Der Stoff aus dem Tragödien sind



























































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Lot Vekemans´ Einakter "Truckstop" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt

 

Gleich zu Beginn dieses Kammerstückes lernt man die junge Katelijne (Julia Glasewald) in ihrer ganzen Not kennen. Nächtens kämpft sie verbal und geradezu unter motorischem Zwang mit sich und ihrer Umgebung. Sie hat mal wieder etwas zerbrochen in der Fernfahrerkneipe, die sie mit ihrer Mutter betreibt. Eine Entwicklungsstörung lässt sie viele ihrer Alltagspflichten vergessen oder durcheinanderbringen, und oft geht dabei auch etwas zu Bruch. Ihr Kopf, mit all den Anweisungen der Mutter vollgestopft, ist auch noch mit Gewissensbissen wegen der eigenen Fehler überladen und lässt überdies kein kritisches Nachdenken über ihre eigene Situation zu. Intellektuell vegetiert sie als Leibeigene ihrer Mutter dahin, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Mutter (Margit Schulte-Tigges) jedoch, das wird sehr schnell klar, gesteht ihr aufgrund ihrer Wesensart kein selbstbestimmtes Leben zu. Experten würden Katelijnes Problem ADS/ADHS-Syndrom nennen, die Mutter kümmert jedoch nicht die Diagnose sondern nur das Resultat. Sie wird sich bis an ihr Lebensende um Katelijne kümmern müssen und kann sie auf keinen Fall ins Leben oder gar eine Beziehung entlassen.

Julia Glasewald (Katalijne), Matthias Kleinert (Remco)Julia Glasewald (Katalijne), Matthias Kleinert (Remco)

Doch da ist noch Remco, der Lastwagenfahrer. Er verkehrt regelmäßig im Truckstop, und das nicht zuletzt Katelijnes wegen. Er ist eher unzuverlässig, und die Kündigung schwebt wie ein Damoklesschwert über ihm, ohne dass er sich der Lage bewusst ist. Stattdessen träumt er von einem eigenen Lastwagen, in dem er zusammen mit Katelijne durch ganz Europa fahren und Geschäfte machen will. Katelijne steigt auf diesen Traum schneller und unbedingter ein als er es sich je erhofft oder gedacht hat. Eigentlich wollte er ihr nur ein wenig imponieren, doch sie hat sich in Remco verliebt und denkt nur noch an die gemeinsame Reise im LKW. Als Remcos unrealistischen Pläne an einem abgelehnten Kredit scheitern und er auch noch die Kündigung erhält – nach eigener Aussage hat er selbst gekündigt, um sich selbständig zu machen -, scheint der Traum vom eigenen LKW ausgeträumt. Doch Katelijnes früh verschwundener Vater hat während all der Jahre Geld für seine Tochter überwiesen, das ihre Mutter für sie gut angelegt hat. Nun sind über 50.000 Euro zusammengekommen, die Katelijne nach dem Willen ihrer Mutter für die Sanierung und Renovierung des heruntergekommenen Truckstops an sie übertragen soll. Angesichts der vermeintlichen Unmündigkeit Katelijnes sieht die Mutter hierin nur einen formalen Akt. Doch für den fraglichen Betrag könnte sich Remco den ersehnten Truck kaufen und den – in Katelijnes Augen gemeinsamen – Traum verwirklichen. Remco versucht in nächtlicher Stunde, ihr das Vorhaben auszureden, angeblich, weil die Mutter sowieso gegen die Verbindung sei und er das hochherzige Angebot nicht annehmen könne. Tatsächlich ist die Mutter aus zwei Gründen entschieden gegen Katelijnes Beziehung zu Remco: erstens hält sie ihn für keinen zuverlässigen Lebenspartner und zweitens hält sie Katelijne nicht für fähig, die Rolle einer Ehefrau und Mutter auszufüllen. Die Eifersucht der alleinerziehenden, vom Mann früh verlassenen Mutter auf jeden Konkurrenten dürfte eine mindestens ebenso große Rolle spielen. Remco selbst aber hat längst andere Pläne im fernen Ausland, in die Katelijne nicht mehr hineinpasst. 

