Clown am Zirkusboden - ratlos



Benjamin Brittens Oper "Billy Budd" in der Oper Frankfurt

 

Große Literatur versteckt sich oft in kleinen Novellen. Das Besondere an diesen Geschichten ist, dass sie durchaus auf verschiedenen Verständnisebenen gelesen werden können. So lässt sich Hermann Melvilles "Moby Dick" - wenn auch keine Novelle, sondern ein veritabler Roman - durchaus als Abenteuer-Roman lesen, und Generationen von Lesern werden das Buch auch in eben dieser Erwartungshaltung verschlungen haben. Die Literaturgeschichte hat es jedoch seit langem als eins der epochalen Werke über  menschliches Leben, Streben und Leiden in eine Ebene mit anderen Werken wie Cervantes "Don Quichotte"oder Goethes "Faust" gestellt. Ähnliches gilt für Melvilles Novelle "Billy Budd", die vordergründig lediglich die Zustände an Bord britischer Kriegsschiffe Ende des 18. Jahrhunderts am Beispiel des unglücklichen Matrosen Billy Budd  beschreibt. Die Marine hat - wie damals aufgrund des chronischen Personalmangels üblich - Billy mit Gewalt direkt von dem Handelsschiff "Rights of Men" entführt und in den Dienst "Seiner Majestät" gepresst. Billy, der schon an Bord der "Rights of Men" bei Kameraden und Vorgesetzten beliebt war, nimmt sein Schicksal nicht nur auf die leichte Schulter, halt "wie es kommt", sondern sieht auch wie ein zweiter Candide immer das Positive im Wechselspiel des Schicksals. Kaum auf dem Linienschiff "Indomitable" eingetroffen, freut er sich schon darauf, seinem König dienen zu dürfen und die "Franzmänner" bei jeder Gelegenheit in die Flucht schlagen zu können. Seinen fröhlich hinausposaunten Abschied auf die "Rights of Men" - Menschenrechte! - fassen die Offiziere der "Indomitable" jedoch ganz anders auf, sitzt doch die französische Revolution allen Vertretern der Oberschicht im Nacken. Und so beauftragen sie den Waffenmeister Claggart, ein Auge auf Billy zu haben. Dieser ist jedoch das exakte Gegenstück zu Billy Budd. Claggart verkörpert das Böse schlechthin, ein Böses, das nicht aus menschlichen Schwächen wie Neid, Missgunst oder Stolz sich nährt, sondern ohne Grund und ohne Ziel einfach nur ist. Das Böse - hier in der Gestalt Claggarts konkretisiert - hasst nur eins: die Großzügigkeit und Großherzigkeit, sprich: die Liebe. Billy Budd liebt das Leben, die Welt und die Menschen. Da er ohne  jeglichen Arg ist, stellen sich Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft und Ehrlichkeit wie von selbst bei ihm ein. Auch Claggart gegenüber tritt er offen und vertrauensvoll auf, was bei diesem geradezu instinktiv zu Abwehrreflexen führt. Claggart hat sich in der homogenen und hermetischen Welt des Bösen eingerichtet. In dieser Welt ist alles an seinem Platz, Schuld und Strafe regeln das Zusammenleben der Menschen, und die berechenbare Negativität des Lebens sorgt für stabile Verhältnisse. Das plötzliche Auftreten der Liebe stellt diese Welt in Frage und destabilisiert die geordneten Verhältnisse. Claggarts Angst vor der Liebe ist letztlich die Angst vor der Enttäuschung, denn wer sich einmal voraussetzungslos dem Guten öffnet, gibt sich eine Blöße, in die der Feind stoßen kann. Die Negativität als bestimmendes Element der Welt schützt vor üblen Überraschungen und darf daher nicht dem Prinzip des Guten weichen.

Peter Mattei (Billy Budd), Clive Bayley (John Claggart)Peter Mattei (Billy Budd), Clive Bayley (John Claggart)

