Temperamentvolles "Laienspiel" um Herkunft und Identität
















































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Theaterprojekt "Heimat, fremde Heimat" des "Theaterlabors Darmstadt" in den Kammerspielen des Staatstheaters

"In der Fremde ist der Fremde ein Fremder" - diese nur scheinbar tautologische und in ihrer Vordergründigkeit absurde Feststellung Karl Valentins bringt die Situation der meisten Migranten auf den Punkt. Aus welchen Gründen auch immer dem heimischen Milieu entrissen, der fremden Sprache nicht mächtig und die anderen Sitten nicht gewohnt, bewegen sie sich oft wie Blinde in der neuen Umgebung und haben mit den unterschiedlichsten Anpassungsschwierigkeiten, Missverständnissen und Anfeindungen zu kämpfen.

EnsembleDas "Theaterlabor Darmstadt" um die Initiatoren Max Augenfeld und Nadja Soukup entwickelte die Idee, mit betroffenen Migranten und anderen Laien ein Theaterstück zu diesem Thema zu entwickeln und aufzuführen. Schulleitung und engagierte Lehrer der Darmstädter Mornewegschule griffen die Idee auf und ermunterten ihre Schüler aus den verschiedensten Nationen zur Teilnahme. Man kann sich vorstellen, dass bei vielen der Fünfzehn- bis Achtzehnjährigen große Vorbehalte und Hemmungen bestanden, sich mit wenigen oder begrenzten Sprachkenntnissen einem Theaterpublikum zu stellen. Die ehrlichen Rückblicke einiger älterer Teilnehmer auf den Beginn der Proben erhärten diese Einschätzung, liefen diese Proben anscheinend doch eher chaotisch ab. Doch was sich daraus letztlich ergab, ist mehr als ansprechend. Vor allem die jungen Leute haben im Laufe der Proben nicht nur Selbstbewusstsein sondern auch erstaunliche schauspielerische Fähigkeiten entwickelt, die sich in sichtbarer Spielfreude ausdrücken.

Eine durchgehende Handlung gibt es in dieser "Szenen-Collage" nicht, sondern eigentlich nur Schnappschüsse aus dem alltäglichen Leben von Migranten und Einheimischen sowie der Konflikte und der Koexistenz zwischen den verschiedenen Lebensformen. Dabei entwickeln sich die Begriffe "Heimat" und "Fremde" in zwei orthogonalen Richtungen: einmal aus der Sicht von Migranten in der ihnen - noch - unbekannten Gesellschaft und zum anderen aus der Sicht von alten Menschen, die sich als Fremde in einer Welt von Jungen fühlen, wobei diese Jungen angesichts der demographischen Entwicklung ein ähnliches Problem plagt. Alt mit und gegen Jung und Einheimisch mit und gegen Ausländisch sind Begriffs- und Konfliktpaarungen, die sich in diesem szenischen Stück parallel zueinander ergeben und aneinander abarbeiten.

AbschlussbildEin besonderer, die Authentizität erhöhender Aspekt besteht darin, dass die Protagonisten jeden Alters nacheinander ins Rampenlicht treten und in ihrer jeweiligen Muttersprache ihre kurze - oder längere - Migrantengeschichte sowie ihre Erinnerungen an ihre alte Heimat vortragen. Die Schlichtheit und Geradlinigkeit der Aussagen berührt dabei besonders, vor allem, da sie ohne intellektuellen oder moralischen Appell daherkommen und lediglich die Befindlichkeit der jeweiligen Person widerspiegeln. Das Nachdenken beim Zuschauer ergibt sich daraus wie von selbst und fällt wegen des fehlenden Zeigefingers ehrlicher uind ohne Verteidigungsreflex aus. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, so wenn einige junge Leute in einem Alltersheim hospitieren und mit den seltsamen Allüren, Vorurteilen und Fatalismen der Alten zurechtkommen müssen oder dies nicht können. Auch der Ton unter den Jugendlichen, so beim gespielten Unterricht in der Schulklasse, ist deftig und drastisch und scheint unmittelbar dem Schulalltag entnommenzu sein. Da die Jugendlichen ihr eigenes tägliches Verhalten nachspielen, entsteht dabei geradezu automatisch ein kritischer Reflex bei ihnen, wie man aus dem durchaus selbstironischen Vortragsstil erkennen kann. Natürlich spielt dabei das Geschlechterverhältnis eine wesentliche Rolle, wobei die Redensarten der Mädchen über die Jungen und umgekehrt recht realistisch auf die Bühne kommen. Man kann sich vorstellen, dass sich die Darsteller(innen) im Laufe der Proben über Einiges in ihrem Verhalten klar geworden sind. Eine Szene spielt den Fernsehkonsum der Jugendlichen - nur? - aus Migrantenfamilien nach, wenn sie nachmittags durch verschiedene lokale oder ethnische Kanäle zappen und dabei von einem Schwachsinn zum nächsten springen.

In einer zentralen Szene treten alle Darsteller mit einem Koffer an der Rampe an und werden dann - in Rückblende auf Judendeportation in Darmstadt während des Krieges - einzeln mit authentischen(?) Namen der damals Betroffenen aufgerufen, um sich mit dem Gesicht an die Rückwand zu stellen - fertig zum Abtransport. Diese Szene reicht als Anklage ohne weitere Erklärungen und Ausführungen vollständig aus, um tiefe Betroffenheit beim Publikum auszulösen. Auf diese Szene folgte dann auch kein Beifall. Zum Schluss treten alle - echten! - Migranten noch einmal an die Rampe und öffnen jeder einen Koffer mit dem, was ihnen im Laufe der Zeit am meisten ans Herz gewachsen ist. Die Zuschauer konnten nach dem langen und mehr als herzlichen Schlussapplaus durch die Kofferreihen gehen und sich eine Eindruck von der Welt der Migranten aller Altersklassen verschaffen. Jeder Koffer enthielt ein Stück Heimat, Erinnerung und viel Heimweh.


Frank Raudszus

Die nächsten Aufführungen finden am 18. und 19.3., jeweils um 11 und 20 Uhr statt. Karten beim Staatstheater Darmstadt

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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