Der Richter und sein Lenker















































































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Heinrich von Kleists Komödie "Der zerbrochene Krug" im Staatstheater Darmstadt

 

Gute Komödien sind im deutschen Literaturgut nicht gerade dicht gesät. Das Land der Dichter und Denker hat sich mit der leichten Muse immer etwas schwer getan, als sei es etwas anrüchig, die Zuschauer und Leser zum Lachen zu bringen. Ausgerechnet  der Preuße Heinrich von Kleist, der als Vierunddreißigjähriger 1811 in einem Anfall von Depression und Verzweiflung erst seine Freundin und dann sich erschoss, hat die gelungensten deutschen Lustspiele verfasst. Das Staatstheater Darmstadt feiert diesen deutschen Autor jetzt mit einer Aufführung seiner Komödie "Der zerbrochene Krug".

Matthias Kleinert (Walter), Andreas Manz (Adam) Matthias Kleinert (Walter), Andreas Manz (Adam)

Regisseur Hermann Schein lässt das Stück vor dem Beginn anfangen. Die erste Szene beginnt im noch erleuchteten Zuschauerraum vor dem Vorhang. Dorfrichter Adam, der erste Mann auf der Bühne, behandelt seine blutende Platzwunde am Kopf, das Licht des Saales scheint gnadenlos auf den eigentlich Schuldigen an dem in den nächsten neunzig Minuten zu klärenden Vergehen, und der Gerichtsschreiber Licht wundert sich angelegentlich über die seltsamen Wunden des Richters und die gewundenen wie unglaubwürdigen Erklärungen seines Vorgesetzten. Licht im weitesten Sinne entlarvt den Übeltäter - anders als in einem Kriminalstück - bereits vor der Verhandlung, allerdings wird das erst im Laufe der ersten Szenen klar. Als ihm der Gerichtsschreiber von der bevorstehenden Ankunft des Gerichtsrats Walter berichtet, der die Amtsführung der lokalen Gerichtsbarkeit überprüfen will, möchte sich Adam am liebsten krank melden. Da in seine Perücke angeblich eine Katze gejungt hat und der Küster seine eigene benötigt, steht der anbrechende Tag für Adam unter denkbar schlechten Stern, und sein hektischer Aktionismus lässt nichts Gutes ahnen.

In den meisten Inszenierungen dieser Komödie spielt der Gerichtsrat Walter mehr die Rolle eines Stichwortgebers für die Hauptperson Adam. Auch die anderen Rollen dienen oftmals eher dem Lokalkolorit oder dem Fortschritt der Handlung, ohne der Hauptrolle ein starkes Profil entgegenzusetzen. Hermann Schein dagegen verteilt die Schwerpunkte ein wenig anders: bei ihm gewinnt vor allem der Gerichtsrat Walter ein ausgeprägtes Profil und wird zum gleichberechtigten Gegenpol zum Dorfrichter Adam. Zwischen diesen beiden baut sich der Spannungsbogen der Handlung auf und hält sich bis zum Ende des Stücks. Der Gerichtsrat ahnt schon bald die wahren Hintergründe der seltsamen Vorgänge um den zerbrochenen Krug der Witwe Rull, hält sich jedoch solange wie möglich zurück, auch weil er weiß, dass sich der Schuldige selber verraten wird. Doch die Zurückhaltung fällt ihm angesichts des unerträglichen Verhaltens des Dorfrichters schwer.

Matthias Kleinert (Walter), Sonja Mustoff (Marthe), Liljana Elges (Eine Magd) , Andreas Manz (Adam), Tilman Meyn (Rupprecht), Gerd K. Wölfle (Veit Tümpel)Matthias Kleinert (Walter), Sonja Mustoff (Marthe), Liljana Elges (Eine Magd) , Andreas Manz (Adam), Tilman Meyn (Rupprecht), Gerd K. Wölfle (Veit Tümpel)

In dem zu entscheidenden Fall nämlich klagt Frau Marthje Rull gegen Rupprecht, den Verlobten ihrer Tochter Eve, der nachts in das Zimmer des jungen Mädchens eingebrochen sei, dort randaliert und ihren schönen Krug zerbrochen habe. Rupprecht widerspricht und verweist auf einen Dritten, der angeblich das Mädchen bedrängt habe und den er deswegen bei der Flucht noch am Kopf verletzt habe, ohne ihn in der Dunkelheit zu erkennen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt weiß der Zuschauer um die Zusammenhänge, und der Gerichtsrat ahnt sie. Erstaunlich bleibt nur die Tatsache, dass Eve nichts über einen Dritten sagt, wobei sie weder der Behauptung ihrer Mutter widerspricht noch ausdrücklich ihren Verlobten der Tat bezichtigt. Die geradezu nötigenden Versuche des Dorfrichters Adam, Eves Aussagen zu beeinflussen oder gar zu verhindern, sprechen Bände und lassen ahnen, warum Eve nichts sagt. Als dann noch seine Perücke im Spalier des Hauses von Marthe Rull gefunden wird, steigt die Erklärungsnot des Dorfrichters ins Groteske. Aber Adam erfindet eine immer noch abenteuerlichere Erkärung für die seltsamen Indizien, die natürlich auf ihn hinweisen, bis hin zu dem Verdacht, der Teufel selbst sei in dieser Nacht in das Zimmer der hübschen Eve eingebrochen.

