Getanzte Träume und Tänze





















































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Staatstheater Wiesbaden mit er Choreographie "Weiß wie der Mond" von Stephan Thoss in Darmstadt

 

Zwischen den Staatstheatern Darmstadt und Wiesbaden besteht seit längerem ein Austauschprogramm bei Ballett-Produktionen. Das barg lange Zeit einen besonderen programmatischen Reiz, da Wiesbaden für ein eher konservatives Profil im Sinne des klassischen Balletts bekannt war, während das Darmstädter TanzTheater (sic!) sich eher dem modernen Ausdruckstanz verschrieben hatte. Nach dem Wechsel in der Wiesbadener Ballettleitung - Stephan Thoss kam für Ben van Cauwenbergh - hat sich das Staatstheater Wiesbaden jedoch ebenfalls deutlich dem modernen TanzTheater zugewandt. So mancher Darmstädter Ballett-Interessent bedauert dies zwar - was sich im letzten Jahr auch in entsprechenden Unterschriftenaktionen zeigte -, aber  dem Profil des Wiesbadener Balletts hat der Wechsel durchaus gutgetan, stehen doch statt so mancher doch ziemllich traditioneller Choreographie jetzt wirkich innovative Produktionen auf dem Programm.

Szenenfoto aus "Tosende Stille"Szenenfoto aus "Tosende Stille"

Die Produktion "Weiß wie der Mond" von Stephan Toss besteht aus zwei unabhängigen Choreographien, die trotz deutlicher Gegensätze der Motive und Bewegungsabläufe aufeinander Bezug nehmen. Der erste Teil mit dem Titel "Tosende Stille" zeigt zu Beginn einzelne Personen in stilisierter Schlafstellung auf Matten liegend. In den Schläfern erwachen langsam die Träume und "materialisieren" sich in Tanzbewegungen. Diese Träume haben - das kennen wir alle - zwischenmenschliche Beziehungen zum Thema. Doch entstehen dabei keine erzählbare Geschichten sondern Collagen von Sinneseindrücken, Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten, wobei sich die einzelnen Szenen in den seltsamsten Konfigurationen überlappen oder auseinander entwickeln können. Was wir alle von unseren nächtlichen Träumen kennen, das Unwirkliche, Bedrückende, aber auch Wohltuende und Tröstende, spiegelt sich bei Stephan Toss in den Bewegungen der Tänzer wieder,. Dabei wechseln sich Szenen in größeren Gruppen mit solchen der Einsamkeit des Individuums ab. Die Albträume kommen ebenso zum Ausdruck wie die Momente des Glücks und der Hoffnung. Thoss versagt dem Publikum jegliche vordergründige - gesellschaftliche, psychologische oder gar politische - Deutung, er konzentriert sich ganz auf die subjektive Welt der Träumenden und deren Schwebezustand zwischen einer "echten" und einer "fiktiven" Realität. Dazu herrscht entweder Stille oder Musik von Antonio Vivaldi und Alessandor Marcello. Man könnte zugespitzt sagen, dass neben diesen beiden Komponisten die Stille wohlkalkuliert als dritter Komponist auftritt, denn die Szenen ohne musikalische Gestaltung entwickeln ihre eigene Spannung, die bisweilen sogar noch die der musikalischen Passagen übertrifft. Auch das Licht spielt bei dieser Produktion eine wesentliche Rolle: Thoss spielt mit Hell-Dunkel-Kontraste, lässt die einzelnen Figuren in engen Lichtkegeln oder im Halbdunkeln auftreten und erzeugt damit eine ausgesprochen dichte und intensive Atmosphäre. Am Ende dieses "Traumtanzes" lässt das Ensemble die Zuschauer in einer Art verzauberter Stimmung zurück, die sich erst während der Pause löst.

NO CHA-CHA-CHA: Romy Liebig, Ina Brütting, Yuki Mori, Demis MorettiNO CHA-CHA-CHA: Romy Liebig, Ina Brütting, Yuki Mori, Demis Moretti

Der zweite Teil - "No Cha-Cha-Cha" - beginnt gleich mit einem deutlichen Hinweis auf den Titel: zu langsamer, akzentuierter Cha-Cha-Cha-Musik tanzt das gesamte Ensemble - Tänzer und Tänzerinnen in schwarzen Oberteilen und Röcken! - diesen lateinamerikanischen Tanz in freier Form. Anlehnungen an die Tanzstunde wird man hier vergebens suchen. Die ganze Choreographie zeigt von Anfang an ironische bis humoristische Züge. Wenn im ersten Teil die Nachtseite des Menschen im Mittelpunkt stand, so geht es hier um den Alltag mit seinen vielfältigen zwischenmenschlichen Beziehungen. Anstelle von Träumen herrscht hier die Realität. Die Bühne wird dazu entsprechend ausgeleuchtet, und der Alltag schiebt sich vor die Träume und Sehnsüchte der Menschen. Was man sich tagsüber wünscht, muss sich im hellen Tageslicht an der konkreten Realität messen. Dabei stellt sich immer wieder heraus, dass der Mensch sich zwar harmonische Zweisamkeit herbeisehnt, sich aber fast panisch in den Kokon der Individualität zurückzieht, wenn diese Zweisamkeit Realität zu werden droht. Sehnsucht nach und Angst vor der Bindung sind laut Thoss die beiden Konstanten der menschlichen Psyche, zumindest in der zeitgenössischen Epoche. Dieser innere Widerspruch lässt sich rational nicht auflösen und durch einen Willensakt - siehe "gordischer Knoten" - schon gar nicht. Denn die inneren Triebkräfte, wodurch auch immer geformt, lassen sich nicht einfach durch einen Willensakt oder eine "vernünftige " Entscheidung bändigen oder gar ausschalten. Aus der Sicht des Choreographie lässt sich dieser urmenschliche Widerspruch nur durch das Mittel der Ironie oder der Groteske beschreiben. Der Mensch lacht angesichts des unauflösbaren Widerspruchs seiner Existenz. Diese Erkenntnis steht hinter den teilweise grotesken Kostümen und Bewegungen des Ensembles.

Thoss hat zu dieser Choreographie eine so vielfältige wie intensive Musikauswahl getroffen. Die rhythmische lateinamerikanische Musik dominiert den ersten Teil, um zum Abschluss unerwartet in Johann Sebastians "Air" überzugehen. Den zweiten Teil prägt akustisch Arvo Pärts "Trisagon", und den Schluss schließlich untermalt mit einer geradezu motorischen Rhythmik Laurent Petitgands "Amer America", eine Musik, die an die monotone, in Trance versetzende Rhythmik der "Techno"-Musik erinnert.

Stephan Thoss hat mit dieser Produktion eindrucksvoll bewiesen, dass das Ballettensemble des Staatstheaters Wiesbaden nicht nur den modernen Ausdruckstanz ebenso beherrscht wie das klassische Repertoire, sondern diesem Ausdruckstanz auch überzeugende Interpretationen unterlegen kann. Schade nur, dass der Zuspruch des Darmstädter Publikums bereits zwei Monate nach der hiesigen Premiere so gering ausfiel. Nur etwa hundert Zuschauer verloren sich im Großen Haus bei einer Choreographie, die auch zwei Monate nach der Premiere noch ein volles Haus verdient hätte.

Frank Raudszus