Die Diktatur des Proletariats




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Tennessee Williams' Theaterstück "Endstation Sehnsucht" im Staatstheater Darmstadt

In der Vorweihnachtszeit werden gerne rührselige Stücke über einsamen und alte Menschen gespielt, die angesichts des bevorstehenden Festes - meist durch Kinderseelen gerührt -  zum Guten und Schönen finden. In einer Art versteckter Ironie hat das Staatstheater Darmstadt zwar auch dieses Thema aufgegriffen, aber dabei ein Stück gewählt, das nicht über einige Umwege zum glänzenden Augen führt, sondern die Verzweiflung und die Selbstisolation des Einsamen thematisiert und schließlich mit dem Untergang der Protagonistin endet. Also genau das Richtige für die Adventszeit!

Gabriele Drechsel (Blanche) und Maika Troscheit (Stella)Gabriele Drechsel (Blanche) und Maika Troscheit (Stella)

Das Stück spielt in den Südstaaten der USA, in New Orleans. Dorthin ist die junge Stella gegangen, als die Ranch ihrer Eltern in Schwierigkeiten geriet. Sie heiratete den polnischen Einwanderer und Arbeiter Stanley und führt mit ihm ein typisches Unterschichtleben in einer kleinen Zweizimmerwohnung. In diese "Idylle" fällt eines Tages Stellas ältere Schwester Blanche ein, die in ihrem angestammten Heimatort als Lehrerin arbeitet. Schnell erschließt sich dem Zuschauer, dass Blanche finanziell am Ende ist, entgegen eigenen Aussagen die Schule wohl doch nicht freiwillig vor Beginn der Ferien verlassen hat und vor allem an der Flasche hängt. Doch Stella gegenüber wahrt sie die Contenance der Tochter aus besserem Hause, verschleiert den Verbleib des elterlichen Gutes und besteht auf einem Leben mit gesellschaftlichem und geistigem Format. Ihren Schwager Stanley lehnt sie vom ersten Moment wegen seiner ungehobelten Art, seiner bis zur Brutalität gehenden Direktheit und seiner Gemeinheit ab. Stanley sieht in ihr nur die alternde höhere Tochter mit einem gehörigen Dünkel und lässt sie das auch spüren. Vor allem seine Sexualität lebt er in der kleinen Wohnung auch vor Blanche ungeniert aus, um sie zu demütigen. Stella will die heraufziehende Katastrophe - hierein ihrer Schwester durchaus ähnlich - nicht sehen und besteht geradezu zwanghaft auf einem harmonischen Familienleben zu dritt, das bereits im ersten Moment gescheitert ist. Blanches permanente Versuche, dem Leben ihrer Schwester eine geistige und moralische Struktur zu geben, erkennt Stanley richtig als Versuch, ihn zu vertreiben, und geht zum Gegenangriff über. Seine Erkundigen über Blanche ergeben, dass sie ihre Heimatstadt überstürzt verlassen musste, da ihr Ruf wegen moralischer Ausschweifungen und Alkoholismus vollständig ruiniert war. Diese Erkenntnis setzt er mit konsequenter bauernschläue gegen Blanche ein.

Zu Stanleys Freundeskreis - Hillibilly-Musik und Pokern - gehört neben zwei anderen eher abstoßenden Typen auch Mitch, ein etwas linkischer aber sensibler Junggeselle, der noch bei seiner schwerkranken Mutter wohnt. Bei den groben Scherzen seiner Kumpel steht er eher ratlos daneben - ein bisschen scheint er sich sogar zu schämen - und lässt Stanleys rüde Hänseleien hilflos über sich ergehen. In Mitch erkennt Blanche so etwas wie einen Gleichgesinnten, der über einen Rest von Anstand und ein gewisses Format verfügt. Sie, die sich auf der offensichtlich verzweifelten Suche nach Schutz und Geborgenheit mit zu vielen und falschen Männern eingelassen hat, hegt noch einmal die Hoffnung auf eine zumindest halbwegs standesgemäße Beziehung. Doch Stanley weiht Mitch in Blanches Vorleben ein, woraufhin dieser Blanche nicht mehr sehen will. Als die mittlerweile schwangere Stella einmal nicht im Hause ist, kommt es zur endgültigen Aussprache zwischen Blanche und Stanley, bei der er ihr ihre Vergangenheit auf den Kopf zusagt, ihr auch von Mitchs Wissen erzählt und sie schließlich vergewaltigt. Kurze Zeit später bricht Blanche psychisch zusammen und wird in eine Nervenklinik eingeliefert.

