Rotkäppchen und der böse Jäger










































































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Uraufführung von Andreas Jungwirths Theaterstück "Schonzeit" im Staatstheater Darmstadt

 

Die Frage, wie es denn zu diesem Theaterstück gekommen sei, förderte Erstaunliches zutage: eine Puppenbühne klagte dem Autor ihr Leid, sie habe sechzig ausverkaufte Aufführungen und kein richtiges Stück für Vorschulkinder. Jungwirth beschäftigte sich daraufhin mit dem "Rotkäppchen"-Stoff und entschied nach kurzer Lektüre, ein richtiges Erwachsenenstück daraus zu machen. Pech für die Puppenbühne, Glück für das Staatstheater, denn Kleinkinder würden diese Version wohl kaum goutieren, Erwachsene schon.

Harald Schneider (Jäger), Hans Matthias Fuchs  (Wolf)Harald Schneider (Jäger), Hans Matthias Fuchs  (Wolf)

Nun glauben wir alle, den mythischen oder freudianischen Hintergrund dieses Märchens zu kennen. Unschuldiges Mädchen wächst in matriarchalischer Umgebung auf - kein Mann im Haus! -, wobei die Großmutter bereits in der Einsamkeit des Alters - der Wald als Symbol - lebt. Beim Besuch der kranken Oma lenkt der böse Wolf - alias Mann - das hübsche Mädchen ab, verspeist die Großmutter und raubt damit dem Mädchen die Bezugsperson. Mit der Mutter hatten pubertierende Mädchen offensichtlich bereits in mythischen Zeiten so ihre Schwierigkeiten. Anschließend "vernascht" er auch noch das jetzt schutzlose Rotkäppchen und tötet damit das Kind in der jungen Frau. Und wenn nicht der gute Jäger durch Zufall (!) dahergekommen wäre und den Wolf getötet hätte, säßen Rotkäppchen und die Großmutter noch heute im Bauche des Wolfes. An diesem Märchen merkt man deutlich, dass der eigentliche Mythos mit dem Tod Rotkäppchens endet und das "happy end" lediglich zur Besänftigung empfindlicher Gemüter "angeklebt" wurde. Jungwirth hat bei seiner Recherche überdies herausgefunden, dass sich das "Rotkäppchen"-Motiv bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen lässt und damals bereits wesentlich deutlichere Züge trug. In der Urversion legt sich Rotkäppchen noch nackt zum Wolf ins Bett, was Siugmund Freud sicher mit heftigem Kopfnicken zur Kenntnis genommen hätte.

Der Autor hält sich in seiner Version weitgehend an die Märchenvorlage und siedelt das Stück auch in einer fast zeitlosen Dorfidylle an, sieht man mal vom Gebrauch des Gewehrs ab. Doch bei ihm gewinnen der Jäger und Rotkäppchens Mutter ein wesentlich größeres Gewicht. Zu Beginn schießt der Jäger aus Frust über die Schonzeit ihre Jungen aufziehenden Wölfe einen Adler vom Himmel. Anschließend gerät er mit dem Wolf in ein ernsthaftes Gespräch - im Märchen geht das bekanntlich - über den Sinn und Unsinn der Schonzeit. Als der Wolf ihm den Adler raubt, verspricht der Jäger ihm seine Flinte dafür. Der sich für schlau haltende Wolf schlägt ein - er hat halt seinen La Fontaine nicht gelesen - und will anschließend den Jäger erschießen wie der Hase im "Struwwelpeter". Doch die letzte Kugel steckt im Adler, und so sieht sich der Wolf als der Betrogene, obwohl der Jäger nicht Fuchs heißt. Frustriert zieht er zur Großmutter, zu der er bereits seit Jahren ein fast zutrauliches Verhältnis pflegt, und stellt im Gespräch mit ihr fest, dass sie ihn durch ihre Fütterung seiner Wolfshaftigkeit beraubt hat. Dennoch bittet er auf seine alten Tage um den Status eines Haushunds, da er die ewige Flucht vor der Büchse des Jägers leid ist. Zwischen diesen beiden entspinnt sich ein geradezu dialektischer Dialog über Opfer und Täter, in dessen Verlauf beiden klar wird, dass der Wolf die Großmutter irgendwann auffressen wird.

Margit Schulte-Tigges (Großmutter), Hans Matthias Fuchs  (Wolf)Margit Schulte-Tigges (Großmutter), Hans Matthias Fuchs  (Wolf)