Wie in einer Komödie üblich, löst sich der Spuk am Ende von selbst auf, der Übeltäter unternimmt einen kläglichen Fluchtversuch, das junge Paar findet sich doch noch und der Gerichtsschreiber darf sich auf eine baldige Beförderung freuen. Doch darum geht es in dem Stück weniger. Kleist geht es vor allem darum, die Lügen und Ausflüchte eines Amtsträgers bloßzustellen, der um alles in der Welt seine Entlarvung verhindern will, obwohl mehr und mehr Beweise gegen ihn auf den Tisch kommen. Die Komik der Geschichte liegt in den abstrusen Ausreden und den aus Panik geborenen Versuchen der Nötigung und massiven Rechtsbeugung. Eigentlich müsste man eher von einer Satire denn von einer Komödie sprechen, denn hier werden Machtstrukturen - wenn auch nur im dörflichen Raum - gnadenlos offengelegt und kritisiert, bis hin zur zwangsläufigen Ablösung eben dieser Machtstrukturen. Doch den offenen Protest gegen die staatliche Autorität wagt Kleist (noch) nicht. Bei ihm lenkt und richtet eine höhere Autorität, der Gerichtsrat, den Prozess und sorgt für die Wiederherstellung ordentlicher Verhältnisse. Der Fehler liegt also nicht im System sondern im Fehlverhalten einzelner Vertreter. Eine solche Botschaft konnte Kleist auch im restaurativen Preußen des frühen 19. Jahrhunderts ungefährdet veröffentlichen.

Andreas Manz (Adam), Christina Kühnreich (Eve)Andreas Manz (Adam), Christina Kühnreich (Eve)

Die Darmstädter Inszenierung zeichnet sich durch Dichte und Tempo aus, wie es sich für eine Komödie gehört. Ohne Pause geht die Aufführung in neunzig Minuten über die Bühne, die als Requisiten lediglich einen Baum ("Dorflinde") und einen erhöht postierten Richtersessel enthält. Über diesem Baume drehen sich im Bühnenhimmel große Zahnräder als Symbol für die langsam mahlenden Räder der Justiz. In diesem eher angedeuteten Ambiente agieren die Darsteller, allen voran Andreas Manz als Dorfrichter Adam. In dieser Rolle kann er sein ganzes komödiantisches Talent ausspielen. Seine Mimik und seine hektischen Bewegungen - mit wehenden Rockschößen fegt er über die Bühne, um hier und da gefährliche Argumentationslöcher zu stopfen -  bringen die Gestalt des Dorfrichters zu einem verzweifelten Leben. Die ständige Angst, dass Eve die Wahrheit ausplaudert oder ein anderer Zeuge - etwa die Frau Brigitte - über kompromittierende Kenntnisse verfügen könnte, lassen ihn vor Angst schwitzen und  permanent nach neuen Erklärungen und Ausreden suchen. Jede Andeutung einer anderen Erklärung der Ereignisse nimmt er dankbar auf und posaunt sie als die Lösung hinaus. Wäre nicht der unbestechliche Gerichtsrat anwesend, Dorfrichter Adam hätte die Angelegenheit dank seiner örtlichen Machtbefugnisse längst in seinem Sinne geregelt und den unschuldigen Konkurrenten Rupprecht als vermeintlich Schuldigen ins Gefängnis oder - noch besser - zum Militär ins ferne Batavia geschickt. Andreas Manz interpretiert die Rolle des zwielichtigen Dorfrichters derart überzeugend, dass man mit seiner Figur fast schon wieder Mitleid haben kann. Neben ihm überzeugt Matthias Kleinert als Gerichtsrat nicht nur durch seine unbestechliche Klarsicht und Konsequenz in der Verfolgung des Falles, sondern er zeigt den Gerichtsrat auch als Mensch, ob nun beim Genuss des kleinen Imbisses, bei dem er bewusst die kulinarischen Delikatessen zum Ärger des Dorfrichters an die anderen Anwesenden verteilt, oder bei einem Anfall von Magenschmerzen, die ihm das unerträgliche Verhalten des Dorfrichters zufügt. Der Gerichtsrat ist bei Kleinert weit mehr als nur das Symbol der höheren Instanzen, die Ordnung und Stabilität versprechen, sondern  Mensch mit seiner eigenen Verzweiflung über die Zustände in diesem Lande.

Sonja Mustoff gibt eine temperamentvolle und resolute Marthe Rull, die auch schon einmal schreiend aus der Haut fahren kann, um dann wieder in Tränen auszubrechen. Herrlich ihre so weitschweifige wie nervige Beschreibung des zerbrochenen Kruges, ungeachtet der endlichen Geduld des Gerichtsrats. Christina Kühnreich spielt die junge Eve als zorniges, selbstbewusstes Mädchen, was in einem gewissen Widerspruch zur Handlung steht. Denn Eve wagt ja gerade nicht, den Richter anzuklagen, weil sie seine vermeintliche - nicht tatsächliche - Macht über ihren Verlobten fürchtet. Eine so selbstbewusste Frau, wie Christiana Kühnreich sie spielt, hätte hier längst öffentlich reinen Tisch gemacht und den Richter der Lächerlichkeit preisgegeben. Der Schreiber Licht von Stefan Schuster kommt etwas zu bieder daher und könnte ein paar Ecken mehr vertragen, und Timan Meyn könnte dem Rupprecht etwas mehr dörfliche Schlichtheit und weniger Feinsinnigkeit zugestehen. Gerd K. Wölfle verleiht dem Veit Tümpel mit wenigen Worten und Gesten das passende bodenständige Temperament. Margit Schulte-Tigges als etwas spinnerte Frau Brigitte und Liljana Elges als kesse Magd Lise vervollständigen das Bühnenpersonal.

Das Premierenpublikum zeigte sich von dieser Inszenierung außerordentlich angetan und spendete reichlichen Beifall und einige "Bravos" für Andreas Manz und Matthias Kleinert.

Weitere Aufführungen finden am 6., 10. und 17. Juni statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller