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Die Diktatur des Proletariats |
![]() Andere Stücke dieses Autors: Die Katze auf dem heißen Blechdach |
Tennessee Williams' Theaterstück "Endstation Sehnsucht" im Staatstheater Darmstadt |
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In der
Vorweihnachtszeit werden gerne rührselige Stücke über
einsamen und alte Menschen gespielt, die angesichts des bevorstehenden
Festes - meist durch Kinderseelen gerührt - zum Guten und
Schönen finden. In einer Art versteckter Ironie hat das
Staatstheater Darmstadt zwar auch dieses Thema aufgegriffen, aber dabei
ein Stück gewählt, das nicht über einige Umwege zum
glänzenden Augen führt, sondern die Verzweiflung und die
Selbstisolation des Einsamen thematisiert und schließlich mit dem
Untergang der Protagonistin endet. Also genau das Richtige für die
Adventszeit!
Das Stück spielt in den Südstaaten der USA, in New Orleans. Dorthin ist die junge Stella gegangen, als die Ranch ihrer Eltern in Schwierigkeiten geriet. Sie heiratete den polnischen Einwanderer und Arbeiter Stanley und führt mit ihm ein typisches Unterschichtleben in einer kleinen Zweizimmerwohnung. In diese "Idylle" fällt eines Tages Stellas ältere Schwester Blanche ein, die in ihrem angestammten Heimatort als Lehrerin arbeitet. Schnell erschließt sich dem Zuschauer, dass Blanche finanziell am Ende ist, entgegen eigenen Aussagen die Schule wohl doch nicht freiwillig vor Beginn der Ferien verlassen hat und vor allem an der Flasche hängt. Doch Stella gegenüber wahrt sie die Contenance der Tochter aus besserem Hause, verschleiert den Verbleib des elterlichen Gutes und besteht auf einem Leben mit gesellschaftlichem und geistigem Format. Ihren Schwager Stanley lehnt sie vom ersten Moment wegen seiner ungehobelten Art, seiner bis zur Brutalität gehenden Direktheit und seiner Gemeinheit ab. Stanley sieht in ihr nur die alternde höhere Tochter mit einem gehörigen Dünkel und lässt sie das auch spüren. Vor allem seine Sexualität lebt er in der kleinen Wohnung auch vor Blanche ungeniert aus, um sie zu demütigen. Stella will die heraufziehende Katastrophe - hierein ihrer Schwester durchaus ähnlich - nicht sehen und besteht geradezu zwanghaft auf einem harmonischen Familienleben zu dritt, das bereits im ersten Moment gescheitert ist. Blanches permanente Versuche, dem Leben ihrer Schwester eine geistige und moralische Struktur zu geben, erkennt Stanley richtig als Versuch, ihn zu vertreiben, und geht zum Gegenangriff über. Seine Erkundigen über Blanche ergeben, dass sie ihre Heimatstadt überstürzt verlassen musste, da ihr Ruf wegen moralischer Ausschweifungen und Alkoholismus vollständig ruiniert war. Diese Erkenntnis setzt er mit konsequenter bauernschläue gegen Blanche ein. Zu Stanleys
Freundeskreis - Hillibilly-Musik und Pokern - gehört neben zwei
anderen eher abstoßenden Typen auch Mitch, ein etwas linkischer
aber sensibler Junggeselle, der noch bei seiner schwerkranken Mutter
wohnt. Bei den groben Scherzen seiner Kumpel steht er eher ratlos
daneben - ein bisschen scheint er sich sogar zu schämen - und
lässt Stanleys rüde Hänseleien hilflos über sich
ergehen. In Mitch erkennt Blanche so etwas wie einen Gleichgesinnten,
der über einen Rest von Anstand und ein gewisses Format
verfügt. Sie, die sich auf der offensichtlich verzweifelten Suche nach
Schutz und Geborgenheit mit zu vielen und falschen Männern
eingelassen hat, hegt noch einmal die Hoffnung auf eine zumindest
halbwegs standesgemäße Beziehung. Doch Stanley weiht Mitch
in Blanches Vorleben ein, woraufhin dieser Blanche nicht mehr sehen
will. Als die mittlerweile schwangere Stella einmal nicht im Hause ist,
kommt es zur endgültigen Aussprache zwischen Blanche und Stanley,
bei der er ihr ihre Vergangenheit auf den Kopf zusagt, ihr auch von
Mitchs Wissen erzählt und sie schließlich vergewaltigt.
