Spiel’s noch einmal, Andy….

Das „Scottish Chamber Orchestra“ mit Beethoven und Mozart im Kloster Eberbach

 

Angesichts der Wetterlage im Rhein-Main-Gebiet war es mutig vom Veranstalter des Rheingau Musik Festival, das Konzert des Scottish Chamber Orchestra wie geplant im offenen Kreuzgang des Klosters Eberbach stattfinden zu lassen. Zwar schützte ein luftiges Zeltdach Musiker und Instrumente vor unzuträglicher himmlischer Nässe, doch das Publikum folgte der Aufführung ohne jeglichen Schutz gegen unfreundliche Witterung. Der Himmel aber hatte ausgerechnet an diesem Abend ein Einsehen, ging es doch unter anderem um den Protest des Menschengeschlechtes gegen die Anmaßung der Götter („Bedecke Deinen Himmel, Zeus…..“). Strahlend blauer Himmel und ein kühler Abendwind begleiteten das Konzert bis zum Schluss und trugen so zum Gelingen des Abends bei.

Auf dem Programm standen Beethovens Ballettmusik „Die Geschöpfe des Prometheus“, op. 43, Mozarts Flötenkonzert G-Dur KV 313 und zum Abschluss Beethovens 3. Sinfonie in Es-Dur op. 55, die berühmte „Eroica“. Das Scottish Chamber Orchestra spielte unter der Leitung von Andrew Manze, Solistin des Flötenkonzerts war Irena Grafenauer, die dem Festival bereits seit zwölf Jahren die Treue hält.

Dirigent Andrew ManzeDirigent Andrew Manze

Beethoven folgt in seiner Ballettmusik der Choreografie des Wiener Ballettmeisters Viganò und steuerte als musikalischen Part neben einer Ouvertüre – die sich übrigens zum eigenständigen Repertoirestück entwickelt hat – eine Introduktion sowie 16 mehr oder weniger kurze Themen  bei. Im Konzert kamen dabei Ouvertüre, Introduktion sowie die Themen 1, 9, 10 und 16 (Finale) zu Gehör. Diese Komposition eignet sich hervorragend als Eröffnung eines Konzertprogramms, atmet sie doch bei aller musikalischen Qualität die  für eine Einleitung erforderliche Leichtigkeit. Die Ouvertüre bedient aufgrund ihrer Beliebtheit den beim Publikum stets beliebten Wiedererkennungseffekt und leitet übergangslos in die folgenden Einzelthemen über. Das erste Thema nimmt den schon in der Ouvertüre vernehmbaren heroischen Gestus des revoltierenden Prometheus auf, das Adagio seinen Tod, die darauf folgende Pastorale weist thematisch bereits auf die spätere Sinfonie gleichen Namens hin und der Finalsatz besteht aus einer Reihe von Variationen, die in veränderter Form  im Finale der „Eroica“ wieder auftauchen werden.

Moderne Konzertsäle bündeln den Schall auf eine solch perfekte Weise, dass die Musik auf das Publikum eine nahezu unrealistisch intensive Wirkung ausübt, im Fall Beethovens natürlich mit einem „Extrabonus“. Freiluftaufführungen ohne zusätzliche elektronische Verstärkung –welch Greuel! – sind vom Verschwinden des Schalls in der Weite des offenen Raums geprägt und gewinnen dadurch einen natürlichen, sozusagen authentischen Charakter. So muss es geklungen haben, als es noch keine wissenschaftlich erforschte Akustik gab und die Freilichtaufführung im Schlosshof übliche Praxis war. Alles wirkt auf einmal familiärer, fassbarer und bodenständiger. Wer das Dröhnen der Bässe und die gesäuberte Strahlkraft der Höhen in der „Super-HiFi“-Wiedergabe heutiger CDs und DVDs gewohnt ist, muss sich an diesen natürlichen Klang erst gewöhnen, doch schon bald beginnt man die natürlichen Grenzen der Akustik in der Natur zu schätzen. Hier machen Menschen und nicht Maschinen Musik!  Vor allem Beethovens Ballettmusik tut dieses akustische „Abstecken“ gut, wirkt sie doch dadurch nie falsch „titanisch“, sondern eher menschlich-prometheisch.

