Die Lust an Rhythmus und Gesang




















































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Pietro Chiarinis Commedia musicale "Il geloso schernito" in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadt

 

Im 17. und 18. Jahrhundert durften Opern nur historische oder mythische Themen behandeln. Die Fürstenhöfe - schießlich die Geldgeber - und ihr tägliches Leben waren tabu, und das restliche Volk spielte für den Adel keine Rolle, da es weder über emotionale noch über geistige Qualitäten verfügte, die sich für eine Darstellung in der Oper eigneten. Die Opern handelten daher von tragischer Liebe oder bitterem Tod, doch nie vom täglichen Leben. Um die Opernaufführungen für das leicht gelangweilte fürstliche Publikum aufzulockern, entstanden komische oder groteske "Pausenfüller", die burleske Szenen aus dem Volk mit einfachen musikalischen Mittel präsentierten. Schlichtheit und grobe Komik waren geradezu Programm, um von vornherein keine Ähnlichkeiten mit lebenden Personen aus derm Publikum aufkommen zu lassen (obwohl diese sich natürlich durchaus nicht anders als die Personen in den Grotesken verhielten).  Diese Pausenfüller waren sehr beliebt, verselbständigten sich im Laufe der Zeit zu eigenständigen "Mini-Opern" und mündeten schließlich in der "opera buffa" als eigenem Genre. Nach der Commedia musicale "La serva padrona" hat das Staatstheater nun mit "Il geloso schernito" ("der eifersüchtige Liebhaber") ein weiteres komisches Zwischenspiel des Italieners Petro Chiarini zu dem Libretto von Giovanni Bertati in die Kammerspiele gebracht.

OLeksandr Prytolyuk (Masacco) und Aki Hashimoto (Dorina)Oleksandr Prytolyuk (Masacco) und Aki Hashimoto (Dorina)

Das Singspiel in drei Akten gibt eine denkbar einfache Handlung wieder: ein eifersüchtiger Ehemann überwacht seine - tatsächlich treue - Ehefrau auf Schritt und Tritt und dreht ihr jedes Wort so im Munde so um, dass man es als Hinweis auf Untreue verstehen kann. Schließlich verabschiedet er sich angeblich auf eine längere Geschäftsreise, nur um umgehend in Verkleidung zurückzukehren, ihr den Tod ihres Mannes mitzuteilen und sich als Ersatzehemann anzubieten. Die Frau hat die Verkleidung jedoch sofort durchschaut und zahlt ihm jetzt seine Eifersucht mit gleicher Münze heim. Nicht nur freut sie sich ungeniert über den angeblichen Tod ihres Mannes und ihre wiedergewonnene Freiheit, nein, sie geht auch gerne auf die Werbung des angeblich fremden Mannes ein und schwatzt ihm sogar den teuren Ring ab, den er - ihr Ehemann - nur von einem Händler ausgeliehen hat. Anschließend tritt sie selbst sogar als feuriger Spanier auf, der angeblich um die schöne Frau wirbt und den nun wieder als Ehemann auftretenden rechtmäßigen Gatten zum Teufel jagen will. Nach einem grotesken Duell "auf Leben und Tod" lässt die Frau ihre Maske fallen, und nach einem anfänglichen Streit über Liebe, Treue und Eifersucht vertragen sich die beiden wieder.

Regisseur Alfonso Romero Mora hat diese recht naive Geschichte dadurch verfremdet, dass er sie hinsichtlich Lokalkolorit und Kostümen in die indische Märchenwelt der Bollywood-Filme verlagert. Eine Stellwand mit persischen Fensterbögen und große Kissen stehen für einen persischen Palast, Dorina - die Frau - tritt mit Sari, Schleier und Schönheitsfleck auf und der Ehemann im langen goldenen Rock und Turban. Die Verfremdung zum aktuellen Filmkitsch wird einerseits der schlichten Geschichte gerecht und ironisiert sie andererseits wieder. Um den Effekt zu vervollständigen, hat man den indischen Sitarspieler Ashok Nair mit seinem Instrument in die Inszenierung integriert. Zusammen mit dem kleinen Ensemble des Staatstheaters Darmstadt - zwei Violinen, eine Bratsche, ein Cello, ein Kontrabass und ein Cembalo - intoniert er die Musik zu diesem Stück, wobei Nair jeden der drei Akte mit einem Solo einleitet. Danach erst folgt eine kleine Ouvertüre bzw. die Zwischenmusik der einzelnen Akte.

Die Musik zu dieser kleinen Oper(ette) ist frisch, fröhlich und frei von falschem Tiefgang und wirkt wie ein Extrakt oder eine Zusammenfassung großer Opernmusik. Die Handlung auf der Bühne - schrille Eifersucht, dräuende Wut, jammervolles (gespieltes) Klagen einer einsamen Frau - spiegelt sich in den Motiven der Musik naturgetreu wider. Statt Subtilität steht die Deutlichkeit im Vordergrund. Das macht die Inszenierung auch von der musikalischen Seite her komisch, und bisweilen fühlt man sich durchaus an Mozarts "Dorfmusikantensextett" erinnert.

Die Darsteller auf der Bühne agieren mit ausgesprochener Spielfreude, können sie hier doch einmal sämtliche komischen Talente ausleben, ohne in den Verdacht mangelnden Tiefsinns zu geraten. Oleksandr Prytolyuk tanzt, springt und schleicht als eifersüchtiger Ehemann Masacco geradezu gehetzt über die Bühne und um seine Frau herum, rollt dabei die Augen, schaut mal grimmig und mal dümmlich und lässt seinen Masacco die ganze Zeit nicht merken, dass seine Frau Dorina ihm längst auf die Schliche gekommen ist. Aki Hashimoto spielt die Dorina mit geradezu diabolischer Lust an Verstellung und Verführung. Wie weiches Wachs knetet ihre Dorina ihren Mann nach Belieben durch und zahlt ihm alles Leid zurück, das er ihr mit seiner ungerechtfertigtren Eifersucht zugefügt hat. Aki Hashimoto zeigt dabei nicht nur eine überzeugende gesangliche Leistung, sondern sprüht auch vor Spielfreude und zieht alle Register weiblicher Taktik im täglichen Ehekrieg. Die unwiderstehliche Erotik gelingt ihr ebenso wie die gespielte Trauer oder die Unterwürfigkeit einer guten Ehefrau, je nachdem, was taktisch gerade gefragt ist. Keine Frage, dass sie zum Schluss ihren Masacco brav am Halsband nach Hause führt, und Oleksandr Prytolyuk lässt denn auch seinen Masacco bis zum Schluss nicht merken, dass er an der Nase herumgeführt wird und durchaus nicht die Hosen im Hause anhat....

Das Publikum hatte an dieser Burleske genauso viel Spaß wie die Darsteller und dankte dem gesamten Ensemble mit stürmischem Applaus. Schade nur, dass dieses kleine Juwel bis zum Ende der Saison aus Zeit- und Programmgründen nur noch einmal auf dem Spielplan steht (am 11.5.!). Ein Trost für alle, die diese Zeilen zu spät lesen oder keine Karten mehr bekommen: in der nächsten Saison wird "Il geloso schernito" wieder aufgenommen.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller