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Zwei Seiten des
Ausdruckstanzes an einem Abend |
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Das
balletmainz mit dem "Programm XXV" im Kleinen Haus des Staatstheaters
Mainz |
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Der Begriff
"Ballett" weckt immer noch Assoziationen an eine Art des Tanzes, die
mit dem heutigen Ausdruckstanz wenig zu tun hat. Zu weit haben sich
heutige Choreografien von den Klassikern "Schwanensee" oder
"Nussknacker" entfernt, um sie noch unter dem selben Begriff zu
subsumieren. Das zeigt auch das "Programm XXV" des balletmainz, das
sich seit Wochen ungebrochenen, begeisterten Zuspruchs erfreut.
Modernes Tanztheater hat also die Nische der Insider-Kunst verlassen
und sich endgültig auch im Abonnementsbetrieb durchgesetzt -
jedenfalls in Mainz. Im Rahmen des "Programm XXV" kommen zwei Choreografien auf die Bühne, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Schweizer Martin Schläpfer hat die auch als Fragmente titulierte Produktion "3" entwickelt, der Brite Christopher Bruce zeichnet für "Dance at the Crossroads" verantwortlich. Beide Stücke sind Mainzer Uraufführungen und verleihen schon aus diesem Grunde dem Programm ein besonderes Flair. Programm XXV - 3:
Jörg Weinöhl, Anne MarchandIn "3" öffnet sich zu Beginn eine leere, schwarze Bühne, auf der ein Cello-Spieler eine so intensive wie anstrengende Musik interpretiert. Sie klingt wie man sich den Gesang der Sirenen vorstellt: sengend und saugend, bis ins Innerste der Gehörgänge vordringend und den Zuhörer mit ihrer dissonanten Dauerspannung geradezu bedrängend. Dazu erscheinen im schmalen Lichtkegel eines Scheinwerfers einzelne Tänzer, alle in knapp sitzenden Kostümen, moderner Badebekleidung nicht unähnlich, dazu quer über den Körper gespannten Riemen, wie antike Krieger sie getragen haben mögen. Der Rest des Körpers bleibt nackt und lässt das Spiel der Muskel deutlich zutage treten. Und darum geht es dem Choreografen Schläpfer offensichtlich. Er betrachtet die Tänzer nicht als Mittel zum Zweck, um eine Aussage tänzerisch umzusetzen, sondern bei ihm sind Tänzer und Tänzerin selbst der Zweck der Choreografie. Daher auch soviel nackte Haut wie möglich, keine Strumpfhosen oder fleischfarbene Trikots. Auf der anderen Seite vermeidet er durch Körperhaltung und -ausdruck jeden unfreiwilligen Eindruck von Erotik: er möchte die Körper in der Vielfalt ihrer Darstellung zeigen, nicht jedoch deren soziokulturellen Aspekte, etwa Sexualität. Von Anfang an erinnern die getanzten Figuren an antike Statuen, und das nicht nur wegen der Riemen oder des Muskelspiels, sondern vor allem wegen der kontrollierten und doch gespannten Körperstellungen, die mehr als einmal an die berühmte Laokoon-Gruppe erinnern. Programm XXV - 3: Pontus
Sundset, Igor Mamonov, Remus SucheanáSchläpfer lässt die zwanzigköpfige Ballet-Truppe in den verschiedensten Konstellationen auftreten: einzeln, paarweise, zu dritt oder in mehreren Kleingruppen. Immer wieder lösen sich diese Gruppen auf oder gegenseitig ab; das tänzerische Spiel auf der Bühne bleibt stetig im Fluss, eine Szene geht aus der anderen hervor. Dabei kommen die neuen Darsteller immer wieder aus dem dunklen Hintergrund der Bühne, angekündigt und geführt von einem schmalen Scheinwerferkegel. Durch die punktuelle Beleuchtungs lenkt Schläpfer Blick und Konzentration der Zuschauer konsequent auf die einzelne Person oder das tanzende Paar. Der Auftritt größerer Gruppen entwickelt sich erst langsam im Laufe der Choreografie und auch dann nur sparsam, sozusagen kontrapunktisch. Großes Ballett im Sinne vieler wirbelnder Beine findet hier nicht statt, sondern die konzentrierte Präsentation des einzelnen Körpers in seiner intensiven Beschäftigung mit sich selbst oder mit dem Körper einer zweiten Person. Dabei vermeidet Schläpfer sowohl abrupte Bewegungsabläufe als auch bewusst unorganische Haltungen, wie man sie bei Forsythe oft findet. Schläpfer wirft einen geradezu biologisch-medizinischen Blick auf den menschlichen Körper und scheint zeigen zu wollen, welche Vielfalt von natürlichen Ausdrucksmöglichkeiten in diesem vorhanden ist. Auch die "Pas de deux" sind bei Schläpfer zwar nie "schön" im herkömmlichen Balletsinn, jedoch äußerst konzentriert und von hoher Spannung. Der tänzerische Ausdruck auf der Bühne spiegelt exakt die Musik wider, die sich ebenfalls von Anfang bis zum Ende in höchster Intensität und Homogenität in einem harmonischen und tonalen Grenzgebiet bewegt und dies auch nie verlässt. Musikalische und optische Spannung sind bis zum Schluss eins und beziehen sich in jedem Moment der Choreografie reflexiv aufeinander. Für diese Choreografie erhielten Ensemble und Choreograf geradezu enthusiastischen Beifall und eine ganze Serie von Vorhängen. Programm XXV - Dance at
