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Zauderer zwischen den
Stühlen |
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Premiere von Willam Shakespeares "Hamlet" im Staatstheater Darmstadt |
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Nun also
"Hamlet" - die Frage nach der seltenen Inszenierung dieser "Sammlung
berühmter Sentenzen" führte zu der Antwort: "Weil er so
schwer ist!". Warum ist der "Hamlet" so schwer zu spielen?
Vordergründig steht die Länge als Hürde vor einer
gelungenen Inszenierung. Schließlich dauerte Kenneth Branaghs
"Vollversion"-Film aus dem Jahr 1996 über vier Stunden. Doch das
wesentliche Hindernis besteht in der geradezu mythischen Bedeutung des
Stoffes und dem Ruhm des Verfassers. Der berühmte Monolog "To be
or not to be" ist mittlerweile zu einem geflügelten Satz geworden,
der sich in allen Lebensbereichen bis hin zur Werbung eingenistet hat.
Darüber hinaus geistern noch heute Redewendungen wie "Es ist etwas
faul im Staate Dänemark" oder "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel
und Erde, als sich unsere Schulweisheit träumen lässt", um
nur zwei zu nennen, durch den Alltagswortschatz und müssen
für jeden trivialen Zweck herhalten. Wie also kann man die Quelle
all dieser verballhornten Texte noch aufführen, ohne unfreiwillige
Komik hervorzurufen oder gar sich der Lächerlichkeit preiszugeben.
Auch nur der Hauch von Pathos im zentralen Hamlet-Monolog kann die
Wirkung der gesamten Inszenierung zunichte machen. So kann der Erfolg
ein Stück gegenüber der Öffentlichkeit isolieren oder -
positiv gewendet - es gegen die permanente Ausbeutung immunisieren.
Unter diesen Gesichtspunkten nimmt es also nicht Wunder, dass man sich
in Darmstadt erst nach dreißig(!) Jahren wieder dieses
Stücks annahm. Dabei bewies man durchaus Mut zum Risiko, denn
für die Hauptrolle hatte man den noch jungen Mathias Lodd
ausgewählt, der sich erst seit Anfang dieser Saison im Ensemble
befindet. Eine echte Herausforderung also für den jungen
Schauspieler und damit auch für den Regisseur. Um es vorweg zu
sagen: der Mut zum Risiko hat sich gelohnt! Mathias Lodd (Hamlet), Diana Wolf
(Ophelia) Doch zurück zum Stück bzw. zur Inszenierung. Regisseur Michael Helle hat sich einige Jahrhunderte zurückbegeben und die Randbedingungen der Aufführungen im "Globe" zu Shakespeares Zeit untersucht. Damals gab es offensichtlich kein Bühnenbild (zu kostspielig) und das Ensemble spielte aus den gleichen Gründen in Alltagskleidung. Dazu muss man festhalten, dass damals das Theater noch in das Alltagsleben integriert und Teil desselben war, und dass sich die Menschen grundsätzlich als Teil einer Aufführung - "The world is a stage" - betrachteten. Das Theater war noch im besten Sinne "naiv" und verarbeitete in den Stücken unmittelbar die politischen Ereignisse der Zeit, ohne jedoch angesichts des lebensverkürzenden Towers die handelnden Personen zu konkret an die Gegenwart anzubinden. Die einfachen Umstände der Aufführungspraxis führten auch zu schnellen Wechseln und teilweise Überlappungen der Szenen. Helle hat sich dieser Erkenntnisse zunutze gemacht und das Stück im ursprünglichen Stil inszeniert, ohne deswegen jedoch in eine falsche Historisierung zu verfallen. Wie bei Shakespeare tragen auch bei ihm die Darsteller Alltagskleidung, doch die von heute. Da sich Intrige, Machtgier und Betrug heutzutage - außer auf Politik - gut auf das Geschäftsleben reimen, beherrschen graue Anzüge für die Männer und entsprechende Kostüme für die Frauen das Bild. Als einzige Requisiten dienen zwei Stuhlgruppen, zwischen denen ein Durchgang nach hinten zum Auftritt und Abgang der Darsteller dient. Ein großer, rechteckiger Rahmen an der Bühnenrampe symbolisiert den Palast. Nach dem Auftritt der Schauspieltruppe senkt sich dieser Rahmen ab und engt den Blick auf die Bühne ein. Das lässt sich als Hinweis darauf deuten, dass es nun für den König und seinen Machtapparat "eng" wird und er in seinem Lügengebäude buchstäblich eingepfercht wird. Bei offener Bühne - kein Vorhang ! - beginnt das Stück gleich mit der zweiten Szene, in der König Claudius und seine Frau die erste verbale Auseinandersetzung mit Hamlet führen. Von diesem Augenblick an läuft die Inszenierung in ausgesprochen kompakter Form ab, wobei die Darsteller im Eilschritt die Bühne betreten und verlassen. Bisweilen wirkt gerade der Aufritt einer Gruppe wie ein Aufmarsch. Man ahnt dahinter die direkte Art der ursprünglichen "Globe"-Inszenierungen, die offensichtlich kein Illusionstheater mit Vorhängen und kaschierten Auf- und Abtritten kannten. Klaus Ziemann (Schauspieler), Gerd K.
