"Liliom" bieder - ohne Ecken und Kanten

























































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Das Musical "Carousel" von Rogers/Hammerstein  im Staatstheater Darmstadt

Eine Kritik der "Zeit" aus dem Jahr 2000 über Ferenc Molnárs Theaterstück "Liliom" - die Vorlage für "Carousel" -  enthielt die Worte "Statt Romantik gibt es Drastik, statt Tränen Sperma, statt Milieu glatte Wände, statt Budenzauber Piktogramme." Für Philip Kochheims Inszenierung des Musicals "Carousel", möchte man meinen, gilt das Gegenteil. Man frag sich sowieso, wieso Kochheim, der immer für ausgefallene Instenierungen gut ist, es sich überhaupt angetan hat, dieses fragwürdige Stück zu inszenieren. Dass  er aber noch weniger daraus gemacht hat, als das Musical selbst hergibt, verwundert doch ein wenig.


Randal Turner (Billy Bigelow), Susanne Serfling (Julie Jordan)Randal Turner (Billy Bigelow), Susanne Serfling (Julie Jordan)

Ein Rückgriff auf das Original erscheint nötig, um aus dieser Perspektive die Musical-Inszenierung zu bewerten. In dem Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Stücks verliebt sich der Schaustellergehilfe Liliom in eine kleine Weberin. Beide verlieren nicht zuletzt wegen dieser Liebe ihre Arbeit. Wegen fehlender Arbeit und aus Geldmangel wird Liliom immer aggressiver und schlägt sogar seine Frau. Erst als sich Nachwuchs ankündigt, erkennt er so etwas wie Verantwortung und geht in seiner Not auf den Vorschlag ein, zusammen mit einem Kumpanen einen Überfall auszuüben. Als dieser fehlschlägt, nimmt sich Liliom das Leben, erhält aber vor dem Himmel nach fünfzehn Jahren noch einmal die Gelegenheit, seine Schuld durch eine gute Tat an seiner Tochter wiedergutzumachen. Wie zu erwarten, verdirbt er auch diese Chance und wird unerkannt von seiner eigenen Frau aus dem Haus gejagt. Wie dieses Stück im Laufe der letzten einhundert Jahre aufgeführt und welchen Stellenwert es damit errungen hat, ist eine eigene Betrachtuing wert; jedenfalls gehören einige der Inszenierungen zu den Sternstunden des deutschen Theaters - und Kinos. Die Verlorenheit und die Chancenlosigkleit dieser "Sozialverlierer" lässt sich auf vielerlei Weise ohne einen Hauch von Kitsch darstellen. Insofern ist schon der Versuch, daraus ein Musical zu machen, fragwürdig. Eine moderne Oper à la "Woyzzeck" würde sich durchaus anbieten, ein Musical trägt jedoch grundsätzlich den Unterhaltungsanspruch vor sich her und kann diesen nie ablegen; selbst ein sozialkritisches Musical wie "Les Misérables" leidet unter diesem Gattungscharakter. Die - amerikanischen - Musicalmacher Richard Rogers und Oscar Hammerstein sahen das natürlich anders, denn im "Liliom" fanden sie eine rührende - rührselige? - Geschichte vor, die sich durchaus in ein tränenförderndes Erfolgsmusical ummünzen lassen würde. Und damit hatten sie Recht, denn das Musical war in den USA kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein voller Erfolg, nicht zuletzt wegen des Hangs zur Sentimentalität, der sich oft  nach schweren Zeiten einstellt  - siehe die fünfziger Jahre in Deutschland.

Da seit der Uraufführung von "Carousel" bereits gut sechzig Jahre ins Land gegangen sind, ist auch der musikalische Zeitgeschmack über diese Musik hinweggegangen. Nicht umsonst entwickelte sich - abgesehen von den Nostalgieveranstaltungen in der 42nd Street - erst in den sechziger Jahren mit "My Fair Lady" und "West Side Story" eine neuere, entschlackte und dynamische Version des Musicals, gegen die die alten "Songsammlungen" sich bieder ausnahmen. Damit stand Philip Kochheim vor der fast unlösbaren Aufgabe, aus einem Musical der vorletzten Generation mit seiner meist getragenen und sentimentalen Musik ein modernes Musikdrama mit einer bleibenden Aussage zu gestalten, ohne Text oder Musik zu ändern. Das konnte kaum gut gehen, und es ging auch nicht gut!

