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Die Lust an Rhythmus und Gesang |
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Pietro Chiarinis Commedia musicale "Il geloso
schernito" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt |
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Im 17. und 18. Jahrhundert
durften Opern nur historische oder mythische Themen behandeln. Die
Fürstenhöfe - schießlich die Geldgeber - und ihr
tägliches Leben waren tabu, und das restliche Volk spielte
für den Adel keine Rolle, da es weder über emotionale noch
über geistige Qualitäten verfügte, die sich für
eine Darstellung in der Oper eigneten. Die Opern handelten daher von
tragischer Liebe oder bitterem Tod, doch nie vom täglichen Leben.
Um die Opernaufführungen für das leicht gelangweilte
fürstliche Publikum aufzulockern, entstanden komische oder
groteske "Pausenfüller", die burleske Szenen aus dem Volk mit
einfachen musikalischen Mittel präsentierten. Schlichtheit und
grobe Komik waren geradezu Programm, um von vornherein keine
Ähnlichkeiten mit lebenden Personen aus derm Publikum aufkommen zu
lassen (obwohl diese sich natürlich durchaus nicht anders als die
Personen in den Grotesken verhielten). Diese Pausenfüller
waren sehr beliebt, verselbständigten sich im Laufe der Zeit zu
eigenständigen "Mini-Opern" und mündeten schließlich in
der "opera buffa" als eigenem Genre. Nach der Commedia musicale "La serva padrona" hat das
Staatstheater nun mit "Il geloso schernito" ("der eifersüchtige
Liebhaber") ein weiteres komisches Zwischenspiel des Italieners Petro
Chiarini zu dem Libretto von Giovanni Bertati in die Kammerspiele
gebracht.
Das Singspiel in drei Akten gibt
eine denkbar einfache Handlung wieder: ein eifersüchtiger Ehemann
überwacht seine - tatsächlich treue - Ehefrau auf Schritt und
Tritt und dreht ihr jedes Wort so im Munde so um, dass man es als
Hinweis auf Untreue verstehen kann. Schließlich verabschiedet er
sich angeblich auf eine längere Geschäftsreise, nur um
umgehend in Verkleidung zurückzukehren, ihr den Tod ihres Mannes
mitzuteilen und sich als Ersatzehemann anzubieten. Die Frau hat die
Verkleidung jedoch sofort durchschaut und zahlt ihm jetzt seine
Eifersucht mit gleicher Münze heim. Nicht nur freut sie sich
ungeniert über den angeblichen Tod ihres Mannes und ihre
wiedergewonnene Freiheit, nein, sie geht auch gerne auf die Werbung des
angeblich fremden Mannes ein und schwatzt ihm sogar den teuren Ring ab,
den er - ihr Ehemann - nur von einem Händler ausgeliehen hat.
Anschließend tritt sie selbst sogar als feuriger Spanier auf, der
angeblich um die schöne Frau wirbt und den nun wieder als Ehemann
auftretenden rechtmäßigen Gatten zum Teufel jagen will. Nach
einem grotesken Duell "auf Leben und Tod" lässt die Frau ihre
Maske fallen, und nach einem anfänglichen Streit über Liebe,
Treue und Eifersucht vertragen sich die beiden wieder. Regisseur Alfonso Romero Mora
hat diese recht naive Geschichte dadurch verfremdet, dass er sie
hinsichtlich Lokalkolorit und Kostümen in die indische
Märchenwelt der Bollywood-Filme verlagert. Eine Stellwand mit
persischen Fensterbögen und große Kissen stehen für
einen persischen Palast, Dorina - die Frau - tritt mit Sari, Schleier
und Schönheitsfleck auf und der Ehemann im langen goldenen Rock
und Turban. Die Verfremdung zum aktuellen Filmkitsch wird einerseits
der schlichten Geschichte gerecht und ironisiert sie andererseits
wieder. Um den Effekt zu vervollständigen, hat man den indischen
Sitarspieler Ashok Nair mit seinem Instrument in die Inszenierung
integriert. Zusammen mit dem kleinen Ensemble des Staatstheaters
Darmstadt - zwei Violinen, eine Bratsche, ein Cello, ein Kontrabass und
ein Cembalo - intoniert er die Musik zu diesem Stück, wobei Nair
jeden der drei Akte mit einem Solo einleitet. Danach erst folgt eine
kleine Ouvertüre bzw. die Zwischenmusik der einzelnen Akte.
Die Darsteller auf der
Bühne agieren mit ausgesprochener Spielfreude, können sie
hier doch einmal sämtliche komischen Talente ausleben, ohne in den
Verdacht mangelnden Tiefsinns zu geraten. Oleksandr Prytolyuk tanzt,
springt und schleicht als eifersüchtiger Ehemann Masacco geradezu
gehetzt über die Bühne und um seine Frau herum, rollt dabei
die Augen, schaut mal grimmig und mal dümmlich und lässt
seinen Masacco die ganze Zeit nicht merken, dass seine Frau Dorina ihm
längst auf die Schliche gekommen ist. Aki Hashimoto spielt die
Dorina mit geradezu diabolischer Lust an Verstellung und
Verführung. Wie weiches Wachs knetet ihre Dorina ihren Mann nach
Belieben durch und zahlt ihm alles Leid zurück, das er ihr mit
seiner ungerechtfertigtren Eifersucht zugefügt hat. Aki Hashimoto
zeigt dabei nicht nur eine überzeugende gesangliche Leistung,
sondern sprüht auch vor Spielfreude und zieht alle Register
weiblicher Taktik im täglichen Ehekrieg. Die unwiderstehliche
Erotik gelingt ihr ebenso wie die gespielte Trauer oder die
Unterwürfigkeit einer guten Ehefrau, je nachdem, was taktisch
gerade gefragt ist. Keine Frage, dass sie zum Schluss ihren Masacco
brav am Halsband nach Hause führt, und Oleksandr Prytolyuk
lässt denn auch seinen Masacco bis zum Schluss nicht merken, dass
er an der Nase herumgeführt wird und durchaus nicht die Hosen im
Hause anhat.... Das Publikum hatte an dieser
Burleske genauso viel Spaß wie die Darsteller und dankte dem
gesamten Ensemble mit stürmischem Applaus. Schade nur, dass dieses
kleine Juwel bis zum Ende der Saison aus Zeit- und Programmgründen
nur noch einmal auf dem Spielplan steht (am 11.5.!). Ein Trost für
alle, die diese Zeilen zu spät lesen oder keine Karten mehr
bekommen: in der nächsten Saison wird "Il geloso schernito" wieder
aufgenommen. Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
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