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Der Inspektor in uns
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J. B.
Priestleys "Ein Inspektor kommt" im Kleinen Haus des Staatstheaters
Darmstadt |
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Gewissen hat
mit Wissen zu tun, vor allem dem um Gut und Böse, richtig und
falsch. Wer nichts weiß, wie das neugeborene Kind, kennt auch
kein Gewissen. Je mehr sich jedoch das Wissen um die Welt und die
eigene Unzulänglichkeit anhäuft, desto mehr wächst auch
das Gewissen, wird jedoch oft unter dem Gewicht des Gewussten
verdrängt. Je älter, desto bessere Verdrängungs- und
Beschönigungstechniken hat man entwickelt, weshalb ja auch die
Selbstmordrate ihren Höhepunkt im jugendlichen Alter erreicht und
dann bis zum Lebensende kontinuierlich abnimmt. Matthias Kleinert
(Inspektor Goole), Maika Troscheit (Sybil Birling), Christina
Kühnreich (Sheila Birling)Um diesen zentralen Punkt kreist die Handlung in Priestleys typisch englischem Kammerspiel: als Bühnenbild reicht die Wohnung einer - hier zufälligerweise britischen - Oberschichtfamilie aus ganz gleich welcher Zeit. Die Birlings feiern die Verlobung ihrer Tochter Sheila mit dem ebenfalls der begüterten Oberschicht entstammenden Gerald Croft. Alles läuft also blendend, und nach dem offiziellen Verlobungsempfang gehen Schwiegervater und Schwiegersohn zu einem mehr kumpelhaften und beinahe verschwörerischen - Augenzwinkern, leichte Boxhiebe - Konversationsstil über, während ERic, Birling junior, mit seiner aufgesetzten, alkoholbedingten Heiterkeit eher stört und die Frauen - wie üblich - in der Küche stehen. Da erscheint unvermutet ein Polizei-Inspektor, um Erkundigungen über eine junge Frau anzustellen, die sich umgebracht hat. Der ob dieses Ansinnens verwunderten Männergilde erläutert er, dass die junge Frau vor nicht zu langer Zeit Angestelle in Birlings Firma war und wegen Gehaltsforderungen gefeuert wurde. Wie nicht anders zu erwarten, erinnert sich Birling senior vage der jungen Frau und verteidigt seine damalige Entscheidung als unternehmerisch begründet, was ja den Inspektor schließlich nichts angehe. Kann man an dieser Stelle der Argumentation des Unternehmers noch folgen und keine wirkliche Schandtat entdecken, nimmt das Geschehen bei dem Gespräch des Inspektors mit der dazustoßenden Sheila dramatische Züge an, hat diese doch vor nicht allzu langer Zeit die Entlassung einer jungen Frau in einem Warenhaus bewirkt, nur weil diese angesichts eines Sheila absolut nicht stehenden Kleides gelacht haben soll. Natürlich waren beide Mädchen identisch, und Sheila zeigt sich vom ersten Moment des Erkennens tief betroffen und reuig, da sie sich zu Recht als ein Mosaikstein im tödlichen Lebenslauf der jungen Frau sieht. Der Inspektor ignoriert die mehr oder minder höflichen Versuche des Hausherrn ihn hinauszuwerfen, und setzt seine höflichen und knappen Fragen fort. George Croft entlockt er das ungewollte Geständnis einer längeren Beziehung zu eben diesem Mädchen, womit die Beziehung zu seiner frisch Anverlobten praktisch schon zerbrochen ist. Auch er hat Anteil am Untergang des Mädchens, das er letztlich aus Standesgründen verlassen hat. Höhepunkt ist die "Einvernahme" der Mutter, die als die "Gerechjte unter den Menschen" auftritt, dem Inspektor eine Standpauke über Anstand und gute Manieren hält und schließlich doch ebenfalls mit ihrer eigenen