Große Gefühle, machtvolle Musik, strahlende Stimmen

































































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Francesco Cileas Oper "Adriana Lecouvreur" in einer konzertanten Aufführung des Staatstheaters Darmstadt

 

Wer, bitteschön, ist oder war Franceso Cilea? Und wer oder was ist Adriana Lecouvreur? Das mögen sich einige Premiere-Abonnenten der Darmstädter Oper gefragt haben und sind deswegen nicht zur Premiere von Francesco Cileas Oper "Adriana Lecouvreur" erschienen. Dieser Entschluss war eindeutig ein Fehler, denn diese Leute haben einen unvergesslichen Abend verpasst. Nun ja, sie können es ja noch nachholen......

Der Rezensent gesteht, dass auch er weder Komponist noch Werk kannte und angesichts einer rein konzertanten Aufführung - keine Bühnenbilder, keine Kostüme, keine Bewegung auf der Bühne - ebenfalls mit dem Gedanken eines Verzichts gespielt hatte und dann doch - glücklicherweise - der vermeintlichen Pflichtübung nachkam. Und der Abend begann gleich mit einer musikalischen Explosion. Kaum hatte GMD Stefan Blunier im Eilschritt das Dirigentenpult erstürmt, da sprang er auch schon förmlich in den ersten, einem Aufschrei gleichenden Akkord des Orchesters hinein und riss das Publikum damit aus der Beschaulichkeit eines späten Sonntagnachmittags. Eine Ouvertüre, die ja ursprünglich nur dazu diente, dem Publikum von Stand vor dem Beginn des eigentlichen Spektakels ausreichend Gelegenheit zur Selbstdarstellung zu geben, gibt es in dieser Oper nicht. Schon nach wenigen Takten setzen die Sänger in nahezu voller Besetzung ein und schildern stimmgewaltig die Ausgangssituation.

Yamina Maamar (Adriana), Zurab Zurabishvili (Maurizio)Yamina Maamar (Adriana), Zurab Zurabishvili (Maurizio)

Zur Handlung ist zu sagen, dass sie auf einer weitgehend wahren Begebenheit im Paris des frühen 18. Jahrhunderts beruht, nämlich dem dubiosen Tod - Vergiftung ? - der Schauspielerin Adrienne (Le)Couvreur im Jahre 1730 nach einer längeren Beziehung zu Moritz Graf von Sachsen, der aus politischen Gründen auch zu der Fürstin von Bouillon eine Beziehung erhielt. Nach einer Intrige der Fürstin und einer öffentlichen Auseinandersetzung zwischen den beiden Rivalinnen starb die Lecouvreur an inneren Blutungen. Stoff für Gerüchte und Verschwörungstheorien. Eugène Scribe entwickelte aus dieser historischen Begebenheit ein Theaterstück und Francesco Cilea schließlich nahm sich dieses Stoffes Anfang des 20. Jahrhunderts an und setzte ihn mit deutlichen Änderungen gegenüber Scribes Version in eine Oper im Stile Verdis und - ein wenig - Wagners um.

Cilea geht es weniger um die Intrige der Fürstin; sie wird hier soweit ausgeführt, wie es das Verständnis der Handlung erfordert. Die Liebe zwischen Adriana und Maurizio - die Namen wurden italienisiert - und Adrianas tragischer Tod stehen im Mittelpunkt. Im ersten Akt schildert Cilea das Leben am Theater und die stille Liebe des Regisseurs Michonnet zu Adriana, der im Augenblick seines Liebesgeständnisses erkennen muss, dass Adriana einen anderen liebt. Dieser andere ist in ihren Augen ein einfacher Fähnrich aus dem Gefolge des zu hochpolitischen Verhandlungen in Paris weilenden Graf Moritz von Sachsen, in Wirklichkeit aber dieser selbst. Der Ehemann der Fürstin will seine eigene Geliebte der Untreue überführen, nicht wissend, dass seine eigene Frau den Prinz von Sachsen zu einem Stelldichein bestellt hat. Dieser und Adriana sind jedoch seit kurzem ein Paar und der Graf benötigt die ihn liebende Fürstin nur als politische Rückendeckung. Nach einigem delikaten Hin und Her stoßen Adriana und die Fürstin aufeinander und erkennen einander als Rivalinnen um die Gunst des Grafen, ohne aber die gegenseitige Identität lüften. Als die Fürstin mit einer Finte Adriana als Rivalin entlarvt, versucht sie, diese öffentlich zu diskreditieren, wird aber selbst Opfer einer öffentlichen Bloßstellung - im Theater und von der Bühne! - durch die Schauspielerin Adriana. Die Rache folgt sehr bald durch vergiftete Blumen, die angeblich von Moritz von Sachsen kommen. In den Armen ihres untröstlichen Geliebten sterbend erkennt Adriana die Intrige. Ende der Tragödie.

