Groteske Komödiantentour durch die Antike





































































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Die "Odyssee" - sehr frei nach Homer in der Inszenierung des Staatstheaters Darmstadt

 

Man stelle sich vor: das Ensemble eines Theaters unternimmt einen Betriebsausflug. Während sich die Schauspieler auf verschiedene Weise zerstreuen, hat sich einer von ihnen in eine Ecke verzogen und liest dort Homers "Odyssee". Das reizt natürlich seine Kollegen zu witzigen, frotzelnden oder leicht bösartigen Kommentaren. Bis zwei von ihnen auf den Gedanken kommen, einen antiken Kentauren zu spielen, einer vorneweg als "Gesicht", der andere hinter ihm als A..... Das Gelächter animiert andere, sich zu beteiligen und ebenfalls ihre Phantasie in den spontan entstandenen Ring zu werfen. Einer stülpt sich einen - hoffentlich sauberen - Topf auf den Kopf, schnappt sich einen Stock als Schwert und geht wortgewaltig als Achilles auf die Suche nach Feinden, die er töten kann. Eine Frau hängt sich ihm spontan an die berühmte Ferse und spielt die sorgende Mutter, die ihm eine warme Mütze, etwas zu trinken und zu essen in den Krieg mitgeben will, so den Helden lächerlich machend. Ein anderer setzt sich in eine alte Badewanne und spielt Odysseus, der nächste mischt sich als - dramaturgisch inkorrekter - Ödipus ein und gibt Achilles einen Tip, wie er seine Mutter loswerden kann; und noch ein weiterer Kollege gibt mit Sonnenbrille und weißem Stock den blinden Dichter Homer und korrigiert alle, die seiner Meinung nach die Odysseus-Geschichte verfälschen. In etwa so verläuft - in groben Zügen - der Abend mit Stefan Moskovs Version der Irrfahrten des "großen Dulders Odysseus". Wir erinnern uns: Stefan Moskov hatte bereits im Herbst 2004 die Saison mit dem "König der Hirsche" eröffnet.

Gabriele Drechsel, Hubert SchlemmerGabriele Drechsel, Hubert Schlemmer

Wer seine griechischen Klassiker gelesen hatte und nun gespannt darauf wartetete, wie ein moderner Regisseur mit dem epischen Stoff der Odyssee umgeht und welche tiefschürfenden Konflikte er dort entdeckt und auf unsere Zeit ummünzt, wer eine in sich geschlossene Geschichte mit einer Entwicklung und einer Aussage erwartet hatte, sah sich getäuscht. Stefan Moskov geht es nicht um eine wie immer geartete gesellschaftliche oder gar philosophische Interpretation des ewigen Wanderers Odysseus, ihm geht es in erster Linie um die Spontaneität der Schauspieler, die einem gegebenem Material eben das entnehmen, was sie für ihre darstellerischen Zwecken benötigen. Man könnte sagen: Das Spiel ist das Ziel, nicht das Ergebnis. Also hat er die Geschichte des listenreichen Irrfahrers in eine lose Folge von assoziativen Szenen aufgelöst, die immer nur Ausgangspunkt einer spontanen Improvisation des jeweiligen Themas sind. Man kennt ja die Art schauspielerischen Wettkampfes, bei dem ein Zuschauer ein Stichwort auf die Bühne ruft, zu dem diese dann spontan eine Szene entwickeln. Hier werfen nicht die Zuschauer die Themen vor die Füße der Darsteller, sondern Homer persönlich.

Margit Schulte-Tigges, Gabriele Drechsel, Karin Klein, Christina Kühnreich, dahinter Gerd K. Wölfle
Margit Schulte-Tigges, Gabriele Drechsel, Karin Klein, Christina Kühnreich, dahinter Gerd K. Wölfle