Als die Mutter in die nächtliche Unterredung hineinplatzt, spitzt sich die Situation schnell bis zum tödlichen Schluss zu. Katelijne wiederholt noch einmal die bereits einmal ausgesprochene Weigerung, der Mutter das Geld zu übertragen, und kündigt an, mit Remco wegzugehen. Als im Eifer des Streits die Mutter wilde Drohungen gegen Remco ausstößt, sieht Katelijne ihre einzige Lebenshoffnung verschwinden und sticht im Affekt zu. Die Mutter stirbt ausgerechnet in Remcos Armen. Die beiden jungen Leute fliehen überstürzt in einem LKW und kommen bei einer Kollision mit einem Geisterfahrer um. 

Julia Glasewald (Katalijne), Margit Schulte-Tigges (Mutter)Julia Glasewald (Katalijne), Margit Schulte-Tigges (Mutter)

Die Geschichte in dem kleinen Truckstop nimmt Ausmaße der griechischen Tragödie an. Die verschiedenen Interessen lassen sich auf keine Weise zusammenführen, weil sie von vornherein auf entgegengesetzten Voraussetzungen beruhen. Die Mutter betrachtet ihre Tochter als behindertes, auf Lebenszeit unselbständiges Wesen, das ihren Schutz und ihre Betreuung benötigt. Die Tochter besteht jedoch auf ihrem Anspruch auf individuelles Glück außerhalb der mütterlichen Kontrolle. Beide Sichtweisen lassen sich nicht miteinander vereinbaren. Remco spielt in diesem Stück nur die Rolle des Katalysators, der die emotionelle Reaktion anstößt und dann nicht mehr aufhalten kann. Die Tragödie nimmt unabänderlich ihren Lauf, wenn nicht hier und jetzt, dann später und anderswo. Lot Vekemans hat diese Situation in ein dichtes Theaterstück verpackt, dass die Situation zwingend zum Ausdruck bringt. Allerdings sind dabei auch einige kritische Anmerkungen sowohl hinsichtlich des Stücks als auch der Inszenierung unvermeidlich, die sich vor allem im Vergleich zu dem fast zeitgleich in Mainz angelaufenen Einakter „Crash“ aufdrängen. Einerseits wirkt die Sprache zu kopfgesteuert und vermittelt nicht unbedingt die Atmosphäre in einem „Truckstop“. Nicht nur, dass die Protagonisten – vor allem Mutter und Tochter – in ganzen Sätzen sprechen und sich gegenseitig immer ausreden lassen, sondern auch die Wortwahl entspricht nicht der, die man von Lokalitäten wie einem Truckstop kennt. Die Personen wirken dadurch nie authentisch als Vertreter eben dieser „Zielgruppe“, sondern als Stellvertreter, die einen allgemein menschlichen Konflikt rezitieren. Schauspieler bleiben Schauspieler, wenn auch gute. Die zweite Schwäche betrifft die Inszenierung und liegt in der Rolle des Remco begraben: Matthias Kleinert ist einer profiliertesten Schauspieler des Darmstädter Theaters, nur ist er eben gerade nicht das äußere Abbild eines jungen, geistig schlicht strukturierten Fernfahrers. Man kann Einiges durch darstellerische Fähigkeiten kompensieren, nicht aber das Fehlen einer an das Alter angebunden jugendlichen Naivität. Kleinert wirkt nie wie ein großmäuliger, unrealistischen Träumen nachhängender Zwanzigjähriger sondern eher wie ein Vierzigjähriger, der eben diese Eigenschaften ironisiert. Unfreiwillig passt er damit jedoch in die distanzierende Inszenierung, die – nicht zuletzt aufgrund des Textes - auch den beiden Frauen wenig wirkliche Authentizität zuerkennt. Dennoch schafft es vor allem Julia Glasewald, die Zerrissenheit der jungen Katelijne überzeugend und mit hoher Intensität wiederzugeben. Margit Schulte-Tigges spielt eine resolute Mutter, die über die lange Zeit als Betreiberin des Truckstopps alle Illusionen verloren und Emotionen weitgehend zurückgedrängt hat. Am Ende ist der Zuschauer zwar betroffen, aber nicht in das Leben der Protagonisten eingetaucht und schon gar nicht aufgewühlt. Man erkennt und akzeptiert die Aussage, aber mehr mit dem Kopf als mit Bauch und Herz.

Das Publikum dankte dennoch Regie und Darstellern für eine unbestritten engagierte und angesichts der Einschränkungen der Vorlage professionelle Aufführung. 

Weitere Aufführungen am 3. und 14.11., jeweils um 20 Uhr.

Frank Raudszus

Alle Fotos
© Barbara Aumüller

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