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"Lehrer sind
Mörder" |
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Kai
Hensels Einmann-Stück "Klamms Krieg" im Staatstheater Darmstadt |
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Um es gleich vorweg zu sagen und etwaigen Klagen -
siehe "Soldaten sind Mörder" - zuvorzukommen: der Titel dieser
Rezension stellt ein Zitat aus dem Stück dar und ist daher auch in
Anführungsstriche gesetzt. Wie es zu dieser vordergründig
anklagenden Behauptung kommt, ergibt sich aus dem einstündigen
Monolog des Gymnasiallehrers Klamm, Hauptfach Deutsch, dargestellt von
Uwe Zerwer. Der Ort dieser Inszenierung war mit Bedacht gewählt:
das Sitzungszimmer der Theaterverwaltung, ähnelt dieses doch am
ehesten einer Schulklasse, wenn dort auch die Bankreihen senkrecht zur
Raumtiefe verlaufen.Klamm alias Zerwer betritt den Raum der 12. Gymnasialklasse mit abweisendem Gesicht, wünscht sparsam einen guten Tag und verzichtet ausdrücklich auf eine Erwiderung, da er sie sowieso nicht erwartet. Die Klasse befindet sich im Krieg mit ihm, seit ein Schüler des letzten Abiturjahrgangs aufgrund eines einzigen fehlenden Punktes von Klamm das Abitur nicht geschafft hat und sich anschließend das Leben genommen hat. Die Klasse schweigt und verweigert jegliche Mitarbeit im Unterricht. Klamm kann den Gretchen-Monolog selbst lesen und auch gleich interpretieren. Mit verschiedenen Mitteln versucht er, die Mauer der Ablehnung zu durchbrechen. Anfangs setzt vordergründige Gleichgültigkeit ein, wobei er auf die Folgen der verweigerten Mitarbeit verweist. In einer geradezu ironischen Art spielt das Publikum Klamms Klasse: es schweigt - was im Theater üblich ist, aber den Vorgang geradezu exemplarisch verdeutlicht. Klamm redet gegen dieses Schweigen an; für ihn stellt es eine geradezu existenzielle Herausforderung dar, für Zerwer die Voraussetzung für die Interpretation seiner Rolle. Klamm redet sich also um Kopf und Kragen, baut die Gegenargumente selbst auf, um sie dann zu entkräften, sieht, dass dies nichts fruchtet, und verfällt zunehmend der Aggression. Er weiß, dass er in den Augen der Umwelt, auch der Kollegen, eine Schuld auf sich geladen hat. Schließlich lässt man einen Abiturienten nicht wegen eines einzigen Punktes durchfallen. Natürlich stellt sich im Kontext dieses Stückes nicht die Frage, ob es denn wirklich nur an diesem einen Punkt gelegen habe oder ob dem Prüfling nicht auch in anderen Fächern eine Reihe von Punkten gefehlt haben. Es stellt sich ebensowenig die Frage, ob die Schule den Zweck hat, Abiturienten zu produzieren oder die Schüler auf ein gewisses Leistungsniveau zu bringen. Und die Frage nach dem Scheitern stellt sich schon gar nicht. Diese Anmerkung scheint uns denn doch zur Gesamtbeurteilung des Stücks wichtig. Klamm sitzt also in der Klemme. Innerlich hat er sich den
Schuldvorwurf längst zueigen gemacht, äußerlich
bekämpft er ihn mit allen ihm zur Verfügung stehenden
Argumenten. Da kommt ihm der Leistungsgedanke gerade recht. Er kann
keine Gnadenpunkte vergeben, er knickt nicht vor dem allgemeinen
"laissez faire" der heutigen Schule ein, ER achtet noch auf Leistung
und benotet die fehlende dann auch entsprechend. Klamm sucht die
Zustimmung der Schüler, denn diese sind sein Leben. Ohne
Schüler kann er nicht leben, auch wenn er teilweise recht
abfällige Worte über einzelne von ihnen fallen lässt.