Herzenskälte und Grausamkeit konfrontiert wird, die sich hinter ihrem Gutmenschentum auftürmen. Doch Einsichtigkeit ist nicht ihre Sache, und die formale Richtigkeit ihrer bigotten Handlungsweise steht für sie außer Zweifel. Als sich herausstellt, dass die junge Frau von einem jungen, labilen Alkoholiker schwanger war, bürdet sie diesem die ganze Schuld an dem tragischen Geschehen auf und verlangt für ihn die härtesten Strafen. Der Zuschauer ahnt an dieser Stelle bereits, wie es weitergeht, und liegt mit dieser Vermutung durchaus richtig. Gustl Meyer-Fürst
(Arthur Birling), Matthias Kleinert (Inspektor Goole) Nacheinander werden alle Familienmitglieder mit ihren Verfehlungen vorgeführt. Natürlich verfallen sie - außer Sheila und Eric - erst in Verteidigungsreden, um bei der Entlarvung der anderen sofort die Schuld dorthin zu projizieren und sich gegenseitig Vorwürfe zu machen. Am hartleibigsten zeigt sich dabei das Ehepaar Birling. Beide lehnen eine persönliche Schuld vehement ab und rechtfertigen ihre Handlung aus Sachzwängen und formalen Regeln. Man kennt diese psychologische Entwicklung auch aus anderen Bereichen, so dem politischen: je älter die Beteiligten werden, desto weniger sind sie bereit, alte Einstellungen zu revidieren und Fehler einzugestehen. Während junge Menschen das Eingeständnis eines schweren Fehlers als Paulus-Erlebnis empfinden und zukünftige Wiedergutmachung als ihre Aufgabe sehen, weigern sich ältere Menschen, ihr bisheriges Leben als auch nur in Teilen falsch zu erkennen und dieses einzugestehen. Je größer der angehäufte Lebensballast desto geringer die Beweglichkeit. Wer will schon eingestehen, dass ein Großteil des geführten Lebens in die Irre ging - siehe Drittes Reich oder DDR-Elite? Noch während sich die Gemüter erhitzen und die gegenseitige Vorwürfe über die Bühne fliegen, verschwindet der Inspektor fast unmerklich. Als dies endlich offenkundig wird, kommen auch Zweifel an seiner Authentizität auf. Eine telefonische Erkundigung bringt die Bestätigung: es gibt keinen Inspektor Goole! Im vollkommenen Einklang mit den Persönlichkeitsmustern fallen sich die Eheleute in den Arm, gönnen sich einen Drink und können schon wieder über den folgenlosen Schreck in der Abendstunde lachen. Die Entlarvung der Lügen selbst eine Lüge: welch ein Witz! Keine Minute haben die beiden wirklich mit ihren Entscheidungen und Handlungen gehadert. Auch jetzt erreichen die von dem plötzlichen Situationswechsel nicht berührten jungen Leute ihre Eltern nicht mehr. Fast verzweifelt weisen Sheila und ihr Bruder auf die Tatsächlichkeit ihrer aller Schuld hin, ernten bei ihren Eltern jedoch nur Unverständnis und Ungeduld. "Schlaft drüber und morgen lacht ihr auch darüber!" - lautet ihre Antwort. In dem Augenblick, als sich die Zweiteilung der Moral auf der Bühne zu manifestieren beginnt, klingelt das Telefon und lässt die ganze Familie mit einer geradezu paradoxen Mitteilung ratlos im Raum stehen. Lange wartet die Regie mit dem Abschalten des Lichtes, um diese Ratlosigkeit tief eindringen und sich hinter den Figuren auftürmen zu lassen. Matthias Kleinert
(Inspektor Goole), Tom Wild (Eric Birling)
