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Italienische Musizierlust |
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Das 7. Sinfoniekonzert des Staatstheaters
Darmstadt mit Werken von Respighi, Bottesini und Mendelssohn |
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Italien ist nicht nur das "Land,
in dem die Zitronen blühn", sondern auch eins oder sogar DAS der
Musik. Nicht nur die Oper hat dort ihren Ursprung, sondern auch das
Volkslied hat von dort aus seinen Siegeszug in das Schlagerrepertoire
und damit in das musikalische Gedächtnis zumindest des Abendlands
angetreten. Bei dieser Bedeutung des vokalen und instrumentalen Klanges
im Land unserer südlichen Nachbarn nimmt es nicht Wunder, dass
sich auch ein Konzertprogramm italienischer Musik in verschiedenen
Ausprägungen widmet. Das Orchester des Staatstheaters Darmstadt
präsentierte am 18. und 19. Mai Werke von italienischen
Komponisten bzw. mit italienischem Bezug und stimmte das Publikum damit
auf die bevorstehende Feriensaison ein.
An diesem Sonntagmorgen kam man
sich zu Beginn des Konzertes wie in einem gehobenen Kurkonzert vor: in seiner Ballettmusik "La Boutique
fantastique" aus dem Jahr 1919 hat Ottorino
Respighi (1879-1936) Themen aus einem Klavierzyklus von Rossini
aufgenommen und in ein farbenprächtiges Klangbild für
Orchester umgesetzt. In dem Ballett geht es um eine
Puppenmacherwerkstatt, in der nächtens die Puppen zum wahren Leben
erwachen und sich gegen Verkauf und Trennung wehren. Dieses Motiv
eignet sich hervorragend für humoristische und lebenspralle
musikalische Bilder, und Respighi findet denn auch die passenden
Orchesterklänge für das Puppenleben. Nach einer eher
verhaltenen Ouvertüre bringt bereits die typische Tarantella
Schwung und Lebensfreude in den musikalischen Ablauf. Die darauf
folgende Mazurka und der "Danse Cosaque" führen eher in
östliche Gefilde, bevor ein wahrhaft schmetternder Cancan an das
Paris des späten 19. Jahrhunderts und die fliegenden Röcke
der "Folies Bergères" erinnert. Ein gedankenschwerer "Valse
lente" und ein geheimnisvolles Nocturne lassen noch einmal eher
melancholische Gefühle aufkommen, bevor der
abschließende "Galop" den temperamentvollen Abschluss
bildet. Respighi nutzt für die Darstellung der unterschiedlichen
Musikgattungen die ganze klangliche Breite eines großen
Orchesters und breitet dessen Vielfalt vor dem Zuschauer mit viel Liebe
zum Detail aus. Auch für ein "Tschingderassa" - so in der
Tarantelle - ist sich der Komponist nicht zu schade, und es wirkt
angesichts der ausgefeilten Instrumentierung keineswegs platt. Das
Orchester unter der Leitung des noch jungen Martin Lukas Meister
präsentierte die Ballettmusik in ausgesprochen spritziger Manier
und mit außergewöhlich klarer Konturierung der einzelnen
Stimmen und Instrumente. Klangtransparenz und Präzision zeichneten
die Interpretation dieser eher unbekannten Komposition aus.
Der zweite Programmpunkt brachte
eine Rarität: ein Solokonzert für Kontrabass und Orchester,
komponiert (und ursprünglich gespielt) von Giovanni Bottesini
(1821-1889), der zu seiner Zeit als der beste wenn nicht einzig
herausragende Kontrabass-Interpret galt. Jahrzehntelang führten
ihn seine Konzertreisen durch die ganze Welt und machten dem breiten
Publikum den Kontrabass überhaupt erst als Soloinstrument bekannt.