Tennessee Williams thematisiert in diesem Stück noch einmal den Untergang des Südstaaten-Adels, der sich der neuen Zeit der Industrialisierung nicht anpassen konnte, und das gleichzeitige Aufkommen des neuen Industrieproletariats, das sich vorwiegend aus Einwanderern rekrutierte. Der alte Landadel bestand auf guter Erziehung, gesellschaftlichen Formen und entsprechendem Auftreten, negierte jedoch - wie überall in der Welt - die rasanten gesellschaftlichen Änderungen und war nicht bereit, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht kritikwürdig, wenn die alte Führungsschicht dann aber den eigenen wirtschaftliche Niedergang ebenfalls ignoriert und die Illusion einer bedeutenden gesellschaftlichen Stellung geradezu zwanghaft aufrechterhalten will, dann muss eine solche Realitätsverweigerung in der Katastrophe enden. Blanche ist eine typische Vertreterin dieser Schicht. Obwohl mittlerweile vollständig verarmt, beansprucht sie immer noch die Deutungshoheit über die Lebensführung ihrer Mitmenschen. Dass sie diese Haltung zwangsläufig in Konflikt mit ihrer Umgebung bringt und sie letztlich in die vollständige Isolation treibt, kann und will sie nicht erkennen. So träumt sie bis fast zuletzt von einer bürgerlichen Ehe mit Mitch nach ihren Vorstellungen und moralischen Prinzipien, während um sie herum schon alles zusammenbricht.

Gabriele Drechsel (Blanche) und Leander Lichti (Stanley)Gabriele Drechsel (Blanche) und Leander Lichti (Stanley)

Jens Poth hat dieses Stück in Darmstadt außerordentlich dicht und mit viel Gespür für die in jeder Hinsicht schwüle Atmosphäre in den Südstaaten inszeniert. Das beginnt bereits mit den Zirpen der Zikaden in der ersten Szene und setzt sich fort mit den schleppenden, von der feuchten Hitze auf ein Minimum redizierten Bewegungen der Personen. Stellas Nachbarin Eunice (Christina Kühnreich) spielt träge ein Lied auf einer Ziehharmonika, und wie eine Fremde betritt Blanche (Gabriele Drechsel) die leere, weite Bühne, die hier für das ungastliche und auf sie nicht wartende New Orleans steht. Eunice klärt dann Blanche auch gleich über die Sitten und Gebräuche in dieser Gegend auf: weniger mit erklärenden Worten als durch ihr sehr direktes Wesen. Blanche erhält gleich eine Ahnung, was Unterschichtleben in New Orleans bedeutet, und erhält auch anhand eines kleinen Modells eines typischen Südstaatenhauses eine Einweisung in  die Wohnkultur. Dabei spielen Barbie-Puppen sinnigerweise die Bewohner des Puppenhauses, und eine Kamera in dem Modell überträgt die Puppen und die durch die Fenster in das kleine Haus schauenden Gesicher der beiden Frauen auf eine große Leinwand auf der Bühnenrückwand. Frank Castorf lässt grüßen!

Poth nimmt sich viel Zeit, um Lebensart und Mentalität der Menschen um Stella und Blanche zu beschreiben. Nachdem bereits einige Zeit im dunklen Hintergrund der Bühne einige seltsam gekleidete Gestalten herumgelaufen sind, kommen diese im Laufe des ersten Aktes nach vorne auf die Bühne: Stanley und seine Kumpane, sie sich zu einer Pokerrunde verabredet haben. Derweil verschwinden Stella und Blanche im Bad und im Schlafzimmer. Alle drei Räume der kleinen Wohnung sind als einzelne Container über die Bühne verteilt, wie Werkräume zur Verrichtung bestimmter Tätigkeiten, nicht aber wie eine zusammenhängende Wohnung, in der Menschen miteinander leben und kommunizieren. Die Männer lassen erst einmal einen kräftigen Gesang zum Banjo hören und zeigen dabei ihre optischen Vorzüge her: man muss das schildern, weil es zu schön ist! Stanley (Leander Lichti) mit Dreistreifen-Trainigshose und T-Shirt oder nacktem Oberkörper, Steve (Andreas Manz) mit Banjo, Schmalztolle, Hawaiihemd und gemusterter Hose, Pablo (Gerd K. Wölfle) mit Bermudashorts, Bierbauch, Basketballhemd, Bart und blondem Pferdeschwanz und Mitch (Timo Lindenberg) mit Dreiviertelhose, Roter Jacke, Baseball-Kappe, Sonnenbrille und linlkischen Bewegungen. Diese Prekariatstruppe präsentiert Südstaaten-Musik, Pokerparolen und Pöbeleien aller Art, wobei auch der Alkohol nicht zu knapp fließt. Poth dehnt diese Szene bewusst lange aus, um die Ziellosigkeit und die Langeweile dieser Gesellschaft möglichst wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Diese Szene hat als dramaturgisches Ziel kein anderes als sich selbst und entwickelt dabei eine geradezu beklemmende Eindringlichkeit und Düsterkeit.