Kurze Zeit später bricht Blanche psychisch zusammen und wird in
eine Nervenklinik eingeliefert. Tennessee
Williams thematisiert in diesem Stück noch einmal den Untergang
des Südstaaten-Adels, der sich der neuen Zeit der
Industrialisierung nicht anpassen konnte, und das gleichzeitige
Aufkommen des neuen Industrieproletariats, das sich vorwiegend aus
Einwanderern rekrutierte. Der alte Landadel bestand auf guter
Erziehung, gesellschaftlichen Formen und entsprechendem Auftreten,
negierte jedoch - wie überall in der Welt - die rasanten
gesellschaftlichen Änderungen und war nicht bereit, sich den neuen
Verhältnissen anzupassen. Das ist zwar auf den ersten Blick nicht
kritikwürdig, wenn die alte Führungsschicht dann aber den
eigenen wirtschaftliche Niedergang ebenfalls ignoriert und die Illusion
einer bedeutenden gesellschaftlichen Stellung geradezu zwanghaft
aufrechterhalten will, dann muss eine solche Realitätsverweigerung
in der Katastrophe enden. Blanche ist eine typische Vertreterin dieser
Schicht. Obwohl mittlerweile vollständig verarmt, beansprucht sie
immer noch die Deutungshoheit über die Lebensführung ihrer
Mitmenschen. Dass sie diese Haltung zwangsläufig in Konflikt mit
ihrer Umgebung bringt und sie letztlich in die vollständige
Isolation treibt, kann und will sie nicht erkennen. So träumt sie
bis fast zuletzt von einer bürgerlichen Ehe mit Mitch nach ihren
Vorstellungen und moralischen Prinzipien, während um sie herum
schon alles zusammenbricht. Jens Poth
hat dieses Stück in Darmstadt außerordentlich dicht und mit
viel Gespür für die in jeder Hinsicht schwüle
Atmosphäre in den Südstaaten inszeniert. Das beginnt bereits
mit den Zirpen der Zikaden in der ersten Szene und setzt sich fort mit
den schleppenden, von der feuchten Hitze auf ein Minimum redizierten
Bewegungen der Personen. Stellas Nachbarin Eunice (Christina
Kühnreich) spielt träge ein Lied auf einer Ziehharmonika, und
wie eine Fremde betritt Blanche (Gabriele Drechsel) die leere, weite
Bühne, die hier für das ungastliche und auf sie nicht
wartende New Orleans steht. Eunice klärt dann Blanche auch gleich
über die Sitten und Gebräuche in dieser Gegend auf: weniger
mit erklärenden Worten als durch ihr sehr direktes Wesen. Blanche
erhält gleich eine Ahnung, was Unterschichtleben in New Orleans
bedeutet, und erhält auch anhand eines kleinen Modells eines
typischen Südstaatenhauses eine Einweisung in die
Wohnkultur. Dabei spielen Barbie-Puppen sinnigerweise die Bewohner des
Puppenhauses, und eine Kamera in dem Modell überträgt die
Puppen und die durch die Fenster in das kleine Haus schauenden Gesicher
der beiden Frauen auf eine große Leinwand auf der
Bühnenrückwand. Frank Castorf lässt grüßen! Poth nimmt
sich viel Zeit, um Lebensart und Mentalität der Menschen um Stella
und Blanche zu beschreiben. Nachdem bereits einige Zeit
im dunklen Hintergrund der Bühne einige seltsam gekleidete
Gestalten herumgelaufen sind, kommen diese im Laufe des ersten Aktes
nach vorne auf die Bühne: Stanley und seine Kumpane, sie sich zu
einer Pokerrunde verabredet haben. Derweil verschwinden Stella und
Blanche im Bad und im Schlafzimmer. Alle drei Räume der kleinen
Wohnung sind als einzelne Container über die Bühne verteilt,
wie Werkräume zur Verrichtung bestimmter Tätigkeiten, nicht
aber wie eine zusammenhängende Wohnung, in der Menschen
miteinander leben und kommunizieren. Die Männer lassen erst einmal
einen kräftigen Gesang zum Banjo hören und zeigen dabei ihre
optischen Vorzüge her: man muss das schildern, weil es zu
schön ist! Stanley (Leander Lichti) mit Dreistreifen-Trainigshose
und T-Shirt oder nacktem Oberkörper, Steve (Andreas Manz) mit
Banjo, Schmalztolle, Hawaiihemd und gemusterter Hose, Pablo (Gerd K.
Wölfle) mit Bermudashorts, Bierbauch, Basketballhemd, Bart und
blondem Pferdeschwanz und Mitch (Timo Lindenberg) mit Dreiviertelhose,
Roter Jacke, Baseball-Kappe, Sonnenbrille und linlkischen Bewegungen.
Diese Prekariatstruppe präsentiert Südstaaten-Musik,
Pokerparolen und Pöbeleien aller Art, wobei auch der Alkohol nicht
zu knapp fließt. Poth dehnt diese Szene bewusst lange aus, um die
Ziellosigkeit und die Langeweile dieser Gesellschaft möglichst
wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Diese Szene hat als dramaturgisches
Ziel kein anderes als sich selbst und entwickelt dabei eine geradezu
beklemmende Eindringlichkeit und Düsterkeit.
