Tanz um das goldene Kalb der Liebe


























































 

















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Premiere von Mei Hong Lins Choreographie "Hôtel du Nord" im Staatstheater Darmstadt

Die Idee zu dieser Choreographie kam der Leiterin des Balletts am Staatstheater Darmstadt während einer Urlaubsreise in Paris, als sie die Gäste und Besucher des "Hôtel du Nord" beim Betreten und Verlassen des Hauses beobachtete. Einheimische und Immigranten, Männer und Frauen, Alte und Junge bildeten ein buntes Gemisch von Menschen, die alle in eigenen Angelegenheiten unterwegs waren, Probleme wälzten oder gerade gelöst hatten, neue Beziehungen eingingen und alte lösten. Allen war gemeinsam, dass sie miteinander keinen Kontakt aufnahmen, sondern sich nur auf ihre eigenen Angelegenheiten konzentrierten. Der Mangel an Kommunikation - typisch für  Zufallsgemeinschaften in Hotels - lässt sich dabei sowohl auf die Scheu zurückführen, den Intimbereich der Mimenschen zu verletzten, als auch auf das Bedürfnis, den eigenen zu schützen.

Kenta Shibasaki, Andressa Miyazato, An-Chi TsaoKenta Shibasaki, Andressa Miyazato, An-Chi Tsao  

Diese Gedanken mögen Mei Hong Lin durch den Kopf gegangen sein, als sie die Szenen ihrer Choreographie skizzierte. In elf Szenen beleuchtet sie verschiedene Situationen zwischen Menschen, die sich fremd sind und doch darunter leiden. Bereits die erste Szene beginnt symbolträchtig: an "die verschlossene Tür" des Hotels klopfen von außen potentielle Gäste, während drinnen das dunkle Hotel-Foyer vor sich hinschweigt. Aus diesem stillen Dunkel entwickelt sich in der zweiten Szene der rote Faden der Choreographie, bestehend aus zwei geheimnisvollen Figuren: eine schwarz gekleidete, vermummte Gestalt, in Aussehen und Bewegungen einem Ninja sehr ähnlich, und eine mit einem Seidenstrumpf maskierte Frau in Netzstrümpfen, die sich mit dem "Ninja" einen katzenartigen Revierkampf um die Deutungshoheit im Hotel liefert. Die Wände - dargestellt von Köpfen und Gliedmaßen der anderen Tänzer, die buchstäblich aus den Wänden herauszuwachsen scheinen -, beäugen und kommentieren die lauernden Bewegungen der beiden "Hausgeister" mit kehligen Lauten. Damit ist sozusagen das "Plot" bereitet, und jetzt können die Menschen die Hotelhalle betreten.

In der dritten Szene sucht ein Asiate die Frauen, die Liebe und ein Zimmer. Seinem Koffer entspringt eine blonde Schönheit, sozusagen der Traum von einer Frau, den er mit sich herumträgt. Andere blonde Frauen in ähnlicher Aufmachung, die sich auf Sesseln räkeln, puppenhafte Verfügbarkeit ausstrahlen und ihn umschmeicheln, gesellen sich hinzu. Doch Individualität zeigen sie nicht; sie sind halt Traumgeschöpfe. In einem Zwischenspiel spielen zwei Tänzer eine nächtliche Sauftour durch die Hotelbar, und anschließend kämpfen sich ein Mann und eine Frau im Hotelbett durch die Sprachlosigkeit ihrer Beziehung. In Szene 5, "Paparazzi" betitelt, geht es zuerst um einen Mann, der seine Geliebte mit einer anderen Frau betrügt, sowie um den Schmerz und die Eifersucht der Betrogenen. Die Szene endet mit der Jagd von Bildjägern um die besten Fotos von den Beteiligten. Eine Schlafwandlerin kämpft einen einsamen Kampf mit ihren Erinnerungen, Sehnsüchten und Entäuschungen, und den "Showdown" zum Ende des ersten Teils liefert eine Gangster-Compagnie, die sich nach "coolem Abchecken" der wechselseitigen Befindlichkeiten unter dem Heulen der Pistolenkugeln gegenseitig auslöscht, bis die Bühne aussieht wie nach dem letzten Akt von "Hamlet".

Andressa Miyazato, Salomé Martins, Juan-Pablo Lastras Sanches, im Hintergrund Laia Duran Figols und Eran GisinAndressa Miyazato, Salomé Martins, Juan-Pablo Lastras Sanches, im Hintergrund Laia Duran Figols und Eran Gisin  

Der zweite Teil beginnt mit dem ernüchernden "Checkout". Die Träume der Nacht sind verflogen, zusammen mit den falschen Hoffnungen und den unausgesprochenen Sehnsüchten; nüchterner Pragmatismus beherrscht das Feld. Doch daraus entwickelt sich die "Tango"-Szene, in der nun auch die Musik in Gestalt ihres "Spiritus Rectors" auf die Bühne  kommt. Michael Erhard liefert auf dem Akkordeon - oder ist es ein Bandoneon? - die Musik zu einem lasziven Tango, bei dem die pure Körperlichkeit als einziges und umso stärkeres Kommunikationsband zwischen den Beteiligten wirkt. Erst das Zimmermädchen kehrt den Musiker mit dem Besen von der Bühne. Dazu passt die "Rückkehr", bei der eine Frau eine längst vergangene Beziehung zu einem Mann wieder aufzunehmen versucht, der jedoch nicht mehr darauf eingehen kann oder will. Die Szene 9 zeigt ein Rokokko-Paar und ein zeitgenössisches Paar, die beide simultan das uralte Spiel von Verlangen, Werben, Abwehren und Nachgeben nach den Gesetzen ihrer
jeweiligen Zeit zelebrieren. Nachdem die Szene 10 - "Guten Morgen" noch einmal die Suche nach dem Ich und nach den eigenen Sehsüchten und Träumen aufgenommen hat, zeigt die letzte Szene - als Pendant zur vorhergehenden mit "Gute Nacht" betitelt - die Ziellosigkeit und die Schwierigkeiten der Kommunikation in einer Totale, die schließlich wieder da endet, wo das Ganze begonnen hat: draußen vor der Tür.