Claggart setzt aus diesen Gründen ein intrigantes Kesseltreiben gegen Billy Budd ins Werk, dem dieser natürlich erliegen muss. Als Claggart ihn vor dem Kapitän der Meuterei anklagt, versagt dem Stotterer Billy vor Überraschung und hilfloser Wut die Stimme, und er kann sich nur mit einem tödlichen Faustschlag aus dieser Blockade befreien. Obwohl Kapitän Vere Claggart durchschaut und Billys Gutherzigtkeit erkannt hat, stehen die Gesetze der Kriegsmarine über allen persönlichen Erwägungen, und das Offizierstribunal verurteilt Billy zum Tode. Der Kapitän überbringt Billy persönlich die Nachricht, und am nächsten Morgen erleidet dieser vor den Augen der Mannschaft den Tod durch Erhängen. Vorher hat er jedoch im vollen Bewusststein seines nahenden Todes den Kapitän gesegnet, weil er dessen Qualen erkannt hat. Billy stirbt im Einverständnis mit sich und der Welt, er erkennt, die Notwendigkeit des Todesurteils an und geht als ein Geläuterter in den Tod. Kapitän Vere hätte ihn per Erlass retten können, doch er erkennt in diesem Moment, dass Welten ihn und Billy trennen. Als Unschuldiger nimmt Billy seinen Tod freiwillig hin, während Vere, der um die HIntergründe weiß und von Billys Unschuld überzeugt ist, den Rest seines Lebens an der Last tragen muss, dass Billy für ihn gestorben ist. Man kann Billy Budd durchaus mit Jesus Christuis vergleichen, nur dass die Passion keinen einsichtigen Gegenüber von der Statur eines Kapitän Vere kennt. Neben den rachsüchtigen Oberpriestern wäscht sich dort lediglich ein Pontius Pilatus eher gleichgültig die Hände in Unschuld.

Michael McCown (Squeak), Peter Mattei (Billy Budd), Carlos Krause (Dansker),Michael McCown (Squeak), Peter Mattei (Billy Budd), Carlos Krause (Dansker)

Benjamin Britten und seine Librettisten Edward Morgan Forster und Eric John Crozier haben Melvilles Novelle ein wenig umgestellt. Bei ihnen erscheint Kapitän Vere in einer Rahmenhandlung zu Beginn und am Ende als alter Mann und erinnert sich der Ereignisse damals im Jahre 1797, unter denen er noch heute leidet. Die Geschehnisse werden dagegen weitgehend textgetreu dargestellt.  Britten hat für diese Oper eine neuartige Instrumentierung entwickelt. Das Saxophon, bis dahin hauptsächlich im Jazz präsent, übernimmt mit seinem warmen Klang Billy Budds musikalische Charakterisierung. Daneben kommen die Blechbläser und das Schlagzeug konturiert zum Einsatz. Flöten sorgen in dem martialischen Klangkörper für das Aufkeimen zarter Hoffungen, die jedoch immer wieder von den harten Akkorden des Orchesters weggewischt werden. Britten beschreibt das Leben auf einem Kriegsschiff musikalisch als die Hölle. Da erfolgen Auspeitschungen bis an den Rand des Todes für kleine Nachlässigkeiten, und die Intrige beherrscht das tägliche Leben der Mannschaft. Matrosen werden zwangsweise aus ihren Familien gerissen und in den Dienst gepresst, die Offiziere schweben über dem Geschehen wie kleine Götter. Das Bild des ewig fahrenden, nie ankernden Schiffes nimmt unübersehbar metaphorische Züge an. Niemand kann das Lebensschiff verlassen, und Erlösung winkt nur am Ende einer nicht vorhersehbaren Entwicklung. Die Musik setzt dieses fast schon endzeitliche Bild in kompromisslose Klänge um. Diese Oper kennt auch keine Arien im üblichen Sinne, die Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts sowieso nur noch eine marginale Rolle spielten. Soloauftritte der Protagonisten erfolgen in einer Art Sprechgesang, entfernt dem alten Rezitativ ähnlich, doch mit anderem Hintergrund. Britten verzichtet bewusst auf den Wohlklang der Arie, die in klassischen Opern immer ungefilterte - per definitionem "schöne" - Emotionen widerspiegeln sollte. Diesen Fluchtweg in die Harmonie der Musik versagt Britten sich und dem Publikum. Er kleidet die Monologe von Billy, Claggart oder Kapitän Vere in eine Gesangssprache, die unmittelbar die psychische Struktur der Protagonisten zum Vorschein bringt. Besonders bei Claggarts langem Monolog kommt dessen geradezu immanente Bosheit auch musikalisch in Form einer kristallklaren und doch zerrissenen Musik zum Ausdruck.

John Mark Ainsley (Edward Fairfax Vere), Peter Mattei (Billy Budd),John Mark Ainsley (Edward Fairfax Vere), Peter Mattei (Billy Budd)

Daneben schildert Britten jedoch auch das alltägliche Leben an Bord durch eine Anzahl von Choreinlagen, die sich an die Shanty-Kultur anlehnen. In diesen Szenen ist er volksnah, bodenständig und von einer natürlicher Heiterkeit, die sich unter schlimmsten Umständen immer wieder ihre kleinen Nischen sucht. Das Zusammenstehen und einträchtige Miteinander der Mannschaften zeigt Britten szenisch und musikalisch ebenso wie die geradezu autistische Selbstisolation der Offiziere, die immer nur nebeneinander agieren. Nur einmal handeln sie gemeinsam: bei Bills Budds Verurteilung. Kapitän Vere tritt - seiner Stellung entsprechend - grundsätzlich als Einzelfigur auf. Ein Zusammentreffen mit Mitgliedern seiner Mannschaft führt fast immer zu  dramatischen oder gar tödlichen Konflikten. Ein bisschen schlägt sich darin auch die antike Auffassung nieder, dass der Mensch beim Zusammentreffen mit höheren Mächten nur verlieren kann.

