Die Lüge als Kind der Konventionen

Tennessee Williams' Drama "Cat on a Hot Tin Roof" im Frankfurter "English Theatre"

 

Die Geschichte dieses Theaterstücks stellt ein eigenes Drama der Verlogenheit und Verdrängung dar, verzerrt und verdrängt doch die weltweit bekannte Verfilmung aus dem Jahr 1958 einen der Kernpunkte des Stücks - die Homosexualität. Tennesse Williams, dessen "Vorname" sich als Pseudonym aus seinem Südstaatenakzent entwickelte, war selbst  bekennender Homosexueller, soweit man diese suexuelle Ausrichtung in den USA der fünfziger Jahre überhaupt öffentlich eingestehen konnte. Erst vor diesem Hintergrund wird die Handlung des Stücks verständlich.

Der junge Brick ist mit seiner Frau Maggie zur Geburtstagsfeier von "Big Daddy" auf dessen weitläufige Südstaaten-Ranch gekommen.  Doch Brick trinkt seit dem Tod seines besten Freundes Skipper und zeigt weder an seiner Familie noch an Maggie Interesse. Dieser wirft er vor allem vor, dass sie ihn einst mit Skipper betrogen hat, und führt mit ihr nur noch eine Scheinehe. Am Abend vor der Geburtstagsfeier hat er sich bei einem im Alkoholrausch versuchten Hürdenlauf das Bein gebrochen und humpelt jetzt an der Krücke vom Bett zur Bar und zurück.

Quincy Dunn-Baker (Brick) und Amy Lynn Stewart (Maggie)Quincy Dunn-Baker (Brick) und Amy Lynn Stewart (Maggie)

Dramaturgisch entwickeln sich die Hintergründe der Situation erst langsam während der ersten Szene, in der sich Maggie an einem heißen Tage im Unterrock im gemeinsamen Zimmer mit ihrer Situation und ihrem Mann auseinandersetzt. Der psychische Druck, unter dem sie steht, äußert sich in ununterbrochenem Reden, während Brick dazu schweigend seine Whiskey schlürft. Maggie regt sich über die "halslosen Ungeheuer" - die fünf Kinder - ihres Schwagers Cooper und dessen gebärfreudiger Frau auf, die beide unübersehbar um die Gunst von "Big Daddy" und "Big Mama" buhlen. Sie sucht geradezu Anlässe zum Reden, um Brick aus der Reserve zu locken, doch dieser schweigt, bis sie in ihrer Not das Thema "Skipper" zur Sprache bringt, was zu Bricks erstem großen Ausbruch führt, der den Grund für seine Trinkerei zumindest teilweise offenlegt: Maggies Verrat an ihm durch die Affäre mit Skipper, seinem besten Freund, der sich kurz danach zu Tode trank. Maggie jedoch sieht in dieser Affäre den verzweifelten und legitimen Versuch der Ehefrau, die enge Verbindung zwischen Brick und Skipper zu verstehen - und aufzubrechen. Maggie liebt Brick immer noch und möchte ein Kind von ihm, vor allem, da sie deutlich sieht, wie vordergründig Bricks Bruder und dessen Frau mit ihrer ungebrochenen Fruchtbarkeit um Liebe und - vor allem! - Erbe des Familienoberhauptes kämpfen. Denn "Big Daddy" ist unheilbar an Krebs erkrankt, was er und seine Frau noch nicht wissen. Es ist also Eile geboten, und sowohl die gutgemeinten Nachfragen von "Big Mama" wie auch die laufenden Sticheleien der Schwägereien wegen des ausbleibenden Nachwuchses bei Brick und Maggie zehren an Maggies Nervenkostüm, so dass sie sich fühlt wie eine "Katze auf dem heißen Blechdach".

