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Satirische Zeitreise
ins wilhelminische Berlin |
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Carl
Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" als Inszenierung der Neuen
Bühne Darmstadt |
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Neben den
staatlich subventionierten öffentlichen Theatern hat sich in den
meisten größeren Städten eine freie Theaterszene
entwickelt, die das theatralische Angebot um bestimmte Genres - z. B.
Boulevard-Komödien - oder selten gespielte Stücke erweitert.
Diese privaten Ensembles zeichnen sich oft durch hohes
persönliches Engagement und Ideenreichtum aus, wie man ihn in
großen Institutionen selten findet. Die Neue Bühne Darmstadt hat
sich auf diesem Gebiet in Darmstadt fest etabliert und findet seit
Jahren in seinem Arheilger Domizil ein treues Publikum. Die neueste
Inszenierung bringt Carl Zuckmayers traurig-böse Militär- und
Gesellschaftssatire "Der Hauptmann von Köpenick" auf die
Bühne und feierte am 10. November Premiere. Axel Raether (Wabschke)
und Ralph Dillmann (Wormser)Carl Zuckmayer nahm für sein 1930 entstandenes Stück die Zeitungsmeldung über einen ähnlichen Fall zur Vorlage. Bei ihm hat der Schuster Wilhelm Voigt wegen einer Jugendsünde ganze fünfzehn Jahre abgesessen und beantragt jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung, um sich Arbeit suchen zu können. Den Behördenstatuten zufolge benötigt er jedoch gerade einen Arbeitsnachweis, um diese Genehmigung zu erhalten. Ein klassischer Teufelskreis, den die sture Amtslogik nicht erkennen und Voigt nicht aufbrechen kann. In nächtlichen Asylgesprächen mit ehemaligen Knastkollegen baldowert er einen Überfall auf das nächste Passamt aus, um sich selbst die benötigten Papiere zu besorgen. Natürlich geht der Überfall schief und Voigt erneut für zehn Jahre ins Gefängnis. Zur gleichen Zeit muss der so schneidige wie arrogante Hauptmann von Schlettow den Dienst quittieren, weil er - in Zivilkleidung und in einem nicht standesgemäßen Billardsalon - mit einem betrunkenen Soldaten in eine Schlägerei gerät und auf dem Polizeirevier landet. Als Offizier nicht mehr tragbar, überlässt er seine nagelneue Unifor dem diensteifrigen Schneider Wormser, der sie wiederum dem Bürgermeisterkandidaten und frischgebackenen Leutnant der Reserve Dr. Obermüller verkauft. Als Voigt nach zehn Jahren aus dem Gefängnis kommt, beginnt erneut die vergebliche Lauferei nach Aufenthaltsgenehmigung oder Pass. Bei seiner Schwester Marie, deren Mann - ein braver Beamter und begeisterter Reservist - sehnlichst auf seine Beförderung zum Vize-Feldwebel hofft, findet er Unterschlupf. Als weder das Rathaus ihm die Aufenthaltsgenehmigung geben noch die Industrie ihn als "Ungedienten" einstellen will, reift in ihm der Plan, die uneingeschränkte Bewunderung der Gesellschaft für das Militär für seine Zwecke zu nutzen. Der klägliche Tuberkulose-Tod der jungen Untermieterin seiner Schwester lässt den bis zu diesem Zeitpunkt noch an den Sinn der staatlichen Ordnung glaubenden Voigt endgültig an dieser verzweifeln und die Grenzen zur Illegalität leichten Herzens überschreiten. Beim Trödler ersteht er die mittlerweile dort gelandete Uniform des Dr. Obermüller - der hat sich eine neue, schickere anfertigen lassen - und staffiert sich auf der Bahnhofstoilette zum Hauptmann aus. Als die Bahnbeamten in Ehrfurcht vor ihm erstarren, wächst sein Mut, er unterstellt sich auf der Straße kurzerhand einen Trupp Soldaten und verhaftet den Köpenicker Bürgermeister Dr. Obermüller, um sich anschließend auf dem Rathaus selbst einen Pass auszustellen. Als er feststellen muss, dass es im Rathaus keine Pässe gibt, entlässt er seine Soldaten und stellt sich einen Tag später mit der nur geringfügig dezimierten Stadtkasse der Polizei. Als er sich auf deren Verlangen noch einmal die Uniform anzieht und sich im Spiegel sieht, schüttet er sich vor Lahen aus ob dieser Schießbudenfigur, die in der viel zu weiten Uniform auf ihn keinen Eindruck macht, seine Umgebung jedoch einige Stunden lang zu kritiklosem Gehorsam veranlasst hat. Carl Zuckmayer geißelt in dieser um die Jahrhundertwende spielenden Satire die Militärgläubigkeit der gesamten wilhelminischen Gesellschaft, in der Männer, die nicht "gedient" hatten, selbst trotz hoher akademischer Titel wenig galten. Erst die Offiziersuniform machte einen Mann zum Menschen, und welches Herz hinter