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Albert
Lortzings Oper "Der Wildschütz" im Großen Haus des
Staatstheaters
Darmstadt |
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An einer Stelle
dieser Inszenierung singt Mark Adler alias Baron Kronthal die Worte
"Ich werde glücklich sein". Während der Zuhörer diesen
ihm irgendwie bekannt vokommenden Tönen nachsinnt, wiederholen
Orchester und Sänger sie gleich mehrmals, als wollten sie wie ein
Quizmaster fragen: "Na, kommst Du nicht drauf?". Und dann dämmert
die Erkenntnis, dass Marzelline aus Beethovens Oper "Fidelio" nahezu
die selben Worte in nahezu der selben melodischen Form singt. Doch
damit lässt Lortzing es nicht genug sein mit den Anleihen bei den
Kollegen der Zunft. Immer wieder mozärtelt es im orchestralen
Duktus oder den Arien der Sänger und Sängerinnen, und auch
andere Komponisten vor Lortzing sehen sich ausreichend gewürdigt.
Nun ist es schon immer guter Brauch gewesen, dass Komponisten die
vorhandene Musikliteratur als Steinbruch für ihre Neubauten
benutzt haben, doch eine solch direkte Anleihe wie im geschilderten
Falle erlebt man doch selten. Andreas Daum (Baculus),
Margaret Rose Koenn (Gretchen) Doch was weniger wohlmeinende Mitmenschen als Plagiat bezeichnen würden, stört bei dieser Oper niemanden. Lortzings "Wildschütz" strahlt sowiel unbeschwerte Leichtigkeit und auch Witz aus, dass man ihm diese kleinen Nesträubereien schmunzelnd durchgehen lässt. Dabei strotzt bereits die Handlung vor lebensnaher Realität, scheint sozusagen direkt aus dem Leben gegriffen: der schon ein wenig angejahrte Dorschullehrer Baculus hat für seine Hochzeit mit dem jungen Gretchen unerlaubt einen Bock im Gehege des Grafen geschossen und soll jetzt seine Stellung verlieren. Gretchen mag er nicht zum Grafen vorschicken, um für ihn zu bitten, weil er die Schwäche des Grafen für junge hübsche Frauen kennt. In just diesem Augenblick erscheinen zwei als junge Männer verkleidete Frauen: die Baronin Freimann, Schwester des Grafen und Witwe, die sich den von ihrem Bruder ausgesuchten neuen Gatten, den Baron Kronthal - der ausgerechnet der Bruder der Gräfin iast! - erst einmal inkognito ansehen will, samt ihrer Kammerfrau. Sie ergreift die günstige Gelegenheit, um sich in der neuerlichen Verkleidung als Gretchen am Hofe des Grafen umzusehen. Kaum sind die beiden Frauen verschwunden, naht der Graf mit seinem Jagdgefolge und eben diesem Baron, der sich selbst wiederum als Stallmeister tarnt. Warum er dies tut? Der Mann tat's um der Dramaturgie willen! Schon ahnt auch der des Programmhefts nicht kundige Zuschauer, dass die beiden Verkleideten sehr bald aufeinandertreffen und sich ineinander verlieben werden, allerdings als Gretchen und Stallmeister. Dabei muss sich der Baron noch der Konkurrenz des Grafen erwehren, der in jeder Sekunde der Abwesenheit seiner Gattin ebenfalls heftig um das vermeintliche Gretchen herumscharwänzelt. In einem nächtlichen Billardsalon schleichen die beiden Männer umeinander, die junge Frau und den völlig verwirrten Baculus herum, der nur seine Rehabilitierung im Sinn hat. Das zwischendurch von den beiden Herrn gepflegte Billardspiel verläuft dabei nach eigenen Trägheitsgesetzen: die beiden weißen Kugeln nehmen nach dem Anstoßen durch die Queues der adligen Herren ganz eigenwillige Bahnen und kurven um die einzelne rote Kugel herum wie die beiden Männer um die Frau. Ein wirklich netter Regieeinfall zur Verdeutlichung der Situation. Als die resolute Gräfin schließlich ihren