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Wiedergeburt eines
Klassikers |
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Bertold
Brechts "Mutter Courage" im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt |
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Bertold Brechts "Mutter Courage" war lange Zeit in der Versenkung verschwunden, als sei das Thema Krieg nach der Auflösung des sozialistischen Machtblocks zweitrangig und anderen Themen wie Kapitalismuskritik oder soziale Umbrüche gewichen. Doch angesichts fortdauernder Kriegssituationen im Irak, in Afghanistan und in Afrika und angesichts einer heraufziehenden weltweiten Verteilungskrise drängt sich das Thema "Krieg" wieder in das Bewusstsein der Menschen. Vielleicht nicht mehr in der Form der apokalyptischen Vorstellung eines finalen Nuklearkrieges, aber doch als Angst vor einem von den sozialen Folgen der Globalisierung angeregten und vom Terrorismus angeheizten Flächenbrand. Nach der düsteren Schilderungen der Nahost-Situation in "Verbrennungen" stand wenig später mit Bertold Brechts "Mutter Courage" ein anderes Kriegsstück auf dem Programm des Staatstheaters Darmstadt. Man möchte es nicht "Antikriegstheater" nennen, obwohl es das natürlich implizit ist, sondern eher als nüchterne und ungeschminkte Darstellung des "Phänomens" Krieg und seiner Auswirkungen auf die Mentalität der Menschen. "Mutter Courage" ist wohl eines der vordergründig am wenigsten ideologischen Theaterstücke Brechts und gerade deshalb von durchschlagender Wirkung, wenn es im ursprünglichen Sinne inszeniert wird. Das Ensemble auf der
RampeRegisseur Andrej Woron hat in Darmstadt der Versuchung widerstanden, seine Inszenierung mit vordergündigen Zeitbezügen auszustatten, und ganz auf die Wirkung der Geschichte selbst gesetzt. Seine Personen agieren in einem zeitlosen Kontext, der bis auf wenige Requisiten wie Stahlhelme und am 20. Jahrhundert orientierten Uniformen keine konkreten Hinweise auf bestimmte politische Systeme oder Konstellationen enthält. Auf der anderen Seite hat er allerdings auch jeden vordergründigen Verweis auf den Dreißigjährigen Krieg vermieden, um die Rezeption als Historienstück von vornherein auszuschließen. Die geschäftstüchtige Marketenderin Anna Fierling(Gabriele Drechsel), "Courage" genannt, tritt hier im zeitlosen langen Rock auf, einfach und der Situation im Feld angemessen. Ihre Söhne EIlif und "Schweizer-Kas" aus verschiedenen Männerbeziehungen tragen T-Shirts, die stumme Tochter Kattrin ein schlichtes graues Kleid. Auf den berühmten Wagen, der fast schon zum Kultobjekt des Theaters avanciert war, verzichtet Woron bewusst und deutet ihn nur durch zwei dicke Seile an, die sich Courages Söhne um den Leib schlingen. Eine spiralförmige Rampe zieht sich über zwei Stockwerke an einer Art Baugerüst hoch und dient sowohl als Symbol des Marketenderwagens wie auch als vielfältige Plattform für Auftritte der verschiedenen Protagonisten. Auf der Spitze dieses Gerüsts hat Kattrin ihr Lager aufgeschlagen, in das sie sich vor der feindlichen Welt zurückzieht. Man kann die Windungen dieser Rampe durchaus als ein Symbol für das in sich geschlossene, sinn- und ziellose Wesen des Krieges verstehen, der irgendwann zum Selbstzweck wird und sich in wechselseitigen Rachefeldzügen erschöpft. Am Ende dieser kriegerischen Spirale steht das Verstummen, wie wir es von den "Verbrennungen" und vom "Hamlet" kennen. Die Courage zieht mit ihrem Wagen und einem untrüglichen Geschäftssinn dem Krieg nach und schließt Allianzen - Feundschaften mag man das nicht nennen -, gerade wie die Situation es verlangt. Der bigotte Feldprediger (Aart Veder) heiligt alles, was seinen Zwecken dient, lobpreist vor dem Feldhauptmann den (Religions-)Krieg und prophezeit seine Dauerhaftigkeit, ist weltlichen Genüssen vom Schnaps bis zuz Mädchenbeinen nicht abgeneigt