Ein Instrument, das für gewöhnlich an der rechten Seite des
Orchesters (vom Zuschauer aus gesehen) im Dreier- oder Viererpack
für den satten Grundklang sorgt, steht hier auf einmal im
Mittelpunkt und zeigt, was man mit ihm alles machen kann, so man es
denn beherrscht. Bottesini war ein solcher Künstler, und die
meisten Stücke schrieb er sich mangels einschlägiger
Literatur eifach selbst. So auch das Konzert in fis-moll aus dem Jahr
1878, das in Darmstadt der gebürtige Pole Boguslaw Furtok
interpretierte, der seit 1995 die Stelle des Solokontrabassisten im
HR-Sinfonieorchester bekleidet. Das Konzert selbst ist wewitgehend auf
den Solisten zugeschnitten, und das Orchester beschränkt sich
über lange Strecken auf eine begleitende Funktion. Das liegt wohl
auch daran, dass der Kontrabass aufgrund seines Klangspektrums keine
besonders durchschlagende akustische Wirkung aufweist, vor allem in den
tieferen Lagen grummelt das Instrument eher "sotto voce". Daher hat
Bottesini einen großen Teil des Solokonzerts in höhere - und
sogar extrem hohe - Lagen verlegt, um dem Instrument akustische
Präsenz zu verleihen. Die dicht am Steg gespielten Töne
verlangen dabei äußerste Präzision, da gerade hier
unreine Intonationen besonders kritisch klingen. Doch Boguslaw Furtok
meisterte auch die schnellsten Läufe und Lagenwechsel
souverän und entlockte dem Kontrabass auch in den hohen Lagen noch
einen singenden Klang. Die umfangreiche Solokadenz ohne
Orchesterbegleitung im ersten Satz erforderte dabei wohl die
höchste Konzentration sowohl was die Intonation als auch was die
Interpretation betrifft, konnte sich doch Furtok dabei nicht auf den
rhythmischen und gestalterischen Rahmen des Orchesters abstützen.
Doch eben gerade diese Abwewsenheit des Orchesters ließ erst den
Klang des Kontrabasses voll zur geltung kommen. Nach einem lyrischen
Andante-Satz zeigte Furtok dann in dem furiosen dritten Satz noch
einmal sein ganzes technisches Können. Hier kam es jetzt weniger - wie im ersten Satz - auf die Gestaltung der einzelnen Motive an,
sondern mehr auf die virtuose Präsentation ausgesprochen schneller
Läufe, und das im Zusammenspiel mit dem Orchester. Bis zum
Schlussakkord hielt Furtok sowohl das hohe Tempo als auch die
Präzision und konnte sich auch gegenüber dem Orchester
behaupten, das ihm allerdings das Leben auch nicht zu schwer machte.
Martin Lukas Meister nahm die Lautstärke entsprechend zurück,
um dem Kontrabass akustisch Raum zu verschaffen. Dem von der
Virtuosität des Solisten auf diesem Instrument beeindruckten
Publikum präsentierte Furtok als Zugabe noch ein kleines
Solostück von Bottesini.
Den Abschluss bildete dann eine
andere Art "italienischer Musik", nämliuch die 4. Sinfonie in
A-Dur von Felix
Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), vom Komponisten selbst als "Die
Italienische" bezeichnet. Sie entstand während einer Italienreise
im Jahr 1831 und ist offensichtlich stark durch die heiter-sonnige
Atmosphäre Italiens geprägt. Nur wenige Jahre nach Beethovens
Tod brachte Mendelssohn damit das Kunststück fertig, noch im
Schatten des "großen Meisters" eine Sinfonie zu komponieren, die
Eigenständigkeit, Frische und Temperament aufweist, ohne auch nur
ansatzweise den Versuch widerzuspiegeln, den großen Sinfoniker zu
imitieren. Wenn man bedenkt, wie schwer sich andere Komponisten nach
Beethoven wegen der schieren Größe des Vorbilds mit der
Gattung Sinfonie getan haben, stellt dies schon eine besondere Leistung
dar. Obwohl zwei Sätze in Molltonarten gehalten sind - der zweite
in d-moll und der vierte in a-moll - wirkt die "Italienische" nie
schwermütig oder gar düster. Die Moll-Sätze wirken
lediglich voller und dichter als die beiden Dur-Sätze, wobei sich
ein langsamer Andante-Satz sowieso eher für Molltonarten eignet.
Mendelssohn löst sich in dieser Sinfonie deutlich von seinen
romantischen Zeitgenossen, die eher die Verinnerlichung bevorzugen, und
folgt im Grunde genommen dem gestus von Franz Schuberts "großer"
C-Dur-Sinfonie, die ebenfalls - obwohl kurz vor Schuberts Tod
entstanden - abgeklärte Lebensfreude ausstrahlt. Das Orchester
konnte hier noch einmal aus dem Vollen schöpfen und nach der eher
begleitenden Funktion im Solokonzert noch einmal alle Register ziehen.
Mit der von diesem Ensemble gewohnten Präzision und
Detailgenauigkeit, diesmal vor allem in den Bläsern,
präsentierte das Orchester die Mendelssohn-Sinfonie als gelungenen
Abschluss dieses italienischen Morgens. Frank Raudszus |
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