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Die Bamberger Symphoniker beim Rheingau Musik Festival mit Schubert und Mahler |
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Manchmal gibt es schon seltsame Zufälle: auf der Fahrt zum Konzert der Bamberger Symphoniker in Wiesbaden erklang im Autoradio ausgerechnet das "Adagietto" aus Gustav Mahlers 5. Sinfonie. Als habe der Hessische Rundfunk es geahnt, bot er dem Zuhörer die Möglichkeit, sich bereits vorab einzuhören in dieses Werk. Doch der
Reihe nach. Erst einmal stand Franz Schubert auf dem Programm.
Neben einem Monumentalwerk wie Mahlers "Fünfter" darf und kann man
kein anderes schweres Werk präsentieren, denn beide würden
sich in
der Rezeption des Publikums gegenseitig stören. Nur ein leichtes,
eher unbeschwertes Werk eignet sich als Auftakt zu einem solchen
Programm. Mit Schuberts 5. Sinfonie B-Dur, D 485, - zweimal die
"Fünfte", wenn das kein weiterer Zufall ist - hat man exakt den
richtigen Auftakt gefunden. Weit davon entfernt, unbedeutend oder gar
unterhaltsame Salonmusik zu sein, zeichnet sich dieses Werk doch durch
eine bemerkenswerte Schlichtheit - in bestem Sinne - und
Unbeschwertheit aus. Schubert litt zu dieser Zeit offensichtlich noch
nicht unter den Depressionen seiner letzten
Klaviersonaten. Eingängige Homophonie prägt die gesamte
Komposition; die Streicher spielen meist das Thema unisono, bisweilen
mit einer Unter- oder Nebenstimme in den Bratschen oder Celli.
Harmonische und motivische Zergliederungen findet man selten, das
Ganze verbreitet eine vorwärtsdrängende, optimistische
Atmosphäre. Das Programm spricht in schöner Paradoxie von
einer "extrem ausgewogenen Sinfonie". In einigen Aspekten verweist
diese Sinfonie in ihrer fast heiteren Natürlichkeit bereits auf
Schumanns Frühlingssinfonie, in anderen erinnert sie -
besonders im Menuett (g-moll) an Mozarts vorletzte Sinfonie.
Schubert stand sein ganzes Leben lang unter dem Druck des Vergleichs
mit den drei Großen der klassischen Sinfonik und konnte sich nur
selten davon lösen. So finden denn auch gewollte oder ungewollte
Zitate dieser Vorbilder immer wieder Eingang in seine Werke. Unter
der Leitung ihres britischen Chefdirigenten Jonathan Nott
präsentierten die Bamberger Symphoniker dieses Werk in genau dem
richtigen Stil. Nott verzichtete auf jede angestrengte
Neu-Interpretation und arbeitete gerade das Leichte, Unbeschwerte
der Sinfonie heraus. Straffe, aber nicht überzogene Tempi der
Ecksätze und ein nie ins Sentimentale gehendes Andante des zweiten
Satzes prägten die Aufführung ebenso wie das schreitende, an
Mozart erinnernde Menuett. Das Spiel der Symphoniker bestach vor allem
durch die Geschlossenheit und den runden Klang des Orchesters. Das
Publikum im nahezu ausverkauften Friedrich-von-Thiersch-Saal des
Wiesbadener Kurhauses verabschiedete das Ensemble denn auch mit
lebhaftem Beifall in die Pause, wo die Musiker Kraft für die auf
sie zukommende Aufgabe tanken konnten.
Mahlers
5. Sinfonie stellt allein schon wegen des Umfanges eine Herausforderung
an Musiker und Zuhörer dar. Nicht nur besteht die Sinfonie aus
fünf statt der üblichen vier Sätze, sondern diese - vor
allem der dritte Satz - zeichnen sich darüber hinaus auch durch
ihre Länge aus. Wie auch schon in den Sinfonien davor (siehe die 3. Sinfonie) sprengt Mahler
die sinfonische Form, indem er die Satzzahl und die klassische
Satzfolge nach eigenen Gesetzen ordnet. Im Gegensatz zu den drei
Sinfonien davor verzichtet er jedoch auf die menschliche Stimme und
konzentriert sich ganz auf den Orchesterklang. Die Sinfonie wird gerne
mit der Tonart cis-moll zusammen genannt, was jedoch nur bedingt
stimmt: nur der erste Satz steht in dieser Tonart, es folgen a-moll,
D-Dur, F-Dur und wieder D-Dur. Eine bunte Folge nicht miteinander
verwandter Tonarten - einmal vorzeichenlos, dreimal Kreuz und einmal B
- also, die nur der Aussage des jeweiligen Satzes dienen. Das Werk
beginnt - ungewöhnlich - mit einem lang gezogenen Trauermarsch,
der ein wenig an den zweiten Satz aus Beethovens "Eroica" erinnert. Man
fragt sich natürlich, was den Komponisten ausgerechnet zu dieser
düsteren Einleitung in cis-moll veranlasst hat. In gewissem Sinne
passt dieser Einstieg zum Lebensgefühl des "Fin de siècle",
das sich durch eine nicht näher definierte Depressivität und
Todessehnsucht auszeichnete. Wir finden diese Einstellung auch in der
Literatur. Vielleicht hat die rasante Industralisierung in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem bei den Künstlern das