Peggy Cosgrave (Big Mama) und John Robert Tillotson (Big Daddy)Peggy Cosgrave (Big Mama) und John Robert Tillotson (Big Daddy)

Im zweiten Akt kommt es endlich zur Aussprache zwischen Brick und seinem Vater, der dieses Gespräch gegen den Widerstand seines Sohns sucht und dabei nicht nur die Mithör-Versuche der misstrauischen und neugierigen Familienmitglieder rabiat unterbindet, sondern auch klar zu erkennen gibt, dass er die Schleimerei seines erstgeborenen Sohnes und dessen Frau durchaus durchschaut hat und auch seiner eigenen, stets lärmend-lustigen und Frau überdrüssig ist. Er entlockt Brick die Abscheu vor der Verlogenheit der Welt als Grund für seine Trinkerei; seine tiefe und echte, ja reine Freundschaft zu Skipper sei von der Gesellschaft in den - homosexuellen - Dreck gezogen worden, seine eigene Frau habe ihn mit seinem Freund betrogen und er selbst habe diesen anschließend in einer kritischen Situation im Stich gelassen. "Big Daddy" entlarvt diesen durchaus berechtigten Ekel in seiner Dauergestalt als Selbstmitleid, muss sich aber als Antwort die Wahrheit über seine eigene Lebenslüge anhören, der Glaube an strotzende Gesundheit und den Traum vom "ewigen" Leben. Brick konfrontiert ihn mit seiner tödlichen Erkrankung und lässt damit auch "Big Daddys" Kartenhaus zusammenbrechen. Als Cooper - seines Zeichens Rechtsanwalt - mit einem vorbereiteten Dokument für die Zeit nach Big Daddys Tod aufwartet, weiß sich Maggie nur noch mit der - natürlich falschen - Bekanngabe ihrer Schwangerschaft als Geburtstagsgeschenk an ihren Schwiegervater zu retten. Doch Brick widerspricht dieser Behauptung nicht nur, sondern lässt in der letzten Szene sogar die Möglichkeit einer Rettung seiner Ehe erahnen. Dazu muss man wissen, dass dieser Schluss nicht der ursprünglichen Fassung des Theaterstücks entspricht. Ursprünglich ließ Williams das Stück völlig offen enden, doch die Filmindustrie erzwang förmlich das gesellschaftskompatible "Happy End", das den vermeintlich "verirrten" Homosexuellen in den Hafen der konventionellen Ehe zurückführt. Wie tief die Vorurteile gegenüber der Homosexualität damals selbst beim davon betroffenen Autor saßen, ist daran zu erkennen, dass Brick die Vermutung dieser sexuellen Ausrichtung als "schmutzige" Verleumdung betrachtet, obwohl seine gleichgeschlechtliche Ausrichtung selbst noch der "gereinigten" Fassung des Stücks förmlich aus den Poren schwitzt. Doch allein schon die namentliche Erwähnung der "Abartigkeit§" wäre damals einem Skandal gleichgekommen, und so musste Williams der Beziehung seines Helden Brick zu seinem Freund die Tarnkappe einer tiefen aber platonischen Männerfreundschaft aufsetzen. Hinter dieser Verschlüsselung ahnt man jedoch die Nöte des Verfassers, der mit seiner Neigung im Amerika der fünfziger Jahre nicht das geringste Verständnis fand.

Ensemble Ensemble mit Bühnenbild

Tennessee Williams baut um das zentrale Thema eine Reihe anderer, zweitrangiger Lebenslügen auf: die vermeintliche Liebe zwischen "Big Daddy" und "Big Mama", die nur letztere in naiver Form empfindet und die "Big Daddy" zum Schluss erahnt; die Besorgnis des erstgeborenen Sohnes Cooper um seine Eltern, die vordergründig nur dem Erbe gilt, in Wirklichkeit aber wohl etwas mit der Enttäuschung des älteren Sohnes zu tun hat, dem alles gelungen ist, der die Erwartungen der Eltern übererfüllt hat und der dennoch keine Chance gegen seinen - im bürgerlichen Leben versagenden - Bruder hat. Auch ein Stück Lebensungerechtigkeit. Dann der Selbstbetrug der beiden Alten, die zwar die Erkrankung "Big Daddys" ahnen, sie jedoch nicht wahrhaben wollen; auch das Verhältnis zwischen Brick und seinem Vater ist bis zu der reinigenden Aussprache von unausgesprochenen Erwartungen, Enttäuschungen und Isolation geprägt, und Maggie erfährt bei ihren Schwägern nur honigsüße Pseudosympathie, die öfter mit giftigen Pfeilen durchsetzt ist. So fahren denn die eruptiven Auseinandersetzungen zwischen den Protagonisten wie das Gewitter in die Familie, das symbolhaft während des zweiten Teils seine akustischen Botschaften aus dem Himmel sendet. Ebenso beinhaltet auch Bricks gebrochenes Bein einen symbolischen Verweis auf seine sexuelle "Behinderung", die ihn in dieser Gesellschaft nahezu unbeweglich macht, so dass er nur mit der Krücke der Konvention - sprich bürgerliche Ehe - überleben kann. Auch diese eindeutige Metapher zerstört das falsche "Happy End" am Schluss, das durch den Handlungsverlauf in keiner Weise gerechtfertigt ist. Doch das sind die Zugeständnisse eines Autors an seine Zeit, der seine Stücke aufgeführt und seine Stimme gehört wissen will. Und in diesem Sinne vermittelt das "falsche" Ende auch ein Stück Authentizität.

