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Griechische
Tragödie im 21. Jahrhundert |
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Wajdi
Mouawads
Theaterstück "Verbrennungen" im Kleinen Haus des
Staatstheaters Darmstadt |
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S
Die drei
aristotelischen Regeln für das Theater lauten "Einheit des Ortes,
der Zeit und der Handlung". Betrachtet man sie näher, so sind
lediglich die ersten beiden konkret zu definieren und bilden letztlich
nur eine
"Hilfe", um die Einheit der Handlung sicherstellen zu können. Das
zeitgenössische Theater übergeht sie oftmals und geht dann
leicht in die Falle einer ausufernden und zerfasernden Handlung. Nicht
so Wajdi Mouawad in seinem Stück "Verbrennungen", das sich trotz
wechselnder Schauplätze und einem Zeitrahmen von mehreren
Jahrzehnten durch eine äußerst dichte, konsistente und
packende Handlung auszeichnet. Über diese eher
äußerlichen Merkmale hinaus führt es außerdem
zurück zur großen griechischen Tragödie mit ihrer
schicksalhaften Verkettung von Schuld und Leid. Diana Wolf (Nawal als
Jugendliche), Nicole Lohfink (Sawda)In der ersten Szene erhalten die Zwillinge Jeanne und Simon, beide 22 Jahre jung, aus dem Nachlass ihrer jüngst verstorbenen Mutter den Auftrag, den Vater (Jeanne) bzw. den Bruder (Simon) zu suchen und dem jeweils Gefundenen einen verschlossenen Brief zu übergeben. Simon wehrt sich unter unflätigen Beschimpfungen seiner toten Mutter gegen diese Zumutung, da diese seit Jahren mit niemandem mehr gesprochen und damit ihre Kinder verlassen hat. Nur Jeanne nimmt den Auftrag ohne Zögern an und macht sich auf den Weg. In einer Überblendung erscheint die Mutter, Nawal Marwan, als junges Mädchen in einem nahöstlichen Land. Das ergibt sich anfangs aus den Namen, später schält sich aus Bemerkungen ("das Jahr, als die fremden Truppen aus dem Süden einbrachen") heraus, dass es sich um den Irak handeln muss. Aus diesen Bemerkungen und dem Alter der Zwillinge lässt sich entnehmen, dass die Haupthandlung zwischen 2004 und 2006 spielt und die Jugend der Mutter weit in die siebziger Jahre zurückreicht. Als die junge Nawal von ihrem Freund schwanger wird, demütigen sie die fundamentalistischen Milizen und nehmen ihr das Kind weg. Sie verlässt das Dorf und lernt auf Anraten ihrer Großmutter lesen und schreiben, auf dass sie einmal die Welt besser verstehen lerne. Daneben jedoch sucht sie über Jahrzehnte ihren Sohn und sinnt auf Rache für das Unrecht, das ihr angetan wurde. Während ihrer gefährlichen Reisen durch ein von politischen und religiösen Kämpfen zerrissenes Land lernt sie die junge Frau Sawda kennen, der sie Lesen und Schreiben beibringt und von der sie dafür das Singen lernt. Bald ist sie als die "Frau, die singt" bekannt. Nach langen Jahren gelingt es ihr, den Anführer der Milizen, die ihr einst ihr Kind genommen haben, kennenzulernen und ihn zu erschießen. Doch als Strafe wird sie nicht selbst getötet, sondern vegetiert in einem Gefängnis unter Folter und permanenten Vergewaltigungen durch einen rachsüchtigen Milizenführer dahin, bis sie von dem brutalen Vergewaltiger erneut schwanger wird. Doch statt die beiden neugeborenen Säuglinge zu ertränken, gibt sie ein mitleidiger Milizionär einem vorbeikommenden Hirten. Wie die beiden Zwillinge - denn genau sie sind diese beiden Säuglinge - wieder zu ihrer Mutter kommen und schließlich ihren Nachlass