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Der Fluch der
schönen Stimme.... |
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Im 3.
Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt präsentiert die
Erinnerungen des Kastraten Filippo Balatri |
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Kammerkonzerte
bestehen üblicherweise aus einem homogenen musikalischen Programm,
sei es Gesang, Soloinstrument, Trio, Quartett oder Quintett. Der
gesprochene Vortrag gehört normalerweise nicht dazu. Das 3.
Kammerkonzert jedoch sprengte diesen Rahmen, indem es die
Lebenserinnerungen des Kastraten Filippo Balatri aus der ersten
Hälfte des 18. Jahrhundert in den Mittelpunkt des Abends stellte.
Diese bezogen sich durchaus nicht nur auf die Musik, sondern auch auf
seine Lebensumstände, private wie berufliche, und sind somit von
besonderem historischen Wert. Eine Karikatur von
Filippo BalatriMan darf sich die Kastraten dieser Zeit nicht unbedingt als glückliche Menschen vorstellen. Da die besonders reine Knabenstimme auf das damalige Publikum einen eigenen Reiz ausübte und Sängerinnen der Bühnengesang von höchster kirchlicher Stelle verboten war, blühte mehr oder weniger im Verborgenen ein so lukratives wie abscheuliches Geschäft. Väter ließen ihre schön singenden Söhne kurzerhand kastrieren, um mit ihnen Geld zu verdienen, und Fürsten ließen solche bedauernswerten Kandidaten auch schon einmal per Erlass in den Eunuchenzustand versetzen. Filippo Balatri erlitt dieses Schicksal im Alter von elf Jahren und gewöhnte sich Zeit seines Lebens nicht daran, vor allem, da Kastraten wegen der fehlenden Zeugungsfähigkeit nicht heiraten durften, der Trieb ihnen jedoch nicht genommen war.... Filippo Balatri stellt in zweierlei Hinsicht eine Ausnahme unter den Kastraten seiner Zeit dar: erstens wurde er - wie heute ein Profi-Fußballer - von seinem Fürsten ins Ausland ausgeliehen und bereiste auf diese Weise Russland, Frankreich, England und Deutschland; zweitens begann er im Alter von 43 Jahren, seine zahlreichen Tagebücher zu einer Autobiografie zu verarbeiten. Auszüge aus dieser Biographie trug die bekannte Schauspielerin Corinna Harfouch vor, begleitet von der Altistin Britta Schwarz und dem Theorbe-Spieler Stefan Maass. Die Theorbe ist ein Lauteninstrument mit zwei Hälsen, deren längerer vor allem die Basstöne zur Verfügung stellt. Die Handlichkeit ist dadurch ziemlich eingeschränkt, ähnlich einem Cello oder Kontrabass, wobei man die Theorbe jedoch wie eine Laute hält. Corinna HarfouchCorinna Harfouch las aus dem Buch von Christine Wunnicke "Die Nachtigall des Zaren. das Leben des Kastraten Filippo Balatri", das dessen Lebenserinnerungen zitiert und in den zeitlichen Kontext stellt. Corinna Harfouch saß dazu auf einem treppenartigen Podium, neben ihr Britta Sturm, und beide spielten einige von Corinna Harfouch gelesenen Episoden auch mimisch und gestisch durch. Von den typischen Kastraten-Stücken, die Balatri gesungen hat, ist leider keines überliefert, vor allem die von ihm selbst komponierte und verbal äußerst eindrucksvoll beschriebene Nachtigallen-Imitation. Daher beschränkte sich der gesangliche Teil auf die für die damalige Zeit typische Gesangskunst, beginnend mit Giovanni Battista Brevi (1647-1716) und Giorgio Endel (1685-1759), den manche Deutsche vielleicht auch unter seinem Pseudonym Georg Friedrich Händel kennen. Im zweiten Teil kamen dann Werke weniger bekannter italienischer Komponisten, aber auch von Vivaldi, Torelli, dem Franzosen Vieux Gallot und dem Engländer Henry Purcell zu Gehör. Deren Lieder zeichnen Balatris Weg durch Europa nach. So fällt er in Paris dem vollständig anderen Musikgeschmack der Franzosen zum Opfer, die den italienischen Stil mit "zersungenen" Wörtern und Silben und "geschmetterten" Arien eher grotesk fanden. Die entsprechende italienische Arie von Vivaldi ("Care selve") und dem getragenen Gegenstück des Franzosen Lambert ("Le repos") folgten denn auch unmittelbar nacheinander. Altistin Britta Schwarzh Die historisch-musikalische Wanderung durch Europa brachte nicht nur treffende und teilweise sehr handfeste Urteile des Autors über die einzelnen Volksstämm zutage - vor allem die Bayern kommen bei ihm gar nicht gut weg -, sondern vermittelt auch einen facettenreichen Eindruck des damaligen Musikgeschmacks und - vortrags. Das melancholisch-weltliche und das geistlich-entrückte Lied dominieren dabei, so dass man sich in eine andere, fast jenseitige Welt versetzt fühlt. Kennt man die historischen Zustände dieser Zeit - soziale Unsicherheit, Krieg, Vertreibung, Krankheiten -, dann erschließt sich auch der mentale Hintergrund dieser Musik. Offensichtlich drückt sich die Verlorenheit des Menschen in den Liedern wesentlich unmittelbarer und authentischer aus als in der höfischen Tafelmusik eines Händels - "Wassermusik" und "Feuerwerksmusik" - und Vivaldis - "Vier Jahreszeiten". Stefan
Maass mit TheorbeWie man beiläufig hörte, kamen nicht wenige Besucher hauptsächlich wegen Corinna Harfouch. Der "Markenname" dominierte also auch hier das Programm! Dabei spielte sie eigentlich eine Nebenrolle neben den beiden musikalischen Protagonisten, die nicht einen so bekannten Namen vor sich her trugen. Doch sei's drum: wenn man über einen zugkräftigen Namen mehr Besucher für ein so spezielles Programm ins Theater locken kann, dann sollte man nicht über die "Namenshörigkeit" des Publikums klagen. Außerdem machte Corinna Harfouch ihre Sache trotz einiger Versprecher recht gut. Doch die eigentliche Leistung erbrachten Britta Schwarz und Stefan Maass. Britta Schwarz glänzte durch die Variabilität und Ausdrucksbreite ihrer Stimme und brachte die unterschiedlichsten Befindlichkeit wie Trauer, Schmerz, Melancholie, Heiterkeit und Stolz überzeugend zum Ausdruck. Und bei Bedarf spielte sie auch mit Corinna Harfouch kleine Szenen durch. Stefan Maass lieferte dazu eine Begleitmusik, die sich zwar immer im Hintergrund hielt, aber dennoch eine durchgehende Atmosphäre von Selbstvergessenheit und Verinnerlichung schuf. Das Publikum verabschiedete das Trio mit längerem und freundlichem Beifall. Es war wohl die melancholische Grundstimmung des Abends, die eine spontanere Reaktion des Publikums verhinderte. Aber nicht jeder musikalische Vortrag eignet sich für "standing ovations". Frank Raudszus |
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