![]() |
Schubert à la Beethoven |
![]() |
Alfredo Perl begeistert auf Schloss Johannisberg mit einem Schubert-Abend |
|
Franz
Schuberts Klaviersonaten zeichnen sich nicht gerade durch Kürze
und Kompaktheit aus. Nicht umsonst hat die Musikwelt das Idiom
seiner "himmlischen Längen" geprägt, wobei dieser Begriff in
der Öffentlichkeit leider starke Verzerrungen erfahren hat.
Sentimentale Zeitgenossen interpretieren sie als eine selige Sehnsucht
verströmende Art des Musizierens, Experten benutzen vor allem das
Wort "himmlisch" nur im übertragenen Sinne, ohne
vordergründige emotionale Assoziationen. Auf jeden Fall
führen diese "Längen", die man nicht mit Momenten der
Langeweile verwechseln sollte, zu ausufernd langen Sätzen - vor
allem die Kopfsätze - in denen Schubert seinen ganzen
musikalischen Ideenreichtum vor dem Hörer ausbreitet. Wenn nun ein
Interpret an einem Abend gleich drei Schubert-Sonaten vorträgt und
sich dabei auch noch die letzten drei Sonaten - c-moll D 958,
A-Dur D 959 und B-Dur D 960 - vornimmt, stellt das ein
außerordentliches Unterfangen dar, denn diese drei Sonaten sind
von einer solchen Dichte und Dramatik, dass es jedem Interpreten schwer
fallen muss, sowohl die Unetrschiede deutlich herauszuarbeiten als auch
die Spannung bis zum letzten Akkord aufrecht zu erhalten. Um es gleich
vorweg zu sagen: Der chilenische Pianist Alfredo Perl hat diese Aufgabe
in einer Art gemeistert, die diesen Abend vielen Zuhörern
unvergesslich machen wird. Mit einem wahren Kraftakt, der sich auch in
seiner Mimik und Gestik niederschlug, meißelte er die Strukturen
der drei Sonaten förmlich aus dem Flügel
heraus.
Es ist
ja wahr: Schuberts weit ausgedehnte Motive bieten sich geradezu an
für eine Interpretation der leisen Sehnsucht, Wehmut, ja
Schwermut, und viele Pianisten ziehen auch den leisen, nachdenklichen
Anschlag vor, der uns einen fast schon resignierten Schubert
suggeriert. Diese Interpretationen sind durchaus legal, haben wir doch
nur Schuberts Partituren als Hinweis auf seine seelische Befindlichkeit
und können sie unterschiedlich deuten. Da ganze Generationen von
Pianisten den sehnsüchtigen Schubert aus den Notenzeilen lasen,
hat sich diese Sicht auch beim Publikum festgesetzt, was im 19.
Jahrhundert sogar dazu führte, dass man ihn lange Zeit zum
zweitrangigen Salonmusiker abwertete. Alfredo Perl jedoch hat sich ein
anderes Schubert-Bild geschaffen. Er sieht zwar auch den nach Liebe und
Zuwendung dürstenden, aber privat erfolglosen, sieht aber in der
Musik einen kämpfenden, zeitweilig verzweifelten und vor allem
innerlich zerrissenen Schubert vor sich. Diesen holte er am Abend des
5. Juli im Schloss Johannisberg aus den Noten der drei Sonaten heraus
und präsentierte ihn dem Publikum. Der
auftrumpfende Beginn der Sonate D 958 in c-moll erinnert an Beethoven,
was auf Schuberts schwieriges Verhältnis zu diesem Musik-"Heroen"
verweist. Schubert sah sich Zeit seines kurzen Lebens zwischen den
Mühlsteinen des bereits verstorbenen Mozart und des noch lebenden,
übermächtigen Beethoven zermahlen und litt unter dem Komplex,
gegen diese beiden nicht bestehen zu können. Die Tatsache, dass
diese und die anderen beiden Sonaten unmittelbar nach Beethovens Tod
entstanden und wie eine Apotheose Schubertscher Musik wirken,
lässt auf eine gewisse Befreiung von diesem Komplex
schließen. In diesen Sonaten hat Schubert sozusagen sein
musikalisches Vermächtnis verpackt und noch einmal sein Leben
Revue passieren lassen. Die c-moll-Sonate ist dabei geprägt von
einer außergewöhnlichen Zerrissenheit, die mal in
düstere Schwermut, dann wieder in verzweifelte Ausbrüche
mündet. Selbst das Adagio des zweiten Satzes zeigt keine Anzeichen
von seliger Sehnsucht, vor allem nicht in der Interpretation von
Alfredo Perl. Perl packt jeden Akkord mit Verve und Kompromisslosigkeit
an. Bei den Forte und Fortissimi spart er nicht an Intensität und
Überraschungseffekten, lässt er diese doch manchmal geradezu
überfallartig ausbrechen. Die langsame, ausgewogene Steigerung
gehört nicht zu seinem Schubert-Bild, sondern eher der
plötzliche Ausbruch der Verzweiflung oder der Auflehnung. Im
Kopfsatz schieben sich zwischen diese Ausbrüche immer wieder die
Motive von Frieden und Harmonie, kurzzeitig scheint es, als habe der
Komponist seinen Frieden mit der Welt gemacht und ziehe jetzt in
Gedanken über grüne Wiesen und durch luftige Wälder.
