Slawischer Abend unter kundiger Leitung

Das 1. Sinfoniekonzert der neuen Saison bringt Werke von Tschaikowsky, Szymanowski und Mussorgsky

 

Der Musik des ausgehenden 19. Jahrhundert in Osteuropa und Russland war das Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt am ersten September-Wochenende gewidmet. Die Werke zweier Russen, Pjotr Iljitsch Tschaikowksy und Modest Mussorgsky, rahmten dabei das Violinkonzert des Polen Karol Szymanowski ein. Als besonders fachkundigen Interpreten hatte man den St. Petersburger Dirigenten Daniel Raiskin, Jahrgang 1970, verpflichtet.

Zu Beginn erklang Tschaikowskys Sinfonische Ballade „Der Wojwode“, op. 78, aus dem Jahr 1891. Dieses zwei Jahre vor dem Tode des Komponisten entstandene Werk setzt eine Puschkinsche Erzählung musikalisch um, die von einem eifersüchtigen Heerführer handelt. Dieser will zusammen mit seinem Diener die vermeintlich untreue Ehefrau und ihren Verehrer umbringen, doch die Kugel des Dieners trifft stattdessen den Herrn. Der Diener jammert zwar im Text über seine geringen Schießkünste und seine Angst vor dem Töten, doch dem Leser des Textes drängt sich die Vermutung auf, dass die Liebe zwischen den beiden jungen Leuten den Diener gerührt und zu einem absichtlichen „Fehlschuss“ geführt hat. Erst so gewinnt auch die Geschichte eine Pointe. Die Musik spiegelt programmatisch die psychischen Vorgänge in den handelnden Personen wider: die enttäuschte Liebe des Verehrers, die Tränen der Frau, die ihre – wohl von Macht und Ansehen des Wojwoden bedingte – Entscheidung bereut, die wütende Eifersucht des Ehemannes und die emotionale Zerrissenheit des Knechtes. Schrille, fast dissonante Klänge vermischen sich mit düster-melancholischen und verweisen streckenweise ins 20. Jahrhundert. Dies ist nicht der Tschaikowsky, wie wir ihn aus seinen Sinfonien kennen; hier geht er einen Schritt weiter in der Auflösung thematischer Strukturen und tonaler Konventionen. Raiskin arbeitete die Gegensätze dieses Stückes sauber heraus und bewahrte bei aller Düsternis und Schwermut doch eine gewisse Nüchternheit und  Transparenz, die der Interpretation sehr gut bekamen.

Karol SzymanowskiKarol Szymanowski

Es folgte das Violinkonzert Nr. 2 op. 61 des Polen Karol Szymanowski aus dem Jahr 1932/33, das die tonale Auflösung gegenüber der Musik des späten 19. Jahrhunderts deutlich weiter treibt. Für den Komponisten war die polnische Musik des 19. Jahrhunderts bei Chopin und dessen Zeitgenossen stehengeblieben, und Szymanowski setzte sich in seinen Kompositionen konsequent über die Konventionen hinweg, was ihm erhebliche Probleme in der polnischen Musiklandschaft einbrachte. Das in den frühen dreißiger Jahren entstandene Violinkonzert steht denn auch vollständig im Zeichen der Moderne. Den Charakter des Solistenkonzerts mit begleitendem Orchester hat es aufgegeben und präsentiert sich eher als „Sinfonie mit obligater Violine“. Über weite Strecken tritt das Orchester nicht nur als gleichberechtigter Partner sondern sogar als der dominierende Part auf. Die Violine kann sich zeitweise nur schwer gegen den raumfüllenden Orchesterklang durchsetzen und soll es wohl auch gar nicht. Zwar gönnt Szymanowski dem Solisten – in dieser Interpretation Benjamin Schmid - eine Kadenz, bei der sich das Orchester weitgehend zurückhält, doch dazwischen setzt immer wieder das Ensemble die Akzente. Dennoch verlangt das Werk dem Solisten einige Fähigkeiten ab, die nicht nur darin bestehen, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Benjamin Schmid wurde diesen Anforderungen in vollem Umfang gerecht, gelang es ihm doch  nicht nur, das Soloinstrument als gleichberechtigten Partner neben dem mächtigen Klangkörper des Orchesters zu positionieren, sondern auch die technisch schwierigen Passagen mit hoher Präzision und Präsenz zu intonieren.

