Zwei musikalische Welten in  einem Programm


























































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Das 7. Kammerkonzert des Staatstheaters Darmstadt ist dem Streichquartett gewidmet

Das Streichquartett gilt heute als eine der anspruchsvollsten Musikgattungen. An dieser Erhöhung zum musikalischen "Kultgegenstand" hat nicht zuletzt Beethoven entscheidend mitgewirkt. Nicht umsonst hat der Begriff "spätes Streichquartett" - vor allem im Beethovenschen Kontext - eine terminologische Eigendynamik entwickelt, die auf Komplexität, Abstraktheit und Transzendenz verweist. An dem Programm dieses Kammerkonzert-Abends ließ sich exemplarisch die geradezu eruptive Entwicklung dieser Musikgattung in gerade einmal dreißig Jahren beispielhaft nachvollziehen. Um diese Entwicklung nachzuzeichnen, war eines der renommiertesten europäischen Streichensembles angetreten, das "Cuarteto Casals" aus Madrid mit den Musikern Vera Martínez Mehner (Violine), Abel Tomàs Realp (Violine), Jonathan Brown (Viola) und Arnau Tomàs Realp (Violoncello).

Doch der Abend begann mit einer seltenen Panne: dem Riss einer Cello-Saite, der eine zehnminütige Verspätung zur Folge hatte. Nun bräuchte man sich über solche kleinen Unglücke nicht weiter auszulassen, wenn ausgerechnet an diesem Abend sich nicht die Zufälle gehäuft hätten. Denn vor Beginn des zweiten Teils riss auch noch eine Saite der Bratsche. So hatte also das Publikum jeweils ausreichend Zeit, noch einmal das Programmheft zu studieren und sich über die Kompositionen zu informieren.....

Das Cuarteto CasalsFür Selbstironie empfänglich: Das "Cuarteto Casals", wie von Velazques gemalt...

Als erstes Stück stand Joseph Haydns Streichquartett op. 33 Nr. 6 in D-Dur aus dem Jahr 1781 auf dem Programm. Man merkt dieser Komposition noch deutlich an, dass sie als Auftragswerk vor allem der
Unterhaltung einer - wenn auch musikalisch gebildeten - Hofgesellschaft diente. Der Charakter dieser Musik ist heiter und gelöst, harmonische und thematische Experimente bleiben im musikalischen "Binnenfeld" und äußeren sich nicht oder nur selten in Form von abrupten Wechseln des Tempos, der Lautstärke oder der Harmonik. Was immer der große Musiker Haydn an musikalischen Einfällen auch im Kopf gehabt haben mag, er wusste ganz genau, was er seinem Brotgeber zumuten konnte und was nicht. Erst Mozart brach diese immanente Bindung an den Auftraggeber, doch weniger kalkulierend als seinem Genie folgend. Doch Haydn wäre nicht der bedeutende Komponist gewesen, hätte er nicht doch einige kleinere Fluchten aus der Auftragsmusik gewagt. So zeigt der erste Satz durchaus starke Gegensätze zwischen den einzelnen Stimmen und ausgeprägte Spannungselemente in den Motiven und ihren Durchführungen. Dieser Satz verlangt vom Publikum durchaus Aufmerksamkeit und "stört" eine angenehme Tischunterhaltung in nicht geringem Maße. So mancher die Musik nur als Geräuschkulisse betrachtende Gast mag sich denn auch irritiert gefühlt haben. Als habe Haydn geahnt, dass er mit dem ersten Satz das Publikum bereits ein wenig überforderte, zeigen die Folgesätze deutlich schlichtere Strukturen und eingängige Themenverarbeitung, ohne deswegen an Temperament zu verlieren. Eben das macht Haydns Qualität aus, dass er auch der eingängigen Form noch Qualität verleihen kann. Seine Musik wirkt nie langweilig oder gar platt, sondern stets frisch, abwechslungsreich und harmonisch fein abgestimmt. Das Cuarteto Casals präsentierte das Streichquartett mit genau dem Gestus der gekonnten Unterhaltungsmusik: Spaß an der einzelnen musikalischen Figur, am Klangbild, am präzisen Zusammenspiel und an dem Aufbau der musikalischen Spannungsbögen. Es war einfach eine Freude, dieser Musik zu lauschen.

Als Kontrastprogramm interpretierte das Quartett anschließend die 12 Mikroludien für Streichquartett, genannt "Hommage à Mihály András" des zeitgenössischen ungarischen Komponisten György Kurtág (*1926). Ähnlich dem "Wohltemperierten Klavier" Johann Sebastian Bachs geht Kurtág in dieser Komposition halbtonweise durch den gesamten Zwölftonraum. Jede der Miniaturen - zwischen neun Sekunden und zwei Minuten lang - umspielt einen Grundton, nimmt andere hinzu und lässt nur den nächst höheren aus, der dann zur Basis des nächsten Stücks wird. Motive oder gar Themen findet man kaum, nur Klangbilder mit Überlagerungen verschiedener Töne der einzelnen Instrumente. Auch die Metrik ist minimal und besteht lediglich aus kurzen, eruptiven Tonfolgen. Dem Komponisten ging es bei dieser Sammlung von "Klangmalereien" im Wesentlichen um die Spannung sich aneinander reibender und gegenseitig verstärkender Klänge verschiedener Instrumente. Das Ensemble präsentierte diese Komposition mit außerordentlicher Konzentration und einem sehr feinen Gespür für die Auslassungen und Pausen in und zwischen den einzelnen Klangflächen.