Doch jedesmal bricht sich wieder die grausame Realität des Lebens
ihre Bahn und verjagt die lyrischen Motive mit mitleidlosen
Akkordschlägen. Selbst im Adagio gönnt sich Perl keinen
Augenblick der unverbindlichen Lieblichkeit, Ritardandi und Dynamik des
Anschlages bauen eine hohe Spannung auf, die den lyrischen Charakter
des Satzes zum Schein gerinnen lässt und permanent darin erinnert,
dass die Welt nicht so ist, wie die Motive dieses Satzes vermuten
lassen. Dieser Satz besteht in der Interpretation von Alfredo Perl aus
zwei Schichten: den lyrischen Motiven und dem darübergelegten,
drohenden Spannungsbogen. Nach diesem Satz waren die Zuhörer nicht
entspannt, sondern eher gespannt auf den nächsten Satz. Perl hielt
die Spannung auch in den beiden letzten Sätzen, vor allem im
letzten Satz, der noch einmal die ganze Zerrissenheit, Todesangst und
-sehnsucht des bereits von schwerer Krankheit gezeichneten Schubert zum
Ausdruck bringt. Schubert ist zwar im November 1828 - im selben Jahr
wie Beethoven - an Typhus gestorben, seit Körper war aber zu
diesem Zeitpunkt von der Syphilis schon so geschwächt, dass er
leichte Beute für den neuen Infekt wurde. Schubert hat
offensichtlich um seinen Zustand gewusst, denn nur so lässt sich
die Zerrissenheit der c-moll-Sonate erklären. Nach dem
langen und starken Beifall setzte Perl das Konzert mit der Sonate
A-Dur, D 959, fort. Steht die c-moll-Sonate für das Aufbegehren
gegen den Tod, so spiegelt die A-Dur eine gewisse indifferente
Erschöpfung nach dem Kampf wider. Weder Kämpfe noch
Ausbrüche charakterisieren diese Komposition, sondern lange,
melodiöse Motivbögen, als wolle sich der Komponist von den
durchlebten Kämpfen erholen. Doch diese Entspannung ist noch nicht
mit Entsagung zu verwechseln, wenn auch die leichtere Sehnsucht
früherer Sonaten nicht mehr oder nur rudimentär zum Vorschein
kommt. Schubert scheint sich zwischendurch immer an schönere
Zeiten zu erinnern, lässt sie in den Motiven wieder aufleben, hat
aber nicht mehr den Kraft oder den Willen zum kompromisslosen
Aufbegehren. Insofern steht diese Sonate, direkt nach der Schwester in
c-moll vorgetragen, ein wenig in deren breitem Schatten. Ohne diesen
Kontext vorgetragen würde sie sicher mehr Wirkung erzielen, doch
Perl ging es hier offensichtlich um den Zyklus der letzten drei
Sonaten, die verschiedene Stadien von Schuberts Auseinandersetzung mit
dem nahenden Tode darstellen. Vor allem der dritte Satz verliert sich
noch einmal in weite und deutlich gegeneinander abgesetzte
Themenbögen, als wolle Schubert noch einmal die verschiedenen
Stationen seines Lebens duchmessen. Wenn auch die einzelne Motive nicht
unbedingt als schwermütig zu bezeichnen sind, so wirken sie im
Zusammenspiel doch wie eine wehmütige Abschiedsreise durch ein
musikalisches Leben. Nach der
verdienten Pause - Perl hatte sich in den ersten beiden Stücken
sichtbar verausgabt - beendete der Solist das Konzert mit der Sonate
B-Dur, D 960 (opus posthumum). Bleibt man bei der Interpretation dieses
Zyklus' als letzte Auseinandersetzung mit der eigenen
Vergänglichkeit, so steht diese Sonate für die Entsagung und