Benjamin SchmidSolist Benjamin Schmid

Das Stück kennt keine klare Gliederung in einzelne Sätze nach dem Motto „Allegro, Andante, Presto“, sondern nur eine Reihe von Tempo- und Ausdrucksangaben, die eher einzelne Phasen denn Sätze bezeichnen. So sind auch durchgängige Themen und ihre Variationen – wie sie noch in Klassik und Romantik üblich waren – kaum noch zu erkennen. Zwar wiederholen sich einzelne Motive in verschiedener Verkleidung und Intonation, doch nicht in der streng geregelten Abfolge des „klassischen“ Konzerts. Zusammen mit dem dichten, ja geradezu prallen Orchesterklang ergibt sich damit ein sich stetig fortentwickelndes, rhythmisch und harmonisch hochkomplexes musikalisches Gebilde mit expressiver Ausdruckskraft. Nicht der Wohlklang steht bei dieser Komposition im Mittelpunkt sondern die Ausweitung der musikalischen Grenzen mit all ihren (a)tonalen Aspekten.
Dieses Stück stellte an alle Beteiligten die höchsten Anforderungen, ging es doch darum, ein metrisch nicht mehr durchgängig und einheitlich strukturiertes Stück dennoch als geschlossenes musikalisches Ereignis zu präsentieren. Die Einsätze der einzelnen Instrumente bzw. –gruppen mussten aus dem musikalischen Verlauf erkannt werden und waren nicht an deutlichen thematischen oder strukturellen Zäsuren ablesbar. Daniel Raiskins Kunst bestand darin, Orchester und Solisten jederzeit zusammenzuhalten und bis auf den einzelnen Ton herunter exakt zu synchronisieren. Das gelang ihm und dem gesamten Ensemble hervorragend, und der Beifall des Publikums blieb denn auch nicht aus.

Doch bevor dieser Beifall sich zu sehr in die Länge zog, hatte Benjamin Schmid sozusagen noch eine „Zugabe“ zu gewähren, die dieses Mal Teil des Programms war: Tschaikowskys „Sérénade mélancholique“ in b-moll op. 26 aus dem Jahr 1875. Man merkt dieser Komposition an, dass sie gut fünfzehn Jahre jünger ist als der eingangs gespielte „Wojwode“. Wesentlich geschmeidiger vom Aufbau und der Harmonik präsentiert sich dieses Stück als ein echter Vertreter der Hochromantik und kann auch in gewisser Weise als programmatischer „Weichmacher“ nach dem anspruchsvollen und nicht immer einfach zu rezipierenden Violinkonzert Szymanowskis verstanden werden. Benjamin Schmid hatte hier die Gelegenheit, seine lyrischen Fähigkeiten zeigen, und tat dies mit Bravour. Das Orchester unterstützte ihn in dieser eher romantischen Auffassung und bot damit dem Publikum nach der „Pflicht“ die angenehme „Kür“. So eindrucksvoll und kompromisslos das Violinkonzert sich präsentierte, so versöhnlich ergänzte diese melancholische Serenade das musikalische Bild.

Das Bild "Die Hütte auf Hühnerkrallen""Das große Tor von Kiew" "Die Hütte auf Hühnerkrallen"                     "Das große Tor von Kiew"

Á propos „Bild“: dieser Topos rückte im zweiten Teil des Konzerts mit Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchestrierung von Maurice Ravel (1923) in den Vordergrund. Mussorgsky komponierte dieses Werk für Klavier nach dem frühen Tod des bildenden Künstlers Victor Hartmann anlässlich einer Ausstellung von Bildern des Verstorbenen. Dabei spiegeln die einzelnen „Bilder“ der Komposition – Der Gnom, Das alte Schloss, Die Tuilerien, Der Ochsenkarren, Das Ballet der Küchlein in ihren Eierschalen, Samuel Goldenberg und Schmuyle, Der Marktplatz von Limoges, Die Katakomben, Die Hütte auf Hühnerkrallen und Das große Tor von Kiew – tatsächlich Bilder oder architektonische Entwürfe des verstorbenen Künstlers wider. Mussorgsky setzt die optischen Eindrücke mit außerordentlicher Phantasie, Ausdruckskraft und Humor in Töne um, so wenn er die kleinen Küken tatsächlich an den Eierschalen picken und mit den Flügeln schlagen, den Ochsenkarren schwer über die unebenen Wege rumpeln oder die Marktweiber auf dem Marktplatz von Limoges aufgeregt klatschen und tratschen lässt. Jedes Bild trägt seinen eigenen Charakter, und die Musik schöpft sämtliche tonalen, harmonischen und rhythmischen Mittel der musikalischen Interpretation aus. Man könnte diese Komposition streckenweise fast einen „musikalischen Spaß“ nennen, obwohl sie an anderen Stellen eher düster und gewaltsam daherkommt.

Dirigent und Orchester lieferten mit dieser Interpretation ein wahrhaft großes „Finale“ des sinfonischen Abends ab. Mit kaum zu überbietender Spielfreude, dabei hoher Präzision vor allem in den Bläsern, die jeder ihr Solo erhielten, arbeiteten sie das Bildmaterial der „Ausstellung“ geradezu plastisch heraus. Jeder Einsatz stimmte, und die Bläser zeichneten sich durch ein besonders warmes Timbre aus, als wolle Raiskin den emotionellen „Wärmegehalt“ der einzelnen Bilder verdeutlichen.
Selten zog sich der Beifall für das Orchester am Schluss so lange hin wie an diesem Abend. Immer wieder musste Raiskin auf die Bühne und sich zusammen mit den Musikern des Orchesters dem Beifall stellen. Dabei hob er zu Recht die Leistungen des gesamten Orchesters heraus, aus dem diesmal die Bläser herausragten.

Frank Raudszus

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