Monolog über das Ewig-Weibliche

Frank Pinkus' Einmann-Komödie "Allein in der Sauna" im Darmstädter TAP

 

Das Darmstädter Boulevard-Theater TAP - wegen seiner ersten Wirkungsstätte "Theater am Platanenhain" genannt - hat sich auf Komödien der unterhaltsamen Art spezialisiert. Zwischen den Geschichten über erotische Irrungen und Verwirrungen streut Prinzipal Dieter Rummel auch gerne mal Spezialitäten des "Einmann-Theaters" ein. Als Partner hierfür dient ihm Hans-Joachim Heist, der schon öfter an diesem Ort mit Solonummern brillierte. In der Komödie von Frank Pinkus sinniert er zwei Stunden lang im Bademantel über das Leben und die Frauen. Passend zum Handlungsort "Sauna" und die Authentizität erhöhend, hatten sich auch im Zuschauerraum entsprechende Temperaturen eingestellt......

Der Anwalt Karl-Heinz König - zu allem Unglück von seinen Freunden auch noch "Kalle" gerufen - wartet in der Sauna auf seinen Freund, um dem allwöchentlichen Schwitzritual zu frönen. Dabei kommt er ins Sinnieren über den eigentlichen Sinn von Saunabesuchen - das Anschauen bestimmter Körper und die Tricks, dies möglichst unauffällig zu tun, was natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil jeder die Tricks kennt. Von der Feststellung, dass Schwitzen nicht der wahre Grund für den Besuch zumindest gemischter Saunen ist, kommt er auf das rätselhafte Wesen der Frauen zu sprechen, die über soviele Nuancen des Lächelns verfügen, wie ein Mann es sich kaum vorstellen kann. Und jeder dieser Lächelvarianten spottet des Mannes und seiner physischen wie psychischen Ungelenkigkeit. Allein das Einkaufen mit dem Zettel der Ehefrau stellt eine allwöchentliche Pflichtübung aller Ehemänner dar, die sie selten erfolgreich abschließen. Am Beispiel des vergessenen Einkaufszettels breitet Kalle alias Hans-Joachim Heist die verzweifelten Strategien der vergesslichen Männer aus, ihre Fehler zu kaschieren und den häuslichen Ehekrach - und natürlich das passende Lächeln - zu vermeiden. Er sieht sich und seine Geschlechtsgenossen als erfolgreiche Objekte der weiblichen Erziehung, während derselbe Versuch in der Gegenrichtung von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, da sich keine Frau von einem Mann erziehen lässt. Auch fragt sich Kalle, warum bei jungen Paaren immer der Mann redet - von großer Zukunft, Weltrevolution oder Autos - und die Frau zuhört, irgendwann sich jedoch das Verhältnis umkehrt, die Frauen ewig über Kinder, Mode und Haushalt reden und die Männer schweigend daneben sitzen. Ratloses Kopfschütteln über den Gang der Dinge. Das "Shoppen" ist ein weiterer Horrortrip für Kalle: während seine Frau von Geschäft zu Geschäft ziehen, die verschiedensten Kleidungsstücke ausprobieren und unnütze Gegenstände drehen und wenden kann, steht er, mit Tüten beladen, untätig und offensichtlich überflüssig, allen im Wege und träumt von seinen eigenen Hobbys. Was Frauen am Einkaufen fasziniert, wird Männern ewig ein Rätsel bleiben.

Von diesen eher allgemeinen und praktischen Seiten des Ehelebens gelangt Kalle dann sehr bald zu den essentiellen Dingen des Lebens, die meist unterhalb der Gürtellinie beginnen. Die erotischen Verweigerungstaktiken der Frauen bewegen ihn schon seit langem, und sehnsüchtig denkt er an die ersten Jahren des Zusammenseins mit seiner Frau zurück, als man noch im Adams- und Evakostüm ins Bett hüpfte. Heute schenkt ihm seine Frau Frottee-Schlafanzüge und ermahnt ihn, sie nicht durchzuschwitzen. Wie erotisch! Natürlich sieht sich Kalle nach eigener - äußerst objektiver - Schätzung als ein ziemlich attraktives Exemplar seiner Gattung, vor allem wegen des Brusthaars und auch aus anderen Gründen, was ihm schließlich seine junge Freundin bestätigt hat, deren Anruf die ihm als treusorgendem Ehemann doch ein wenig peinlich ist. Aber ein Mann braucht schließlich ein wenig Abwechslung, und überhaupt hat so ein kleines Nebenverhältnis überhaupt nichts zu bedeuten......

