebracht. Haydn bringt dem Publikum in seiner Musik den weltlichen Alltag und dessen Leid nahe, ohne die liturgischen Vorgaben zu verletzen. Doch der Ausdruck seiner Musik entsteht nicht mehr aus der Liturgie allein.

Georg Poplutz (Tenor)Sebastian KleinGeorg Poplutz                                             Sebastian Klein

Wie schon bei Mozarts Messe bestachen auch hier das hervorragende Zusammenspiel von Orchester und Chor sowie der akzentuierte Gesang des Chors und der Solisten. Mit ein wenig Aufmerksamkeit ließ sich der lateinische Text aus dem Gesang verfolgen, was bei einem vielstimmigen Chor mit Orchesterbegleitung nicht selbstverständlich ist. Das Orchester selbst brillierte vor allem mit den Bläsern, ohne deswegen die Streicher zurücksetzen zu wollen. Vor allem gelang es Ulrich Stötzel, Chor und Orchester in einem Bereich zu halten, der den nicht gerade idealen akustischen Bedingungen in der Basilik entgegenkam. Dadurch bewahrte die Musik ihre Transparenz und Klarheit.

Das Publikum zeigte sich - wieder einmal - zu recht begeistert von den Leistungen des gesamten Ensembles und sparte nicht mit Beifall. Glücklicherweise war diese Aufführung im Gegensatz zu manchem Konzert in den letzten Jahren auch von Blitz und Donner verschont, so dass der Kunstgenuss durch keine externen Quellen gestört wurde. Selbst Husten hörte man an diesem Abend nicht!

Frank Raudszus

Gästebuch