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Crash der Gefühle |
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Sera
Moore Williams´ Einakter "Crash" im Mainzer TiC |
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Die junge Elin
ist noch nicht volljährig und hungert doch schon nach
Selbständigkeit und Unabhängigkeit. Ihre Eltern sind mehr als
besorgt um sie, wollen - wie alle Eltern - das Beste für sie und
kümmern sich tagtäglich auch um ihre schulische Leistungen
und um ihren Umgang. Doch gerade diese totale Betreuung lässt Elin
ausbrechen und sich mit dem gleichaltrigen Wes zusammentun, den sie
wegen seiner "coolen" Lebensart bewundert und zu lieben meint. Wes ist
zu Hause ausgezogen, weil sein Vater ihn im Suff schlug, und lebt in
verschiedenen Unterkünften und unter kräftigem Alkoholkonsum
in den Tag hinein. Als ihm Elin von ihrem sie angeblich schlagenden
Vater erzählt, erklärt er sich zu ihrem Beschützer.
Zusammen verbringen die beiden die Zeit außerhalb der Schule mit
Trinken, Herumhängen und nächtlichen verbotenen
Autorennfahrten. Trotz oder gerade wegen ihrer fehlenden
bürgerlichen Perspektiven fühlen sich die beiden
glücklich, weil frei von allen Zwängen. Da ist jedoch auch
noch der junge Rhys, ebenfalls aus gutem Hause, aber angepasst und
seinen Eltern ein "guter Sohn". Er bemüht sich schon lange um
Elin, kommt bei ihr jedoch wegen seines konventionellen Lebensstils und
seiner fehlenden "Coolness" nicht an. Zwar betrachtet und behandelt
Elin ihn als guten Freund, aber mehr lässt sie nicht zu. Die Situation sich zwischen Elin und Wes spitzt sich zu, als sie von ihm verlangt, seine Liebe dadurch zu beweisen, dass er mit ihr zusammenzieht. Ironischerweise strebt Elin gerade die familiäre Geborgenheit an, der sie zuhause entflieht. Doch Wes möchte seine ziellose Freiheit genießen und sich nicht die Verantwortung einer festen Zweierbeziehung aufbürden. Andererseits möchte er gerne Elins Eltern kennenlernen, da auch er eine unbewusste Sehnsucht nach einer intakten Familie in sich trägt. Doch Elin verweigert ihm die Einladung in ihr Elternhaus mit fadenscheinigen Argumenten, so die angeblich aggressive häusliche Situation. Der wahre Hintergrund ihrer Ausflüchte kommt in einer Auseinandersetzung zwischen den beiden jungen Männern ans Tageslicht, während der Wes erfährt, dass Rhys schon öfter in Elins Elternhaus war und dass ihre Eltern in keiner Weise aggressiv sondern verständnisvoll und sehr besorgt um Elin seien. Wes betrachtet Elins Lüge über den gewalttätigen Vater als Vertrauensbruch und beendet in einer dramatischen Szene die Beziehung zu Elin, woraufhin sich diese mitten in der Nacht verzweifelt und in Selbstmordstimmung auf die Klippen über dem Meer setzt und Rhys weinend per Telefon um Hilfe bittet. Während dieser sich anzieht, um ohne Führerschein und Fahrpraxis zu ihr zu fahren, kehrt Wes nach einem missglückten Autorennen mit einer Platzwunde am Kopf noch einmal zurück und söhnt sich halbwegs mit Elin aus, um dann zur Polizei zwecks Selbstanzeige wegen des Autounfalls zu gehen. Während er also einen ersten Schritt hin zu einer Versöhnung mit der Gesellschaft macht und sich in gewisser Weise seiner Zukunft stellt, überschreitet Rhys zum ersten Male die legalen Grenzen seiner bisherigen Welt, und das mit tragischen Folgen: das letzte Geräusch ist das Herannahen eines zu schnellen Autos