Klage auf höchstem Niveau


















































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Das Rheingau Musik Festival 2008 startet mit Mahler

 

Nachdem am 28. Juni die Originaleröffnung des diesjährigen Rheingau Musik Festival im Kloster Eberbach über die Bühne gegangen war, fand am darauf folgenden Sonntag die zweite Aufführung statt. Aus gegebenem Anlass hatte man den Beginn kurzfristig auf 18 Uhr vorverlegt. Hätte man es nicht getan, wären wohl viele Plätze leer geblieben, denn Fußball und nationale  Begeisterung siegen im Zweifel immer noch über die Kultur. So jedoch vereinte man geschickt Endpielatmosphäre mit Endzeitmusik, und tatsächlich beschrieb Mahlers Musik die Gefühlslage der folgenden neunzig Minuten auf kongeniale Weise.  Klage über die Tragik des Lebens auf höchstem Niveau kennzeichnet diese Musik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.  Nach der von der Aufklärung befügelten, zukunftsorientierten und Aufbruchsstimmung verbreitenden Musik Mozarts und Beethovens, die ein festes Themengerüst in einem klar strukturierten Rahmen durchkonjugierte, flüchtete sich die Romantik in  sehnsüchtige Klangschwelgereien. Nach dem Ende des Biedermeiers und mit der aufkommenden Industrialisierung taten die allgemeine Nostalgie und die Sehnsucht nach der vermeintlich glücklichen Vergangenheit (Kriege, Krankheiten und klerikale Knechtschaft) ein Übriges: gegen Ende des 19. Jahrhunderts herrschte eine Endzeitstimmung, die sich in dem Begriff "fin du siècle" niedergeschlagen hat. Das Ende der Zivilisation und die Sinnlosigkeit des Lebens prägten alle Kunstrichtungen, besonders aber die Musik. Vor allem nach der süffigen, einer Droge ähnelnden Musik Wagners schien vielen nur noch der Abgesang als Ausdrucksmittel für die eigene Befindlichkeit möglich. Schönberg und Webern erst lösten diesen gordischen Knoten - und der von vielen Intellektuellen und Kunstschaffenden heimlich ersehnte "Große Krieg".

Das HR-SinfonieorchesterMahlers Musik drückt ein einziges jenseitiges Sehnen aus, das nicht von dieser Welt ist. Die Innerlichkeit seiner langsamen Passagen ist nicht als Lyrik sondern als Verzweiflung zu verstehen. Das mag im Fall der 10. Sinfonie aus dem Jahr 1910 auch durch biographische Umstände bedingt gewesen sein - Mahlers Tochter war kurz vorher gestorben, seine Frau Alma hatte ein außereheliches Verhältnis und er selbst war schwerkrank -, doch der Zeitgeist spielte vor allem bei der zehn Jahre vorher entstandenen vierten Sinfonie eine große Rolle.  Man dachte und fühlte endzeitlich und ließ diese Befindlichkeit in alle Kunstwerke einfließen. Bei Mahler äußerte sich das in äußerst intensiven Klängen, die jedoch weniger von dem expressiven Gefühl - fortissimo - als vielmehr von Melancholie und Abschiedsstimmung geprägt sind.

Von der 10. Sinfonie brachte Mahler vor seinem Tode nur noch den ersten Satz vollständig zu Papier. Das HR2-Orchester unter der Leitung von Paavo Järvi inszenierte diesen jenseitigen, von sphärischen (Himmels-)Klängen durchwehten Adagio-Satz mit einzigartiger Intensität. So mag man sich in den Jahren einer ausklingenden Hochromantik, kurz vor dem Einbruch der historischen Katastrophe, den Himmel vorgestellt haben: "geballter" Frieden, dargestellt durch feinste Klangfärbungen höchster Intensität. Das Paradoxon dieser Musik liegt darin, dass sie himmlischen Frieden (im Gegensatz zum Jammertal des Erdenlebens) suggerieren soll und doch subtilste Spannung ausstrahlt. Wenn sich große Künstler den absoluten Frieden vorstellen, landen sie in ihren Vorstellung schließlich bei höchster Spannung. Den ereignislosen Frieden der reinen Muße - und der absoluten Ereignislosigkeit - kann sich der handelnde und leidende Mensch zwar wünschen, aber innerlich nicht wirklich vorstellen.

Die Sopranistin Genia KühmeierDie Sopranistin Genia Kühmeier

Dirigent Paavo JärviDirigent Paavo Järvi

Nach der Pause kam dann die 4. Sinfonie in G-Dur zur Aufführung. Zwar folgt diesem Werk eher der Ruf einer unbeschwerten Heiterkeit, hört man jedoch genauer hin, so regiert auch hier die Melancholie der langgezogenen Spannungsbögen, die nur von Zeit zu Zeit durch ein eingängiges Thema unterbrochen werden. Der erste Satz lebt von einem tonalen, fast traditionellen Motiv, das sich als dominantes Hauptthema durchsetzt, aber die vielen Seitenthemen und Abschweifungen führen die Musik immer wieder in schwermütige Gefilde, die so gar nichts mit dem optimistischen Eingangsthema gemein haben. Die Verästelungen der Motive und ihre klanglichen Variationen versinnbildlichen dabei die sich verselbständigenden Assoziationen des Komponisten, der  sich einer scheinbar aus den Fugen geratenen Welt nicht mehr sicher ist und sich auf das überkommene Wertesystem nicht mehr verlassen kann. Der zweite Satz beginnt geradezu kammermusikalisch mit wenigen Stimmen, die sich dann langsam zum orchestralen Klang entfalten. Weitgehende Zerrissenheit der Themen und Klänge prägen die Struktur dieses Satzes, der über weite Strecken atonalen Charakter aufweist. Der dritte Satz - "Ruhevoll.Poco adagio" - erinnert streckenweise an das "Adagietto" der fünften Sinfonie, zeigt aber auch bewegte und expressive Momente. Der letzte Satz schließlich besteht nur aus dem Lied "Das himmlische Leben" frei nach dem Gedicht "Des Knaben Wunderhorn" für Sopranstimme, dessen Text erstaunlich lebensnahe Elemente enthält und dennoch immer wieder metaphorisch den Himmel anruft. Genia Kühmeier interpretierte diesen Part mit einem sicheren und modulationsfähigen Sopran und brachte dabei sogar die humoristischen Anklänge des Lieds zum Ausdruck. Doch auch hier überwog letztlich die tiefe Melancholie, die sich bewusst der Welt versagt und dies melodisch, harmonisch und klanglich zum Ausdruck bringt.

Bei aller Weltferne und -müdigkeit dieser Musik strahlt sie doch eine ganz eigene Schönheit und Faszination aus, die den Zuhörer für kurze Zeit in eine jenseitige Welt entführt, die sich den Anforderungen eines banalen Alltags entzieht. Ungewollt bereitete die Melancholie dieses musikalischen Programms auch dem Rest des Abends den Boden, der im Wiener Happel-Stadion für die Deutschen eher schwermütige Gefühle weckte.

Frank Raudszus