Schon die erste Szene eröffnet den Reigen der Verwirrung: ein Mann (Hubert Schlemmer) und eine Frau (Gabriele Drechsel) schieben zwei Requisiten über die Bühne. Auf dem großen Würfel der Frau steht in griechischen Buchstaben "Heim", auf der runden Scheibe des Mannes "Versuchung" bzw. "Insel". Mühsam beginnt man zu ahnen, dass es sich hier um Odysseus und Penelope handelt, doch dann beginnt das Vexierspiel um all die Personen der griechischen Sage. Da ringen die drei Göttinnen um den Apfel der Schönheit, und ein tumber Paris erkennt den Preis in einem Fernsehquiz der einfacheren Sorte der Aphrodite zu, weil deren Name mit "A" beginnt. Gerd K. Wölfle, eher von gedrungener Statur und um die Mitte gut gepolstert, gibt mit Kopftuch  die schöne Helena und wundert sich, dass die Welt eher für einen Kanister Benzin als für eine schöne (?) Frau Krieg zu führen bereit ist. Im nächsten Moment tritt er als Archäologe "Dr. Germania Jones" - später "Britannia Jones" - in einer Doppelrolle zusammen mit Matthias Fuchs auf - einer in Deutsch, der andere in Englisch - und kündigt eine Kurzfassung des Stoffes in Operettenform an. Und schon bewegt das ganze Ensemble im Playback zu Jacques Offenbachs Musik aus "Die schöne Helena" die Münder und liefert eine kurze Pantomime dazu ab. Germania Jones meint dazu, Offenbach sei eine Stadt in Südhessen und könne folglich keine Operetten schreiben. In dieser Inszenierung lauert mancher so lange, bis er ka(h)l wird. Doch man verzeiht der Regie die nicht zu seltenenen Kalauer, weil sie in der schnellen Folge von Sketches, Slapsticks, Wortspielen und Blitz-Assoziationen untergehen. Timo Lindenberg interpretiert und hinterfragt als bärtiger Gelehrter die Dialoge der handelnden Personen, Hubert Schlemmer spielt einen psychopathischen Psychotherapeuten, der sich längst den Insassen seiner Anstalt angepasst hat, und weckt zwischenzeitlich die Vorstellung, das ganze Stück spiele in einem Irrenhaus - Ähnlichkeiten mit einschlägigen Theaterstücken sind nicht zufällig. So eilt die Inszenierung von einem Gag zum nächsten, immer frei nach dem Motto "schräger geht's nimmer", und entwickelt dabei eine geradezu surrealistische Logik. Besonders schön auch die Situation, wenn sich Hubert Schlemmer als Odysseus und Timo Lindenberg als Poseidon darüber streiten, ob die Götter die Menschen oder die Menschen die Götter erschaffen haben, und jeder den anderen anbeten möchte. Überhaupt tragen die Götter ziemlich menschliche Eigenschaften - ja sie sind noch alltäglicher als in der griechsichen Mythologie. Christina Kühnreich gibt eine Athene, die Odysseus im Stile einer ruppigen Xanthippe antreibt, vor seinem plötzlich im Tonfall der französischen Revolution vorgetragenen Widerspuch jedoch sprachlos zurückschreckt. Karin Klein wiederum kommt mit den ruckartigen Bewegungen der automatischen Puppe Olympia daher und lässt sich von dem schlaumeiernden Timo Lindenberg - wen immer er in diesem Augenblick darstellt - solange triezen, bis sich dieser eine Ohrfeige von ihr einhandelt. Gabriele Drechsel ist als wartende Penelope irgendwann versteinert und muss vom endlich heimkehrenden Odysseus weggetragen werden - Achtung: nicht fallen lassen! Dieser schließlich fährt auf einer sein Schiff darstellenden Rampe und seinen Gefährten viele Male das Rund der Drehbühne ab, was dem Publikum tatsächlich die hoffnungsvolle Hoffnungslosigkeit der zehnjährigen Irrfahrt vor Augen führt. In diesen Momenten kommt dann jedes Mal eine andere, geradezu philosophische Komponente ins Spiel, ganz ohne große Worte, nur durch das stille Rudern der Seeleute und die ewige Kreisfahrt.

Karin Klein, Christina KühnreichKarin Klein, Christina Kühnreich

Es ließen sich an dieser Stelle noch viele Details wiedergeben, sei es Odysseus' Reise in die Unterwelt oder der Verlust seines Schattens. Doch die schiere Menge der Einfälle und Assoziationen lässt es nicht sinnvoll erscheinen, sie im Einzelnen zu erläutern. Diese Szenen entwickeln ihren Witz aus der Situation, nicht aus ihrer Erklärung - eben wie bei einem guten Witz. Diese Inszenierung eines der größten Themen der Weltliteratur mag manchem als Blasphemie vorkommen, doch eben dieser respektlose Umgang mit der großen epischen Tradition rückt alles wieder an seinen Platz und die Maßstäbe zurecht. Homer besang nur alte Mythen und Legenden, sicher ohne Anspruch auf den großer Literatur gebührenden Ernst. Wenn er seine Zuhörer mit den Geschichten der "Ilias" und der "Odyssee" unterhielt, so darf es auch Stefan Moskov mit seiner Inszenierung tun, ohne damit dem homerschen Epos zu schaden. An dieser spontanen (schau)spielerischen Umsetzung des großen Themas hätten sicher auch die alten Griechen ihre Freude gehabt. Die Darsteller hatten mit Sicherheit viel Spaß an der Aufführung, wenn sie auch bei der Premiere bis zum Äußersten gefordert waren. Hatte man doch noch am Vortage gut vierzig (!) Minuten aus Zeitgründen streichen müssen und bis zum letzten Moment Texte, Beleuchtung und Abläufe geändert. Dank fehlender Kenntnis der "wahren" Regieanweisungen merkten die Zuschauer nicht, was alles noch in der Premiere schief ging; aber diese Unwägbarkeit gehört sozusagen zum Stück selbst, das ja aus keiner logisch in sich schlüssigen Szenenfolge sondern aus einem Feuerwerk von grotesken Situationen und Assoziationen besteht. Da ernteten dann bisweilen auch Pannen Gelächter als vermeintlich geplante Gags.


Weitere Aufführungen: 6., 14., 16, 24. und 27.10.2007, jeweils um 19:30 Uhr.

Frank Raudszus

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