Schuldner, Schwadroneur und Schnorrer





































































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Ernst Elias Niebergalls Lokalposse „Datterich“ im Staatstheater Darmstadt

 

Eigentlich sollte eine Theaterrezension unmittelbar nach der Premiere erfolgen, um potentielle Besucher zum Besuch zu animieren (oder sie auch einmal zu warnen…). Dass sie in diesem Fall erst zum Ende der Spielzeit erfolgt, ist der großen Nachfrage zuzuschreiben, die selbst dem Rezensenten bei mehreren Versuchen einen Besuch unmöglich machte. Doch gerade diese hohe Nachfrage des Publikums zeigt andererseits, dass es einer ausdrücklichen Ermunterung durch einen Rezensenten in diesem Fall gar nicht bedurfte, wurden doch die Karten fast schon auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Wir wollen aber unserer Chronistenpflicht dennoch nachkommen und die laufende Inszenierung vorstellen.

Thomas Hechler (Schmidt), Michael Quast (Datterich), Heinz Neumann (Spirwes)Thomas Hechler (Schmidt), Michael Quast (Datterich), Heinz Neumann (Spirwes)

Die hohe Nachfrage ist natürlich auf die Tatsache zurückzuführen, dass es sich bei dem „Datterich“ nicht um irgendeine Lokalposse handelt, sondern um DAS Kultstück des südhessischen, speziell des Darmstädter Raums. Der Darmstädter Ernst Elias Niebergall wurde, wie sein Kollege Georg Büchner, nicht alt und starb 1843 im Alter von knapp 30 Jahren. Da er in seinen Stücken die kleinbürgerliche und spießige Mentalität seiner Mitmenschen auf die Schippe nahm, dauerte es bis in die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts, ehe sich das Darmstädter Theater an die Uraufführung wagte. Von diesem Zeitpunkt an entwickelte sich das Stück zu einem festen Bestandteil des hessischen Theater-Repertoires, wobei Laienspielgruppen den Großteil der Inszenierungen übernahmen und noch übernehmen. Diese im ersten Augenblick erstaunlich anmutende Tatsache beruht nicht zuletzt auf dem Umstand, dass die heutigen Theaterensembles sich aus Mitgliedern verschiedenster landsmannschaftlicher Herkunft zusammensetzen und daher nicht des typischen lokalen Dialekts mächtig sind. Da man auch als guter Schauspieler eine Mundart im Rahmen einer Theaterprobe nicht authentisch erlernen kann, bleiben nur noch Einheimische, die den Dialekt mit der Muttermilch eingesogen haben. 

Natürlich gibt es immer Ausnahmen, und eine solche stellt Michael Quast dar, der 1959 in Frankfurt geborene Musiker und Allround-Komiker, der unter anderem auch den herrlich komischen „Don Giovanni à trois“ inszeniert hat. Die Rolle des Datterich ist ihm auf den Leib geschrieben, und so füllt er sie auch vom ersten bis zum letzten Moment mit Tempo, Witz und hintergründiger Ironie aus.

Thomas Hechler (Schmidt), Michael Quast (Datterich)Thomas Hechler (Schmidt), Michael Quast (Datterich) 

Die Figur des Datterich wird in der öffentlichen Wahrnehmung gerne abgewertet. Das liegt wohl daran, dass der Zuschauer intuitiv all die Charakterzüge in ihn projiziert, die in jedem von uns in mehr oder minder ausgeprägter Form stecken und die wir gerne verdrängen möchten. Wer renommiert nicht gerne ein wenig vor anderen, geht nicht gerne auf Empfänge mit kostenlosen Speisen und Getränke oder versucht nicht, hier und da ein Schnäppchen zu machen. Da all diese menschlichen Schwächen das eigene Selbstbildnis trüben, freut man sich über die Gestalt des Datterich, der sie in einem solch verzerrten Maß vorführt, dass die eigenen moralischen Mängel dahinter zur Bedeutungslosigkeit marginalisiert werden. Dass der Datterich aber auch ein freiheitsliebender Kämpfer gegen Spießigkeit und kleinbürgerliches Statusdenken ist, gerät dabei leider oft ins Hintertreffen. Und doch beteiligt sich der Datterich nie an übler Nachrede oder an gezielten Intrigen gegen seine Mitmenschen. Er ist zwar kein Robin Hood, aber seine Opfer sucht er sich immer unter den obrigkeitshörigen und konformen Bürgern, und seine Beute besteht meist nur aus ein oder zwei Flaschen Wein und einer falschen Reputation.