Mit Mozarts Flötenkonzert ging Andrew Manze dann um nahezu ein Vierteljahrhundert zurück in die Ära der um Eleganz, Virtuosität und Leichtigkeit bemühten Auftragswerke des Komponisten. Das Flötenkonzert weckt mit seinen innigen Motiven, dem weichen Klang der Flöte und den so verspielten wie virtuosen Läufen alle guten Eigenschaften im Innern des Zuhörers. Man möchte von Stund an ein besserer Mensch werden und die anderen so beglücken, wie man sich selbst von dieser Musik beglückt fühlt. Die Komposition ist weitgehend auf das Soloinstrument zugeschnitten und das Orchester hält sich vornehm zurück und ergreift nur in Spielpausen der Flöte eine eigene motivische Initiative; der Wohlklang steht im Mittelpunkt der kompositorischen Absichten. Dass Mozart auch bei eher ungeliebten Auftragsarbeiten für nicht besonders geschätzte Instrumenten solche abgerundeten Werke gelangen, spricht für sein genuines musikalisches Genie. Er konnte einfach nichts falsch machen (vom „Dorfmusikantenquintet“ einmal abgesehen…). Mit Irena Grafenauer stand an diesem Abend eine Solistin auf der Bühne, die nicht nur klar und in allen Lagen sicher intonierte, sondern die Mozarts Musik auch noch den typischen Schmelz verlieh, der weit ab jeglicher falscher Sentimentalität oder Süße vor allem dessen Solokonzerten eigen ist, seien es nun Violin-, Klavier-, Klarinetten- oder eben Flötenkonzerte. Vor allem im dritten Satz mit seinen schnellen und verästelten Läufen Irena Grafenauer ihr technisches Können voll entfalten, wobei ihr das Orchester immer wieder den notwendigen harmonischen Rahmen zur Verfügung stellte. Das Publikum zeigte sich beeindruckt von dieser Leistung und sparte nicht am Beifall, teilweise bereits zwischen den Sätzen….

Die Flötistin Irena GrafenauerDie Flötistin Irena Grafenauer

Nach der Pause dann das große Finale mit Beethovens „Dritter“. Vergleicht man die „Eroica“ mit den vorangegangenen Sinfonien, so fällt der Bruch mit allen sinfonischen Traditionen auf. Schon der Beginn des ersten Satzes mit seinen beiden Tutti-Schlägen und dem unmittelbar darauf einsetzenden Thema in den Streichern muss die Zeitgenossen überrascht haben; umso mehr die ewig anmutende Ausdehnung dieses Satzes mit seinen dauernden Tempi-Änderungen, unvermuteten Pausen und variierten Themen. Die weitgespannten Themenbögen verlassen eindeutig den Boden herkömmlicher sinfonischer Strukturen, selbst Mozarts. Nimmt man, wie es die historische Forschung tut, die „Eroica“ als eine musikalische Verarbeitung des von der Person Napoleon Bonapartes stimulierten prometheischen Heldenmythos’, so spiegelt dieser erste Satz noch einmal den Triumph des – scheinbar – revolutionären Helden gegen die Herrschaft der alten Götter wider.

Der zweite Satz, „Marcia funebre“ überschrieben, betrauert dann in einmalig düsterer Stimmung den Tod des Prometheus bzw. des vermuteten Revolutionärs in Napoleon, als dieser sich die Kaiserkrone aufsetzte. Einen ähnlichen Trauermarsch wird man erst in Beethovens „Siebter“ wieder finden. Der dritte Satz, ein Scherzo, lebt vor allem von dem vorwärts drängenden Pochen der Begleitung, das durchgehend bis zum Ende anhält. Dadurch erhält der Satz einen nahezu bedrohlichen, mythische Furcht weckenden Charakter. Ein herausgehobenes Thema ist kaum festzustellen, Rhythmus und Metrik selbst – wie überhaupt in dieser Sinfonie – stellen das Thema dar.

Im Finalsatz schließlich nimmt Beethoven das Finalthema aus den „Geschöpfen des Prometheus“ wieder auf, Dirigent Andrew Manze spielte es also „noch einmal“. Überhaupt fällt dieser Finalsatz wie auch die anderen Sätze aus dem üblichen sinfonischen Muster. Nicht nur, dass es eine Variationenreihe in den Mittelpunkt stellt, ist das Besondere, sondern dass bestimmte Erwartungshaltungen an die nächste Phase immer wieder konterkariert werden. So ändert Beethoven mitten in der Durchführung der Variationen plötzlich den Duktus, geht in fugenartige Konstellationen über und zerlegt das musikalische Material nach immer neuen Kriterien. Kaum verwunderlich, dass seine Zeitgenossen bei der Uraufführung mehr als verstört waren. Doch auch für den heutigen Zuhörer bietet dieser Satz nicht nur immer wieder neue harmonische oder motivische Überraschungen, sondern vor allem eine unerhörte Dichte und bei aller Variationsfreude eine geradezu erbarmungslose Stringenz der Aussage. Keine jubelnde Losgelöstheit mehr, keine Hymne auf einen Fürsten oder Auftraggeber, sondern „lediglich“ die kompromisslose Zuspitzung und Verdichtung der musikalischen Aussage, die sich nur noch in der Assoziation auf Prometheus zurückführen lässt, nicht jedoch in einer platten Programmatik.

Andrew Manze und dem Orchester gelang es in hervorragendem Maße, die dynamische und thematische Entwicklung jedes einzelnen Satzes herauszuarbeiten und so die Aufführung zu immer neuen Höhepunkten zu führen. Das Orchester wirkte dabei derart geschlossen, dass selbst der freie Raum mit seinem Akustikverlust die Wirkung nicht zum Familiär-Authentischen abschwächen konnte. Diese Interpretation fing schließlich jeden Zuhörer ein und ließ ihn bis zum Schluss nicht mehr los.

Der lange und begeisterte Applaus war der Lohn für eine beeindruckende Leistung eines ausgewogenen und hervorragend aufeinander abgestimmten Ensembles.

Frank Raudszus

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