Lyrische Collage aus Träumen und Gedanken


































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Der Jugendclub des Staatstheaters Darmstadt präsentiert Dylan Thomas' "Unter dem Milchwald"
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Der früh an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums verstorbene walisische Schriftsteller Dylan Thomas verstand sich in erster Linie als Lyriker und hinterließ eine umfangreiche Gedichtsammlung. Das Hörspiel „Unter dem Milchwald“ entstand im Jahr 1945 als lyrische Collage von Stimmen einer walisischen Kleinstadt und lässt sich durchaus als vielstimmiges Gedicht verstehen. Als solches gibt es keine eigentliche Handlung wieder sondern eher Träume, Gedanken, Erinnerungen und Ängste.

Das Ensemble des JugendclubsZu Beginn schläft die kleine Stadt noch, und mit der – ein wundervolle Wortschöpfung - „bibelschwarzen“ Nacht schälen sich die Träume aus den Häusern und Betten heraus. Da ist der alte Kapitän, den im Traum seine alten Seegefährten aus dem Jenseits grüßen, da ist die Witwe zweier Männer, die sich zwischen diesen beiden im Bett wähnt, da sind die sehnsüchtigen jungen Mädchen, die vom Leben und vom ersten Freund träumen, da sind die anderen Bewohner des Ortes, deren Seelen langsam dem nächsten Tag entgegendämmern, und schließlich die Toten, die sich in den Träumen der Menschen zu Wort melden Über vierzig Stimmen hat Thomas in diesem Hörstück in einem kunstvollen, fugenartigen Gebilde miteinander verflochten. Worte kommen und gehen, einzelne Sätze bleiben in der Luft hängen: melancholische, ängstliche, zornige, witzige, zukunftsfrohe, erinnerungsgesättigte. Das ganze seelische Panorama eines kleinen Ortes entfaltet sich in Form von schwebenden Stimmen vor den Augen und Ohren des Publikums. Am Ende dieser äußerst dichten „Seelenwanderung“ versinken die Stimmen mit den dazugehörigen Seelen wieder in den Dämmer des nächsten Nachtschlafes.

Regisseur Martin Ratzinger hat das Stück mit dem Jugendclub des Staatstheaters Darmstadt eingespielt. Die jungen Darsteller sind zwischen vierzehn und siebzehn Jahren alt und stehen zum Teil zum ersten Mal auf der Bühne. Dabei steht etwa zwanzig jungen Mädchen ein einziger junger Mann zur Seite. Offensichtlich ist die Liebe zum Theater in dieser Altersgruppe bei den Mädchen wesentlich stärker ausgeprägt als bei den Jungs. Bühnenbildnerin Nora Johanna Gromer hat ein großes Holzbett auf die Bühne gestellt, in dem sich die jungen Leute zu Beginn in Schlafanzügen unter den Decken räkeln, um sich dann langsam aus diesen herauszuschälen. Hinter einem Gazevorhang berichtet eine andere Gruppe im Chor über die kleine Stadt und ihre Bewohner, bevor diese selbst sich aus den Betten erheben und mit ihren Gedanken durch den Tag wandeln. Im Wechsel übernehmen die jungen Leute die Rolle der Sprecher, die das Geschehen sozusagen „aus dem Off“ kommentieren, um dann wieder in die Rolle eines Dorfbewohners zu zurückzufallen. Da eine eigentliche Handlung nicht auszumachen ist, können die Darsteller ihren Text nicht an einem entsprechenden Handlungsgerüst ausrichten, sondern sind lediglich auf ihr gutes Gedächtnis und die Stichworte der Mitspieler angewiesen. Wie sie das machen, ist schon bewundernswert. Mit erstaunlicher Souveränität beherrschen die Jugendlichen ihren Text und die Bühne. Kaum, dass mal ein Versprecher zu vermerken ist. Darüber hinaus zeichnen sie sich generell durch ausgesprochene Spielfreude und viel Temperament aus. Jede auf ihre Weise gewinnt ein eigenes Profil – auch der einzige Junge – und bleibt dem Zuschauer in Erinnerung. Auch wenn die schauspielerische Begabung nicht gleichverteilt ist – einige stechen durch besondere Frische oder Präsenz hervor – wirkt keine einzige der jungen Darstellerin als Notlösung oder gar Fehlbesetzung. Sowohl die Bewegung auf der Bühne als auch die Texte machen einen natürlichen und ungekünstelten Eindruck. Und Lampenfieber war diesen jungen Menschen so gut wie gar nicht anzumerken, obwohl es sicher in erheblichem Maße vertreten war.

Ratzinger hatte das Stück auf eine Dreiviertelstunde komprimiert, um sowohl Ensemble wie auch Publikum nicht zu überfordern. Denn schließlich passiert nicht viel auf der Bühne, und mangels einer spannenden Handlung lässt die Konzentration nach spätestens einer Stunde deutlich nach. Diese Gefahr bestand angesichts der Kürze der Aufführung nicht, und noch vor Ablauf einer Stunde konnte sich das jugendliche Ensemble freudestrahlend dem herzlichen Beifall des Premierenpublikums stellen.
Weitere Aufführungen finden am 15., 17. und 27. April statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller

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