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Kampf der Klangwelten |
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Das 3.
Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt brachte große Musik
von Rachmaninow und Skrjabin |
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So mancher
Konzertbesucher ging an diesem Sonntag sicher mit eher gemischten
Gefühlen zum Konzert des Staatstheaters Darmstadt. Geht doch
Sergej Rachmaninow seit jeher ein wenig der Ruf eines Salonromantikers
voraus, und von Skrjabin werden die meisten - wenn überhaupt - nur
seine streckenweise fast atonale Klaviermusik kennen. Sein sinfonisches
Werk gehört dagegen nicht unbedingt zu den Rennern des
Repertoirebetriebs. Um es gleich vorab zu sagen: wer an diesem
verregneten Dezembermorgen dann doch zum Konzert ging - und das waren
glücklicherweise sehr viele - hatte recht daran getan, denn das
Ensemble bot an diesem Tage wieder einmel Spitzenkost! Mit Sergej Rachmaninows
drittem Klavierkonzert in d-moll und Alexander
Skrjabins zweiter Sinfonie in c-moll hatte man Werke zweier
russischer Komponisten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg
ausgewählt, die unterschiedlicher nicht hätten sein
können: obwohl Kommilitonen am Konservatorium, entwickelten sie
sich musikalisch bald auseinander und wurden später sogar zu
Gegnern. Den einen, Rachmananinow, hat Strawinsky einmal boshaft als
Komponisten hervorragender
Filmmusik
verunglimpft, der andere wurde wegen seiner modern-atonalen Musik von
Kritik und Publikum lange abgelehnt und sogar ignoriert. Heute, hundert
Jahre später, erkennt man beiden entspannt ihren eigenen
Stellenwert zu und schätzt ihre jeweilige Musik als Spiegel der
Epoche. Pianist Bernd GlemserAls Solist für Rachmaninows Klavierkonzert hatte man Bernd Glemser engagiert. Seine Qualitäten lassen sich mit der Feststellung beschreiben, dass er bereits 1989 eine Professur erhielt, obwohl er noch an der Musikhochschule Freiburg studierte. Er hat damals sozusagen sich selbst überholt! Rachmaninows Klavierkonzert galt lange Zeit wegen seiner enormen technischen Anforderungen als nahezu unspielbar. Glemser hat diese Meinung an diesem Abend gleichzeitig belegt und widerlegt. Seinen Händen sah man die außerordentliche Herausforderung buchstäblich an, derartig wirbelten sie über den Tasten, verschränkten sich in- und übereinander und schöpften die gesamte Breite der Tastatur aus. Selbst in dem Orchester sah man langgediente Musiker, die wie gebannt dem solistischen Vortrag folgten und mit ihrer Mimik den furiosen Läufen und Akkorden folgten. Sergej RachmaninowRachmaninows Konzert steht noch deutlich in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Einerseits fühlt man sich - in den langgezogenen Passagen - an Chopins Klavierkonszerte erinnert, dann wieder blitzt in den schnellen, eng gespielten Passagen Tschaikowskys erstes Klavierkonzert durch. Eigenzitate aus dem zweiten Klavierkonzert ergänzen das Bild. Im ersten und letzten Satz bieten ausgreifende Kadenzen ohne Orchesterbegleitung dem Solisten die Gelegenheit, nicht nur seine technische Perfektion zu beweisen, sondern auch das musikalische Material nach eigenen Vorstellungen frei zu gestalten. Es waren diese Stellen, die das Orchester gebannt zuschauen ließen. Doch nicht nur Virtuosität prägt dieses Stück. Der erste Satz beginnt mit einem eingängigen Thema und gemäßigtem Tempo, es überwiegt noch der kontemplative Charakter. Erst langsam entwickelt sich daraus der Rausch der Läufe und Akkorde, der jedoch bei Glemser nie falsch-romantisch, d. h. breit und breiig, sondern stets gestochen scharf und kompromisslos klingt. Glemser nahm dem Stück jede falsche Salon-Romantik und zeigte durch