Celedonio Indalecio Moreno Fuentes, Milou Nuyens, Juan-Pablo Lastras, Andressa MiyazatoCeledonio Indalecio Moreno Fuentes, Milou Nuyens, Juan-Pablo Lastras, Andressa Miyazato  

Bühnenbildner Thomas Gruber hat für die diesmal in voller Stärke auftretende Tanztruppe ein weiträumiges Bühnenbild geschaffen. Die Wände und der Bühnenboden tragen Zimmernummern als Chiffren der Hotelwelt, seitliche Nischen ermöglichen vielfältige Versteck- und Vexierspiele der Tänzer, wie für Szene 2 beschrieben. An der Bühnenrückwand symbolisiert eine über weite Strecken des Abends sacht rotierende Drehtür den ewigen Wechsel von Gästen, Schicksalen und Beziehungen. Die Choreographie stellt zwar die Schwierigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen - und vor allem der zwischen den Geschlechtern - in den Mittelpunkt  der Darstellung, doch bei aller Sinnschwere vergisst Mei Hong Lin nie die humoristische Seite des Lebens.
Jede Enttäuschung, jeden Betrug und jede Desillusionierung konterkariert sie durch Ironie und Witz bis hin zum Slapstick. Wenn der beim Massaker einzig überlebende Gangster von einem sterbenden Gegner erschossen wird, weckt das Erinnerungen an Filme wie "Manche mögen's heiß", in denen das organisierte Verbrechen ebenfalls ironisch relativiert wird. An anderer Stelle schießt der "Ninja" wie ein Skateboarder zielgenau von Nische zu Nische quer über die Bühne, und zwischendurch kriechen und springen immer wieder Mitglieder des Ensembles unter Verrenkungen wie Gestalten aus einem Gemälde von Hieronymus Bosch quer aus den seitlichen Nischen der Bühne und melden sich mit seltsamen Lauten zu Wort. Mei Hong Lin ist ganz offensichtlich um Ausgewogenheit bemüht, will keine revolutionäre Botschaft verbreiten oder die Welt anklagen. Die große Geste der endgültigen Abrechnung mit dieser schlechten Welt liegt ihr fern, sie will eher die Menschen in ihren alltäglichen und in der zeitlosen Gleichförmigen geradezu grotesken Problemen zeigen. Keine persönliche Tragödie ereignet sich zum ersten Mal, alles ist schon beliebig oft dagewesen und sogar auf unterschiedlichste Weise dargestellt worden. Kurz und gut: die Geschichte der menschlichen Beziehungen ist keine des Fortschritts sondern eine der ewigen Wiederkehr, und darüber lässt sich eigentlich nur lachen.

Die Truppe des Tanztheaters drückt die Befindlichkeit ihrer Figuren durch eine ausgesprochen große Vielfalt an Bewegungen und überhaupt durch eine hohe Beweglichkeit des gesamten Bühnengeschehens aus. Wie in einer belebten Hotelhalle ist hier immer "etwas los", es gibt keinen Stillstand, das Rad dreht sich ewig weiter. Eine wichtige Stütze sind dabei die beiden Symbolfiguren des Ninjas - dargestellt von Pao-Su Chiang - und des "fremdem Wesens" mit dem Strumpfmaske - getanzt von Laia Duran Fígols. Diese beiden halten die doch eine Vielfalt von Themen abdeckende Choreographie als durchgehendes Element zusammen, zumal vor allem Pao-Su Chiang einen geradezu faszinierenden Ninja tanzt. Um diese beiden ranken sich nicht nur die einzelnen Szenen sondern auch die anderen Tänzer, woraus sich schließlich doch eine durchsichtige Struktur ergibt.

Eine besondere Rolle spielt bei dieser Choreographie die Musik von Michael Erhard, des musikalischen Leiters des Schauspiels. Er hat die Proben von Anfang an musikalisch begleitet und daraus eine eigene Musik abgeleitet, komponiert und zusammengestellt. Zusammen mit Jens Hunstein (Blasinstrumente) und Robert Strobel (Perkussion) liefert er
von der linken Bühnenseite am Flügel die Musik zum Tanz. Je nach Szene nimmt die Musik dramatische, expressive, melancholische oder träumerische Züge an. Dazu verleihen die jeweils passenden Blasinstrumente - mal das Saxophon, dann die Klarinette oder eine weich gespielte Trompete - der Musik den passenden Klangeffekt. Die Live-Musik lässt die Choreographie nicht nur besonders lebendig und "hautnah" wirken, sondern verleiht ihr in gewisser Weise den Charakter eines Musicals, im besten Sinne des Wortes.

Das Premierenpublikum zeigte sich denn auch beeindruckt und spendete geradezu begeisterten Beifall bis hin zu rhythmischem Klatschen. Man muss sich diese Choreographie als einen erfolgreichen "Renner" vorstellen.

Frank Raudszus

Die nächsten Aufführungen finden am 13., 15., 21. und 26. März statt. Karten beim Staatstheater Darmstadt

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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