erben, ergibt sich nicht eindeutig aus der Handlung, spielt jedoch auch keine wesentliche Rolle. Nach und nach nähern sie sich auf ihren Recherchereisen durch das Land dem Schicksal ihrer Mutter. Unabhängig voneinander finden sie die gesuchten Personen: Jeanne in dem brutalen Vergewaltiger ihren Vater und Simon seinen Bruder. Bei der Verlesung der übergebenen Briefe steigert sich das Geschehen zu einer wahrhaft tragischen Pointe, die das Verstummen der Mutter verständlich macht und auch ihre Kinder schweigen lässt. Und trotz der schrecklichen Verstrickungen, in denen die Beteiligten untrennbar miteinander verbunden sind, gilt zuletzt der lange unverstandene Ausspruch Nawals: „Jetzt, da wir zusammen sind, geht es besser!“. Julia Glasewald
(Jeanne), Andreas Manz Der gebürtige Libanese Wajdi Mouwad hat mit diesem Theaterstück seiner nahöstlichen Heimat eine so tragische wie wahrhaftige Hommage erwiesen. Ohne jegliche Anwandlung falscher Sentimentalität oder vordergründigen Moralisierens schildert er mit der Wucht einer griechischen Tragödie den Wahnsinn und das Leid der letzten dreißig Jahre in den Ländern zwischen Afghanistan, Ägypten und der Türkei. Doch der bewusste Verzicht auf Länder- oder Städtenamen verweist auf die Zeit- und Ortlosigkeit dieses Zustandes - siehe Nordirland, Tschetschenien oder Zentralafrika. Religiöser Fanatismus gepaart mit Analphabetentum, archaischen Stammesriten und einer systematischen Unterdrückung der Frau führen zu erbitterten Kriegen zwischen den einzelnen Gruppen. Die Menschen geistern entwurzelt durch eine feindselige Welt, getrennt von ihren Familien und ohne die humanen Traditionen einer stabilen Gemeinschaft mit einer langen Ahnenkette. Aus Waisen werden Killer, die ihre Identifikation in Kampf und Grausamkeiten suchen, nicht wissend, wen sie da foltern und töten. Und doch ist diese Welt so klein, dass die Realität alle aktiv oder passiv an dem Wahnsinn des Bürgerkrieges Beteiligten schließlich einholt und sie in einer ausweglosen menschlichen Sackgasse buchstäblich versteinern und verstummen lässt. Das einzige kleine Licht in diesem schwarzen Tunnel der Wirklichkeit liegt in dem verzeifelt-optimitischen Satz Nawals über das Zusammensein und die Liebe, die den Hass immer begleitet. Regisseur Herrmann Schein lässt in seiner Inszenierung die verschiedenen Zeitebenen nahtlos ineinander übergehen, wobei die Protagonisten verschiedener Zeitebenen und Szenen teilweise nicht nur auf der Bühne bleiben, sondern ihre zeitlichen Nachfolger sogar fast sehnsüchtig betrachten. Ohne dass es der Text ausdrücklich vorschreibt, schafft er einen Beziehungsbogen zwischen den Zeiten und ihren Bewohnern. Durch dieses Aufbrechen des bereits spannungsgeladenen Handlungsrahmens, der einem Politthriller gut anstehen würde, fügt er ihm eine poetische und melancholische Dimension hinzu. Die tote Mutter begleitet die beiden jungen Ahnenforscher sozusagen in ihrer Jugendgestalt durch ihre Nachforschungen, ja, mit zunehmendem Wissensstand erscheint sie öfter, und durch diese Regiemaßnahme zeigt Schein die wachsende Präsenz der lange Zeit kaum wahrgenommenen Mutter in den Köpfen der Kinder. Die Durchlässigkeit der Zeitebenen lässt auch den Zuschauer die Handlung nicht als eine Abfolge zeitlich sequentieller Ereignisse wahrnehmen, sondern als ein breites Panorama einer Epoche, in der Vergangenheit und Gegenwart in einem unauflöslichen Knäuel von schicksalhafter