den endgültigen Frieden mit dem Schicksal. Schon der erste Satz
hebt an mit einem gleichmäßigen, in sich ruhenden Thema,
das sich erst spät zu einer gewissen Dynamik erhebt. Das
friedliche, fast jenseitige Thema scheint sich mit der Welt zu
versöhnen und verzichtet auf harmonische oder motivische
Ausbrüche. Die linke Hand wagt sich immer wieder mit Trillern in
die untersten Bereiche der Klaviatur vor und erzeugt dabei einen fast
unterirdischen, jenseitigen Klang. Der zweite Satz vermittelt mit den
Oktavschritten der linken Hand und dem fast ostinat durchgehalten
synkopischen Thema einen entrückten Eindruck, nicht mehr von
dieser Welt. Die Musik verschießt sich hier vollständig in
sich, als hielte der Komponist hier eine letzte Rücksprache mit
sich selbst. Dieser Satz gewann bei Perl eine geradezu
beängstigende Intensität und enthob auch das Publikum
zeitweise der Realität. Wenn es einem Musiker gelang, einen ganzen
Saal mit seiner Musik in eine andere Welt zu entführen, dann
Alfredo Perl an diesem Abend mit dem zweiten Satz dieser Sonate. Dabei
wirkte auch dieser Satz nicht einen Moment nur "sehnsüchtig" oder
gar wehmütig, in diesem Satz schloss ein Mensch mit seinem Leben
ab. Da wirkten dann die letzten beiden Sätze schon fast wieder
heiter, als komme der Komponist nach seiner inneren Abrechnung mit dem
Leben aus seiner Kammer und präsentiere sich noch ein letztes Mal
der Welt, fast mit einer Art ausgeglichener Heiterkeit - nicht
Fröhlichkeit. Schubert scheint sich hier endlich mit der
Vergänglichkeit ausgesöhnt zu haben, schaut sich noch einmal
um, genießt die stillen und gelassenen Motive, verzichtet auf
hohe Tempi und jegliche Ausbrüche. Der Schluss verklingt dann
nahezu als vorzeitige Vertonung des Abschieds vom Leben. Das
Publikum zeigte sich begeistert, verzichtete dabei jedoch leider auf
die wenigen Momente Ruhe, die man dem Interpreten und dem Komponisten
nach dem letzten Ton als eine Art letzter Reverenz erweisen sollte. Zu
schnell kamen die gut gemeinten "Bravo"-Rufe, noch bevor Alfredo Perl
den Kopf gehoben hatte. Doch dieses Verhalten des Pubölikums war
an diesem Abend symptomatisch und Teil eines allgemeinen Trends, der
die Aufweichung der Konventionen bei einem Solistenkonzert zeigt.
Gehustet wird nicht nur zwischen den Sätzen zum Gotterbarmen -
sind die Leute eigentlich alle schwerkrank?? - sondern auch
während des Vortrages, zum Beispiel im Piano des ersten Satzes der
letzten Sonate, und zwar so laut, dass Perl indigniert von den Tasten
hochsah. Kurz danach verließ ein Zuschauer den Saal, wogegen
prinzipiell nichts zu sagen ist. Dabei ließ er jedoch die
Tür derartig laut ins Schloss fallen, dass Perl wiederum
überrascht und mit Zeichen deutlichen Widerwillens aufsah.
Offensichtlich ist auch bei den Solisten die Zeit höflichen
Übersehens solcher Taktlosigkeiten angesichts des vermehrten
Auftretens vorbei. Den Veranstaltern muss bei diesen beiden
Zuschauer-Fehltritten das Herz geblutet haben. Von
diesen beiden Schönheitsfehlern abgesehen erlebten die
Zuhörer jedoch einen Abend, wie man ihn selten erlebt, und viele
werden von diesem musikalischen Erlebnis sicherlich noch Wochen zehren. Frank Raudszus |
|