Allison Oakes (Carrie Pipperidge), Thomas MehnertAllison Oakes (Carrie Pipperidge), Thomas Mehnert (Jigger)

Auf der großen, durchaus aufwendig mit Dreh- und Schiebemechanismen arbeitenden Bühne verlieren sich die Protagonisten ein wenig. Damit könnte man jedoch leben, wären die handelnden Personen nicht von vornherein als "klinisch saubere" Figuren ohne ersichtlichen Sozialbezug angelegt.  Billy und Julie - so heißen hier die beiden Protagonisten - sind zwar einfach und bieder gekleidet, wirken aber stets gepflegt und - ja, wirklich! - richtig gut erzogen. Selbst der Ausbeuter Bascombe, der Julie nur wegen des etwas längeren abendlichen Spaziergangs mit Billy entlässt, wirkt seriös und fast gutmütig, und der Polizist ist von geradezu herziger Kasperltheater-Bösartigkeit. Wenn sich Julie mit ihrer Freundin Carrie trifft, findet das auch mal im Café statt, als ginge es den beiden gar nicht so schlecht, und wenn sie berichtet, dass Billy sie geschlagen habe, hört sich das an, als ob er ein wenig schlechte Laune gehabt habe, abgesehen, dass man an Julie keine SPuren der Schläge sieht. Selbst in der Szene zwischen dem Vorstadtgangster Jigger und Billy zeigt letzterer keine inneren Kämpfe hinsichtlich des eventuellen Verbrechens, und seine Not wirkt eher wie die eines Sechzehjährigen ohne Taschengeld. Alle Personen - vielleicht außer Jigger - sind richtig nett und haben nur kleine Charakterfehler, und Billies Songs über seine Probleme spiegeln eher die kleinen Schwierigkeiten eines biederen Bürgers denn die existenzielle Not eines auf der sozialen Kippe stehenden Menschen wider.

Diese Schwächen lassen sich mindestens zur Hälfte der Musical-Partitur und den Texten zuordnen und zu einem guten Teil der Regie. Kochheim hätte hier mehr draus machen können, hätte die Personen in ihrer sozialen Stellung zuspitzen, ihren kalten Egoismus und die gegenseitige Verachtung herausarbeiten und die sich aus verschiedenen Quellen speisende Unfähigkeit der sozialen Verlierer, mit ihrer Situation fertig zu werden, konsequenter entlarven können. Das alles hat er nicht getan, sondern er lässt das Musical mit seinen netten aber nicht gerade zündenden Songs aus der Nachkriegszzeit vor sich hinplätschern, bis auch der letzte Zuschauer beinahe eingeschlafen ist. Doch das Publikum ist reagiert entsprechend: es buht und pfeift zwar nicht, lässt aber den Abend teilnahmslos an sich vorbeiziehen; Szenenapplaus kommt manchmal aus Versehen aus vereinzelten Händen, bricht aber geradezu erschrocken schnell wieder ab.

Die Darsteller versuchen, im Rahmen der Regie und ihrer Möglichkeiten das Beste aus diesem Stück zu machen. Susanne Serfling als Julie und Randal Turner als Billy sind zumindest stimmlich auf der Höhe, wenn sie auch darstellerisch dem Stück keine "Liliom-Impulse" verleihen können. Ähnliches gilt für Sonja Mustoff - allerdings nur mit einer energischen Sprechrolle präsent - und Thomas Mehnert, der dem Gangster Jigger  sogar eine wirklich gefährliche und miese Kontur verleiht. Allison Oakes bringt als Julies Freundin Carrie ein wenig Schwung - allerdings auch Klamauk - in die Handlung, und Katrin Gerstenberger verkauft sich in der Nebenrolle der Nettie Fowler ein wenig unter Wert, auch wenn sie hin und wieder ihre stimmlichen Fähigkeiten deutlich zeigt. Die anderen haben nicht viel zu singen oder zu sagen und füllen die Bühne mehr oder minder mit netten Kostümen.

Vielleicht war der Rezensent auch etwas enttäuscht, weil er kurz vorher Majdi Mouawads "Verbrennungen" gesehen hatte und im Vergleich dazu "Carousel" fast als Zumutung empfand. Doch das sollte man nicht als großzügige Geste an die "Carousel"-Inszenierung missverstehen.


Weitere Aufführungen finden am 19. und 27.  April sowie am 9., 15. und 24. Mai statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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