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Der diskrete Charme
der Senioren |
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Uraufführung
von Tomo Mirko Pavlovics "Der alte Tänzer und ich haben Liebe
gemacht" im Staatstheater Darmstadt |
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Das
demographische Damoklesschwert hängt spätestens seit Frank
Schirrmachers "Methusalem" deutlich sichtbar über unseren
Köpfen, und die Theatermacher lassen es jetzt auf die Bühne
hinab. Der noch junge Autor, Jahrgang 1971, nimmt sich dieses Themas
aus der Sicht seiner Generation an und spart dabei nicht mit grotesken
Aspekten. Dabei fehlt es dem Stück für einen durchschlagenden
Erfolg jedoch an wesentlichen dramaturgischen Qualitäten. Die
Regie von Martin Ratzinger betont die Schwächen unfreiwillig durch
die Entscheidung für die Anfangsszene, doch dazu später. In einer nicht zu fernen Zukunft beschließen die Behörden, das Altenproblem dadurch zu lösen, dass man die Altenheimbewohner bei kinderlosen Ehepaaren zwangseinquartiert, je nach Wohnungsgröße und Lebensstandard des Paares allein oder zu mehreren. Auf diese Weise landen Trude (Margit Schulte-Tigges), Maier (Harald Schneider) und Alfons (Gustl Meyer-Fürst) bei den Doppelverdienern Anne (Julia Glasewald) und Björn (Tom Wild). Als der erfolgreiche Ingenieur Björn von einer Dienstreise zurückkehrt, steht er vor vollendeten Tatsachen. Die drei Alten belagern den Fernseher und das eheliche Schlafzimmer, Anne verhält sich seltsam abwesend und abweisend, so dass Björn sich nur noch in die Badewanne retten kann, wo ihn alsbald Trude zwecks abendlicher Toilette aufstöbert und nachdrücklich die Mitbenutzung einklagt. Während Björns Abwesenheit hat Anne, erfolgs- und zeitgeistorientierte Germanistikprofessorin, den ehemaligen Tanzlehrer Alfons schätzen gelernt und sich mit ihm eingelassen. Als der über die Einquartierung mehr als ungehaltene und fassungslose Björn von dem Seitensprung seiner Ehefrau erfährt und Anne deswegen eine Szene macht, brennt sie mit Alfons durch, um ein neues Leben zu beginnen. Trude, die der Nähe des leicht dementen Maier überdrüssig ist, zeigt Interesse an dem jungen Hausherrn, was diesen noch mehr schockt. Die letzte Szene zeigt die beiden im Badezimmer - Björn im Wasser und sie in Altendessous auf dem Rand sitzend -, während Maier aufgeschreckt die Erinnerungen an den Krieg rekapituliert. Das war's an Handlung, der Rest ist Reden. Julia Glasewald (Anne)
und Gustl Meyer-Fürst (Alfons)Das Stück endet nach neunzig Minuten plötzlich und pointenlos, weil Regisseur Ratzinger die Schlussszene an den Anfang gestellt hat - eine vom Autor freigegebene Aufführungsvariante. Man sieht also in der ersten Szene Trude, Maier und Björn Frühsport vor dem Fernseher betreiben, wobei Björn seiner Anne wie einer Verstorbenen nachtrauert. Björn erzählt von der Beerdigung seines verstorbenen Arbeitskollegen Beinlich - von ihm mit peinlichem Namenswitz permanent "Peinlich" genannt - und auch ein Alfons findet kurz Erwähnung. Auf der Bühne liegen Bretter herum, deren Bedeutung man zu diesem Zeitpunkt nicht versteht. Wenn dann in der zweiten Szene plötzlich Anne erscheint, nimmt man an, sie sei zurückgekommen. Erst die Erwähnung des plötzlich putzmunteren Beinlich bringt die Erkenntnis, dass es sich um eine Rückblende handelt. Im Film lassen sich Rückblenden durch Überblendungen und andere Tricks deutlich als solche kennzeichnen, im Theater ist dies wesentlich schwieriger, vor allem, wenn man mit minimalen Requisiten arbeitet und es um geringe Zeitdifferenz von Tagen oder Wochen geht. Da die Anfangsszene sozusagen auf das zukünftige Zusammenleben der drei Protagonisten verweist, stellt sie so etwas wie eine Zusammenfassung oder einen Schlusspunkt dar. Am Ende würde sie das Stück abrunden, dort fehlt sie jetzt aber, was dazu führt, das die Handlung keinen schlüssigen Abschluss findet, sondern einfach aufhört. Man fühlt sich an das Ende der ersten Folge eines Fortsetzungsromans versetzt. Aber es wäre ja vielleicht eine Alternative, an diese letzte Badezimmerszene in Folge-Inszenierungen eine "Senioren-Lindenstraße"anzuschließen. Die wesentliche Schwäche dieses Stückes liegt jedoch in dem kargen Handlungsgerüst. Nach dem durchaus originellen Einfall, alte Menschen bei jungen zwangsweise einzuquartieren, tut