und der laute Knall eines „Crashs“. Das Stück der walisischen Autorin lebt vor allem von der dichten Handlung und der authentischen Sprache. Letzteres kann man natürlich nur an Hand der Übersetzung von Anne Fritsch beurteilen, aber deren deutscher Text wirkt bis in das letzte Wort und die feinste Nuance glaubwürdig. Wer Kinder in diesem Alter hat oder selbst dazu gehört, wird den Umgangston und die Ausdrucksweise auf Anhieb wieder erkennen. Salopper Ton und scheinbare Lässigkeit („Coolness“) gehören ebenso dazu wie plötzliche Gefühlsausbrüche, Kränkungen und beleidigte Blockierungen („Vergiss es einfach!“). Die Darsteller überzeugen durch ihr natürliches und altersgerechtes Spiel. Nichts ist aufgesetzt, jede Äußerung oder Bewegung wirkt realistisch und glaubwürdig. Bisweilen meint man, nicht ein Theaterstück, sondern die Realität in einer Art „Big Brother“-Show zu erleben. Fast möchte man einschreiten und die Protagonisten beruhigen und sie in die – vermeintlich – richtige Richtung zu lenken. Im Mittelpunkt steht Katharina Knap als Elin. In einem einfachen T-Shirt und auf der Hüfte hängenden Hosen gibt sie das Paradebild eines gegen die Erwachsenenwelt protestierenden jungen Mädchens wieder. Ihr jugendliches Aussehen lässt sie ohne jeglichen Zweifel als Sechzehn- oder Siebzehnjährige durchgehen. Sie beherrscht die gesamte emotionale Ausdrucksbreite eines jungen Mädchens mit seinen Problemen zwischen Elternhaus, Schule, Freiheit, Sexualität und Bindung. Tim Breyvogel ist ihr als Wes ein gleichwertiger Partner; auch er kann die Befindlichkeit eines orientierungslosen Schülers mit problematischen Elternhaus authentisch und überzeugend wiedergeben: die aufgesetzte Selbstsicherheit eines jungen Mannes, der sich die Rolle des Beschützers anzieht und sie doch nicht ausfüllen kann; die aggressive Überdrehtheit, die sich in übermäßigem Alkoholkonsum und waghalsigen Autorennen Luft verschafft; und schließlich die unterdrückte Sensibilität eines emotional zu kurz gekommenen Jugendlichen, der sich die Geborgenheit einer Familie ersehnt und dies doch nicht zugeben kann. Tino Leo als Rhys hat dagegen eine eher etwas undankbare Rolle, in der er sich nicht so ausagieren kann wie die anderen beiden. Als der angepasste Jugendliche muss er auf emotionale Ausbrüche verzichten und permanent den Vernunftaspekt in den Vordergrund stellen. Doch Leo zieht sich in dieser Rolle sehr gut aus der Affäre und gestaltet sie wie seine Mitspieler glaubwürdig und in jedem Moment nachvollziehbar. Die Inszenierung von Dieter Boyer im TiC des Staatstheaters Mainz, die übrigens mit geringsten requisitorischen Mitteln auskommt – ein paar Matratzen, einige Stühle -, richtet sich vor allem an alle Eltern und Lehrer, die mit Jugendlichen dieses Alters zu tun haben. Doch genauso wichtig als potentielle Zielgruppe für dieses Theaterstück ist die angesprochene Altersgruppe selbst. Dazu müsste man gerade diese Jugendlichen ins Theater locken, aber das ist eine andere Geschichte, die selbst eine abendfüllende Behandlung verdiente. Das Premierenpublikum war von der so authentischen wie temporeichen Inszenierung vobegeistert und wollte die Darsteller gar nicht mehr von der Bühne lassen. Weitere Aufführungen am 6. und 28.11. sowie am 6., 10.und 20.12.2007, jeweils um 20 Uhr. Frank Raudszus Alle Fotos © Bettina Müller |
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