Regisseur Peter Haller hat das Stück für die Darmstädter Inszenierung auf neunzig Minuten gekürzt und verzichtet damit auf quälend lange Dialoge. Die Beziehungen und Lebenslügen werden schnell auf den Punkt gebracht, und die Figuren zügig nacheinander vorgeführt. Hailer geht es weniger um psychologische Details der Personen als um die dahinter sich abzeichnende Struktur der Schuld. Eine zu genaue Herausarbeitung der einzelnen Charaktere würde in gewisser Weise die Schuld wieder relativieren. Je mehr man einen Menschen (eine Rolle) kennenlernt, desto mehr ist man geneigt zu verstehen und damit auch zu verzeihen. Doch um Sühne und Verzeihung geht es Priestley und auch Hailer nicht, sondern um die Offenlegung der Strukturen. So gesehen stellen die Personen auf der Bühne nur Archetypen, nicht individuelle Personen dar. Ob es den Inspektor wirklich gibt, spielt am Ende keine Rolle mehr. Schon seit langem nistet er in Gestalt des schlechten Gewissens in den handelnden Personen. Auch wenn diese noch nicht den tragischen Ausgang des Geschehens kennen, sind sie sich alle der Schäbigkeit ihrer Handlungsweise bewusst und empfinden deswegen eine gewisse Scham, die sie jedoch nie nach außen dringen lassen. Der Inspektor wirkt hier nur als Katalysator, braucht nur zu fragen, den wunden Punkt anzusprechen, und schon sprudeln die Gewissensbäche. Das Ensemble folgt Hailes Interpretation und lässt die Handlung zeitlos und doch aktuell erscheinen. Dabei hilft die neue Übersetzung von Michael Raab, der sich um eine schnörkellose, dem Alltag abgelausche Sprache bemüht, wie sie heute Tag für Tag in normalen Familien gesprochen wird. Gerade diese Schlichtheit - fast möchte man sagen: Banalität - der Sprache bewirkt hohe Authentizität und Glaubwürdigkeit. Gustl Meyer-Fürst ist ein so umtriebiger wie standesbewusster und eitler Familienpatriarch und prägt über weite Strecken das Geschehen auf der Bühne. Maike Troscheit gibt eine in Konventionen und Standesbewusstsein erstarrte Sybil Birling, die sich selbst für eine Ikone der Rechtschaffenheit hält und nie einen Fehler eingestehen wird. Timo Lindenbergs weltläufiger Karrierist und "Sonnyboy" George zeigt taktisches Verständnis für die jeweilige Situation und passt sein Schuldbewusstsein fein dem jeweiligen "Stand der Ermittlungen" an. Sein Motto lautet "Leben und (gut) Überleben". Die charmante Kaltschnäuzigkeit dieses Typs bringt Lindenberg überzeugend zum Ausdruck. Tom Wild spielt einen völlig aus der Fassung geratenen Eric Birling, der schon vor der Enthüllung des tragischen Ereignisses unter seiner Handlunsgweise leidet und sein schlechtes Gewissen in Alkohol ertränkt. Typisch für diese psychische Situation seine unkontrollierten emotionellen Ausbrüche, die einen Kontrapunkt zur kontrollierten Kälte der alten Birlings setzen. Christina Kühnreich ist der heimliche Star des Abends, einerseits, weil sie eine Wandlung vom verliebten "Society Girl" zur schuldbeladenen Büßerin durchläuft und dabei alle schauspelerischen Register ziehen kann, andererseits, weil sie die in ihrer Wandlung einzig wirklich sympathische Person in diesem Stück darstellt. Matthias Kleinert hat als Inspektor die undankbarste Rolle, darf er doch keine emotionelle Seite zeigen, nur stoischen Gesichts Fragen stellen und selbst Unverschämtheiten seiner Gegenüber mit kalter Höflichkeit kontern. Er löst diese Aufgabe jedoch mit der von ihm gewohnten Professionalität. Das Premierenpublikum war's zufrieden und spendete langen und freundlichen Beifall. Weitere Vorstellungen am 24.2., 2.3. und 22.3., Karten über das Staatstheater Darmstadt Frank Raudszus |
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