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Der Blinde ward
sehend- und dann? |
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Brian
Friels Einakter "Molly Sweeney" bei den Bar-Festspielen des
Staatstheaters
Darmstadt |
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Schon die Bibel
berichtet von den Wundern, die Jesus an den Tauben, Lahmen und Blinden
wirkte. Die Feststellung "und der Blinde ward sehend" weckte nicht nur
Erstaunen bei den Umstehenden, sondern Freude bei allen, vor allem dem
ehemals Blinden. So stellen sich normale, des Sehens mächtige
Menschen auch die Reaktion eines Blinden vor, der dank moderner
Medizintechnik das Augenlicht wiedererlangt. Das mag bei Blinden, die
erst spät durch Unfall oder Krankheit die Sehkraft verloren haben,
auch zutreffen. Sie wissen, was Sehen bedeutet, und erinnern sich an
die Vielfalt und vor allem die Bedeutung optischer Eindrücke. Doch
wie sieht es bei einem Menschen aus, die nie in ihrem Leben haben sehen
können, die weder Farben noch Licht noch andere optische
Eindrücke kennen? Sein Gehirn hat sich vollständig auf die
verbliebenen Sinne - Riechen, Hören, Schmecken, Tasten -
eingestellt und das Leben seines Trägers auf sie optimiert. Setzt
man ein solches Gehirn im fortgeschrittenen Alter plötzlich und
unvorbereitet den üblichen optischen Reizen aus, so muss das wie
ein Schock wirken, ähnlich, als wenn man einen Nichtschwimmer ins
tiefe Wasser wirft. Klaus Ziemann(Dr. Rice)
und Iris Melamed (Molly). Das Bild erinnert an Dennis Hoppers "Nighthawks"Der irische Autor Brian Friel hat sich anhand eines authentischen Falles mit dieser Situation auseinandergesetzt und den dramatischen Einschnitt im Leben der Molly Sweeney in einem Einakter szenisch aufbereitet. Dabei verzichtet er auf die übliche dialoggeführte Handlung und lässt die drei Beteiligten abwechselnd ihre Sicht der Ereignisse schildern, ohne dass sie direkt miteinander kommunizieren. Molly ist praktisch seit Geburt blind, hat sich aber gut darauf eingestellt und sich als Heilmasseurin eine gute Stellung in einem Gesundheitszentrum erarbeitet. Selbstsicher und selbstbewusst geht sie mit ihrer Behinderung um, die sie als solche gar nicht empfindet. Da sie nicht weiß, was ihre Mitmenschen unter "Sehen" verstehen, vermisst sie diese Fähigkeit auch nur marginal. Ihr Vater hat ihr schon als kleines Mädchen die Natur anhand ihrer anderen Sinne erklärt. Eines Tages lernt Molly den begeisterungsfähigen Frank kennen, der sich in seinem Leben privat und beruflich schon für viele Dinge - meist erfolglos - begeistert hat. Als die Beziehung zwischen den beiden enger wird, sieht er seine Aufgabe darin, Mollys Sehkraft wiederherzustellen. Dazu zieht er den ehemals gefeierten Augenarzt Dr. Rice heran, der sich nach der Trennung von seiner Frau hier in der Provinz verkrochen hat und neben einem untergeordneten Job als Krankenhausarzt noch die Freundschaft mit der Whiskeyflasche pflegt. Rice sieht sofort die Chance einer beruflichen Wiederauferstehung und geht die Sache mit Mut und Engagement an. Bereits nach der Operation des ersten Auges kann Molly deutlich Figuren und Farben unterscheiden, und die Begeisterung ist allseits groß. Doch dann kippt die Situation um: Molly wird mit den neuen Eindrücken nicht fertig, ihr Gehirn kann sich in der kurzen Zeit nicht mehr auf diese neue Sinneswahrnehmung