Klassischer Klamauk am späten Abend













































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Das Zweipersone-Stück "Hamlet for You" bei den Barfestspielen des TStaatstheaters Darmstadt

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Sein oder ncht sein, Hamlet oder nicht Hamlet - das ist in diesem Stück die Frage! Ob es edler ist, die Flut minderwärtiger Rollen zu ertragen oder diese Not durch einenh großen Auftriit zu enden. Wer schläft und träumt, löst dieses Problem nicht und stirbt, ohne jemals in einer großen Rolle geglänzt zu haben. Das haben sich auch die beiden Schauspieler gedacht, die  sich anschicken, den "Hamlet" als Zweipersonen-Stück aufzuführen. Folgerichtig hat sich der ältere der beiden (Hubert Schlemmer) schon einmal die wichtigen Rollen - Hamlet, Claudius, Polonius und Laertes gleich mit - reserviert und überlässt seinem jüngeren Kollegen großzügig die Darstellung des Geistes (großartige Stefan Schuster unter einem weißen Laken!), sowie die undankbareren Frauenrollen wie die anämische Ophelia oder die - in dieser Inszenierung - trunksüchtige Gertrud.
 
Stefan Schuster (Gertrud) und Hubert Schlemmer (Claudius)Stefan Schuster (Gertrud) und Hubert Schlemmer (Claudius)

Doch schon der Beginn vor dem Publikum in der Bar der Kammerspiele geht schief, da sich Stefan Schuster - die beiden Schauspieler nennen sich bei ihrem bürgerlichen Namen - beleidigt zurückzieht, als er den Geist spielen soll und nicht singen darf. Sein Traum, als Gesangsstar ausgerechnet im "Hamlet" aufzutreten, wird sich durch das ganze Stück ziehen. Mühsam holt Schlemmer seinen Kollegen wieder zurück ins Spiel, Stefan Schuster dreht scih als Leuchtturm von Helsingör mit zwei Taschenlampen am Kopf und ahmt das Nebelhorn nach, und die beiden spielen das unheilvolle Mörderpärchen Claudius/Gertrude, wobei letztere - bzw. Stefan Schuster - entgegen dem Text bereits jetzt weiß, dass Claudius den alten König umgebracht hat. Mühsam versucht Schlemmer ihm den Unterschied zwischen Fiktion und Theater, zwischen Schauspieler und Rolle zu erklären. Doch wenn Schuster einmal die Chance hat, verfällt er geradezu mit Lust ins Chargieren. Seine Gertrud wälzt sich auf dem Diwan, schreit dauernd "Achachach" und trinkt ausgiebig dänischen Aquavit.

Dazu animiert Hubert Schlemmer in gekonnter Conferencier-Manier und getreu dem volkstümlichen Ansatz des alten Globe-Theaters das Publikum zum Mitmachen. Bei jeder Erwähnung der Namen Hamlet, Claudius oder Gertrud müssen die Zuschauer - mit rhythmischem Klatschen - Hamlet skandieren oder empört "Mörder" bzw. "Schlampe" rufen. Die so in das Spiel Integrierten machten willig mit und ersparten damit dem Staatstheater die Anwerbung kostspieliger Statisten.

Geschickt doch nicht geschickt genug lenkt Schlemmer seinen Kollegen immer wieder in die Statistenrolle, um selbst zu glänzen. Dritter Akt, erste Szene: Hubert Schlemer tritt im mittelalterlichen Wams und mit Prinz-Eisenherz-Perücke vors berückte Publikum, das Kinn nach vorn gereckt, die Stirn umwölkt, den Blick in die Ferne gerichtet. Stefan Schuster darf sich derweil hinter dem Tresen verstecken. Mitten in den mit Tremolo vorgetragenen Monolog fällt Schuster jedoch ein, wo er Opheliens Perücke vergessen hat; außerdem souffliert er dem souverän deklamierenden Großschauspieler lautstark als Co-Referent.

Hubert Schlemmer (Hamlet) und Stefan Schuster (Laertes)
Hubert Schlemmer (Hamlet) und Stefan Schuster (Laertes)

In diesem Stil geht es weiter. Eine Pointe jagt die andere, zwar dicht am Text, aber durchsetzt mit "Backstage"-Eifersüchteleien und Hahnenkämpfen. Mehrmals kann Schuster seinen Kopf nur durchsetzen, weil er seinen Kollegen mit alten Gagenforderungen erpresst, zwischendurch läuft er in den abstrusesten Verkleidungen als Ophelia, Gertrud oder Laertes(den er sich ertrotzt hat) durch die Bar. Trotz all der betriebsinternen Streitereien und dialektischen Wortspielchen über Spiel und Ernst sowie den (Un-)Sinn des Theaters schreitet das Stück voran, und planmäßig stirbt einer nach dem anderen, das heißt, beide geben mehrfach den Geist auf. Der Rest ist Schweigen.

In knapp einer Stunde absolvieren die beiden Schauspieler das Drama, für das wesentlich mehr Darsteller im Kleinen Haus drei Stunden benötigen. Außerdem gibt es hier dank eines ausgereicften Slapstick-Konzeptes viel mehr zu lachen. Darüber hinaus erfährt der Zuschauer endlich einmal, wie es wirklich hinter der Bühne zugeht und wie großes Theater entsteht. Wie selbstlos und mit welcher menschlichen Größe die Darsteller auch über kleinliche Kränkungen ihrer neidisichen Kollegen hinwegsehen und zu ihrer großen Kunst finden. Schließlich geht es bei der Schauspielerei allein um das Werk, nicht um den Darsteller. Je größer dieser ist, desto bescheidener tritt er hinter das Werk zurück und zeigt darin seine wahre Größe.

Das Publikum war nach dieser Aufführung zu Tränen gerührt, wobei jedoch böse Zungen behaupteten, diese Tränen rührten vom Lachen und nicht von der tiefen seelischen Erschütterung her.


Frank Raudszus

Gästebuch