Kalles Gedanken über Leben und Liebe werden immer wieder unterbrochen durch Anrufe auf seinem Handy. Seinem kleinen Sohhn muss er erklären, was eine Sauna ist, sein Freund sagt wegen eines wichtigen Termins ab, seine Frau erinnert ihn daran, dass er gleich nach der Sauna nach Hause kommen wollte, und seiner Freundin Maren - eben die, die anrief - muss er leider für diesen Abend absagen, was diese anscheinend nicht sehr erfreut aufnimmt. Sein wichtigster Mandant, ein Schauspieler unter Mordverdacht, dessen Fall dem ihm natürlich meisterhaft verteidigenden Kalle großes öffentliches Aufsehen einbringen soll, verlangt vergeblich von ihm, seinen Saunaabend zu streichen, sodass sich Kalle auch noch über das geradezu unverschämte Anspruchsverhalten von Kienten aufregen muss. Doch dieser Punkt ist schnell wieder vergessen, kreisen doch Kalles Gedanken unaufhörlich um seinen größten kleinen Freund und dessen Probleme, die mit zunehmendem Alter immer deutlicher zutage treten. Ein Besuch bei einem Psychiater endete in einer kleinen Katastrophe, weil Kalle schließlich nicht mehr klar war, wer von beiden therapiebedürftig war. Da die selbst bei seiner Freundin nachlassende Zuverlässigkeit seines Freundes im Süden der männlichen Topologie Zweifel an seiner Vaterschaft zumindest bei seiner einjährigen Tochter aufkommen ließ, hat sich Kalle schließlich einem medizinischen Test seiner Mannbarkeit unterzogen, dessen detaillierte Schilderung zum Höhepunkt des zweiten Teils dieses Abends wird. Von der nüchternen Art des Arztes über die furchteinflößende und alles andere als feinfühlige oder gar diskrete Schwester bis hin zu den Peinlichkeiten der "Produktion" des Testmaterials durchläuft Kalle alle möglichen Torturen, die ein Mann sich nur vorstellen kann. Noch an diesem Abend in der Sauna sitzt ihm dieser Besuch in der Arztpraxis im Genick, und den Brief mit der Diagnose mag er schon gar nicht aufmachen. Den Tiefpunkt dieses Saunabesuches bringt dann das zweite Telefonat mit seiner Freundin, dessen Inhalt wir aber hier nicht verraten wollen, um eventuellen Besuchern noch etwas Spannung zu lassen.
 
Hans-Joachim Heist bringt die Befindlichkeit des "Fünfzigers" König mit viel Witz und der richtigen Mischung aus Selbstüberschätzung und - zweifeln, erotischer Fixierung und Gefangensein im weiblichen System gekonnt auf den Punkt. Sein Kalle König möchte jemand mit Bedeutung, Charisma und erotischer Ausstrahlung sein, weiß aber im Stillen um seine Schwächen und seine Durchschnittlichkeit. Da aber die wenigsten mit der eigenen Mediokrität leben kann, wird diese systematisch geschönt, verdrängt und auf andere projiziert. Die Frauen sind der immergleiche Magnet mit gleichzeitig anziehenden und abstoßenden Polen, an denen man(n) verzweifeln muss; das Leben ist keine Rennbahn mit Erfolgsgarantie sondern mit Schlaglöchern und Hindernissen gepflastert, die man im Augenblick des vermeintlichen Triumphes gerne übersieht. Und so wird Kalle weiter unter seiner Frau und weiteren Freundinnen leiden, nie wirklich auf seine erotischen Kosten kommen und immer von der  nymphomanischen Klassefrau träumen, vor der er dann versagen würde.....


Neben deftigen Anmerkungen und Erkenntnissen der einschlägigen Art geben auch viele subtilen Beobachtungen des Geschlechterverhältnisses Anlass nicht nur zum Lachen sondern auch zum Schmunzeln. Wer ehrlich mit sich ist, findet sich selbst in dem Monolog des Kalle König wieder, doch die Art der Präsentation lässt die ganze Beziehungsproblematik in einem letztlich heiteren Licht erscheinen, so dass man wirklich von einer Komödie sprechen kann. Hans-Joachim Heist hat daran einen großen Anteil, und der lang anhaltende Beifall nach der Premiere im Zeichen der Moderne bestätigte dies eindrucksvoll.

Frank Raudszus

Vorstellungen im September: freitags und samstags 20.15 Uhr, sonntags 18 Uhr.
Vorstellungen im Oktober: mittwochs und donnerstag 20.15 Uhr.
Weitere Informationen per E-Mail oder Internet
Tel.: 06151/33555

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