Komödie über das Grauen im Biederen




























































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Der Evergreen "Arsen und Spitzenhäubchen" in der neuen Bühne Darmstadt

Ältere Semester werden noch den Film aus dem Fernsehen der sechziger oder siebziger Jahre mit Gregory Peck in der Hauptrolle  kennen und sich gerne daran erinnern, wie sie damals gelacht haben. Da liegt es denn auch nahe, eine solch unverwüstliche Komödie wieder einmal im "Live"-Gewand zu sehen. In vielem erinnert diese Komödie an den Film "Ladykillers" - die groteske Vertauschung der Rollen, der Schreck vor dem Unheimlichen, dem Grauen, und schließlich der alles Schreckliche wieder aufhebende Humor.

Heike Berg und Gabriele Reinitzer als alte DamenHeike Berg und Gabriele Reinitzer als alte Damen

Die Geschichte beginnt denkbar harmlos, ja bieder. Zwei nette alte Damen bewirten eine dritte aus der Nachbarschaft und unterhalten sich über dies und das, als ihr Neffe Mortimer - seines Zeichens Theaterkritiker - eintritt und seine Verlobung mit der Enkelin der zu Gast weilenden Dame andeutet. Als er - allein im Raum - ein Manuskript sucht, stößt er in einer großen Truhe auf eine - männliche Leiche! Entsetzt und völlig aufgelöst vermutet er seinen geistig zurückgebliebenen Bruder Teddy als Täter, der seit Jahren meint, er sei Präsident Teddy Roosevelt, und eifrig in Panama - vulgo: im Keller - Schleusen für den Kanal baut, wenn er nicht gerade mit seiner elektrischen Eisenbahn spielt oder auf seiner Trompete zur Attacke bläst. Als der verzweifelte Mortimer seine Tanten schonend auf das Schreckliche vorbereiten will, teilen sie ihm zu seinem nicht geringen Entsetzen mit, dass sie von dem Toten wissen, dass Teddy damit nichts zu tun habe und dass dieses übrigens bereits der zwölfte Tote sei. Alle seien alt und einsam gewesen und da hätten sie beschlossen, diesen alten Männern beim friedlichen Übergang in eine bessere Welt mit Arsen zu helfen. Teddy habe sie alle in "Panamas Schleusen" beigesetzt.

Mortimer hat nicht nur mit der ungeheuerlichen Entdeckung der Morde, sondern auch mit dem fehlenden Schuldbewusstsein seiner Tanten zu kämpfen. Da gilt es erst einmal, seine nichtsahnende Verlobte Elaine aus dem Spiel zu halten, ja unter Umständen sogar die Verlobung zu lösen. Denn als Neffe von Massenmörderinnen kommt er als Gatte nicht mehr in Frage, zumal auch sein anderer Bruder bereits als Kind sadistische Züge zeigte und eine Verbrecherkarriere ergriffen hat. Was mag angesichts dieser wahnsinnigen Familie noch in seinen eigenen Genen schlummern?

Während er in seiner Zeitung nach juristischem Beistand sucht und gleichzeitig seiner - in diesem Moment lästigen - Pflicht als Theaterkritiker nachgeht, treffen zwei dubiose Gestalten im Hause der Tanten ein, zu dem sie sich mehr oder minder gewaltsam Zutritt verschaffen. Der einem Frankenstein ähnliche Gast erweist sich als Mortimers Bruder Jonathan, der andere als sein Arzt Dr. Einstein, der ihn in mehreren Gesichtsoperationen derart verunstaltet hat, dass ihn selbst seine eigenen Tanten nicht mehr wiedererkennen. Die beiden befinden sich auf der Flucht und haben obendrein noch eine Leiche im Auto, weswegen eine weitere Gesichtsoperation an einem stillen, unauffälligen Ort notwendig wird. Diesen Ort meinen sie im Haus der Tanten gefunden zu haben, und Jonathan macht den beiden alten Damen mit Nachdruck klar, dass sie die beiden zu beherbergen  haben.

