Wer Sorgen hat, hat auch Likör.....

Wilhelm Buschs "Die fromme Helene" als Kammermusical im Schloss Reinhartshausen

 

Auf die Idee, Wilhelm Buschs bebildertes Gedicht - oder gereimte Bilderfolge - "Die fromme Helene" auf die Bühne zu bringen, und dann auch noch als Musical, muss man erst einmal kommen. Wilhelm Buschs Werk gilt ja in weiten Kreisen aufgrund seiner  humorigen Bildergeschichten immer noch als Kinderliteratur ("Max und Moritz"), obwohl er ein Moralist ersten Ranges war, der die Zustände seiner Zeit kompromisslos aufs Korn nahm und die Kritik nur vordergründig mit scheinbar volksnahem Humor  kaschierte. Und so geht es auch bei der "frommen Helene" weniger um die Streiche eines unerzogenen Mädchens sondern viel mehr um ein Abbild der damaligen - übrigens zeitlosen - Sitten und Unsitten des Bürgertums und vor allem der Kirche.  Vier Musiker und Komödianten - Sabine Fischmann, Till Krabbe, Markus Neumeyer und Berhold Possemyer - haben sich nun an die Aufgabe gewagt, dieses satirische Werk im Rahmen des Rheingau Musik Festivals als Musical für die Kammerbühne zu bearbeiten. Markus Neumeyer hat Wilhelm Buschs Verse vertont und begleitet sie am Klavier. Till Krabbe und Sabine Berthold Possemeyer tragen die Hauptlast der szenischen Interpretation und präsentieren die Musik, die ihrerseits wieder die landläufigen Musicals zitiert. Mehr als einmal fühlt man sich  in die auswechselbare musikalische Szenerie der Standard-Musicals versetzt und denkt an Lloyd-Webber. Schon diese Zitate selbst tragen einen satirisch-kritischen Keim in sich, zeigen sie doch schonungslos die Grenzen dieses Musikstils auf. Doch im Kontext einer satirischen Handlung gewinnt diese Musik ihren eigenen Wert.

Berzthold Possemeyer, Sabine Fischmann, Markus Neumeyeer und Till KrabbeV. l. n. r.: Berthold Possemeyer, Sabine Fischmann, Markus Neumeyeer und Till Krabbe

Um dem musikalischen Geschehen etwas mehr Konturen zu verleihen, garniert Neumeyer die Inszenierung mit einer Reihe von Liedern verschiedener Zeitgenossen von Wilhelm Busch. So kommen Lieder von Gustav Mahlers ("Des Knaben Wunderhorn"), Robert Schumann, Ludwig van Beethoven ("Sehnsucht"), Johannes Brahms und Czeslaw Marek zu Gehör. Berthold Possemeyer trägt diese Lieder mit einem weichen Bariton und dem szenischen Gehabe eines schwarz gekleideten "Pfaffen" vor. Dabei integriert er die Lieder geschickt in die Handlung und verbindet sie fast nahtlos mit Wilhelm Buschs Versen. Man muss bisweilen schon genau hinhören, um festzustellen, wann er vom Kunstlied zu Busch wechselt.

Auf der kleinen Bühne  der Kelterhalle des Schloss Reinhartshausen präsentieren Sabine Fischmann und Till Krabbe derweil singend und springend das tragische und belehrende Leben und Leiden der erst spät so frommen Helene. Dabei beschränken sie sich auf ein Minimum an Requisiten. Ein weißes Tuch wird da mal zur Schürze, mal zur Nonnenhaube, mal zum Paravent im Kreißsaal und sogar zum Symbol des heißen Siegellacks, der Helene von der Nase tropft. Im Duett und solo treten die beiden mal als Helene, mal als Onkel Nolte oder die Tante, dann wieder als Vetter Franz oder als Schmöck auf. Sabine Fischmann übernimmt aufgrund der doch begrenzten Frauenrollen auch schon mal nebenher eine Männerrolle. Das ganze Arrangement spart auch nicht mit typischen Musical-Effekten wie kleinen Tanzeinlagen oder der großen - falschen - Geste, für die meist Berthold Possemayer zuständig ist, der neben den Kunstliedern auch die Moral der Institutionen mit dem typisch vordergründigen  Ernst eines Wilhelm Busch vorträgt.

Auch das Publikum integriert man, wie es sich für eine kabarettistische Veranstaltung gehört. Die morgendliche Waschzeremonie des Vetter Franz, die in Helenes spektakulären Treppensturz mündet, erweitert das Ensemble auf die Zuschauer, die aufstehen müssen, um unter Mitsingen die Waschübungen zu zelebrieren. Das entbehrt zwar nicht einer gewissen Komik, erinnert aber ein wenig an die Usancen von Animateuren in sommerlichen Urlauber-Ghettos. Wie dem auch sei: das Publikum nahm's gelassen und machte kräftig mit. Glücklicherweise walzten die Darsteller diese Variante der Publikumseinbeziehung nicht weiter aus sondern beließen es bei dem einen Versuch.

Wie schon in "Don Giovanni à trois" zeigt vor allem Sabine Fischmann ein umwerfendes komisches Talent. Mimik und Gestik stimmen bei ihr in jeder Situation, und die Stimme kann sie ebenfalls allen Ton- und Gemütslagen anpassen: mal das unschuldige Mädchen, mal die Büßerin, dann wieder den pharisäerhaften Onkel oder die alkoholselige Helene. Till Krabbe steht ihr in nichts nach, gibt mit großem Lacherfolg den besoffenen oder den an der Gräte sterbenden Schmöck, dann wieder den windigen Vetter Franz. Mit diesen beiden Komödianten gab es an diesem Abend viel zu lachen, und bei Bedarf halfen Berthold Possemeyer oder sogar Markus Neumeyer vom Klavier szenisch aus. Nebenbei mixten die Darsteller während der Aufführung verschiedene Drinks zusammen, die nachher die kleine Gedenkstätte der im Suff verbrannten Helene schmückten. Satirische Alkohol-Reverenz an den Alkoholismus!

Das Publikum in der ausverkauften Kelterhalle war auch ohne Alkohol stark angeheitert und verabschiedete das Ensemble mit lang anhaltendem Beifall.

Frank Raudszus

Gästebuch