Gabriele Drechsel (Blanche) und Timo Lindenberg (Mitch)Gabriele Drechsel (Blanche) und Timo Lindenberg (Mitch)

Vor allem nach dieser Szene kann sich der Zuschauer vorstellen, welch Kulturschock New Orleans für Blanche bedeutet. Zwar versucht Stella (Maika Troscheit) immer wieder, die Wogen zu glätten und Blanche auf den Boden der nun einmal so beschaffenen Realität zu holen, doch das gelingt ihr nur begrenzt. Zwischen Blanche und Stella beginnt ein zäher Zweikampf um die Deutungshoheit in diesem Hause und in diesem Leben, den die beiden solange ausfechten, bis Stanley die Regie übernimmt und das weitere Geschehen bestimmt. Er schlägt und vergewaltigt seine eigenen Frau, aber am Tag danach versöhnt man sich wieder recht heftig. Stella hat dieses Leben als die Realität angenommen; ihre Realitätsleugnung besteht darin, dass sie es mittlerweile für die einzig mögliche und damit richtige Realität hält. Dass ein gewalttätiger Mann nicht unbedingt eine dauerhaft zu akzeptierende Realität darstellt, will sie nicht wahrhaben. Poth siedelt die einzelnen Szenen auch deshalb in den von Bühnenbildnerin Svea Kossack deutlich voneinander getrennt angeordneten Containern an, um den isolierten Charakter der einzelnen Handlung zu veranschaulichen. Hier passt nichts zusammen, das Leben besteht nicht aus einem sinnvollen Zusammenhang sondern aus sinnlos nebeneinander gestellten Einzelszenen. Die Wege der Darsteller über die Bühne erfolgen auf abgezirkelten Bahnen mit rechten Winkeln, mit den immer gleichen, seit langem und anscheinend auf ewig festgelegten Regeln. Ein Ausbruch aus diesen vorgegebenen Pfaden ist unmöglich, und Blanche, die dies versucht, geht daran zugrunde.

Die Darsteller bringen diese aufbegehrende wie hoffnungslose Atmosphäre mit viel Gespür für Nuancen zum Ausdruck. Allen voran ist Gabriele Drechsel als verzweifelnde und doch immer hoffende Blanche zu nennen. Sie durchwandert alle Gefühlslagen von der hochmütigen höheren Tochter bis zur alternden, finanziell ruinierten Frau in höchster Torschlusspanik. Ihre Auseinandersetzung mit Stanley gehört zu den Höhepunkten des Abends. Leander Lichti verleiht diesem Stanley die Selbstsicherheit des Prolls, der stets sich und seine Männlichkeit im Mittelpunkt sieht, der keine Selbstzweifel kennt und alles niedermacht - und wenn nur verbal oder mit der Trillerpfeife -, was sich ihm in den Weg stellt oder was ihm nicht passt. Sehr überzeugend charakterisiert er einen Typus, der seine momentane Befindlichkeit ohne den Hauch einer Reflexiion in seine Mitmenschen geradezu hineinhämmert. Maika Troscheit  schwankt als Stella stets zwischen unbedingter Hörigkeit gegenüber Stanley und dem Gedanken, dass das Leben auch anderes bieten könnte. Blanche gibt ihr wieder eine Ahnung von diesem anderen Leben, aber Stanleys animalische Männlichkeit ist stärker als jede kritische Nachdenklichkeit. Diese Zerrissenheit und das bedingungslose Festhalten an der gegebenen Realität bringt Maika Troscheit überzeugend zum Ausdruck. Timo Lindenberg ist als linkischer und sensibler Mitch geradezu anrührend. Man kann ihm gut nachfühlen, wie unglücklich er sich im Grunde genommen in der Pokerrunde fühlt, der er sich nur mangels anderer Alternativen angeschlossen hat. Sein ängstliches Werben um Blanche zeigt alle Facetten eines unsicheren Menschen, der sich nach Zuwendung sehnt, sich aber vor der Zurückweisung fürchtet.

Dieses Quartett der Hauptpersonen umrahmen Christina Kühnreich als mal giftig keifende, mal aufreizend-billige Eunice, Andreas Manz als aggressiver und selbstgefälliger Steve und Gerd K. Wölfle als tumber Mitläufer Pablo auf überzeugende Art und Weise, ohne dabei in Chargenrollen zu verfallen. Jedem von ihnen nimmt man seine Rolle ab, Überzeichnungen bleiben in dem für das Theater sinnvollen und üblichen Rahmen. Vordergründig geben manche der Szenen durchaus Grund zum Lachen, aber ehe es zum Hals hinaus kann, bleibt es einem wegen der Trostlosigkeit der geschilderten Verhältnisse dort stecken.

Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser dichten, atmosphärischen Inszenierung beeindruckt und spendete dem gesamten Ensemble herzlichen bis kräftigen Beifall.

Frank Raudszus

Gästebuch