Das Bühnenbild im "English Theatre" präsentiert ein über die Spieldauer nahezu unverändertes Schlaf- und Ankleidezimmer mit zwei großen Fenstern auf eine flache Landschaft mit Zentralperspektive. Das Schlafzimmer von Brick und Maggie wird zum Schauplatz der gesamten Handlung, hier trifft sich die gesamte Familie zu Auseinandersetzungen und Aussprachen. Doch diese Fokussierung auf das  problematische Schlafzimmer des jungen Paares wirkt in keiner Weise einengend, sie entfaltet im Laufe der Aufführung sogar eine gewisse Symbolkraft. Hier spielt die lange monologische Szene zwischen Maggie und Brick, in der Amy Lynn Stewart alle schauspielerischen Register zwischen der trällernden Naiven, der verzweifelt Liebenden und der temperamentvollen Kämpferin ziehen kann. Für deutsche Zuhörer sind die bewusst im amerikanischen Akzent gehaltenen Dialoge - hier besser Monologe - nicht immer leicht zu verstehen, weil Maggie ihren Redeschwall mit vielen Wendungen und Worten der Alltagssprache durchsetzt, die nicht unbedingt zum internationalen Englisch-Vokabular gehören. Doch man beginnt sich im Laufe der Szene in die Handlung einzuleben und benötigt plötzlich nicht mehr das wortgenaue Verständnis des Textes, weil der Gehalt durch Mimik und Gestik deutlich wird. Im zweiten Teil, der deutlich dialogischer gehalten ist, versteht man wesentlich mehr, einerseits wegen der kürzeren Dialogelemente, andererseits wegen der klaren und verständlichen Aussprache von John Robert Tillotson (Big Daddy) und
Quincy Dunn-Baker (Brick). Peggy Cosgrave als Big Mama mit diskantierendem Wortschwall ist dagegen nicht immer leicht zu verstehen, aber was sie zu sagen hat, ist sowieso klar, da ihre Rolle mehr oder minder aus dem Daherplappern der üblichen Floskeln besteht. Jay Russel (Cooper) und Jessica Wortham (seine Frau Mae) besetzen Nebenrollen mit klar begrenzten Texten, die keinerlei Verständnisschwierigkeiten heraufbeschwören, James Morgan und Philip Lewis füllen die Nebenrollen als Dotor und Preacher aus.

Die Inszemierung lebt von ihrer hohen Dichte, Geradlinigkeit und der Konzentration auf die drei Hauptpersonen und nimmt die Zuschauer vor allem im zweiten Teil gefangen. Amy Lynn Stewart und John Robert Tillotson fällt dabei der Löwenanteil an dem Erfolg des Stückes zu, und das nicht nur wegen des Umfangs ihrer Texte sondern auch wegen ihrer Glaubwürdigkeit und der Bühnenpräsenz. Wer ein wenig mit der englischen Sprache vertraut ist und sich leidlich in dieser Sprache verständigen kann, dem sei dieses Stück empfohlen. Man muss nicht alle Dialoge - oder gar Monologe - verstehen, um den Kern des Stücks zu erfassen. Und eine zusätzliche Schulung in der englischen Sprache vermittelt dieses Stück obendrein.

Frank Raudszus

Das Stück läuft noch bis zum 28. Oktober
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