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Franz Lehárs Operette "Das Land des Lächelns" als Austausch-Gastspiel des Staatstheaters Wiesbaden in Darmstadt

 

Operetten finden auch heute, im Zeitalter des Musicals, noch ihr Publikum. Wenn auch die Thematik meistens das gesellschaftliche Umfeld der k.u.k- oder wilhelminischen Monarchie widerspiegelt. bietet der erotische Schwerpunkt doch ausreichend zeitlosen Stoff. Außerdem weist die Operette schon als ein wesentliches "Kulturdenkmal" ihrer Zeit einen gewissen Stellenwert auf, der ihr auch heute noch das Überleben ermöglicht. Sieht man dann aber einmal eine Operette wie "Das Land des Lächelns" mit heutigen Augen - und mit wachem Blick -, dann ist nicht zu übersehen, dass die Handlung zu schablonenhaft an den jeweiligen Zeitgeist gebunden war, um heute noch eine Aussage zu leisten, die über den reinen Wohlklang der "Gassenhauer" hinausgeht. Um dies zu verdeutlichen, ist eine kurze Inhaltsangabe unerlässlich:

Lisa, Tochter einer der führenden Familien Wiens, verliebt sich in den chinesischen Gesandten oder - besser gesagt - in das Exotische in ihm. Ihr lokaler Verehrer, natürlich ein Leutnant, holt sich auf seinen Heiratsantrag daher einen Korb ab. Da auch der Chinese sich in die emanzipierte junge Dame verliebt hat, zieht man gemeinsam nach China, wo er den Posten des Ministerpräsidenten übernehmen soll. Doch schnell macht ihm das dortige Familienoberhaupt die Mesalliance klar und zwingt ihn, gemäß der Tradition vier Chinesinnen zu heiraten und die Österreicherin zurückzuschicken. Der nachgereiste Leutnant - warum eigentlich? - verliebt sich in die fesche - und ebenfalls westlich eingestellte - Schwester des neuen Herrschers, kehrt dann aber mit Lisa zurück nach Europa. Zurück bleiben allseits von der Liebe Enttäuschte. Das chinsesiche Geschwisterpaar muss sich den dortigen Sitten und Gebräuchen fügen, und das österreichische Paar wird eine Vernunftehe in Wien führen. Diese "Entführung aus dem Serail" mit umgekehrten Vorzeichen arbeitet eher mit vordergründigen Denkschablonen. Man merkt dem Libretto deutlich an, dass Lehár weder in China gewesen ist noch persönlich Chinesen kannte. Es werden einige angebliche Traditionen und eine nebulös verschiedene Denkart aufgeführt, ohne dass die Unterschiede weiter untersucht werden. Dabei sind die Chinesen natürlich die "Anderen" und die Europäer die "Richtigen". Es kann mit der Liebe nicht klappen, weil man so unterschiedlich ist. Alle Figuren sind in ihrem Wesen statisch, es entwickeln sich keine aufwühlenden Konflikten mit ihren Rückwirkungen auf die Seelenlage der Protagonisten, sondern der Tatbestand wird schnell festgestellt und das dramaturgische Urteil sofort gefällt.

Chor, StatisterieChor, Statisterie

Lehárs Operette über die "China Connection" ist jedoch insofern modern und ihren Vorgängern überlegen, als sie nicht in einer Mehrfachhochzeit endet, wie es in den meisten Operetten - und heutigen Schmachtfetzen - durchaus üblich ist. Das Lebensmodell der Protagonisten ist bereits gebrochen, das Glück eine Chimäre. Wer glaubt, dass Liebe entgrenzend und globalisierend wirkt, hat sich geirrt. Melancholisch kommen die innerlich Beschädigten zu dem Schluss "Schuster bleib bei Deinen Leisten...." und ziehen sich in eine immerhin materiell gut gepolsterte Entsagung zurück.

