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Aimez-vous Brahms? |
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4. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt mit Sonaten von Johannes Brahms |
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Je kleiner
die Besetzung einer musikalischen Gruppe, desto höher der
Stellenwert bei Musik-Kennern. So könnte man deren Mentalität
etwas vergröbert kennzeichnen. Während so mancher Liebhaber
der sogenannten "E-Musik" bei der Erwähnung von Sinfonien ein
nachsichtiges Lächeln sich nicht verkneifen kann, wecken
Solovorträge von Pianisten oder Violinisten sein höchstes
Interesse. Vielleicht liegt es daran, dass sich beim Solospiel -
ähnlich wie beim Sport - kein Musiker hinter dem Ensemble
verstecken kann, sondern sowohl die technische wie die
interpretatorische Verantwortung allein und in vollem Umfang auf seinen
Schultern lastet. Diese Herausforderung der
Konzentration und des Intellekts reizt natürlich auch den
erfahrenen Rezipienten.
An diesem Abend erschienen im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt zwei junge Franzosen, um ausgerechnet Werke des "urdeutschen" Komponisten Johannes Brahms vorzutragen. Der Violinist Renaud Capuçon stammt aus einer Musikerfamilie und ist mit seinem Bruder bereits in Darmstadt aufgetreten, und der Pianist Frank Braley ist einer seiner "ständigen Begleiter" in verschiedenen Konstellationen. Angesichts der Herkunft beider Musiker liegt die Frage in der Titelzeile dieses Beitrages natürlich auf der Hand, und nach diesem Abend ist man sich sicher, sie hätten sie emphatisch mit "ja" beantwortet. Im Grunde genommen lieferten sie die Antwort in den zwei Stunden des Programms, das an diesem Abend dem Darmstädter Publikum den Komponisten Brahms näherbrachte. Einen
Komponisten lernt man am besten in seiner Kammermusik kennen. Dort wird
alles auf das Wesentliche reduziert, und der Orchesterkörper kann
etwaige kompositorische Mängel nicht durch reine Klangfülle
überdecken. Schon aus diesem Grunde war das Programm dieses Abends
außerordentlich lehrreich und erfüllend, denn Brahms zeigt
sich in diesen Werken als Meister der Kammermusik, wenn auch sein
sinfonischer Gestus immer wieder durchschimmert. So ersetzt allein der
Flügel ein halbes Orchester, dermaßen akkordisch und
voluminös tritt er auf. Auch die breit dahinfließende Musik
erinnert an seine eigenen Sinfonien. Man ist fast versucht,
landschaftliche Bilder zu bemühen: während bei Mozarts
Kammermusik die Salzach über Bäume und Stöcke ins Tal
schießt und sprudelt, strömt bei dem Hamburger Brahms stets
die Elbe in gleichmäßigem Fluss hinab zur Nordsee.
Doch genug
der Vergleiche und zur Musik: am Anfang stand die Sonate in G-Dur op
78, die sogenannte Regenlied-Sonate aus dem Jahr 1878/79. Wie auch im
folgenden Werk stand ein Gedicht des norddeutschen Dichters Klaus Groth
Pate, hier das "Regenlied". Das "Motto" dieses Gedichts schlägt
sich in der tropfenartig perlenden Phrasierung des Klaviers zu
Beginn des ersten Satzes nieder. Brahms stellt wenige Motive an
den Anfang und variiert diese anschließend nach allen Regeln der
Kunst harmonisch, melodisch, rhythmisch und im Zusammenspiel von
Klavier und Violine. Das lässt einen durchgehenden Themenkomplex
wie in der klassichen Sonate nur schwer wiedererkennen. Bei Brahms -
und den anderen Romantikern - steht nicht die nachvollziehbare
Verarbeitung eines Hauptthemas im Vordergrund, sondern die
Auflösung gegebener Motive in unterschiedlichste Klangfarben und
-wirkungen. Auf den Zuhörer übt dies eine sogartige Wirkung
aus, die ihn aus dem musikalischen Vortrag als Ereignis der
Realität in die innere Welt des musikalischen Ausdrucks
entführt. Diese musikalische Verinnerlichung trägt oft
melancholische, zeitweise fast schwermütige Züge.
Während die Klassik von der Aufbruchstimmung der Aufklärung
befeuert wurde. zieht sich die Musik von Brahms und seinen Zeitgenossen
in die Innerlichkeit des romantischen Individuums zurück. Die
beiden Musiker brachten diese Stimmung in ihrem Vortrag sehr gut zum
Ausdruck, wenn auch in dieser ersten Sonate der Flügel zeitweilig
etwas zu sehr dominierte und Frank Braleys Anschlag bisweilen im
Vergleich zur zäußerst zart gespielten Violine etwas hart
klang.
Das zweite
Werk, die sogenannte "Thuner Sonate", op. 100 in A-Dur, wirkte in jeder
Hinsicht als Steigerung. Nicht nur ist das Thema wesentlich
eingängiger und wiedererkennbar, sondern auch der Vortrag gewann
nun an Kontur und Ausgewogenheit. Renaud Capuçon schien nun die
Zurückhaltung des ersten Stücks aufzugeben und an
Prägnanz mit Frank Braley gleichzuziehen, der seinerseits etwas
weicher und variabler spielte. Nahezu perfekt präsentierten die
beiden diese Sonate, die immer wieder das Eingangsthema prägnant
in verschiedenen Konstellationen zitiert. Der zweite Satz stellt
insofern eine Besonderheit dar, als er nahezu alle Tempi vom "Andante
tranquillo bis zum "Vivace" durchläuft und damit eine für
einen zweiten Satz ungewöhnliche Dynamik aufweist. Nach der
Pause folgte die Sonate in d-moll, op. 108, aus den Jahren 1886-88.
Hier verlässt Brahms wieder das Prinzip des dominanten Themas -
wie in der "Thuner Sonate" - und konzentriert sich auf die Verarbeitung
des thematischen Materials. Die Motive wandern zwischen den beiden
Instrumenten hin und her, ändern dabei laufend ihre Gestalt und
ihren Ausdruck. Die je eigene Verarbeitung eines Themas in Violine und
Klavier vermittelt bisweilen den Eindruck, als musizierten hier zwei
Musiker nebeneinander und nur zufällig mit dem gleichen Material,
aber dann finden sie doch wieder über das Thema zusammen und
agieren als Duo. Dabei rührt der Eindruck der Parallelität
nicht etwa von einer selbstbezogenen Spielweise der beiden Interpreten
her sondern allein von der Komposition, die jedem der beiden
Instrumente erhebliche thematische Aktivitäten zuteilt. Renaud
Capuçon und Frank Braley zeigten bei diesem Werk noch einmal ihr
ganzes technischen und interpretatorisches Können und verstanden
sich am Schluss fast blind. Der Beifall
des Publikums holte dann die beiden Musiker nicht nur mehrere Male auf
die Bühne zurück, sondern motivierte sie schließlich
auch noch zu einer Zugabe, dem Scherzo aus der berühmten
"F-A-E-Sonate", einem Gemeinschaftswerk von Schumann, Brahms und dem
Dirigenten Albert Dietrich aus dem Jahr 1853. Frank Raudszus |
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