sich nicht mehr viel. Die intime Beziehung zwischen Anne und Alfons - gut vierzig Jahre Altersunterschied sind zu überwinden - wirkt eher ulkig denn überzeugend. Zwar nimmt man Anne den Frust mit ihrem stromlinienförmigen Erfolgsmann durchaus ab, doch ihre plötzliche Wandlung von der ebenfalls auf intellektuellen Jetset getrimmten Professorin mit repäsentativer Wohnung zum nach Liebe und Geborgenheit sich sehnenden Weibchen wirkt nicht überzeugend, was weniger mit der Leistung von Julia Glasewald als mit dem Text zu tun hat. Es fehlt die Entwicklung dieses Mentalitätswechsels, die sich lediglich in Annes verbalen Ausführungen widerspiegelt. Doch eine Zusammenfassung der ehefraulichen Befindlichkeit aus dem Munde der Betroffenen ersetzt nicht die glaubwürdige Darstellung aus einem Handlungsstrang heraus, zumal für Anne schon alles gelaufen ist, wenn Björn von der Reise zurückkehrt. Tom Wild (Björn) und Margit
Schulte-Tigges (Trude)Die Konzentration aufs Sprachliche ist symptomatisch für das ganze Stück. Nicht nur Anne und Björn reden nur über Vergangenes, auch die Alten handeln nicht sondern reden. Nur erklärt sich diese Handlungsarmut aus ihrer Situation, die weitgehend durch das Warten auf das Ende des Tages - und des Lebens - gekennzeichnet ist. Auch wenn Trude sich körperlich und geistig so gut wie möglich fit hält, folgt sie keinem zielgerichteten Plan mehr. Maier ist sowieso schon in das Stadium präseniler Dauererinnerung an die Jugend eingetreten, redet vom Krieg und macht sich nass, während Alfons so etwas wie Melancholie und Altersweisheit ausstrahlt. Aber auch er sitzt mit hängender Unterlippe vor dem Fernseher und wartet darauf, dass die Zeit vergeht. Die drei Alten führen einen permanenten Kampf gegeneinander, wobei Trude als Stärkste recht deftig austeilt - vor allem gegenüber Maier -, während die anderen beiden die Lust an und die Fähigkeit zur geschliffenen Gemeinheit verloren haben. Letzteres kann Anne dagegen sehr gut, wobei ihre Gemeinheiten sich selbst, ihrem Mann und ihrem bisherigen Leben gelten. Ihre beste Passage besteht in der Rückschau auf ihre eigene Befindlichkeitshistorie - attraktive, leistungsbewusste Karriere-Intellektuelle, die Mann, Kinder und Beruf locker unter einen Hut bringt, dreimal die Woche eine osteuropäische Putzhilfe für ihre 170qm-Wohnung beschäftigt und von einem ausländerfreien Waldorf-Kindergarten für die drei hochbegabten Kinder träumt. Doch innerhalb weniger Tage gibt sie nicht nur diese Vorstellungen auf, sondern treibt sogar ihr Kind ab, um mit Alfons neu zu beginnen. Doch auch hier: alles verbal, in der Zusammenfassung für sich selbst und das Publikum. Die Stärken des Stücken liegen in der Fähigkeit, bestimmte gesellschaftlichen Zustände verbal auf den Punkt zu bringen und mit Sinn für Pointen zu formulieren. Das durch die sprachliche Darstellung provozierte Lachen bleibt einem jedoch im Halse stecken, da die so beschriebenen Zustände alles andere als lustig sind. Der Humor wandelt sich schnell zu seiner Version unter dem Galgen, will man nicht über den schieren Wortwitz lachen. Pavlovic gelingt tatsächlich eine stimmige Bestandsaufnahme und ein so düsterer wie zutreffender Blick in die Zukunft. Doch für eine dramatische Handlung ist der szenische Aufbau des Stückes etwas zu dünn. Die Darsteller versuchten dennoch, das Beste aus der Vorlage zu machen, und genossen vor allem die grotesken Steilvorlagen, die der Text ihnen zuspielte. Verbal konnten sie sich austoben und ihre Rollen bis an den Rand der Charge ausspielen. Margit Schulte-Tigges spielt mit Bravour und viel Mut zur Hässlichkeit die resolute Alte, Harald Schneider zittert sich als schon leicht weggetretener Tattergreis glaubwürdig durch Trudes Tiraden und Gustl Meyer-Fürst lässt noch einmal den diskreten Charme der k.u.k-Monarchie aufblitzen. Julia Glasewald gibt eine zickige und in dieser Rolle glaubwürdige Ehefrau, als schmachtende Geliebte des alten Alfons wirkt sie jedoch etwas hölzern. Man will es ihr einfach nicht glauben! Tom Wild kämpft als vor den Kopf gestoßener Björn mit den Widrigkeiten des Schicksals und wirkt in seiner Wut und Fassungslosigkeit sehr realistisch. Das Premierenpublikum dankte dem gesamten Ensemble mit langem und sehr herzlichem Beifall. Frank Raudszus |
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