etwas zu läufigen Gatten von dieser Front abzieht, kauft der Baron dem Schulmeister seine vermeintliche Braut nach einer harten Feilscherei für fünftausend Taler ab. Lieferung am nächsten Morgen. Da der einfältige Baculus jedoch nicht gemerkt hat, um wen es dem Baron wirklich geht - unwahrscheinlich, aber dem Handlungsverlauf förderlich -, liefert er am nächsten Morgen dem erstaunten Baron das falsche, will sagen richtige Gretchen ab, das sich schon auf der sozialen Leiter zur Stallmeistersfrau avancieren sah. War der Schulmeister Baculus doch von Anfang an nur zweite Wahl für sie. Leider will der Baron von ihr nichts wissen und besteht auf dem "anderen Gretchen", das auch flugs erscheint. Nun eskaliert die ganze Geschichte, und als der frisch dem Morgenbade entstiegene Graf in einem günstigen Moment das falsche Gretchen küssen will, kommen der Baron und die Gräfin hinzu. Die kaum noch zu verhindernde Szene zwischen Graf und Gräfin verhindert die Baronin mit der Bemerkung, der Graf dürfe ja wohl seine Schwester küssen. Als dann auch noch der angebliche Stallmeister seine wahre Identität und Verwandschaft mit der Gräfin enthüllt, sind allgemeines Erstaunen (beim Graf auch Enttäuschung) und Jubel groß, Die beiden Paare fallen sich in die Arme, und auch der Dorschulmeister darf sein Gretchen heiraten, da sich herausgestellt hat, dass er statt eines Bocks seinen eigenen Esel angeschossen hat. Mark Adler (Baron
Kronthal), Anja Vincken (Baronin Freimann)Man sieht also, dieses Libretto steckt voller sozialkritischer Relevanz und zeichnet sich vor allem durch die realitätsgetreue Abbildung des Alltags ab. Denn landauf, landab verkleideten sich schon damals heiratswütige Adlige als einfache Menschen und verliebten sich in Unkenntnis der gegenseitigen Identität ineinander. Und dass eine Schwester nicht ihren Bruder und ein Bruder nicht seine Schwester erkennt, ist ebenfalls grauer Alltag, den es in dieser Oper zu bewältigen gibt. Doch Ironie beiseite: wie so oft, deckt man auch hier gnädig den Mantel des Wohlwollens über das schlichte Libretto und genießt die temperamentvolle und farbenfrohe Musik, die - wie gesagt - sehr oft an die großen Vorbilder erinnert. Dazu hat Regisseur Willliam Relton konsequent auf den unterhaltenden Aspekt dieser Oper gesetzt und serviert die Inszenierung mit einem gehörigen Schuss freundlicher Ironie. Das beginnt schon bei dem Bühnenbild, das eine hessische Kleinstadt mit naturgetreu nachgebildeten Fachwerkhäusern und einem Schloss - welches nur? - auf einem Hügel zeigt. Überall von Dächern und Wirtshausschildern grüßt der gestreifte hessische Wappenlöwe, und das Ensemble versucht sich so gut es geht im hessischen Dialekt. Das funktioniert gerade bei den Sängern "mit Migrationshintergrund" - Oleksandr Prytolyuk und Anja Vincken - nicht unbedingt immer hundertprozentig, aber auch das nimmt den Sängern niemand übel, da sie vor Spiellaune geradezu sprühen. Auch in den anderen Szenen zeichnet sich Bühnenbildner Heinz Balthes durch Witz und Ironie aus. Im pompösen Billardzimmer lässt er die Billardkugeln nach eigenen Regeln rollen, und der "Wellness-Bereich" des gräflichen Schlosses besteht aus einem großzügigen Schwimmbad mit griechischen Säulen im Hintergrund. Der Graf zieht denn auch im virtuellen Wasser des Schwimmbades seine morgendlichen Runden im Schwimmdress des frühen 20. Jahrhunderts, und später fällt eine der Bürgersfrauen aus dem Chor spektakulär in eben dieses Becken. Neben dem Bühnenbild zeigt auch die Inszenierung einigen