Bianca Weidenbusch und Ralph Dillmann als Elaine und MortimerBianca Weidenbusch und Ralph Dillmann als Elaine und Mortimer

Natürlich erscheint irgendwann wieder Mortimer auf der Bildfläche, und nun spitzt sich der Konflikt zwischen den Brüdern zu, wobei die beiden Tanten mal naiv-bieder, mal ängstlich, mal resolut mitmischen, Teddy immer zum falschen Zeitpunkt mit seiner Trompete ein lautes Zeichen setzt und Elaine ungeduldig wissen will, was hier eigentlich gespielt wird. Dazu müssen diverse Leichen transportiert, versteckt und beigesetzt werden, wobei man sich ins Gehege kommt, und der Orstpolizist erscheint des öfteren als Teegast bei den Damen, ohne auch nur entfernt zu ahnen, was die große Truhe beherbergt oder welche seltsame  Gestalten die beiden Damen beherbergen.

Wie das ganze schließlich ausgeht - natürlich gut, wie es sich für eine Komödie gehört -, sollten sich interessierte Leser selbst ansehen. Es wäre schade, hier schon die Überraschungen und Pointen zu verraten, die das Salz in der Suppe dieser Komödie ausmachen. Auf jeden Fall ist gute Unterhaltung bei dieser Inszenierung garantiert.

Dafür sorgt neben der grotesken Handlung das Ensemble der "Neuen Bühne Darmstadt", das dieses Stück mit viel Spielfreude, Tempo und Witz präsentiert. Dazu ist die freie Fläche zwischen den u-förmig angeordneten Zuschauerrängen zu einem weitläufigen Wohnraum mit mehreren Sitzgruppen und einer heimeligen Loggia ausgebaut worden, wie man sich die Wohnung zweier älterer Damen vorstellt. Die Szenen verteilen sich über den ganzen Rauim einschließlich Türen und Fenstern, was der Inszenierung einen hohen Realitätsgehalt und viel Dynamik verleiht. Da steigt der Gangster Jonathan schon einmal zum Fenster hinaus oder schiebt eine - allerdings nur fiktive - Leiche durch, und vom Podest der Wendeltreppe erschallt Teddys Trompetensignal. Alle Schauspieler füllen ihre Rollen so gut aus, dass man bisweilen meint, nicht einem Theaterstück, sondern einem grotesken Familiendrama beizuwohnen. Ralph Dillmann spielt einen total aus den Fugen geratenen Mortimer, der die Welt nicht mehr versteht und an mehreren Fronten gleichzeitig zu kämpfen hat. Gabriele Reinitzer und Heike Berg geben zwei herrlich schrullige und dabei so liebenswürdige alte Mörderdamen, die gleichzeitig über Kuchenrezepte und Giftmischungen schwärmen können und Mortimer immer an die Einhaltung von Gesetzen, Moral und Sitte erinnern. Ulrich Sommer hat man zu einer Schrecken einflößenden Frankenstein-Kopie - im Text fällt öfter der Vergleich mit Boris Karloff - zurechtgeschminkt, die er mit dem sadistischen Gehabe des mörderischen Jonathan geradezu lustvoll ergänzt. Ihm zur Seite spielt Marcel Schneider einen ob der krankhaften Grausamkeit seines Kumpanen und Patienten geradezu verzweifelten Dr. Einstein. Jens Hommola gibt den biederen Polizisten, der ahnungslos mit Mördern am Teetisch sitzt und im denkbar falschen Augenblick Mortimer seine eigenen Theaterpläne auseinandersetzt. Rainer Poser, der im "Hauptmann von Köpenick" als Schuster Voigt beeindruckte, spielt den verwirrten Teddy mit viel Spaß an der fröhlichen Einfalt und den kindlichen Spielen eines Unbedarften. Bianca Weidenbusch gibt eine quirlige Elaine und Hannelore Nippert deren standesbewusste Großmutter Mrs. Harper.

Das Publikum hatte an dieser Aufführung viel Spaß und bedankte sich mit lang anhaltendem Beifall. Dazu trug neben den guten darstellerischen Leistungen allerdings auch der Service des Ensembles bei. Es ist bei der "Neuen Bühne" schon seit langem Sitte, die Zuschauer vor der Vorstellung kulinarisch zu verwöhnen, und zwar bereits in den jeweiligen Kostüm und unter Wahrung der jeweiligen fiktiven Identität. Zuschauer sollten also zur richtigen Einstimmung in das Ambiente unbedingt eine Stunde früher kommen und auch die gastronomische Seite genießen. Dann ist der Abend rundherum gelungen.


Frank Raudszus

Die nächsten Aufführungen finden am 13., 14. 15. und 2o. März sowie jeweils freitags bis sonntags bis Mitte Juni. statt. Karten telefonisch (06151/422205) bei der Neuen Bühne Darmstadt

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