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Der unaufhaltsame
Abstieg einer Diva |
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Die
Kammeroper "La Cuzzoni" vom Agusti Charles in den Kammerspielen des
Staatstheaters Darmstadt |
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Die Rezension
eines Bühnenwerkes - umso mehr einer Uraufführung! - erfolgt
überlicherweise nach der Premiere, damit Interessenten sich
rechtzeitg genügend Meinungen einholen können. In diesem
speziellen Fall jedoch haben verschiedene Umstände den Rezensenten
von einem früheren Besuch des Stückes abgehalten, und so hat
sich die groteske Situation ergeben, dass der "Egotrip" die
Uraufführung der Kammeroper "La Cuzzoni" nach der letzten
Aufführung in Darmstadt kommentiert. Mea culpa - aber manchmal
häufen sich Zufälle und unglückliche Umstände. Worum geht es in "La Cuzzoni"? Die Cuzzoni (1698 -1772) war eine gefeierte Operndiva des 18. Jahrhunderts. Angeblich konnte ihr Gesang Tote erwecken und Lebende zu Tode bringen. Diese Ausnahmestellung führte denn auch bei ihr zu außerordentlicher Extravaganz und Arroganz, und sie konnte - wie auch heute noch viele künstlerische und sportliche Größen - nicht aufhören. Allerdings hatte sie derartig verschwenderisch von ihren durchaus guten Gagen gelebt, dass sie im Alter auf jeden Penny angewiesen war, um ihre Schulden abzustottern und sich vor dem Gefängnis zu retten. Gerson Luiz Sales (die
alte Cuzzoni), Werner Volker Meyer (Charles Burney)Die Handlung des Stückes - Libretto von Mark Rosich - setzt ein, als die gealterte Cuzzoni noch einmal nach London, die Stätte ihrer größten Triumphe, zurückkehrt, um ein letztes Benefizkonzert zu geben, dessen Einnahmen aber weniger irgendwelchen Bedürftigen als vielmehr ihrem leeren Geldbeutel zugute kommen sollen. Der Musikkritiker und ehemalige Verehrer Charles Burney erwartet sie in ihrer Garderobe, um sie von dem Auftritt abzuhalten. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt ihr sowohl den Verlust ihrer Stimme als auch das bevorstehende Fiasko eines höchstens halbvollen Saales auf den Kopf zu . Da er einst angesichts ihrer Stimme und seiner begrenzten Begabung von dem erträumten Musikerdasein Abschied genommen und sich auf die zweitrangige Kritik zurückgezogen hat, wirft er ihr ihren Verfall und ihre Uneinsichtigkeit ganz persönlich vor. Seine Stimme changiert zwischen mildem Spott, Häme und Mitleid, doch er kann bei der verblendeten Cuzzoni nichts ausrichten. Diese lebt mit ihrem Bild von früher und sonnt sich in alten Erfolgen, die sie einfach auf die Gegenwart übertragen möchte. Diese drei Personen - Cuzzoni alt und Cuzzoni jung sowie Charles Burney, bilden das gesamte Personal und befinden sich auch nahezu die ganze Zeit auf der Bühne. Der Counter-Tenor Gerson Luiz Sales spielt die alte Cuzzoni, Sonja Gerlach die junge, und Werner Volker Meyer steht als Charles Burney permanent zwischen diesen beiden Ausgaben ein und derselben Frau, die er einmal geliebt und verehrt hat. Dazu spielt im Hintergrund eine ganz in Weiß gekleidete Instrumentengruppe - zwei Violinen, Viola, Violoncello und "Live-Elektronik". Zu Beginn sinniert ein gebeugter Burney über einem "Bonsai-Flügel" - knapp einen halben Meter breit und nicht einmal kniehoch -, erinnert sich an die junge Cuzzoni und klimpert ein paar Töne auf dem schmalbrüstigen Tasteninstrument. Diese Töne, so beliebig sie anfangs scheinen, gehören jedoch schon zur Musik, und werden auch von den Instrumenten im Hintergrund aufgenommen und weiterverarbeitet. Die alte Cuzzoni kommt laut räsonnierend und fordernd im großen Reifrock in die Garderobe gestolpert und lässt sich mit Burney auf die Diskussion über die Vergänglichkeit ihrer