einstellen, und die gesamte Organisation ihres inneren Nerven- und Sinneshaushalts bricht zusammen. Sie zieht sich immer mehr in sich zurück, kommt schließlich in eine psychiatrische Anstalt und dämmert dort einem frühen Tod entgegen. Frank ist enttäuscht, weil Molly nicht so funktioniert, wie er gedacht hat, und lastet es unterschwellig Molly als Schuld an. Schließlich geht er frustriert als Entwicklungshelfer nach Äthipien - eine neue Begeisterungswelle hat ihn erfasst - und überlässt Molly ihrem Schicksal. Dr. Rice beginnt langsam seinen Fehler zu erkennen, nicht vorausgesehen zu haben, dass die Sinnesumstellung für Molly zu radikal sein würde, und quält sich mit Gewissensbissen. Er ist auch der letzte, der Molly besucht. Iris Melamed als Molly, Klaus Ziemann als Dr. Rice und Tom
Wild als Frank präsentieren an der Bar der Kammerspiele diese
kleine Tragödie in Form dreier Charakterstudien. Iris Melamed
schaut die meiste Zeit wie eine Blinde leer vor sich hin und berichtet
aus dem Innenleben einer Blinden, deren gesamtes, bisher stabiles
Lebensgeflecht sich Stück für Stück unter dem Ansturm
neuer Eindrücke und Anforderungen - schließlich soll sie
sich freuen und schnell lernen, mit der Sehkraft umzugehen -
auflöst und schließlich auseinanderfällt. Ihre
anfängliche, humorvolle Selbstsicherheit weicht zunehmend einer
depressiven Verzweiflung, die zum Schluss, als sie sowohl ihre neu
erworbene Sehkraft als auch ihre ehemals anderen hochentwickelten
Sinnesfähigkeit aufgrund eines "Gehirnstreiks" verloren hat, einer
resignierenden Heiterkeit des "letzten Augenblicks" weicht. Der
Zuschauer leidet mit diesem armen Wesen mit, das sich nicht nur der
schockartigen Sinneseindrücke sondern auch noch der impliziten
Vorwürfe ihrer Umwelt erwehren muss. Iris Melamed füllt diese
Rolle - wie üblich - mit einer großen Ausdrucksbreite und
feinen psychologischen Zeichnungen und Schattierungen aus. Tom Wild
setzt dagegen einen dauerbegeisterten, aber auch schnell ungeduldigen
und frustrierten Frank, der stets voller Pläne steckt, die Schuld
an deren Scheitern jedoch nie bei sich sucht. Lautstark, umtriebig und
raumgreifend fegt er mit der Sensibilität eines
vorwärtsstürmenden Nashorns alle Bedenken und
Widerstände zur Seite, und am Ende ist Molly halt nicht stark
genug für diese Welt. Tom Wild schafft es, mit seiner Rolle ein
glaubwürdiges und überzeugendes Gegengewicht gegen die starke
Iris Melamed zu setzen und sorgt damit für die nötige
Spannung dieser Inszenierung. Klaus Ziemann kann da als weitgehend
reflektierender, nahezu schon resignierender Dr. Rice nur wie ein
Katalysator wirken, er bildet sozusagen eine Klammer um die beiden
Protagonisten und ist für den sachlich-fachlichen Teil
zuständig. Er verkörpert sozusagen die äußere
Welt, die nicht unmittelbar in das Drama involviert ist.Zu lachen gibt es an diesem Abend in der Bar nicht viel. Dazu ist nicht nur das Stück zu ernsthaft, sondern auch die von den Darstellern erzeugte Atmosphäre zu dicht und gespannt. Bis zur letzten Minute lässt dieses desillusionierende Drama die Zuschauer nicht aus seinem Bann, und so mancher wird anschließend wohl anders über Blinde und die hehre Aufgabe denken, ihnen die Sehkraft wiederzugeben. Weitere Aufführungen: 18. und 27.10. sowie am 23.11.2007, jeweils um 20 Uhr. Frank Raudszus |
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