und hat längst alle religiösen Prinzipien über Bord geworfen. Die Courage bietet ihm ein warmes Plätzchen, und sie profitiert dafür von seiner klerikalen Stellung, die ihr einen gewissen Schutz verleiht. Als zu Beginn Werber ihre Söhne zum Kriegsdienst überreden wollen, fürchtet sie weniger als Mutter deren Tod denn als Geschäftsfrau den Ausfall ihrer Arbeitskraft. So verkraftet sie denn auch Eilifs Entscheidung fürs Militär emotionell mit einem Achselzucken. Als ihr zweiter Sohn später den siegreichen Feinden aus Diensttreue die Regimentskasse nicht herausgeben will, feilscht die Courage solange um das Lösegeld für ihn, bis er erschossen wird. Doch auch diesen Verlust verbucht sie eher als misslungene Transaktion denn als menschliche Tragödie einer Mutter. Ihr Lebensmittelpunkt ist das Marketendergeschäft, und ihre Befürchtungen kreisen nur um die Risiken eines plötzlichen Kriegsendes mit ausbleibenden Kunden bei vollen Lagern. Nur für Kattrin entwickelt sie so etwas wie Mitleid und Verantwortungsgefühl, und die Vergewaltigung ihrer Tochter durch marodierende Soldaten versetzt ihr zum ersten Mal einen Schock, wobei allerdings auch die schlechteren Heirats- und damit Versorgungschancen ihrer Tochter zu Buche schlagen. Die einzige wirklich menschliche Handlung der Courage besteht in der Weigerung, mit dem Koch (Gerd K. Wölfle), der im Laufe der Zeit zum Liebhaber avanciert ist, in die Niederlande und ein bürgerliches Leben zu gehen, als dieser die Mitnahme Kattrins verweigert. Hier schlägt bei der Courage zum ersten Mal das mütterliche Herz. Als dann jedoch Kattrin bei dem Versuch, die Stadt vor dem nächtlichen Überfall der Feinde zuz warnen, erschossen wird, bricht die Courage nicht zusammen, sondern ergreift das Seil und zieht den Wagen alleine weiter. Das Geschäft muss weitergehen, und wenn nur für sie alleine! Gabriele Drechsel (Anna Fierling), Gerd K.
Wölfle (Koch) Andrej Woron hat seine Inszenierung außerordentlich kompakt gestaltet. Obwohl er bewusst auf jegliche Effekthascherei verzichtet - Erschießungen werden akustisch mit Holzklappen simuliert, Blut sieht man kaum -, schafft er er einen szenischen Raum hoher Dichte. Das ist sicher auch auf die Leistung der Darsteller zurückzuführen, doch die Regie hat mit ihrer Konzentration auf die Handlungselemente und den Verzicht auf jegliche ideologische Ausrichtung einen wesentlichen Anteil an diesem Effekt. Lässt man die Ereignisse für sich sprechen, entwickeln sie eine ganz andere Dynamik, als wenn man ihnen vorweg ein Erklärungsmuster mitgibt. Brecht kann und will den Krieg nicht erklären und Woron will ihn in dieser Hinsicht nicht übertreffen. Autor und Regisseur geht es darum, die Verrohung der menschlichen Gesellschaft und ihrer einzelnen Mitglieder im Verlaufe eines längeren Krieges zu veranschaulichen, und das lässt sich am einfachsten durch die ungeschminkte und unkommentierte Schilderung ihrer Handlungen erreichen. Alle Personen des Stücks folgen mit zunehmender Kriegs- (und Spiel-)dauer nur noch blind den Regeln des Überlebenskampfes, bei dem es lediglich darum geht, die nächste Stunde, den nächsten Tag und den nächsten Monat zu überstehen, ganz gleich zu welchen und auf wessen Kosten. Die Frage nach dem Sinn des Krieges stellt sich selbst bei den handelnden Militärs nicht mehr, bei der Courage schon gar nicht, weil sie daran verdient. Die "Kriegsgewinnler" sind für Brecht zwar - in der Person der Curage - auch ein Thema, aber ein eher sekundäres. In diesem Krieg reflektiert niemand mehr, selbst der Feldprediger will nur überleben. Maßstäbe gelten nicht mehr oder ändern sich in kürzester Zeit. Eilif (Tom Wild), eben noch für die Erschlagung einiger unwilliger Bauern von höchster Stelle belobigt, muss für die selbe Tat wenige Stunden nach Waffenstillstand den Tod durch Erschießen sterben; er hat den kurzfristigen Paradigmen-Wechsel