Die Frankfurter Inszenierung kann man mit Recht als durchweg beeindruckend bezeichnen. Antony McDonald hat das Bühnenbild als Schnittmenge von Sporthalle und Gefängnis ausgelegt. Auf Galerien kommen und gehen die Offiziere wie die Aufseher im Gefängnis, unten arbeitet, streitet und leidet die Mannschaft. Runde Fenster im Hintergrund verweisen auf das maritime Umfeld. Von links rücken zeitweise die Schlaf- und Waschräume der Mansnchaft in die Bühnenmitte, von rechts die Kammer des Kapitäns, in dem sich die unheilvolle Gegenüberstellung abspielt. Die Kostüme verweisen eindeutig auf die Marinekluft des 20. Jahrhunderts und damit auf die Zeit des Komponisten. Der Verzicht auf historisierende Kostüme kommt der Ernsthaftigkeit und der Konsistenz der Inszenierung zugute, entwickeln doch historische Kostüme gerne einen Verniedlichungseffekt, der das Geschehen unter dem "bunten Rock" marginalisiert. Die einheitlichen blauen Uniformen der Offizieren dagegen verbreiten gnadenlose Konsequenz, ihre übergeworfenen Roben - so nur vor Gericht üblich - verweisen auf die Richtereigenschaft ihrer Träger.

Die Darsteller setzen dann mit ihren Leistungen den entscheidenen Akzent. Allen voran ist Clive Bailey als John Claggart zu nennen, der nicht nur über einen imponierenden Bass verfügt, sondern diesen auch je nach Situation mit den verschiedensten Schattierungen versehen kann. Ein Höhepunkt des Abends war sicher sein langer Monolg, in dem Claggart die Maske fallen lässt und seiner Angst vor dem Guten freie Bahn lässt. Schon dieser Auftitt war den Abend wert. Peter Mattei stand ihm als Billy Budd in nichts nach und verlieh dieser Figur eine weltoffene Freundlichkeit und Lebensfreude, die in scharfem Kontrast zu Claggart stand. Peter Mattei singt nicht Billy Budd, er IST Billy Budd. Wenn er am Ende des Stücks unter dem tödlichen Strick schluckt, sieht man ihm die Todesangst förmlich an und leidet mit ihm. Mattei zieht wie ein "Hans im (Un-)Glück" durch den Abend, seine Präsenz macht ihn zum zweiten Brennpunkt der Ellipse, in der sich das Geschehen abspielt. John Mark Aisley spielt den Kapitän Vere als innerlich zerrissenen Schöngeist, der wohl lieber eine universitären Karriere als die Offizierslaufbahn eingeschlagen hätte. Er liest in seiner knappen Freizeit Plutarch, und die hasserfüllten Bosheiten eines Claggart sind ihm genauso zuwieder wie der karriereorientierte Diensteifer seiner Offiziere ihn langweilt. Ainsley bringt diese Zerrissenheit zwischen dem Glauben an eine gute Welt und dem täglichen Handeln und Führen in der bestehenden Welt sowohl stimmlich als auch darstellerisch überzeugend zum Ausdruck. Neben diesen Protagonsiten verleihen auch die anderen Darsteller - Simon Bailey als Mr. Redburn, Magnus Baldvinsson als Mr. Flint und Andreas Macco als Lieutenant Ratcliffe und andere der Inszenierung Kontur. Der Chor füllt die Bühne nicht nur physisch sondern auch stimmlich und lässt die Atmosphäre eines voll besetzten Kriegsschiffes lebendig werden.

Das Orchester ist in allen Positionen hervorragend besetzt, vor allem die Bläser zeichnen sich durch exakte und auasdrucksstarke Spielweise aus. Dirigent Paul Daniel gelang es, die dramatischen und in ihrer Tiefe fast religiösen Ereignisse auf der Bühne in einen eigenständigen musikalischen Rahmen zu bringen, so dass die Musik nie als bloße Begleitung der Handlung wirkte. Am eindrucksvollsten war dabei die Passage, wenn Kapitän Vere Billy Budd das Urteil überbringt: reine Musik ohne Darsteller, die Unterhaltung muss man sich hinter der Bühne denken. Doch Brittens Musik lässt diese Unterredung vor den Ohren und im Geiste des Publikums wirklich werden. Diese Szene ist der wahre Höhepunkt der gesamten Inszenierung, und auf der Bühne geschieht - nichts!

Das Publikum zeigte sich begeistert und dankte dem gesamten Ensemble mit stürmischem Beifall und vielen "Bravo"-Rufen.

Weitere Vorführungen am 9.,  Uhr.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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