humoristischen Glanz. So sind die gräflichen Avancen an die jungen Frauen immer einen Lacher wert, genauso wie das resolute und und scharfsinnige Wesen der Gräfin. Sie durchschaut ihren Mann und hat ihn im Zweifelsfall immer im Griff. Die einfältige Eifersucht - oder eifersüchtige Einfalt - des Dorfschullehrers eignet sich stets für gelungene Bühnengags, und die Damen des Chors schlagen sich geradezu um den attraktiven jungen Grafen. Das leichte Libretto verträgt keinen falschen Tiefgang, und so eilt die Inszenierung von Augenzwinkern zu Augenzwinkern, von einer leichten Frivolität zur nächsten. Gerade nach eher schwer zu verdauenden Opern wie "Pelléas et Mélisande" lässt diese Inszenierung das Publikum wieder leichter atmen und auch einmal einen unbeschwerten Oper(ette)nabend genießen. Oleksandr Prytolyuk
(Graf Eberbach), Elisabeth Hornung (Die Gräfin)Die sängerischen und schauspielerischen Leistungen lassen sich in dieser Inszenierung sehen. Oleksandr Prytolyuk gibt einen stimmlich sehr präsenten und leichten Graf von Eberbach, der stets auch über ein gehöriges Maß an Selbstironie verfügt. Brigitte Hornung als die Gräfin an seiner Seite besticht durch ihre durchsetzungsstarke Stimme und die leichte Verrücktheit einer aufgesetzt gebildeten Matrone des 19. Jahrhunderts. Andreas Daum nutzt die Buffa-Möglichkeiten der Schulmeister-Rolle voll aus und lässt dabei immer wieder seinen raumfüllenden Bass zu Wort kommen. Anja Vincken ist eine so verschmitzte wie quirlige Baronin Freimann und zeigt in den entscheidenden Momenten auch ihre stimmlichen Qualitäten, die sich vor allem in ihrer Leichtigkeit und Modulationsfähigkeit ausdrücken. Margaret Rose Koenn spielt das echte Gretchen mit viel Temperament, einer sicheren Stimmführung und guten Ansätzen beim hessischen Dialekt, während der "Althesse" Hans-Joachim Porcher vor allem durch seine gekonnte Mundart brilliert - wie varrickt! Mark Adler kann leider nur seine gute Tenorstimme in den Ring werfen, da seine Rolle von menschlichen Schwächen weitgehend befreit ist und keinen Anlass zu Ironie, Spott oder Heiterkeit bietet. Wie so oft sind auch hier wieder die Menschen mit großen Schwächen - der Schulmeister, der Graf - die interessantesten Figuren. Der Chor unter der Leitung von Andrè Weiss besticht diesmal vor allem durch seine Beweglichkeit und die schauspielerische Leistung, bis hin zu dem separaten Kinderchor, der dem Grafen unter der Leitung des Dorfschulmeisters ein Extraständchen darbringt. Auch die Schlacht der Chordamen um einen Tanz mit dem Grafen ist ein kleiner Höhepunkt dieser Inszenierung. Dazu spielt das Orchester des Staatstheaters unter der Leitung von Lukas Beikircher mit sehr viel Sinn für die doppelbödige Ironie dieser Oper auf. Der leichte Ton und die ironische Überspitzung kennzeichneten an diesem Abend den Stil des musikalischen Ensembles, und selbst die scheinbar drohenden Töne aus dem Graben, so beim aufziehenden Unwetter, waren nie wirklich ernst gemeint. Überdies orientierte sich auch das Orchester ein wenig an Lortzings Drang nach fremden Federn und plünderte während einer längeren Umbaupause dessen Fundus mit dem Ergebnis des Holzschuhtanzes aus "Zar und Zimmermann"! Das Publikum bedankte sich für diese witzige und temperamentvolle Inszenierung mit lang anhaltendem und mehr als freundlichem Beifall. Weitere Aufführungen am 26.10. sowie am 2., 11., 17. und 21.11.2007, jeweils um 19.30. sonntags um 16 Uhr. Frank Raudszus |
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