Den Höhepunkt des Abends schleißlich bildete Beethovens 3. "Rasumovsky"-Quartett (op. 59, Nr. 3) aus dem Jahr 1806. Es begann so wie Kurtágs Mikroludien aufhörten: mit einer metrikfreien aber spannungsgeladenen Klangfläche. Diese "Introduzione" des ersten Satzes zeigt deutlich, wie weit sich das Streichquartett in knapp dreißig Jahren weiterentwickelt hatte. Haydns D-Dur-Quartett und diese Komposition trennen vom ersten Augenblick an Welten. Beethoven widmet zwar seine Werke noch gewissen Gönnern - hier Graf Rasumovsky -, aber er schreibt keine Unterhaltungsmusik mehr, sondern folgt nur noch seinem musikalischen Auftrag. Das hatte dann auch zur Folge, dass die ausführenden Musiker bei diesem Stück ob der technischen und interpretatorischen Anforderungen die Hände über dem Kopf zusammenschlugen. Doch auch dem Zuhörer wird schon bald nach der langsamen - und so modernen! - Einleitung klar, was diese Musik von ihren Vorgängern unterscheidet. Die Vorstellung und Durchführung ausgereifter Themen spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Zwar findet man auch in diesem Quartett sich wiederholende Motive, doch sie dienen höchstens als Anker und bilden nicht den Mittelpunkt der Musik. Diese besteht vielmehr in der höchst verdichteten Folge unterschiedlicher kurzer Motive in den einzelnen Stimmen. Die verschiedenen Instrumente finden hier zu hoher Eigenständigkeit und setzen immer wieder ihre eigenen rhythmischen und motivischen Einfälle gegeneinander. Daraus ergibt sich ein höchst expressives und doch konzentriertes und aufeinander abgestimmtes polyphones Gewebe, das keinen Augenblick Ruhe oder gar Eingängigkeit verspricht. Beethoven arbeitet das musikalische Material konsequent nach allen harmonischen und metrischen Regeln durch und gewährt dem Zuhörer keinen Moment des Verweilens im schönen Klang. Eher aufgewühlt bleibt das Publikum nach dem ersten Satz zurück. Dafür folgt ein zweiter Satz, der - ähnlich wie bei Haydn - ein Zugeständnis ans Publikum zu sein scheint: ein einfaches, fast lyrischens Thema, zeitweise in Terzstimmung der beiden Violinen vorgetragen. Doch hinter dieser vordergründigen Schlichtheit lauert bei Beethoven immer das Absolute, der plötzliche Ausbruch aus dem Gewohnten. Das zeigt sich spätestens beim Scherzo und schließlich beim Finale, einem Variationensatz mit Fugencharakter. Auch hier überschreitet Beethoven wieder die Grenzen der eingängigen Musik und widmet sich ausschließlich dem Geist der Komposition, als wolle er demonstrieren, wie gleichgültig ihm das Wohlgefallen ist. Beethovens Streichquartette sind sich selbst genug, hier feiern die Gesetze der Musik ihr eigenes Fest, und wenn noch Zuhörer zugegen sind, ist es auch gut (solange sie ruhig sind). Gerade, wenn man vorher Haydn gehört hat, kann man die weitgehend verständnislose Reaktion des damaligen Publikums und der Kritik verstehen. Diese Musik brauchte Jahrzehnte, bis sie sich dem Publikum erschloss.

Der mit "Bravo"-Rufen durchsetzte Beifall  zeugte deutlich von dem Eindruck, den das Cuarteto Casals mit dieser Interpretation auf
das Publikum gemacht hatte. Allerdings war das Konzert aufgrund der Kürze der Kurtág-Komposition vor der üblichen Zeit zu Ende, und so lieferte das Ensemble - bei Streichquartetten eigentlich eher unüblich - noch zwei Zugaben nach: den letzten Satz aus einem Haydn-Quartett und eine Komposition von dem Spanier Manuel de Falla. Beide Stücke wurden - wie alles an diesem Abend - engagiert und temperamentvoll präsentiert, und dennoch blieb eine kleine Enttäuschung. Das Beethoven-Quartett war der eindeutige Höhepunkt des Abends, den man in den Köpfen der Zuhörer hätte nachwirken lassen sollen. So jedoch füllten sich diese anschließend noch einmal mit Musik, die einem anderen Kontext entstammte - im Fall Haydns war es sogar ein historischer "Rückfall" - und daher den Eindruck ein wenig verwässerte. Vielleicht sollte man auch einmal ein kürzeres Konzert akzeptieren, wenn dadurch der Gesamteindruck konsistent und in sich geschlossen bleibt, und den Abend nicht durch Mehrfach-Zugaben noch zu einem "Potpourri" - wenn auch auf hohem Niveau - aufblasen.

Frank Raudszus

Gästebuch