Stefan Blunier, Sonja Borowski-Tudor (Die Fürstin von Bouillon), Yamina Maamar (Adriana Lecouvreur)
Stefan Blunier, Sonja Borowski-Tudor (Die Fürstin von Bouillon), Yamina Maamar (Adriana Lecouvreur) 

Diesen Stoff hat Cilea in eine Musik umgesetzt, die das gesamte Gefühlsspektrum von Liebe, Eifersucht, Hass und Todesahnung umfasst. Ohne die typischen Motive Verdis zu kopieren, steckt doch viel von dem großen Vorbild in Cileas Musik. Die großen Gefühle kommen in einer Geradlinigkeit und Wucht zum Ausdruck, wie man sie nur bei wenigen Opernkomponisten findet. Dabei beeindruckt vor allem die Vielfalt des musikalischen Ausdrucks, der orchestralen Strukturen und der rhythmischen Varianten. Jede Szene hat ihren eigenen, unverwechselbaren musikalischen Duktus, nichts wiederholt sich. Immer wieder überrascht der Komponist den Zuhörer mit neuen Einfällen, die jedoch nie gewollt originell klingen. Selbst wenn er bei den detaillierten Schlachtberichten des Grafen Moritz von Sachsen das Tschingderassa der Militärmusik parodiert, wirkt dies nie platt, sondern ist elegant in den Themenverlauf integriert. Man spürt förmlich den "guten Geschmack" des Musikpädagogen Cilea, der aller vordergründiger Parodie oder gar Karikatur abgeneigt ist. Für ihn steht die musikalische Ausgewogenheit, buchstäblich die Harmonie im Vordergrund. Sämtliche Themen und Motive wachsen organisch aus dem musikalischen Material heraus und bilden ein in sich abgeschlossenes Ganzes. Dabei wirkt die Musik keinen Augenblick lang akademisch trocken sondern pulsiert geradezu vor Leben und Emotionen, welche auch immer hinter dem jeweiligen musikalischen Einfall stehen mögen.

Demselben Prinzip folgen auch die Arien der Solisten, vor allem der Adriana und des Moritz. Große Musik für große Stimmen - hier wird sie greifbar, ohne falsche Sentimentalität und doch mit größter Eindringlichkeit. Das Fehlen einer szenischen Umgebung wirkt in keinem Moment als Mangel, ja, die freiwillige Beschränkung auf eine konzertante Aufführung steigert sogar noch die Wirkung, weil die Aufmerksamkeit nicht durch eine optisch üppige Anordnung abgelenkt wird. Außerdem interpretieren die Sänger - weiblichen wie männlichen Geschlechts - das Geschehen nicht nur mit ihrer Stimme sondern auch durch Mimik und - soweit möglich - Gestik und stellen damit einen minimalen szenischen Rahmen her. Auch ohne die deutschen Übertitel erschließt sich das Geschehen mehr oder weniger aus dem künstlerischen Ausdruck der Solisten.

Von diesen sind vor allem Yamina Maamar als Adriana und Zurab Zurabishvili als Maurizio hervorzuheben. Beide stehen sich in Ausdrucksfähigkeit und Umfang der Stimmen in nichts nach. Während Yamina Maamar vor allem durch ihre lyrischen Fähigkeiten besticht - außerdem erreicht sie alle Höhen scheinbar mühelos - beeindruckt Zurab Zurabishvili durch die Präsenz und Strahlkraft seines Tenors. Beide zeigen überdies auch in der konzertanten Aufführung ihre darstellerischen Fähigkeiten. Neben ihnen überzeugen Sonja Borowski-Tudor als Fürstin von Bouillon mit ihrem klaren, durchsetzungsstarken Mezzosopran und Ricardo Lombardi mit seinem variablen und fein nuancierten Bass. Thomas Mehnert und Jeffrey Treganza  ergänzen das Ensemble auf der männlichen Seite um die gut konturierten Rollen des Fürsten von Bouillon und des Abbés, Markus Durst
und Hans-Joachim Porcher als zwei Schauspieler aus dem Ensemble des Michonnets. Niina Keitel und Susanne Serfling sekundieren auf der weiblichen Seite mit Witz und sicherer Stimme als die Schauspielrinnen Jouvenot und Dangeville. Das gesamte sängerische Ensemble glänzt durch Homogenität und Ausgewogenheit ohne Schwachstellen.

Dieser Leistung schloss sich das Orchester unter der Leitung von Stefan Blunier nahtlos und auf Augenhöhe an. Und an diesem Abend hatten die Instrumentalisten Schwerarbeit zu verrichten, gab es doch kaum eine Atempause und wechselten die Stimmungen und Klangfarben von Szene zu Szene, ja, bisweilen fast von Augenblick zu Augenblick. Am Ende waren alle erschöpft und der Dirigent sichtlich durchgeschwitzt, doch alle glücklich über die gelungene Aufführung und den nicht enden wollenden, mit vielen Bravo-Rufen für das Gesangs- wie für das Instrumentalpersonal. Zum Schluss bedankte sich das Publikum sogar mit "standing ovations" bei dem Ensemble. So endete ein Abend, den so mancher vielleicht skeptisch gesehen hatte, mit einem fast triumphalen Erfolg.



Weitere Aufführungen: 6. und 13.10.2007, jeweils um 19:30 Uhr.

Frank Raudszus

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