Gefühl des Verlustes einer vermeintlichen Geborgenheit im
Altvertrauten hervorgerufen. Düster hängt die Trauer
über den langgezogenen Themen dieses Satzes, der unerwartet mit
einem mehrmals wiederholten Trompeten-Motiv beginnt, das später in
den Streichern wieder auftaucht. Das Orchester war von der ersten Sekunde an in vollem Umfang präsent und verlieh diesem Satz eine schlackenlose Dichte, die das Publikum einfing und nicht mehr losließ. Der anschließende zweite Satz konterkariert die Trauer des ersten Satzes mit einer rebellischen Stimmung- "Stürmisch bewegt. Mit größter Vehemenz". Es scheint, als wolle der Komponist sich selbst von der Depression befreien und könne das nur über den - zeitweise unkontrollierten - emotionellen Ausbruch. Historisch kann man dies durchaus als eine künstlerische Vorahnung des Ersten Weltkriegs auffassen. Die einzelnen Instrumentengruppen gehen immer wieder eigene Wege, die Tonalität zerfällt teilweise zu Dissonanzen, die Motive jagen durch das gesamte Ensemble, werden "hinausgeschrieen" oder bekämpfen einander wie im schweren Streit. Kurze lyrische Atempausen können den zerrissenen Charakter dieses Satzes kaum kaschieren. Der
eigentliche Mittelpunkt des Werkes - in der Satzbezeichnung von Mahler
in einer eigenen "Abteilung" angeordnet - ist das Scherzo des dritten
Satzes, der allein zwanzig Minuten dauert. In dieser Zeit gingen im 18.
Jahrhundert ganze Sinfonien über die Bühne! Scherzi
sind eigentlich bewegte Zwischenspiel von begrenzter Dauer, die den
langsamen Satz einer Sinfonie gegen das Finale absetzen und dies
rhythmisch und dynamisch vorbereiten. Nicht so bei Mahlers 5., denn
hier ist ja bereits der zweite Satz sehr belebt. Das Scherzo nimmt
diese Bewegung auf und führt sie in seinem langen Spannungsbogen
weiter. Dieser Satz wird in gewisser Weise zum Solokonzert für
Waldhorn, denn der zuständige Musiker rückt wie ein Solist
vor ans Dirigentenpult und übernimmt streckenweise auch die
Solistenrolle, wenn er mit seinem satten Hornton das Thema vorgibt oder
variiert. Die musikalische Bewegung wandert in diesem Satz durch alle
Schattierungen und tonalen wie harmonischen Räume.
Ursprünglich eher kräftig und entschlossen beginnend,
wechselt es oft die Klangfarbe, weist extreme Verlangsamungen und
scharfe Kontraste auf und greift immer wieder neue Themen auf. In
seiner Vielfältigkeit, dynamischen wie klanglichen Differenzierung
sowie emotionalen Ausdruckskraft sucht dieser Satz seinesgleichen.
Geradezu bewundernswert, wie das Orchester unter der Stabführung
von Jonathan Nott die Spannung bis zum letzten Moment aufrecht
erhält und keinen Moment Längen aufkommen lässt. Nach einer kaum merklichen Pause folgt dann das berühmte Adagietto, das man allgemein als Liebeserklärung Mahlers an seine junge Frau Alma auffasst. Mit einer weit ausholenden Innigkeit höchster Intensität erinnert dieser Satz an Wagner - Isoldes Liebestod - und verzichtet dabei weitgehend auf dissonante Harmonien. Kein Missklang darf das tief empfundene Gefühl stören, der musikalische Gedanken schwelgt in sich selbst, und die Harfe lässt zu den betörenden Streicherklängen einzelne Tropfen fallen. Nicht umsonst hat sich dieser Satz zu einem eigenständigen "Repertoire-Renner" entwickelt, was man nicht uneingeschränkt als Vorteil werten muss. Wenn der
letzte Ton des Adagiettos "verhaucht" ist, folgt nach einer nur durch
leiseste Markierungen unterbrochenen Pause das Finale, das mit seinem
Rondo noch einmal Leben ins Orchester bringt. Nun jedoch herrscht nicht
mehr das Chaos des Scherzos, sondern klare musikalische Strukturen
beherrschen das Feld, als habe sich der Komponist nach dem Wechselbad
der Gefühle zum Schluss mit der Welt abgefunden und
könne ihr doch noch ein positives Bild abgewinnen. Statt
Zerrissenheit und schnellen, schroffen Wechseln der Motive entwickeln
sich die Themen eher zielgerichtet, ohne deshalb in Beliebigkeit zu
zerfließen. Zum Ende hin schwingt sich dieser Satz noch einmal zu
kompakter Intensität auf, bis er in einem Akkordrausch und mit
einem letzten Schlag endet. Das Orchester schaffte diesen Wechsel des
Ausdrucks nach dem Adagietto sozusagen spielend und nahm das Publikum
noch einmal auf den Höhepunkt dieser Musik mit. Keine Sekunde
Langeweile, jederzeit äußerste Präzision und hohe
Transparenz: das waren bei aller Gegensätzlichkeit des Ausdrucks
die vorherrschenden Merkmale dieser Interpretation. Frank Raudszus |
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