seine transparente und konsequente Interpretation die innere Struktur der Komposition auf. Der zweite Satz trägt überwiegend lyrische Züge und schwingt sich nur selten zur Expressivität auf. Auch hier verzichtete Glemser auf eine überzogene Verinnerlichung, nutzte die auftretenden Dissonanzen als deutliche Akzente und blieb auch in den subtilsten Motiven dieses Satzes noch Herr über die Interpretation. Der dritte Satz führte dann noch einmal zur Expressivität des ersten Satzes mit gehämmerten Akkordketten zurück und forderte das gesamte technische Können dieses Ausnahmepianisten. Das Orchester unter der Leitung von Stefan Blunier folgte dem Pianisten mit viel Gespür für den Klavierpart, wenn auch manchmal der voll ausgeschöpfte Orchesterklang mit Bläsern und Schlagzeugt den Flügel akustisch überdeckte. Aber das war dann vom Komponisten so gewollt, dann sah er seine Komposition als Sinfonie mit obligatem Klavier. Doch hob sich dann der Flügel wieder aus dem sich zurücknehmendem Orchester heraus und übernahm erneut die klangliche und thematische Führungsrolle. Nach den letzten markanten Akkroden von Flügel und Orchester brach nach einem kurzen "Schockmoment" begeisterter Beifall mit "Bravo"-Rufen aus, und erst die Zugabe des Solisten konnte das Publikum wieder zur Ruhe bringen. Alexander SkrjabinAlexander Skrjabins zweite Sinfonie ist dagegen aus ganz anderem Holz geschnitzt. Skrjabin hat sich schon früh der Moderne und dem musikalischen Experiment verschrieben. Manche bezeichnen ihn deswegen sogar als Vorläufer Schönbergs. Auf jeden Fall spielte der dissonante Klang bei ihm schon früh eine wesentliche Rolle und systematisch lotete er die Grenzen des tonalen Systems aus. Dabei enthält die 2. Sinfonie auch deutliche Parallelen zu Zeitgenossen wie Gustav Mahler oder Richard Strauss. Auf den ersteren verweisen vor allem die lang ausgehaltenen Motivbögen der Streicher, der letztere scheint dagegen immer wieder im Zusammenspiel mit den Bläsern durch. Auch vor deutlich programmatischen Elementen machte Skrjabin nicht halt. Ein ganzer Satz wird durch maßgeblich durch ein Flötenmotiv bestimmt, das unverkennbar Vogelstimmen imitiert. Neben diesen Anklängen an Zeitgenossen und Naturklänge tritt der harte Orchesterklang mit bewusst dissonanten, sich übereinander auftürmenden Akkorden, die sich zu grellen Höhepunkten verdichten. Neben den forciert eingesetzten Bläsern spielt dabei auch das Schlagzeug eine wesentliche Rolle, das die sich steigernde Erregung des Orchesters immer wieder wie mit einem befreienden Schlag auflöst. Und als Kontrast dazu löst sich die Klarinette aus den Dissonanzen und schwingt sich zu reinem Wohllaut durch alle Lagen auf. Was niemand für möglich hielt, wurde an diesem Morgen zum Ereignis: trotz aller provozierenden Harmonik geriet diese Sinfonie dank ihrer Ausdrucksbreite und Vielfalt sowie durch die zupackende und kompromisslose Interpretation durch das Orchester zu einem weiteren Höhepunkt. Das normalerweise nicht gerade auf moderne Musik erpichte Abonnementspublikum zeigte sich rundweg begeistert von dieser herausragenden Leistung des gesamten Orchesters unter Stefan Blunier, und durch den stürmischen Beifall hörte man verschiedene Unterhaltungen zwischen Besuchern, die sich gegenseitig ihrer einhelligen Bgeisterung versicherten. Wenn Musik des zwanzigsten Jahrhunderts auf diese Weise geradezu zelebriert wird, kann sie sich zum Publikumsstück entwickeln. Bei Strawinskys "Sacre" ist diese Entwicklung bereits seit längerem eingetreten, warum sollten zukünftig nicht auch die seltener gespielten Sinfonien von Komponisten wie Skrjabin in diese Liga aufrücken? Frank Raudszus |
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