Wölfle (Schauspieler), Mathias Lodd (Hamlet) Natürlich konzentrierte sich die Aufmerksamkeit des Publikums sofort auf Mathias Lodd als Hamlet. Wie würde er mit seinen bedeutungsschwangeren Auftritten fertigwerden? Wie würde er seinen Texten sowohl die notwendige Schwere und Schärfe verleihen, ohne in falsches Pathos zu verfallen? Mathias Lodd löste diese Aufgabe vom ersten Moment an souverän und mit viel Gespür sowohl für die Person des Hamlet als auch für die Gefahren der Rolle. Am Anfang spielt er den Prinzen als aufsässigen Jüngling, den lediglich die schnelle Wiederverheiratung seiner gerade erst verwitweten Mutter empört. Frechheit und Direktheit prägen sein Auftreten, innerlich wirkt er jedoch noch stabil. Sein erster Monolog gerät zwar gedankenschwer, aber noch nicht zerrissen oder gar verzweifelt. Die Haltung des innerlich distanzierten Thronfolgers, der sich mit der mangelnden Pietät am Hof nicht abfinden kann, ändert sich schlagartig nach der Erscheinung des Geistes seines Vaters. Die einfache Empörung über die Wiederverheiratung schlägt in lodernden Hass und Abscheu um, als er von der Ermordung erfährt. Doch Schreien ist nicht Mathias Lodds Ausdrucksform. Sein Hamlet drückt seine Rachelust durch scharfe Reden aus, die bald in scheinbaren Irrsinn übergehen. Da Hamlet weiß, dass Geistererscheinungen kaum als Beweis gegen den herrschenden König ernstgenommen werden, hütet er sich vor der offenen Anklage und versteckt diese in scheinbar unsinnige und widersprüchliche Reden, die jedoch immer eine deutliche Aggression und versteckte Anspielungen an die Bluttat des Königs enthalten. Mathias Lodd steigert sich von Minute zu Minute besser in diese Rolle hinein und wird damit zum Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Der Spruch über die Schulweisheit kommt ihm derart beiläufig über die Lippen, dass sie ihre dramaturgische Gefährlichkeit vollständig einbüsst und auf ihre ursprünglich intendierte Bedeutung schrumpft. Das Hauptaugenmerk galt dann natürlich dem berühmten Monolog, und den baut Lodd wiederum mit gekonntem Unsterstatement zu einem zwingenden Spannungsbogen auf. Lange blättert er in einem Buch, sortiert einige Zettel, inspiziert diese nachsinnend, bevor er langsam, fast stockend, mit dem "Sein - oder Nichtsein" beginnt. Auch die folgenden Strophen kommen eher nachdenklich, innengewandt über seine Lippen. Kein Hauch von Rampendeklamation. Folgerichtig gab es für diesen Monolog auch keinen Szenenapplaus, wie es früher bei selbstdarstellerisch begabten Schauspielern wohl öfter der Fall war. Doch ein solcher Szenenapplaus beklatscht meist nur das eigene Wissen um die Bedeutung dieses Monologs und im besten Fall den Zucker, den der Schauspieler dem "Affen Publikum" mit einem inszenierten Vortrag gibt. Hier jedoch war der Monolog nahtlos in die Inszenierung integriert, gerade als sei er nur einer von vielen Auftritten. Manch ein Zuschauer mag den fehlenden "Aplomb" vermisst haben, der Inszenierung bekam diese Art des Vortrags jedoch ausgezeichnet. Karin Klein (Gertrud), Mathias Lodd