the Crossroads : Yuko KatoNach der Pause wurde es in "Dance at the Crossroads" etwas lockerer. Bei Christopher Bruce steht nicht mehr unmittelbar der Körper im Vordergrund, sondern der Tanz mit seiner schnellen, ungebundenen Bewegung. Die Musik dazu stammt eher aus dem Unterhaltungsumfeld, vor allem dort, wo auch der Tanz eine Rolle spielt. Das eingängige Lied "Always dancing, never getting tired" steht dabei wie ein Motto - oder ein "running gag" - im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. Die meist in der Art anspruchsvoller moderner Unterhaltungsmusik arrangierte Musik zeichnet sich vor allem durch ausgeprägte Rhythmen aus, die sich als "Unterlage" für den tänzerischen Ausdruck geradezu anbieten. Dazu treten drei Tänzer und vier Tänzerinnen auf, die Frauen in luftigen, farbigen Kleidern, die Männer in Sakko und Jeans. Fast könnte man die Bühne als zeitlose Disco-Umgebung sehen. Die Paare drehen sich temperamentvoll umeinander, dazwischen werden Beziehungskonflikte angedeutet aber nie ausgespielt, Paartanz - Haltung wie beim Tango - und Gruppentanz lösen sich ab. Im Mittelpunkt steht dabei eine Frau (Yuko Kato), die sich in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu den anderen drei Paaren befindet. Mal nähert sie sich ihnen und tanzt mit ihnen, mal nähern sich die Männer ihr, dann wieder sondert sie sich ab, fühlt sich abgelehnt oder braucht Distanz. Programm XXV - Dance at
the Crossroads : Carolina Francisco Sorg, Yuko Kato, Nicole Morel,
Camille AndriotBruce verweist mit dieser Choreografie auf die schwierige Stellung außergewöhnlicher Frauen, die in einer konventionellen gesellschaftlichen Umgebung permanent auf dem schmalen Grat zwischen gesichtsloser Anpassung und selbstgewählter Isolation wandeln. Doch hütet sich Bruce davor, eine Geschichte mit einem wie auch immer gearteten Ende zu erzählen. Er versteht sich nicht als erziehender Moralist - schon gar nicht mit dem Zeigefinger -, der überdeutlich an die Missstände dieser Welt erinnert, sondern er zeigt diese, wenn überhaupt, an der Situation der Einzelnen gegenüber der Gruppe, und dies mit rein tänzerischen Mitteln. Bruce, der sich neben seiner choreografischen Tätigkeit auch entschieden für verschiedenste Organisationen wie Amnesty International engagiert und durchaus auch gesellschaftlich eindeutige Choreografien erarbeitet hat, bleibt in dieser Produktion dem Tanz selbst verpflichtet und lässt eventuelle Konflikte nur von Zeit zu Zeit durchscheinen. So sitzt anfangs die Protagonistin in einem alten grauen Mantel zusammengesunken auf der Bühne, bis ihr zwei Männer in leicht ambivalenter Weise den Mantel ausziehen und sich um sie "kümmern". Dieses Kümmern lässt sich unterschiedlich interpretieren, ist aber eindeutig nicht erotisch gemeint. Diese mehrdeutige Darstellung zieht sich durch die gesamte Produktion, und erst die Reaktionen der Protagonisten aufeinander lassen so etwas wie eine Konfrontation zwischen der einzelnen Frau und der Gruppe erkennen. Auch am Ende dieser nicht erzählten Geschichte steht dann kein dramatischer "Showdown", sondern lediglich die unausgesprochene Aussage, dass es eben genauso weitergehen wird. Tänzerisch und musikalisch kam diese Choreografie dem natürlichen - und nicht zu beanstandenden - Unterhaltungsbedürfnis des Publikums wesentlich näher als die Produktion von Martin Schläpfer. Deshalb hatte man sie wahrscheinlich auch an den Schluss gestellt. Nach den Anstrengungen der ersten Hälfte hatten sich die Zuschauer ein wenig Schwung und Belebung verdient. Für diesen zeitweise rasanten Abschluss des Balletabends bedankte sich das Publikum noch einmal mit lang anhaltendem, mehr als freundlichem Beifall. Diese Produktion wird sicher noch einige Zeit vor ausverkauftem Haus laufen. Frank Raudszus |
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