dem blauen Tuch und den blitzenden Knöpfen schlug, welcher Kopf in der schneidigen Offiziersmütze steckte, spielte keine Rolle. Ein möglichst hoher Rang als Reserveoffizier spielte selbst für höhere Beamte und Verwaltungsangestellten eine zentrale Rolle in ihrem Leben, und die Damen der Gesellschaft schwärmten von den "feschen Leutnants". Dass in einer solchen Gesellschaft die Gerechtigkeit dem Einzelnen gegenüber oder gar die offenkundige, menschenverachtende Unlogik vieler behördlicher Verfügungen keine Rolle spielten, versteht sich von selbst. In einer solchen uniform- und hierarchieversessenen Gesellschaft konnte ein heruntergekommener Schuster in der Verkleidung eines Hauptmanns ungeahnte Erfolge erzielen. Gabriela Reinitzer
(Plörösenmieze) und Ulrich Sommer (Hauptmann von Schlettow)Bei der Neuen Bühne beginnt die Aufführung bereits gut eine Stunde vor der ersten Szene. In der Arheilger Spielstätte, einem ehemaligen Kino, steht auch eine gastronomische Infrastruktur zur Verfügung, und das Personal dazu spielt der Einfachheit halber das Ensemble. Dabei bemüht man sich grundsätzlich, das Lokalkolorit der anstehenden Aufführung auch auf das gastronomische Ambiente zu übertragen. So entsprechen nicht nur Speise- und Getränkekarte formal und inhaltlich dem historischen Hintergrund des jeweiligen Stücks - in diesem Fall Bouletten und Flaschenbier - sondern auch das Servicepersonal gibt sich als Kellner mit "Berliner Schnauze", was schon in diesem kulinarischen Vorprogramm für einige Lacher und eine gelockerte Atmosphäre sorgt. Interessenten sei dabei geraten, früh zu erscheinen, denn das vorgeschaltete Essensprogramm ist bei der Neuen Bühne bereits zum Ritual geworden, sodass man eine halbe Stunde vor Aufführungsbeginn bereits nach freien Plätzen suchen muss. Außerdem ist jedem Interessenten zu empfehlen, die Küche des Hauses kennenzulernen, denn man bemüht sich hier erfolgreich um einfache und ursprüngliche - neudeutsch: authentische - Gerichte, deren Genuss ein geradezu unverzichtbarer Teil der Gesamtinszenierung ist. Der theatralische Teil des Abends erfüllt unter der Regie von Renate Renken ebenfalls die Wünsche und Vorstellungen des Publikums. Rainer Poser spielt einen so verzweifelten wie gutgläubigen Schuster Voigt, dem selbst 25 Jahre Gefängnis für vergleichsweise harmlose Vergehen nicht seinen Glauben an die Gesellschaft und die bestehende Ordnung rauben können. Selbst auf offenkundige Widersprüche und menschenfeindliche Sturheit reagiert sein Voigt mit naivem Unglauben und der felsenfesten Überzeugung, dieses Unglück irgendwie besiegen zu können. Rainer Posers Schuster wirkt vom ersten bis zum letzten Moment glaubwürdig, und selbst sein Hauptmann zeigt trotz seiner strammen Uniform noch menschliche Züge. Neben ihm überzeugen - um nur einige zu nennen - Axel Raether als Ganove Kallenberger oder Zuschneider Wabschke, Ralph Dillmann als Schneider Wormser und Schwager Hoprecht sowie vor allem Gabriela Reinitzer als Voigts Schwester Marie, die Gattin des Oberbürgermeisters und als kesse Halbweltdame "Plörösenmieze". Doch auch die anderen Mitglieder des Ensembles füllen ihre Rollen mit viel Engagement und Witz voll aus, wobei jeder Darsteller drei oder mehr Rollen zu spielen hat, was hohe Anforderungen an schnellen Kostüm- und Rollenwechsel stellt. Bisweilen ist es schwierig, die Darsteller richtig zuzuordnen, so gut sind Maske und Mimik. Der "Hauptmann von Köpenick" gilt landläufig aks Komödie, weil allein schon die Frechheit der Autoritätsanmaßung Gelächter weckt. Doch die Geschichte ist alles andere als humorig: Zuckmayer wirft ein grelles Licht nicht nur auf den Uniformkult sondern auch auf die desolaten sozialen Verhältnisse des frühen 20. Jahrhunderts, vor allem in den unteren sozialen Schichten. Das Ensemble der neuen Bühne hat diesen bitteren, eher satirischen denn komödiantischen Zug von Zuckmayers Theaterstück konsequent und überzeugend herausgearbeitet. Dass dabei jedoch auch der Unterhaltungsaspekt nicht zu kurz und das Grotesk-Witzige im Absurden zum Vorschein kommt, ist ein besonderes Verdienst des gesamten Ensembles. Das Premierenpublikum wusste diese Leistung wohl zu schätzen und geizte nicht mit Beifall, sowohl zwischen den Szenen als auch beim Schlussapplaus. Weitere Aufführungen jeweils freitags und samstags um 20:00 Uhr, im Dezember auch am 6. und 16. Frank Raudszus |
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