Nun könnte man meinen, dass es auch nicht Aufgabe der Operette sei, gesellschaftliche Widersprüche aufzuarbeiten und im Rahmen eines Konflikts zu schärfen, sondern dass sie Unterhaltung liefern solle. Das trifft zwar durchaus zu, dazu müsste aber auch die Unterhaltung zeitgemäß sein. Das muss nicht heißen, dass die Handlung ins Zeitgenössische transportiert und entsprechend angepasst wird, doch der Witz muss zumindest zeitlos sein. Bei Lehárs Operette hält sich dieser Witz jedoch durchaus in Grenzen, so, wenn er die langen Röcke der Tennisspielerinnen zeigt oder den Eunuchen am chinesischen Hof als Knallcharge anlegt. Das Buhlen der jungen Damen der Wiener Gesellschaft um die Aufmerksamkeit des exotischen Gesandten verweist zwar durchaus auf die heutige "Promi-Sucht", liefert aber nur kurzzeitig einen gewissen Unterhaltungswert. Ansonsten lebt die Operette von dem schlichten Liebeshändel zwischen den Protagonisten. Doch auch da hält sich die Dramatik in Grenzen. Leutnant Gustl akzeptiert den Korb (auf einen Heiratsantrag!) binnen weniger Sekunden und schwenkt gleich um auf "guter Freund", und der chinesische Herrscher diskutiert nur kurz mit seinem Familienoberhaupt, und auch nur in Worthülsen, als wolle er sagen: "Na ja, ich muss mich ja wohl zum Schein wehren". Schnell schreitet die Handlung fort zur nächsten Arie über Herz und Schmerz, Liebe und Leiden. Letztlich geht es darum, dem Publikum möglichst eingängige Melodien in einem auf die notwendige Logik zurechtgeschnittenen Handlungsrahmen zu liefern. Und das gelingt Lehár ohne Frage. Wer kennt sie nicht, die Arien "Immer nur Lächeln...", "wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt?" oder "Meine Liebe, deine Liebe" (fast möchte man darauf singen: "Gute Zeiten, schlechte Zeiten"!)?

Das Bühnenbild entspricht durchaus dem Grundcharakter der Operette, verzichtet aber in der Wiesbadener Inszenierung von Iris Gerath-Prein auf jegliches schwülstige k.u.k-Dekor. Ein knapp möblierter Salon mit wenig Möbeln macht schon das Wiener Ambiente aus, und beim chinesischen Hof darf natürlich das fernöstliche Bühnen-Schmuckkästchen in Rot und mit vielen Schriftzeichen nicht fehlen. Aber auch das ist als verständliches Zugeständnis an die Handlung und die Erwartungshaltung des Publikums akzeptabel und nicht übertrieben. Die Darsteller versuchen ebenfalls, der Operette so viel distanzierten Geist wie möglich einzuhauchen. Die Wiener Walzerseligkeit wirkt immer ein wenig ironisch gebrochen, und die Szenen am chinesischen Hof wirken fast schon zu rational - trotz des Drucks der Tradition. Man verspürt deutlich die Absicht, das schwülstige Moment der Donaumonarchie gar nicht erst zur Wirkung kommen zu lassen. Ironischerweise lebt aber die Operette gerade von dieser falschen Schwülstigkeit, es ist sozusagen ihr Lebenshauch, sodass die Inszenierung in ihrer ironsichen Distanz zeitweise etwas trocken wirkt.

Die sängerischen Leistungen sind jedoch ohne allen Tadel. Angus Wood gibt einen dynamischen Sou Chong (den Gesandten und späteren Herrscher) und überzeugt mit der Strahlkraft seines Tenors. Anette Luig steht ihm als die emanzipierte Lisa in nichts nach und setzt sich immer wieder mit ihrem variablen Sopran in Szene. Wolfgang Vater gefällt in der Doppelrolle von Graf Lichtenfels und Onkel Tschang und Zelma Kelly erntet als resolute Tante Hardegg und als Obereunuch einige Lacher.  Das Orchester unter der Leitung von Andreas Schüller liefert dazu eine schmissige Musik, die jede falsche Sentimentalität im Keim erstickt. Im Großen und Ganzen macht das Staatsthetaer mit dieser Inszenierung aus dem etwas angejahrten Stoff noch eine recht gute Unterhaltung.

Weitere Vorführungen erst wieder im Januar (siehe Spielplan)

Frank Raudszus

Alle Abbildungen © Martin Kaufhold

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