Schuld ineinander verwoben sind. Stefan Heyne hat dazu ein leichtes Bühnenbild geschaffen, dass durch Stellwände die Bühne auf den vorderen Teil begrenzt und damit das Geschehen näher an das Publikum heranrückt. Die Ereignisse erhalten dadurch einen geradezu bedrängenden und bedrückenden Charakter, dass sie sich nicht in der gleichgültigen Weite einer großen Bühne auflösen, sondern sich in räumlicher Enge unmittelbar vor den Augen des Publikums abspielen. Als bühenbildnerischen Höhepunkt lässt Heyne einen ganzen Kleinwagen bei einem Attantat mit lautem Knall in die Luft gehen, ohne dass die Zuschauer auch nur auf den Gedanken kommen zu lachen. Zu düster und abgründig sind die Umstände dieses Ereignisses. Leander Lichti (Nihad),
Karin Klein (Nawal als Erwachsene) Die Darsteller fügen sich nahtlos in diese Tragödie ein. Uwe Zerwer spielt den Notar und Testamentsvollstrecker Hermile mit der Korrektheit und dem menschlichen Engagement eines "guten Advokaten", der die Nöte seiner verstorbenen Klientin ahnt und die jungen Leute mit viel Überzeugungskraft vorantreibt. Karin Klein spielt die erwachsene Nawal mit einer überzeugenden Mischung aus tief empfundenen Rachegefühlen und der Liebe zu ihren Kindern, besonders dem erstgeborenen. Diana Wolf als ihr jüngeres Pendant verleiht der jungen Nawal Temperament, unerschütterlichen Lebensmut und die verständnislose Verzweiflung einer unschuldigen Mutter, die ihres Kindes beraubt wird. Nicole Lohfink als ihre Freundin Sawda stellt einen heißblütigen, zeitweise unüberlegten Gegenpol zu der ihre Ziele immer überlegter verfolgenden Nawal dar. Julia Glasewald steht als Jeanne von Anfang an der Schrecken im Gesicht, erst über den Tod der rätselhaft schweigenden Mutter und dann über die Erkenntnisse ihrer Nachforschungen. Dabei zeigt sie in den emotionellen Ausbrüchen gegenüber dem Bruder Simon auch ihre dramatischen Qualitäten. Diesen spielt Matthias Lodd, den wir als Hamlet noch gut in Erinnerung haben, mit dem glaubwürdigen Protestgehabe und der Wut eines jungen Mannes, der an der Welt verzweifelt, ohne anfangs noch zu wissen, woran und weshalb er verzweifelt. Leander Lichti tritt anfangs als Nawals jugendlicher Liebhaber Wahab und später als ihr Sohn Nihad auf, wobei er im letzteren Fall den ganzen Nihilismus und Zynismus eines jugendlichen Kämpfers zum Ausdruck bringt, der nie den schützenden Mantel einer Familie kennengelernt hat. Andreas Manz schließlich füllt die restlichen Rollen vom Fotografen über den Krankenpfleger und den Gefängniswärter bis zum geheimnisvollen Chef der Milizen aus. Als sich nach dem letzten Bild der Raum verdunkelte, verharrte das Publikum eine Zeitlang in absolutem Schweigen, ehe die ersten zögernden Beifallskundgebungen einsetzten. Diese verhaltene Reaktion war jedoch weniger auf eine schwache Leistung des Ensembles als vielmehr auf den tiefen Eindruck zurückzuführen, den die Aufführung auf das Publikum ausübte. Spontaner, begeisterter Applaus wäre alles andere als angemessen gewesen. Doch dieser setzte dann langsam und mit zunehmender Stärke ein, nachdem die Zuschauer die erste Betäubung abgeschüttelt hatten. Ähnlich ging es den Darstellern, die lange Zeit brauchten, um ein Lächeln auf die Gesichter zu zaubern. Weitere Aufführungen finden am 22. April sowie am 10. und 16. Mai statt. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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