(Hamlet) Bühnenbildner Dieter Klaaß hatte sich noch einen weiteren Effekt einfallen lassen: mit Hamlets Wissen um den Mord an seinem Vater setzt ein Dauerschneefall ein, der sich auf der Bühnenmitte über die ganze Breite erstreckt und damit den dunklen Bühnenrückraum vom hellen Vordergrund trennt. Dieser Schnee verbreitet Kälte auf der Bühne, die Kälte, die in Hamlets Inneres einzieht und ihm alles Lebendige entzieht. Von diesem Moment an spielt auch seine Liebe zu Ophelia keine Rolle mehr. Schon jetzt weiß Hamlet, dass er ihren Vater Polonius, den typischen Erfüllungsgehilfen des Mächtigen, über kurz oder lang wird töten müssen, wenn er sich nicht selbst aus Feigheit das Leben nimmt. Der Schnee deckt sein früheres Leben zu und legt gleichzeitig Leichenstarre über Hamlets Welt. In diesen Schnee fallen der tote Polonius und dessen ertrunkene Tochter Ophelia. Der Schneefall hört in dem Augenblick auf, als Hamlet unerwartet aus England zurückkehrt. König Claudius hatte in einem Brief verfügt, den Boten Hamlet unverzüglich hinzurichten, dieser jedoch hat, ahnungsvoll, den Brief entdeckt und durch einen zweiten ersetzt, der das gleiche über die angeblichen Freunde Rosenkrantz und Güldenstern verfügt. Bis zu dieser Erkenntnis hatte Hamlet den Mord an seinem Vater als ein unverzeihliches, aber einmaliges Verbechen betrachtet, das Rache verlangt. Die Welt selbst wäre jedoch mit der Rache wieder im Lot gewesen. Den geplanten Mord an ihm, mit Wissen seiner Begleiter, und unter freundlichsten Verabschiedungen durch den König eingeleitet, lässt seinen Glauben an die Welt endgültig zusammenbrechen. Von diesem Augenblick an agiert Hamlet als zukunftsloser Zyniker. Der Schnee ist einer tödlichen Klarheit gewichen, Hamlet marschiert sehenden Auges seinem eigenen Ende und dem des Königshauses entgegen. Da spielt es keine Rolle mehr, dass Laertes aus Rache über den Mord an seinem Vater seine Degenspitze vergiftet hat. Er vergibt dem sterbenden Freund seinen Verrat. Der Tod der eigenen Mutter an dem vom König für ihn, Hamlet, zubereiteten Gifttrank weckt bei Hamlet keine Wut mehr, sondern nur die kalte Entschlossenheit, den Urheber der Verbecher hinzurichten, bevor er selbst am Gift der Degenspitze stirbt. Das letzte Wort des Stückes - "Schweigen" - bleibt bei Helles Inszenierung aus und wird von der Bühnenrealität gesprochen: nach Hamlets Tod herrscht Schweigen. Tom Wild (Laertes), Oliver Burkia (Osric),
Mathias Lodd (Hamlet), Uwe Zerwer (Claudius), Karin Klein
(Gertrud) Mathias Lodd als Hamlet ist in dieser Inszenierung die Schlüsselperson für den Erfolg. Die Rolle des ursprünglich textlich sehr präsenten König Claudius' (Uwe Zerwer) wurde aus Zeitgründen stark beschnitten, so dass von ihm nur ein kühler Sachverwalter der Macht übrigbleibt. Nur beim Gebet bricht das Gewissen bei ihm durch, um dann aber schnell wieder durch planmäßige Aktivitäten zur Erhaltung der Macht und Eliminierung des Feindes zum Schweigen gebracht zu werden. Uwe Zerwer gibt diesem modernen Manager der Macht die nötige Kontur, verzichtet dabei jedoch zwangsläufig auf jegliche archaisch-dämonischen Züge. An seiner Seite tritt Karin Klein - passenderweise auch im "echten" Leben Ehefrau Uwe Zerwers - als Königin mit einer hilflosen Mischung aus Mutterliebe und politischem Opportunismus auf. Offensichtlich hat sie sich nach dem Tod ihres Mannes schnell wieder in die Sicherheit einer neuen Beziehung gerettet, da eine alleinstehende Witwe in dieser politischen Höh(l)e keine hohe Lebenserwartung