So entdeckt er im Wirtshaus auch gleich den biederen Drechslergesellen Schmidt als mögliches Opfer, verspricht ihm, sich mit seinem angeblich bedeutenden Einfluss an höchsten Stellen für die Aufnahme des Bessunger Bürgers Schmidt in Darmstädter Kreise einzusetzen, und trinkt ihm dabei auf unverschämteste Weise die Flaschen und Taschen leer. Als er versucht, Schmidt an seine eigene Cousine zu verkuppeln und ihn dazu von seiner Verlobten Marie zu trennen, kommt es zum Eklat. Zum heimlichen Stelldichein erscheint die – verkleidete - Marie und macht ihrem Freund und dessen Berater Datterich die Hölle heiß. Schmidt muss aus Ehrgefühl Datterich zum Duell fordern, doch Marie lässt mit einer kleinen Intrige das Duell platzen und Datterich als vermeintlichen Erpresser bei der Polizei landen. Doch selbst im Scheitern zeigt Datterich eine Unverschämtheit, die an Größe grenzt: ungeniert schließt er sich der familiären Versöhnungs- und  Verlobungsfeier der wiedervereinten Brautleute an, schwadroniert über seine Großmütigkeit und wirft mit Schmeicheleien der plattesten Art um sich. Selbst sein Hinauswurf durch Schmidt  persönlich wird ihn nicht daran hindern, bei nächster Gelegenheit  wieder anzuklopfen, als sei nichts geschehen.

Thomas Hechler (Schmidt), Michael Quast (Datterich), Karin Heist (Babette), Karl Heinrich Braun (Dummbach), Elisabeth Heinemann (Marie)Thomas Hechler (Schmidt), Michael Quast (Datterich), Karin Heist (Babette), Karl Heinrich Braun (Dummbach), Elisabeth Heinemann (Marie)

Das Schönste an dieser Lokalposse sind die Wirtshausszenen mit Karten spielenden und schwadronierenden Nichtsnutzen, die bräsige Selbstzufriedenheit des Dummbachschen Hauses und die vielen Mundart-Sprüche, die die jeweilige Situation oder die momentane Befindlichkeit der Protagonisten auf den Punkt bringen. Gewisse Sprüche haben in Darmstadt sogar Kultcharakter gewonnen, etwa „Wie is doch die Nadur im Allgemeine so schee“ oder „Sie hawwe mer so e bekannt Physiognomie, ich mahn, ich misst Ihne kenne“.

Michael Quast beherrscht nicht nur das Darmstädter („Heiner“) Idiom hervorragend, er verkörpert auch durch und durch den rastlosen, immer nach einem kleinen Gewinn Ausschau haltenden Schnorrer, der seine eigene Lebensironie lebt, ohne sie rational zu erfassen, der jeden einfältigen Spießer sofort erkennt und seinen Nutzen daraus zieht, der mit viel Einfallsreichtum und Chuzpe immer wieder seinen Gläubigern entwischt und sie zum Wahnsinn treibt. Und wenn sie ihn denn einmal auf offener Straße erwischen und fürcherlich verhauen, dauert das theatralische Selbstmitleid nur solange, bis sich der nächste Spender für eine Flasche Wein zeigt. Michael Quast verleiht dieser Figur eine breite Facette von Charaktereigenschaften, die sie zeitweise fast sympathisch machen, ohne sie ins nur komische Fach zu schieben. Bei Quast bleibt Datterich ein Schmarotzer, aber auch ein bewundernswertes Stehaufmännchen, das über mehr Lebenskraft verfügt als die Dummbachs oder Spirwes. Neben ihm zeigen auch die Laiendarsteller der Hessischen Spielgemeinschaft ansprechende Leistungen, seien es Ulrike Leitner als Wirtin Lisette, Heinz Neumann als Spirwes, Karl Heinrich Braun als Dummbach oder andere.

Die nun schon seit einem Jahr auf dem Spielplan stehende Inszenierung fand am 8. Juni wiederum vor vollem Haus statt, und die wenigen freien Plätze waren wohl eindeutig dem Fußballspiel Deutschland-Polen zuzuschreiben. Für diejenigen, die dennoch den „Datterich“ vorzogen, lieferte Michael Quast vom Wirtshaustisch den jeweiligen Spielstand und erntete damit zweimal Szenenapplaus.


Die letzte Aufführung dieser Saison findet am 12. Juni statt.

Frank Raudszus

Alle Fotos © Barbara Aumüller