Kunst ein. Sie zieht dabei alle Register von der hochfahrenden Diva über die um Bewunderung bettelnde Absteigerin bis hin zur geilen Alten, die sich den jungen Mann kaufen möchte. Ihre Erinnerungen an ihre Glanzzeiten fasst sie in eine gesangliche Darstellung, die deutlich den Verfall ihrer Stimme zeigt. Gerson Luiz Sales muss also bewusst Schwächen in seinen Gesang einbauen, um die Sitiuation zu verdeutlichen, ohne jedoch den Verdacht zuwecken, er können nicht singen. Das geht natürlich nur durch die Überspitzung. Zu dieser Handlung im Vordergrund bewegt sich Sonja Gerlach als junge Cuzzoni meist im Hintergrund und setzt ihre junge Sopranstimme als Kontrapunkt gegen die versagende ihrer älteren Inkarnation. Bei besonders starken Erinnerungen der alten Cuzzoni kommt sie sogar in den Vordergrund und verschmilzt fast mit dieser. Eine besonders anrührende Szene besteht darin, dass sie die alte, die sie einmal sein wird, stützt, während sich diese in den fiktiven Armen ihrer eigenen Jugend ausweint. Gerson Luiz Sales (die
alte Cuzzoni), Sonja Gerlach (die junge Cuzzoni) Gerson Luiz Sales hat in dieser etwa 80minütigen Inszenierung die Hauptlast zu tragen. Nicht nur ist er nahezu permanent auf der Bühne präsent, sondern er muss auch den gesamten Gefühlshaushalt einer alternden und letztlich scheiternden Künstlerin durchspielen. Allein die stimmliche Leistung verdient höchste Anerkennung, weiß man doch, wie schwer für einen Mann die Rolle des Counter-Tenors ist. Daneben ist er aber auch schauspielerisch gefordert, und wie er diese Aufgabe bewältigt, ist schon einmalig. Als sei er selbst dreißig Jahre lang als Frau durch die Höhen und Tiefen des Künstlerlebens gegangen, spielt er jede weibliche Regung von dem falschen Stolz über die Zickigkeit bis hin zur heulenden Verzweiflung absolut glaubwürdig. Vor allem die kleinen Gesten, Blicke und Mundbewegungen stimmen bis ins letzte Detail. Man kann über diese groteske Figur zwar bisweilen lachen, aber das Lachen bleibt im Halse stecken und mutiert zum Mitleid, da Sales die abgrundtiefe Verzweiflung dieser Figur authentisch wiedergibt. Dass ein Mann in diesen Frauenkleidern steckt, merkt man eigentlich erst, wenn er den Schlussapplaus entgegen nimmt. Werner Volker Meyer absolvierte seinen Part in dieser letzten Aufführung trotz einer Erkrankung mit einer solchen Bravour ind Intensität, dass man ihm die Erkrankung keinen Moment anmerkte. Sonja Gerlach hatte als schemenhaftes Erinnerungsbild der Jugend nur begrenzte Möglichkeiten, schauspielerische Akzente zu setzen, glänzte dafür aber mit einem lupenreinen und sehr einfühlsamen Sopran. Die Musik dazu besteht meist aus hochgespannten Tonfolgen, aus denen sich keine typischen Motive oder Themen entwickeln. Vielmehr soll die Musik die innere Befindlichkeit der Protagonisten widerspiegeln, wie auch die Singstimmen eher aus einem artifiziellen Sprechgesang bestehen, mehr Ausdruck als Gesang. Und obwohl diese Musik sich weit abseits eingängiger Melodien und Harmonien in der Moderne bewegt, erzeugt sie im Zusammenspiel mit den Sängern eine derartige Spannung, dass niemand die Musik als im negativen Sinn atonal oder gar dissonant empfand. Sie drückt authentisch das aus, was die Figuren auf der Bühne empfinden. Die vier Musiker im Hintergrund interpretierten diese Musik mit hoher Präzision und nie nachlassender Spannung. Das Publikum war nach dieser letzten Aufführung begeistert wie nach einer Premiere und wollte die drei Darsteller lange nicht zum verdienten Abschminken gehen lassen. Man sah jedoch deutlich, wie sehr sich vor allem die Sänger über den starken Beifall freuten. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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