Vor allem
nach dieser Szene kann sich der Zuschauer vorstellen, welch
Kulturschock New Orleans für Blanche bedeutet. Zwar versucht
Stella (Maika Troscheit) immer wieder, die Wogen zu glätten und
Blanche auf den Boden der nun einmal so beschaffenen Realität zu
holen, doch das gelingt ihr nur begrenzt. Zwischen Blanche und Stella
beginnt ein zäher Zweikampf um die Deutungshoheit in diesem Hause
und in diesem Leben, den die beiden solange ausfechten, bis Stanley die
Regie übernimmt und das weitere Geschehen bestimmt. Er
schlägt und vergewaltigt seine eigenen Frau, aber am Tag danach
versöhnt man sich wieder recht heftig. Stella hat dieses Leben als
die Realität angenommen; ihre Realitätsleugnung besteht
darin, dass sie es mittlerweile für die einzig mögliche und
damit richtige Realität hält. Dass ein gewalttätiger
Mann nicht unbedingt eine dauerhaft zu akzeptierende Realität
darstellt, will sie nicht wahrhaben. Poth siedelt die einzelnen Szenen
auch deshalb in den von Bühnenbildnerin Svea Kossack deutlich
voneinander getrennt angeordneten Containern an, um den isolierten
Charakter der einzelnen Handlung zu veranschaulichen. Hier passt nichts
zusammen, das Leben besteht nicht aus einem sinnvollen Zusammenhang
sondern aus sinnlos nebeneinander gestellten Einzelszenen. Die Wege der
Darsteller über die Bühne erfolgen auf abgezirkelten Bahnen
mit rechten Winkeln, mit den immer gleichen, seit langem und
anscheinend auf ewig festgelegten Regeln. Ein Ausbruch aus diesen
vorgegebenen Pfaden ist unmöglich, und Blanche, die dies versucht,
geht daran zugrunde. Die
Darsteller bringen diese aufbegehrende wie hoffnungslose
Atmosphäre mit viel Gespür für Nuancen zum Ausdruck.
Allen voran ist Gabriele Drechsel als verzweifelnde und doch immer
hoffende Blanche zu nennen. Sie durchwandert alle Gefühlslagen von
der hochmütigen höheren Tochter bis zur alternden, finanziell
ruinierten Frau in höchster Torschlusspanik. Ihre
Auseinandersetzung mit Stanley gehört zu den Höhepunkten des
Abends. Leander Lichti verleiht diesem Stanley die Selbstsicherheit des
Prolls, der stets sich und seine Männlichkeit im Mittelpunkt
sieht, der keine Selbstzweifel kennt und alles niedermacht - und wenn
nur verbal oder mit der Trillerpfeife -, was sich ihm in den Weg stellt
oder was ihm nicht passt. Sehr überzeugend charakterisiert er
einen Typus, der seine momentane Befindlichkeit ohne den Hauch einer
Reflexiion in seine Mitmenschen geradezu hineinhämmert. Maika
Troscheit schwankt als Stella stets zwischen unbedingter
Hörigkeit gegenüber Stanley und dem Gedanken, dass das Leben
auch anderes bieten könnte. Blanche gibt ihr wieder eine Ahnung
von diesem anderen Leben, aber Stanleys animalische Männlichkeit
ist stärker als jede kritische Nachdenklichkeit. Diese
Zerrissenheit und das bedingungslose Festhalten an der gegebenen
Realität bringt Maika Troscheit überzeugend zum Ausdruck.
Timo Lindenberg ist als linkischer und sensibler Mitch geradezu
anrührend. Man kann ihm gut nachfühlen, wie unglücklich
er sich im Grunde genommen in der Pokerrunde fühlt, der er sich
nur mangels anderer Alternativen angeschlossen hat. Sein
ängstliches Werben um Blanche zeigt alle Facetten eines unsicheren
Menschen, der sich nach Zuwendung sehnt, sich aber vor der
Zurückweisung fürchtet. Dieses Quartett der Hauptpersonen
umrahmen Christina Kühnreich als mal giftig keifende, mal
aufreizend-billige Eunice, Andreas Manz als aggressiver und
selbstgefälliger Steve und Gerd K. Wölfle als tumber
Mitläufer Pablo auf überzeugende Art und Weise, ohne dabei in
Chargenrollen zu verfallen. Jedem von ihnen nimmt man seine Rolle ab,
Überzeichnungen bleiben in dem für das Theater sinnvollen und
üblichen Rahmen. Vordergründig geben manche der Szenen
durchaus Grund zum Lachen, aber ehe es zum Hals hinaus kann, bleibt es
einem wegen der Trostlosigkeit der geschilderten Verhältnisse dort
stecken. Das Premierenpublikum zeigte sich von
dieser dichten, atmosphärischen Inszenierung beeindruckt und
spendete dem gesamten Ensemble herzlichen bis kräftigen Beifall. Frank Raudszus |
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