Munteres Musikantentum

















































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Das 5. Sinfoniekonzert des Staatstheaters verbindet Frühklassik und Moderne

 

Von Joseph Haydn kennen die meisten – außer seinem „Kaiserquartett“ – vor allem die späten Sinfonien, sei es die „mit dem Paukenschlag“, die „Londoner“ oder auch einige andere. Auch die „Abschiedssinfonie“ – Nummer 45 – mag noch vielen ein Begriff sein, aber die ganz frühen Sinfonien? In der Flut des Konzert-Repertoires gehen solche Werke für gewöhnlich unter. Der Darmstädter „Noch-GMD“ Stefan Blunier hat jetzt diese stillen Blüten der Musikgeschichte im Rahmen des 5. Sinfoniekonzerts der Saison wieder ans Tageslicht gebracht. Dabei fügte er die drei zusammengehörigen Sinfonien „Le Matin“ (Nr. 6), „Le Midi“ (Nr. 7) und „Le Soir“ (Nr. 8) zu einem Programm zusammen. Um den Gesamteindruck aufzulockern und auch der Moderne eine Chance zu geben, flocht er in dieses Programm als „Zwischenstücke“ zwei Werke des zeitgenössischen estländischen Komponisten Avo Pärt (*1935) ein: die sinfonische Miniatur „Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte“ aus den späten Neunzigern und das „Concerto piccolo über B-A-C-H“ für Trompete, Streichorchester, Cembalo und Klavier aus dem Jahr 1994.

Joseph HaydnJoseph Haydn

Haydns frühe Sinfonien stehen noch in der Tradition der Concerti grossi  von Händel und Vivaldi. Die Tafelmusik lugt sozusagen noch überall zwischen den Notenzeilen hervor, die musikalische Unterhaltung höfischer Gesellschaften stand offensichtlich Pate bei dieser Musik. Die Themen sind frisch und eingängig, der Duktus der Musik angenehm und ohne allzu große Extreme. Man muss sich halt darüber im Klaren sein, dass die Zuhörer während der Musikrezeption durchaus nicht auf ihre Unterhaltungen und Tändeleien verzichten wollten. Doch Haydns musikalische Leistung bei diesen frühen Sinfonien liegt darin, dass er dem Publikum bereits musikalische Experimente und Neuerungen „unterjubelte“, die es als solche gar nicht bemerkte. So löste er den Klang und die Metrik aus dem starren Korsett der gleichmäßig voranschreitenden Tafelmusik und erlaubte sich entsprechende Tempo- und Klangvariationen. Darüber hinaus hat er die Sinfonien dieses „Trios“ um solistische Elemente erweitert, die man so bis dahin nicht kannte. Sowohl die Violinen als auch das Cello und auch der Kontrabass erhielten lange Solopassagen, vorzugsweise im langsamen Satz, in denen die Musiker ihre individuellen Fertigkeiten beweisen und Themen ausschmücken konnten. Zeitweise erinnern diese Partien ein wenig an spätere Doppel- oder gar „Tripel-"Konzerte. Die Ecksätze dieser Sinfonien sind meist markig-frisch, das Menuett lädt geradezu zum Tanzen ein.

Die 6. Sinfonie – „Le Matin“ feiert den Sonnenaufgang mit einem gravitätischen Auftakt, um dann mit steigender Sonne an Lebhaftigkeit zu gewinnen.  "Le Midi" kommt mit der ganzen Breite eines sonnengesättigten Tages auf seinem Höhepunkt daher, und "Le Soir" schließlich schließt die Trilogie mit einem festlichen Abend ab. Alle drei Sinfonien entwickeln dabei ein eigenes solistisches Profil, wobei Wilken Rank (Violine I), Sorin-Dan Capaita (Violine II), Michael Veit (Violoncello) und Stefan Kammer (Kontrabass) den Ton angaben. Bei aller Kürze und Schlichtheit verströmen die drei Werke jedoch eine unbändige Musizierfreude und zeugen von der hohen musikalischen Einfallskraft ihres Schöpfers. Das Orchester des Staatstheaters unter der Leitung von Stefan Blunier füllte diesen Rahmen mit der eigenen Spiellust und dem Gespür für das reine Musikantentum. Sowohl die auftrumpfenden Ecksätze als auch die tänzerischen Menuette und vor allem die expressiven, von Soli durchsetzten langsamen Sätze wurden zu kleinen Juwelen der Gattung "Sinfonie".

Avo PärtAvo Pärt

Wolfgang BauerWolfgang Bauer

Avo Pärts "Wenn Bach Bienen gezüchtet hätte" hinterlegt das eindringliche, schwebende Summen der Streicher und das monotone Pochen des Klaviers mit barocken Figuren und Mustern. Man kann sich bei dieser Musik tatsächlich vorstellen, dass Bach, wäre er nebenberuflich Bienenzüchter gewesen, die Geräusche dieses Hobbys in etwa dieser Art in seine Musik hätte Eingang finden lassen. Dabei wirkt Pärts Musik durchaus nicht ausgesprochen modern, sondern trägt tonale Züge, die man Ende des 20. Jahrhunderts nicht erwartet hätte. Trotz - oder gerade wegen? - der Schlichtheit der harmonischen wie melodischen Strukturen besteht jedoch nie die Gefahr, in bloße Gefälligkeit abzugleiten. Dazu sind Motive und Metrik im Detail denn doch zu dynamisch und variantenreich.

Im "Concerto piccolo" hatte Wolfgang Bauer den Solopart auf der Trompete übernommen. Dabei musste er unter erschwerten Bedingungen spielen, da ihm die Partitur mehrfache Wechsel des Instruments vorschrieb, je nachdem, welche Klangfarbe der Komponist sich vorgestellt hatte. Auch hier zeigt sich die Grundstruktur der Musik modern, vor allem im Solopart, doch es bleibt ein tonales und einer nachvollziehbaren Themenfolge verpflichtetes rundraster, das dies Werk auch für skeptische Betrachter der  zeitgenössischen Musik zugänglich macht. Natürlich ist die Tonf9olge B-A-C-H nicht zu überhören, und allein dadurch  gewinnt das Stück eine hohe Affinität zu Bachs Musik. Schließlich ist diese Folge ja im musikalischen Umfeld durchaus zum Markenzeichen geworden. Da dieses Stück für ein Solokonzert im Rahmen eines Sinfoniekonzerts doch recht kurz ist, hatten Solist und Dirigent schon vorab eine längere Zugabe eingeplant. Was lag da näher, als den letzten Satz von Joseph Haydns Trompetenkonzert zu präsentieren? Das Publikum bedankte sich für diese üppige Zugabe mit besonders herzlichem Applaus.

Mit ihrer tonalen Grundstruktur und dem im Grunde genomnmen einfachen Aufbau bildete Pärts Musik eine ideale Ergänzung zu dem Haydn-Programm dieses Abends, bei dem ja auch die musikalische "Naivität" oder Ursprünglichkeit im Vordergrund stand. Auch in der Interpretation des Orchesters fanden beide Musikepochen hervorragend zueinander und hinterließen insgesamt einen harmonischen Gesamteindruck.



Frank Raudszus

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