gehabt hätte. Das schlechte Gewissen dringt ihr jedoch aus allen Poren. Karin Klein verleiht dieser verzweifelten Gratwanderung einer Frau im Rahmen ihrer dramaturgischen Möglichkeiten - die Königin reagiert mehr als dass sie agiert - glaubwürdige Züge. Diana Wolf gibt eine überraschend präsente Ophelia, die am Ende zwar dem Wahnsinn verfällt, bis dahin aber alles andere als eine hilflose, vom Schicksal gebeutelte junge Frau ist. Ihre Ophelia kämpft zwischen Vater Polonius, Bruder Laertes und Geliebtem Hamlet sowohl um ihre eigene Identität wie auch um ihre Liebe zu Hamlet, der diese jedoch nicht mehr erwidern kann. Hubert Schlemmer spielt einen so geschäftigen wie glatten Minister Polonius. Übertriebene Verschlagenheit und verwinkeltes Intrigantentum ersetzt er durch ein vermeintlichen Sachzwängen geschuldetes loyales Verhalten gegenüber seinem Arbeitgeber, frei nach dem Motto: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing". Er fühlt sich dabei auch nicht schlecht und schon gar nicht im Unrecht. Was der König tut, hat er nicht zu beurteilen, sondern nur dessen Befehle möglichst gut auszuführen, und seinem Sohn gibt er auch gleich alle guten Ratschlägen für eine dank glattem Opportunimus erfolgreiche Karriere mit auf den Weg. Hubert Schlemmers Polonius ist der Prototyp des meinungslosen oder - politisch korrekt - politisch neutralen Ministerialbeamten. Matthias Kleinert ist als Horatio permanent präsent, hält sich jedoch zurück und drängt sich als Hamlets bester Freund nie in den Vordergrund. Sein Horatio ist eher Beobachter und Chronist der Ereignisse, und als dieser überlebt er auch als Einziger. Bleibt noch zu nennen Tom Wild als Ophelias aufbrausender und liebender Bruder Laertes. Sein Schmerz über den Tod des Vaters geriet etwas zu plakativ schreierisch, man hätte die Wut auch etwas weniger expressiv ausdrücken können. Aber vielleicht brauchte Regisseur Heller auch einen Gegenpol zur gebrochen-zynischen Art Hamlets und der stoischen Ruhe eines Horatio. Und wo König und Minister professionelle Manager spielen, stellt der ungezügelte Wutausbruch des Laertes vielleicht ein gutes Gegengewicht dar. Klaus Ziemann und Gerd K. Wölfle spielen eine skurriles Schauspielerpaar, zur Abgrenzung des "Theaters im Theater" in historischen Pumphosen, Tilman Meyer und Stefan Schuster sind die beiden dubiosen Speichellecker Rosenkrantz und Güldenstern. Wirkte zu Beginn der - auch in der modernisierten Übersetzung - klassische Sprachduktus noch etwas statisch und künstlich, so verlor sich dieser Eindruck im Laufe der Aufführung, die Sprache wurde zusehends lockerer und die Handlung gewann an Spannung, bis am Ende die Dramatik und Dichte der Inszenierung die Kunstsprache fast vergessen ließ. Das Publikum wurde buchstäblich in den Sog der Handlung hineingezogen und folgte dem doch so bekannten Geschehen, als sei es völlig neu. Diese "Bannung" des Publikums ist wohl das größte Kompliment, das man dem Ensemble machen kann. Die Zuschauer bedankten sich mit langem Beifall für Ensemble und Regie und "Bravo"-Rufen, vor allem für Mathias Lodd. Weitere Vorstellungen finden am 26. und 29. Januar sowie am 16. und 29. Februar statt. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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