![]() |
Klänge Rhythmen
und ein virtuoses Cello |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
4.
Sinfoniekonzert des Staatstheaters Darmstadt mit Musik von Prokofjew
und Bartók |
|
Die
osteuropäischen Komponisten scheinen in dieser Saison im
Mittelpunkt des Darmstädter Programms zu stehen. Bereits zum
dritten Mal bestritten am 13. und 14. Januar Vertreter dieser Region
den Abend. Die Russen waren nach Tschaikowsky und Mussorgski (1. Sinfoniekonzert)
sowie Rachmaninow und Skrjabin (3.
Sinfoniekonzert) diesmal mit Sergej Prokofjew und seinem
"Sinfonischen Konzert für Violoncello und Orchester" vertreten,
Béla Bartok lieferte mit seinem "Konzert für Orchester" die
ungarische Komponente. Generalmusikdirektor Stefan Blunier leitete das
Orchester, und der junge Cellist Alban Gerhardt interpretierte
Prokofjews Konzert. Sergej Prokofjews Sinfonie für Violoncello und Orchester stellt in der Musikgeschichte in gewisser Weise einen Sonderfall dar. Zwar mussten sich seit Jahrhunderten die Komponisten mehr oder weniger an den Wünschen ihrer Auftraggeber ausrichten, aber wenn sie ohne Auftrag komponierten, liefen sie höchstens Gefahr, beim Publikum durchzufallen. Das war im Falle Prokofjews Anfang der fünfziger Jahre ganz anders: Stalin und seine Parteikader forderten auch in der Musik die Verherrlichung des "realen Sozialismus", und unbotmäßige Komponisten riskierten weit mehr als nur den kommerziellen Misserfolg eines Werkes. Prokofjew hätte zwar im westlichen Exil bleiben und dort ungestört komponieren können, doch das Heimweh hatte ihn schon in den dreißiger Jahren zurück nach Russland getrieben, wo er sich dem Druck der Ideologie ausgesetzt sah. Um nicht vollständiges Aufführungsverbot oder gar Schlimmeres zu riskieren, musste er einen Mittelweg zwischen seinen - durchaus avantgardistischen - musikalischen Ideen und den Vorstellungen der Kulturbürokratie finden. So finden sich denn in seiner Musik erstaunlich viele tonal traditionelle und sogar lyrische Elemente. Lediglich in der Wahl der Klangfarbe und des Rhythmus nahm er sich Freiheiten heraus, wohl auch, weil er vermutete, dass musikalisch ungebildete Ideologen auf diesen Gebieten das avantgardistische Element weniger leicht entdecken würden. Die Sinfonie für Violoncello und Orchester schrieb er für und in enger Zusammenarbeit mit dem schon damals berühmten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch. Diese Zusammenarbeit führte dann fast zwangsläufig zu solch hohen technischen Anforderungen, dass viele Solisten trotz einiger Vereinfachungen lange Zeit einen großen Bogen um dieses Konzert machten. Insofern stellte dieser Programmpunkt schon eine Besonderheit dar. Das Stück weist eine sowohl für Sinfonien wie auch für Solokonzerte ungewöhnliche Struktur auf. Es beginnt mit einem langsamen Andante, das in den ersten Takten fast an Schuberts "Unvollendete" erinnert. Der Mittelsatz folgt der Tempoangabe "Allegro giusto" und strotzt geradezu vor Temperament und Virtuosität im Cellopart, während der Finalsatz wieder in ein getragenes "Andante con moto" zurückfällt. Darüber hinaus löst sich Prokofjew von der klassischen Auffassung des Solokonzerts, bei dem das Orchester meist eine begleitende Funktion einnimmt, und lässt dieses als gleichberechtigten Partner des Cellos sich klanglich und thematisch voll entfalten. Besonders die vielfältigen Klangvarianten und -färbungen des Orchesters verleihen diesem Werk seine eigene Kontur, und bisweilen will es fast so scheinen, als begleite das Cello das Orchester, so wenn der Solist zum orchestralen Thema nur einige mit der Hand geschlagene oder gestrichene Akkorde beisteuert. Bisweilen, und das mag manchem ein wenig trivial erscheinen, erinnert dieses Werk auch an "Peter und der Wolf", so wenn das Orchester einfache Marschthemen intoniert ("Der Jäger naht im Wald") oder