nicht verinnerlichen können. Schweizer-Kas(Stefan Schuster) zeigt in dieser verrotteten Welt einmal so etwas wie Anstand, als er die Regimentskasse nicht an den Feind herausgeben will, und muss dafür sterben. Das einzige wirkliche menschliche Antlitz zeigt jedoch die stumme Kattrin(Margit Schulte-Tigges), die nicht mit ansehen kann, wie die schlafende Stadt nächtens überfallen und abgestochen werden soll, und trommelt wie Oskar Matzerat, um die Bürger zu warnen. Sie bezahlt dafür mit dem Leben. Ausgerechnet die ärmste, am Ende der sozialen Leiter stehende und einzig unschuldige Figur des ganzen Stücks erweist sich als stille Märtyrerin, ohne dafür Dank zu ernten. Tom Wild (Eilif), Margit
Schulte-Tigges (Kattrin), Stefan Schuster (Schweizerkas), im
Hintergrund Gabriele Drechsel (Anna Fierling) Die Darsteller verleihen dieser Inszenierung durch ihr rollengerechtes und engagiertes Spiel den letzten Schliff. Allen voran ist die Hauptdarstellerin Gabriele Drechsel zu nennen, die der Courage die ganze Ausdrucksbreite von der schlauen Geschäftsfrau bis zur schreienden Kämpferin für das eigene Hab und Gut verleiht. Virtuos spielt ihre Courage die um sie buhlenden Männer - Koch und Feldprediger - gegeneinander aus und hält sie gleichzeitig bei der Stange. Mit Soldaten geht sie anders um als mit Bauern, und immer ist sie auf der Höhe der Ereignisse. Nebenher betrügt sie Bauern beim Kauf eines Kapauns und schaut sich permanent wach nach Chancen und Risiken um. Gabriele Drechsel zeigt in dieser Rolle nicht nur ihre darstellerische Vielfalt, sie verleiht auch ihrer Stimme völlig unterschieldiche Tonlagen, sei es im Trink- und Sülzgespräch mit dem Koch, sei es beim hinausgeschrieenen Handel um den Kopf ihres Sohnes oder - schließlich - sei es bei den souverän vorgetragenen Liedern von Paul Dessau. Margit Schulte-Tigges wird plötzlich auf erstaunlich überzeugende Weise zum verschreckten und doch mutigen jungen Mädchen, Stefan Schuster und Tom Wild spielen zwei Söhne, die mit der Welt nicht mehr zurechtkommen, wohingegen Gerd K. Wölfle als verschlagen-brutaler und immer auf seinen Vorteil bedachter Koch in seinem schauspielerischen Element ist. Aart Veder gibt in unnachahmlich bigott salbadernder Art den Feldprediger, während Matthias Kleinert (Feldwebel), Hans Matthias Fuchs (Soldat) und Klaus Ziemann (Feldhauptmann) erschreckend glaubwürdig und doch nicht karikierend das Militär repräsentieren. Maike Troscheit liefert eine herrliche Karikatur der Regimentshure Yvette samt bösartigem Chanson und plötzlicher Verwandlung in eine Obristendame ab und charakterisiert damit eine andere Art von Kriegsgewinnlern. Bleibt noch Hubert Schlemmer zu erwähnen, der die Szenenansagen als krassen Kontrast im Stil eines dauergrinsenden Conferenciers á la Thomas Gottschalk ins Publikum schleudert und damit auf den "Eventcharakter" heutiger Kriege verweist. Die Musik kommt von einem Trio am Bühnenrand unter der Leitung von Michael Erhard, der auch für die Arrangements zuständig ist. Im Gegensatz zum Musical "Carousel" besteht jedoch bei der Musik Paul Dessaus und den Texten Bertold Brechts nicht die Gefahr einer Weichzeichnung oder gar Verkitschung des Geschehens. Die Musik liefert mit ihrer provokanten Tonalität und Harmonik sogar einen entscheidenden Beitrag zu dem illusionslosen Charakter dieses Stücks und der Inszenierung. Das Premierenpublikum brauchte nach dem letzten Bild mit dem im Hintergrund verschwindenden Marketendergerüst einige Sekunden zur Verdauung des soeben Gehörten und Gesehenen, bevor der verdiente Beifall einsetzte. Der kam dann allerdings sehr reichhaltig und mit einigen "Bravo"-Rufen vor allem für Gabriele Drechsel. Weitere Aufführungen finden am 25. April sowie am 6., 13. und 25. Mai statt. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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