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Rückzug auf das
blanke Selbst |
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Jaan Tättes Stück "Elchtest" im Staatstheater Darmstadt |
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Die Abwendung
vom Trubel und der Hektik der Welt, von Karrierestreben und von allen
Statussymbolen ist ein beliebtes Gedankenspiel, das oftmals auch zur
Realisierung führt. Die Einhandumrundung der Welt im Segelboot
gehört genauso dazu wie der Rückzug in irgendwelche
menschenleere Gefilde, wo der jeweilige Protagonist über sich, die
Welt und deren Tand nachdenkt. Inwieweit so etwas in Selbstbetrug und
Koketterie endet oder wirklich Erkenntnisgewinn bringt, muss jeder, der
einmal in die Einsamkeit gezogen ist, für sich selbst beurteilen.
Der estnische Autor Jaan Tätte, der selbst auf einer kleinen Insel
abseits des Großstadtgetriebes lebt, hat diese Situation in
seinem Theaterstück "Elchtest" durchdekliniert, das jetzt als
Austauschgastpiel des Staatstheaters Wiesbaden auch in Darmstadt zu
sehen ist. Sein Protagonist steht zu Beginn des Stücks vor einer
eingeschneiten Hütte - weiße, schräg gestellte Polster
und ein kleiner Schornstein deuten das verschneite Einsamkeitsidyll an
- und blickt zurück auf seinen Ausbruch aus der Gesellschaft. Hanns Jörg
Krumpholz (Ich), Franz Nagler (Wurst-Jüri/Uugu/Meinart/Eedu) Eines Tages erkennt er beim Rasieren diesen Typen im Spiegel nicht mehr, diesen rastlosen Verkäufer von Mobiltelefonen, der schließlich ein Alleinvertretungsrecht für Nokia und damit das Recht zum Gelddrucken erworben hat. Seine Frau erklärt sich zu seinem Erstaunen sofort mit seinem Plan einer einjährigen Auszeit - ohne sie! - in der Wildnis einverstanden und bittet nur um ausreichend finanzielle Mittel. Offensichtlich täuscht er sich bereits hier über den Zustand seiner Ehe, wenn er das als ein Zeichen von Toleranz und Verständnis wertet. Für seinen Sohn ist alles "OK", und nur der Verweis auf die Verfügungsgewalt über den väterlichen Wagen lässt so etwas wie euphorische Röte in seine Wangen steigen. Seinem Partner überträgt er für ein Jahr seinen Gewinnanteil, und dann geht es in ein weit abgelegenes Dorf. Ein leerstehendes Haus und die Nutzungsrechte der Umgebung - Wald und See - erwirbt er unter Einsatz entsprechender Geldmittel zur Schmierung der schwergängigen lokalen Bürokratie, und dann macht er sich daran, die Hütte für sich herzurichten. Katalyn Bohn (Sirli),
Hanns Jörg Krumpholz (Ich)Bald kommen die ersten neugierigen Nachbarn, so der tumbe Wurst-Jüri und der nicht viel intelligentere Uugu, die alles beäugen, ihn mit Lebensmitteln unterstützen und mit ein paar lokalen Gegebenheiten vertraut machen. Der Protagonist ohne Namen - das Programmheft weist ihn als "Ich" aus - ist während der Tagesstunden vollständig mit der Sicherstellung seines Überlebens beschäftigt, in den Nachtstunden erst findet er zu sich. Doch die dunklen Stunden werden nicht weiter thematisiert, stattdessen bricht das ewig Weibliche in Gestalt der jungen Sirli in seine Einsamkeit ein. Sehr offen redet sie über eventuell mögliche Sexualität, begutachtet den Eremiten und seine Umgebung und übernachtet auch gleich bei ihm, jedoch ohne die zu erwartenden Weiterungen. Doch nebenbei teilt sie ihm mit, dass man ihn im Ort für einen "Guru" mit besonderen Fähigkeiten halte, und empfiehlt ihm, diese Marktlücke konsequent zu besetzen. "Ich" stilisiert sich mit Hilfe einer Gardine und eines selbst geflochtenen (Lorbeer?