 Der Jäger ist mittlerweile mit seiner Trophäe zu Rotkäppchens Mutter zurückgekehrt, die eine Dofschänke betreibt und ihre Tochter mitlaufen lässt, ohne sich groß um sie kümmern zu können. Der Jäger erhält von der Wirtin auf seine Werbung einen Korb und besäuft sich vor Kummer, während Rotkäppchen pubertär maulend auf der Treppe sitzt und darüber klagt, keinen richtigen Mann zu finden. Den Hinweis des Jägers, die Großmutter sei krank und erwarte den Besuch ihrer Enkelin, nimmt sie ungerührt zur Kenntnis, bequemt sich jedoch endlich zu dem Gang, weil es das Märchen so will. Auf dem Weg dorthin trifft sie natürlich den Wolf, der sie ablenkt und zum Blumenpflücken schickt, während er sich über die Großmutter hermacht. Die Frage, warum er Rotkäppchen nicht gleich im Wald vernascht und auf die alte, zähe Großmutter verzichtet, ist mythen- und märchentechnisch noch zu beantworten. Jedenfalls ergibt sich der bekannte Dialog zwischen Rotkäppchen und dem Wolf in Großmutters Haus in leicht abgewandelter Form und das Mädchen steigt schließlich splitternackt zum Wolf ins Bett. Derweil sind die Mutter und der Jäger hinterhergeschlichen, doch der Jäger verweigert den "finalen Rettungsschuss" auf den Wolf und erpresst dafür ein Liebesgeständnis von der klagenden Mutter. Endlich fällt der Schuss.

Im Epilog trifft der Jäger im Wald auf Rotkäppchen, das dort das Grab der Großmutter und des Wolfes besucht. Sie kann den Tod des einzigen Wesens, das sie -
wenn auch in anderer Form als gedacht - begehrt hat, nicht verwinden und entlockt dem Jäger mit einem Trick das Gewehr. Schuss, Tod - der Wolf ist gerächt. Zu Hause weint sich die Mutter die Augen aus dem Kopf, da Rotkäppchen nicht mehr auftaucht. Die Erlebnisse im Wald haben sie zur Frau gemacht und sie wird ihre Zukunft in der Stadt finden.

Julia Glasewald (Mädchen)Julia Glasewald (Mädchen)

 Jungwirth hat dem Rotkäppchen-Stoff keine neue oder gar revolutionäre Aussage abgepresst. Er variiert vielmehr die mythischen Motive, aktualisiert sie und verleiht ihnen vor allem eine dialektische Färbung. Diesen Wolf kann man durchaus verstehen, und der Jäger zeigt ziemlich miese Eigenschaften. Wer will, kann darin zwei Männermodelle - Macho und Heckenschütze - sehen. Das Machomodell erfährt eine gewisse Rehabilitierung, da es aus eigener Kraft existiert, der Jäger jedoch ist nur mittels externer Kraft (Gewehr) stark und wird ohne diese zum Jammerlappen und Intriganten. Höhepunkt ist die skrupellose Ausnutzung seiner Machtposi
tion gegenüber Rotkäppchens Mutter vor der Erschießung des Wolfes. Der Sieg des Jäger über den Wolf wirft ein so treffendes wie pessimistisches Bild auf den gesellschaftlichen Zustand, wenn denn die Intention des Autors so weit reichte.

Das Ende erinnert dann doch ein wenig an den gerade in Darmstadt neu inszenierten "Hamlet": Bis auf eine sind alle Protagonisten tot oder dem Suff erlegen, nur "Horatio" Rotkäppchen überlebt, um den Gebrüdern Grimm von der Tragödie im Wald zu berichten, auf dass diese die Geschichte in ihre Chroniken übernehmen.

Regisseurin Ina Keppel hat das Stück trotz der Märchenhandlung eher im Stil des realistischen Gesellschaftsstücks als des Märchens inszeniert. Zu dem knappen Bühnenbild von Sandra Draschaft - ein Holzstoß als Bett der Großmutter und eine räumlich getrennte Wirtshausstube - agieren die Darsteller wie Alltagsfiguren und in schlichten Kostümen einer ländlichen Bevölkerung. Nur Matthias Fuchs als Wolf (welch Ironie!) trägt schwarze Lederhosen und Ledermantel mit Pelzkragen zum nackten Oberkörper - Symbol für Wolf und Macho gleichermaßen. Seine buschigen, gefährlich abgewinkelten Augenbrauen - keine Maske! - prädestinieren Fuchs geradezu für diese Rolle, und er spielt den beutelüsternen Wolf mit geradezu diabolischer Lust. Harald  Schneider konterkariert ihn als innerlich zerfressener und unsicherer Jäger, dessen psychische Struzktur sich bereits im ersten Bild zeigt, wenn er ohne  anderen Grund als den des (Sozial-)Neids den einsam in den Höhen schwebenden Adler vom Himmel holt. Julia Glaasewald spielt das aufmüpfige, lebens- und neugierige Mädchen (Rotkäppchen) mit viel Gespür für die latente Rebellion junger Menschen und Mut zur eigenen Entblätterung. Sonja Mustoff und Margit Schulte-Tigges geben Mutter und Großmutter mit der von ihnen gewohnten Professionalität.

Alles in allem stellt dieses Stück eine durchaus originelle und alles andere als nur unterhaltende Sicht auf einen alten Märchenmythos dar, der es auch an einem gewissen hintergründigen Humor nicht fehlt. Das Ensemble verleiht dieser "dialektischen Fingerübung" auf der Bühne Leben. Mehr als freundlicher Applaus für Darsteller und Regie.

Frank Raudszus


Alle Fotos © Barbara Aumüller

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