die Flöten kleine Figuren wie aufgeschreckte Enten präsentieren. Doch warum sollten sich musikalische Einfälle aus dieser "Kinderoper" nicht auch anderswo wiederfinden? Sie liegen sozusagen "auf der Hand", da Prokofjew sich intensiv aus dem russischen Volksliedschatz bediente. Alban GebhardtAlban Gerhardt lieferte dazu einen geradezu stupenden Solopart ab, der an Vituosität nichts zu wünschen übrig ließ. Wer andere, herkömmliche Cello-Werke gewohnt ist, staunte permanent, welche Klangfarben sich diesem Instrument entlocken ließen. Neben dem dunklen, weichen Celloton erklang mal eine Violine, dann wieder ein Kontrabass oder gar eine Gitarre, und das alles nicht etwa in einem etüdenhaften Potpourri, sondern im Rahmen einer durchstrukturierten musikalischen Form. Trotz aller Virtuosität des Soloinstruments verfiel dessen Part nie zum eitlen Selbstzweck. Zu diesem Gesamteindruck trug das Orchester mit seiner hohen Präzision in allen Instrumentengruppen und unter der feinfühligen und engagierten Leitung von Stefan Blunier einen wesentlichen Teil bei. Das Publikum zeigte sich von der Leistung von Ensemble und Solist derartig angetan, dass Alban Gerhardt mit dem ersten Satz einer Cellosonate von György Ligeti noch eine Zugabe nachreichte. Béla
BartókBéla Bartóks Konzert für Orchester (Sz 116) aus dem Jahr 1943 entstand in den USA und weist eine eigentümlliche, fünfsätzige Struktur auf. Um den langsamen Mittelsatz - Elegia betitelt - ranken sich zwei tänzerische Sätze und zwei schnelle Ecksätze. Die Symmetrie erstreckt sich nicht nur auf die Tempi und generelle Rhythmik, sondern auch auf die motivische Verarbeitung und die Klangfarben. Die Sinfonie scheint förmlich um den Mittelsatz zu kreisen, wobei eine gewisse Spiegelbildlichkeit zwischen den sich gegenüber stehenden Sätzen nicht zu übersehen ist. Der vierte Satz nimmt einige Ideen des zweiten wieder auf, doch sozusagen aus einer anderen Perspektive, und erinnert damit an den "Krebsgang" Bachscher Fugen, der ein vorgegebenes Themas im "Rückwärtsgang" absolviert. Diese Symmetrie wird jedoch nicht schematisch auf Taktebene hergestellt, sondern lediglich in Gestalt der gewählten Klangfarben und motivischen Abläufe. Für den Zuhörer ohne Partiturerfahrung und ohne die Partitur auf den Knien ergibt sich dieser symmetrische Charakter dennoch aus dem Gesamteindruck der Musik. Darüber hinaus besticht dieses Werk durch die extreme Ausgestaltung der Klangmischungen. Bartók reizt die Möglichkeiten der Harmonik und der Instrumente bis zu den Grenzen der Dissonanz aus und gelegentlich auch darüber hinaus. Die raschen Wechsel der Klangbildungen üben auf den Zuhörer eine faszinierende Wirkung aus und vermitteln eine Vorstellung der klanglichen Bandbreite jedes einzelnen Instruments. Wer den relativ schmalen Klangumfang aus der klassischen und romantischen Musik gewohnt ist, muss erst einmal umdenken, um die Breite der Klangvielfalt zu erfassen und zu verarbeiten. Doch dann folgt man dem Spiel des Orchesters mit wachsender Faszination und lässt sich von dieser Klangwelt freiwillig gefangen nehmen. Das Orchester spürte den Klängen bis in die letzte Feinheit mit hoher Präzision und viel Gespür für den einzelnen Klang nach. Jedes Instrument hatte die Gelegenheit, sich voll zu entfalten, seien es es die Flöten, die Fagotte oder die Hörner, um nur einige zu nennen. In diesem Werk werden alle Instrumentengruppen mit ihren klanglichen Möglkichkeiten vorgeführt, und da diese Vorführungen in vollem Umfang gelangen, musste am Ende Stefan Blunier nacheinander das gesamte Orchester aufstehen lassen, um die jeweiligen solistischen Leistungen hervorzuheben. So fiel denn auch der Schlussapplaus mehr als freundlich aus, und Stefan Blunier musste des Öfteren an die Rampe treten und den Beifall für sein Orchester entgegennehmen. Frank Raudszus |
|