-)Kranzes zum Propheten, zündet ein Feuer an und lädt die Einwohner zum Treffen. Der Erfolg ist durchschlagend, und alle schließen sich seinen vollständig improvisierten Tänzen und Gesängen an. Unser Eremit ist begeistert und sieht sich schon als "Weisen des Waldes". Während er sehnsüchtig auf die Wiederkehr des Mädchen wartet - einmal träumt er einen gewagten Traum von ihr -, beschließt er, ganz der ehemalige Manager, das Guru-Wesen konsequent auszubauen. Dabei geht es ihm weniger um Geld als um die Faszination der Macht über die einfachen Menschen und ihre Seelen. Zwischendurch erscheinen Partner und Ehefrau in der Wildnis, beide jedoch mit der schnöden Absicht, ihm die Firma und die Scheidung zu "Nullbedingungen" ab- bzw. aufzuschwatzen. Im Rausch seiner zukünftigen Guru-Existenz unterschreibt er alles. Den Schlusspunkt setzt ein geldgieriges Ehepaar aus der Umgebung, das ihn anpumpt und noch seine letzten Reserven ausdünnt. Als zum nächsten Guru-Treffen niemand mehr erscheint, erfährt er schließlich von der plötzlich wieder auftauchenden Sirli, dass man nur wegen seines Reichtums zu ihm in die Wildnis gekommen sei, nicht wegen seines Charismas. Auch in der ländlichen Einsamkeit überwiegt also der Pragmatismus. Aus seinen Guru-Träumen erwacht, freut er sich jedoch an der Tatsache, dass er die ihm vorgelegten Verträge mit einer nichtssagenden und daher ungültigen Unterschrift gezeichnet hat. Ob das vor Gericht hält, ist eine andere Frage, die hier weder gestellt noch beantwortet wird. Helga Schoon (Leida),
Franz Nagler (Wurst-Jüri/Uugu/Meinart/Eedu) Das Stück lebt vor allem von der Gestalt des Protagonisten, den Hanns-Jörg Krumpholz mit viel Sinn für die Selbstbespiegelung seiner Figur gekonnt interpretiert. Mit ausufernder Gestik und Mimik macht er sich sowohl über sich selbst wie über die Welt lustig, denn schließlich erlebt der Zuschauer das alles in der Rückblende. Krumpholz spielt diesen Einsamkeitssucher als jemanden, der die Koketterie und innerliche Hohlheit dieser Emigration in die Hütte am See nur als Karikatur nachspielen kann. Sich selbst sieht der Protagonist zwar als jemanden, der einer Illusion aufgesessen ist, die Umwelt ist deswegen jedoch keinen Deut besser. Frau und Partner nutzen den Ausstieg kühl und knallhart für ihre Zwecke und auch die lokale Bevölkerung bewertet ihn nur nach seinem finanziellen Potential. Am Ende lacht er sich über sich und seine Umwelt gleichermaßen tot. Neben Hanns-Jörg Krumpholz überzeugt vor allem Franz Nagler mit seiner unnachahmlichen Mimik als Wurst-Jüri, Uugu und Eedu. Herrlich seine begriffsstutzigen Gesichtszüge, die mal hier, mal dort zucken, die hin und her suchenden Augen und die im Mund unsicher umherwandernde Zunge. Dem entspricht seine Körpersprache des unsicheren Alten mit wenig Begriffsvermögen. Auch seine Interpretation des von seiner Frau Leida (Helga L. Schoon) bevormundeten Eedu ist sehenswert. Überhaupt ist die Szene mit diesem geldgierigen Ehepaar ein Sketch für sich. Katalyn Bohn als Sirli bringt jugendliche Frische und eine gewisse Abgeklärtheit ins Spiel, die oftmals besonders jungen Leuten eigen ist, die noch nicht von den Enttäuschungen des Lebens gezeichnet sind. Sylvia Rentmeister gibt die kühl kalkulierende Ehefrau Monica, die zielsicher ihren Weg geht, und Wolfgang Böhm ist ebenfalls in einer Mehrfachrolle für den Partner Peeter, den Gemeindeverwalter und noch eine Rolle zuständig. Insgesamt eine intelligente und unterhaltsame Inszenierung, die mit der Selbststilisierung der Aussteiger satirisch aufräumt und einige Illusionen als solche entlarvt. Weitere Vorstellungen finden am 8. und 20. Februar statt. Frank Raudszus Alle Fotos © Martin Kaufhold |
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