Das Wölfle im Poltpelz



























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Die "Barfestspiele" des Staatstheaters Darmstadt  präsentieren Gerhard Polts Satire "Da schau her"

 

Gerhard Polt - das ist die böse Zunge mit dem bodenständigen Flair, der Nachbar von nebenan mit seiner vordergründig pragmatischen, jedoch mehr als doppelbödigen Weltsicht. Polts besondere Fähigkeit liegt darin, das Publikum oder seine imaginäre Stammtischgemeinde mit nahezu leutseligen Anmerkungen zu Politik und Gesellschaft zu unterhalten, wobei der erste Halbsatz meist einen nachvollziehbaren Standpunkt enthält, der dann im Rest des Satzes urplötzlich in sein abgründiges bis zynisches Gegenteil verkehrt zu werden. Die Schärfe der Poltschen Komik liegt gerade darin, dass er sich zum - bajuwarischen - Kumpel des Zuhörers macht, dessen zustimmendes Kopfnicken und gar einen Lacher erheischt, und dann plötzlich bei der konsequenten Menschenfeindlichkeit landet.

In der Bar der Darmstädter Kammerspiele tritt der Schauspieler Gerd K. Wölfle in dieser Rolle auf. Requisiten: eine bayerische Wohnstube mit rot-weiß karierter Tischdecke und Weißbier, dazu der Darsteller im Janker und mit Hosenträgern. Die Vorstellung beginnt mit einem fiktiven Anruf eines Freundes, der nicht aufhören will zu reden, obwohl der Protagonist offensichtlich beschäftigt ist. Gelegenheit zum befreiten Lacher wegen der - ungefährlichen - Sitiuationskomik. Dann jedoch legt er los: erzählt vom Überfall auf den Gummibärchen-Automaten seiner Tankstelle, den er dank eines leistungsstarken Schrotgewehres unter humanem Kollateralschaden abwehren konnte. Seine Empörung gilt der Tatsache, dass nun schon Halbwüchsige vor seine Flinte kommen und dass ihn der Richter für seine ihm zustehende Selbstverteidigung auch noch verurteilt hat. Dass sich ein Nichtschwimmer selbst überlegen muss, ober er ins Wasser geht, ist für ihn genauso selbstverständlich wie die Weigerung, jeden leichtsinnigen Nichtschwimmer vor dem Ertrinken zu retten, vor allem, wenn dabei die Geldbörse verloren gehen kann. Schließllich waren ja auch andere Zuschauer bei dem berdauerlichen Schwimmunfall anwesend! Natürlich hat eine solch "gesunder Volksempfinder" auch einen Hund, und zwar einen scharfen Schäferhund, dem er JEDERZEIT "fass" zurufen kann; natürlich tut er es jetzt nicht.
Höhepunkt des nett menschenfeindlichen Schwadronierens ist die Vorstellung seiner Ehefaru Mei Ling, die er sich preisgünstig in Thailand gekauft hat, wenn man einmal von den lästigen Nebenkosten wie Anmeldung, Gesundheitszeugnis und Ähnliches absieht. So eine Thailänderin ist doch nützlich und angenehm wie ein Haustier, und sauber dazu. Außerdem hat sie auch noch andere Qualitäten - wissendes Grinsen.

In diesem Stil geht es bis zum Schluss weiter, und das Lachen müsste einem eigentlich im Halse stecken bleiben. Und dennoch lacht man wegen der grotesken Absurdität und dumpfen Selbstgerechtigkeit dieser Figur. Gerd K. Wölfle gibt sich alle Mühe, ein "Polt-Feeling" aufkommen zu lassen, aber das ist doch recht schwer. Zwar ist er des bayerischen Dialekts durchaus mächtig, aber ihm fehlt schon einmal Polts gefährlicher Frosch-Mund, der für dumpfe Bosheiten geradezu prädestiniert ist. Außerdem die schneidende Selbstgefälligkeit des Poltschen Timbres, das man kaum imitieren kann. Das größte Manko des Vortrags besteht jedoch darin, dass Wölfle den Text weitestgehend abliest. Das mag angesichts der allgemeinen Belastung mit anderen Rollen und des doch peripheren Stellenwerts der "Barfestspiele" verständlich sein, mindert jedoch die Wirkung deutlich. Redensarten dieses Typs müssen sozusagen "frei aus dem Maul fließen" , wie es ja beim Stammtisch nach dem dritten oder vierten Weizen (bisweilen auch ohne dies) üblich ist. Das - wenn auch diskrete - Ablesen bringt einen ungewollten Reflexionseffekt herein; schließlich stehen die Tiraden der Polt-Figuren und die Tätigkeit des Lesens in diametralem Widerspruch zueinander......

Trotz dieser Einschränkungen fühlte sich das Publikum kabarettistisch gut unterhalten und spendete freundlichen Beifall.


Frank Raudszus

Gästebuch