Nicht nur der "pädagogische Eros" bindet ihn an Schule und
Schüler, sondern auch die Macht des institutionalisierten
Besserwissers, der täglich sein Selbstbewusstsein auf Kosten der
ihm unterlegenen Schüler stärken kann. Klamm und seine
Schüler sind längst eine rational kaum noch nachvollziehbare
Symbiose eingegangen, deren Bruch Klamm in existenzielle Unsicherheit
wirft. Sein Bezugssystem ist ihm abhanden gekommen, und jetzt zieht er
alle Register seines Berufsstandes, um es wiederherzustellen. Nach dem
Sarkasmus der ersten Stunde kommt die zynische Anbiederung - "Ihr
könnt gerne alle gute Noten bekommen - ihr werdet schon sehen, was
sie Euch helfen"; den Nachsatz denkt er nur, verpackt ihn aber
zumindest in den Tonfall. Als auch das nichts nutzt, fällt er
über die Kollegen her, um durch die Entlarvung ihrer Fehler und
Schwächen seine Schuld zu relativieren. Er liest den Schülern
sogar aus Dossiers vor, die er jahrelang heimlich über
Schüler und Lehrer erstellt hat. Als er schließlich hört, dass eine Abordnung
seiner Kollegen um einen Gespächstermin beim zwischenzeitlich
erkrankten Direktor ersucht hat, sieht er sich von allen im Stich
verlassen, verfällt dem Alkohol und schließlich der
Aggression. Schwer alkoholisiert läuft er schreiend durch
Klassenzimmer und Schulgebäude - hier das Intendanzgärtlein,
in dem einst ein anderer Taugenichts herumturnte
- und stößt unflätige Drohungen gegen
Schüler, Lehrer und die Welt aus. Im letzten Auftritt informiert
er die Klasse dann in gedämpften Ton von dem bevorstehenden Ende
seiner Lehrtätigkeit, angeblich wegen eines Nierenleidens. Der
Direktor hat ihm diese letzte Chance gelassen, um zumindest ein wenig
das Gesicht zu wahren. Dabei spielt er mit der Pistole des Direktors,
die dieser sich einst gegen potentielle Gewalt in der Schule zugelegt
hat - hat dieser sie ihm mit eindeutiger Absicht gegeben??? - und
verlässt dann den Raum. Das Publikum wartet gespannt auf den Knall
aus dem Flur, eine junge Frau hält sich sogar die Ohren zu, aber
es passiert nichts. Die Regie lässt die Erwartungshaltung des
Publikums ins Leere laufen, und jeder mag sich selbst denken, was mit
Klamm geschieht.Hensel inszeniert in diesem Einakter Schule als einen geradezu apokalyptischen Raum. Es gibt keine Kooperation, keine gemeinsame Vorstellung von Bildung, und bezeichnenderweise redet nur der Lehrer. Die Schüler verdammen sich selbst zum Schweigen und bilden eine stumme Abwehrmauer gegen die Schulautorität. Am Beispiel Klamms dekliniert er das gesamte Arsenal bildungspolitischer Maßnahmen und Strukturen durch, lässt seinen Protagonisten alle Taktiken der Lehrer durchprobieren und schließlich unkontrolliert die totale Konfrontation suchen - doch "der Rest ist Schweigen". Man kann in diesem Stück durchaus die Abrechnung mit einem autoritären Schulsystem und seinen Vertretern sehen, doch es ist mehr, auch wenn der Autor vielleicht nicht darüber hinaus zielt. Das Stück zeigt auch den Kampf um Prinzipien der Leistungsgesellschaft, die Fragwürdigkeit von Gefälligkeiten und scheinbarer Großzügigkeit, und nicht zuletzt die erpresserische Macht der Schüler, die schon seit eh und je die bestmöglichen Noten bei geringsmöglichem Aufwand erzielen wollten. Wer in einer solchen Umgebung an seinen Leistungsprizipien festhält, kann leicht in den Mahlstrom des Zeitgeistes kommen und durch alle Raster fallen. Am Ende verliert Klamm vordergründig zu Recht diesen Kampf, nicht zuletzt wegen seiner Ausfälle und seines geradezu manischen Kontrollwahns, doch sein Scheitern trägt auch einen tragischen Zug, da man ihm einen ursprünglich hohen Anspruch unterstellen darf, der in der Alltagsmühle der Schule zu kleinstem Schrot zermahlen wurde. So verlässt man diesen beeindruckenden Auftritt des Schauspielers Uwe Zerwer mit gespaltenen Gefühlen: neben einer gewissen Empörung über Klamms Methoden schwingt auch ein nicht zu kleiner Teil Mitleid im Nachdenken über dieses Stück mit. Auf jeden Fall sollte man dieses Stück unmittelbar in höheren Klassen lokaler Gymnasien aufführen, am besten noch ohne große Vorbereitung, um den Überraschungseffekt zu verstärken. Weitere Aufführungen: 26.9., 2., 11, 24., 29. und 31.10.2007, jeweils um 11 Uhr vormittags. Frank Raudszus |