| |
Lebenslügen und
Liebesleid |
![]() Ihre Meinung über E-Mail hier |
Lutz
Hübners Einakter "Hotel Paraiso" in den Kammerspielen des
Staatstheaters
Darmstadt |
|
Der Titel dieses
Theaterstücks suggeriert Sommer, Sonne, Ferien und Leichtigkeit -
und so beginnt auch die Handlung. Ein junges Mädchen freut sich
beinahe exstatisch über Ferien und Freiheit und sucht sich ein
abgeschiedenes Plätzchen zum Entspannen. Dann erscheinen die
anderen Personen auf der mit wenigen Requisiten - eigentlich nur ein
Tisch für Essen und Getränke und einige aufgestapelte Tische
(oder Bänke) - als Urlauberhotel markierten Bühne: der
ewig grinsende Wirt Pedro, der über alle Unstimmigkeit und
privaten Katastrophen mit geradezu philosophischer Gelassenheit - oder
ist es Desinteresse? - hinweggeht und sich vor einer persönlichen
Stellungnahme hütet; die alleinstehende Dana Golubka, gepflegt und
sorgfältig gekleidet und stets mit einem Glas Campari in der Hand,
die hier berufliche und private Enttäuschungen vergessen will; der
junge Jost Schumann, der am Strand anscheinend vor dem Leben flieht und
alleinstehenden Frauen den Hof macht, nämlich Dana Golubka; und
schließlich die Familie Neuwirth mit Tochter Katharina - siehe
die einleitende Szene -, Mutter Verena und Vater Günther.
Verena Neuwirth steht unter
hohem psychischen Druck und versucht diesen durch permanentes Reden zu
kompensieren. Kaum trifft sie die allein vor sich hin tanzende Dana,
bietet sie ihr unumwunden das Du an und lässt sich in einem
gedrängten Redestrom über ihren Familienhintergrund, die
speziellen Umstände dieser Urlaubsreise und ihre
übersteigerten Erwartungen an die kommenden Tage aus - Hauptsache
reden. Als ihr muffiger Mann Günther erscheint und nur kurz
angebunden antwortet, ahnt man schon ein
Bündel von Konflikten auf diese kleine Urlaubsgesellschaft
zukommen. Jost Schumann entführt die einer Urlaubsaffäre
offensichtlich nicht abgeneigte Dana zu einem Ausflug an den Strand,
und damit ist die Szene bereitet für die erste Auseinandersetzung
innerhalb der Familie Neuwirth. Die lässt auch nicht lange auf
sich warten und erscheint in Gestalt der jungen
Katharina, die aus der Beschaulichkeit ihres Sonnenbades in den
Kreis der Familie zurückkehrt. Katharina zeigt
sich schon nach wenigen Sätzen als eine psychisch höchst
labile junge Frau, die geradezu zwanghaft bei jedem Menschen
unmittelbare, unbedingte Nähe und Zuwendung sucht und bei
Zurückweisung oder auch nur Distanz ungezügelter Aggression
verfällt. Mit der Klarsichtigkeit von Menschen mit gering
entwickeltem Selbstbewusstsein erkennt sie die Schwächen und
Probleme ihrer Mitmenschen intuitiv und sagt sie ihnen auf den Kopf zu.
Sie wehrt sich mit Ruppigkeit gegen die behütende Art ihrer
Mutter, erkennt bei Dana sofort die Einsamkeit einer Frau jenseits der
Jugend und den daraus resultierenden Hang zum Alkohol, und ihrem Vater
gegenüber zeigt sie sich verstockt. Ihr Verhalten schwankt
permanent zwischen anbiedernder Selbstentäußerung und
geradezu panischer Aggression. Obwohl - oder gerade weil - sie sofort
die beginnende
Beziehung zwischen Jost und Dana erkennt, macht sie dem jungen Mann
deutliche Avancen und spannt ihn der Älteren im Handumdrehen aus.
Nach der gemeinsam verbrachten Nacht dringt sie mit einer geradezu
zwanghaften Besessenhait in ihn, um die beginnende Beziehung zu einer
alles überhöhenden Zweisamkeit und Harmonie zu steigern. Als
Jost sich gegen diese obsessive Art der Besitzergreifung wehrt, fordert
sie die Fortsetzung der sexuellen Aktivitäten geradezu gewaltsam
ein und versucht sich dabei in einer Art umgekehrter Vergewaltigung,
die erst das Erscheinen von Katharinas Eltern beendet.
Überflüssig zu erwähnen, dass diese beiden den Kampf auf
dem Fußboden ganz anders deuten und den jungen Mann geradezu
davonjagen.
Aus diesem aufwühlenden
Ereignis folgt erst eine grundsätzliche Auseinandersetzung
zwischen dem Ehepaar Neuwirth, in der Verena vergeblich versucht, einen
Dialog mit ihrem Mann aufzubauen. Dieser wittert hinter jedem Versuch
sofort einen Vorwurf - entweder der weichen oder der harten Art -,
lehnt diese brüsk ab, verweist auf die Opfer, die er für die
Familie gebracht hat, als er einen Auslandsjob ablehnte, und wirft
seinerseits seiner Frau das gluckenhafte Behüten der seiner
Meinung nach erwachsenen Tochter vor. Diese Situation steigert sich in
dem darauffolgenden Gespräch zwischen Vater und Tochter, in dem er
ihr mit geradezu schneidender Kälte ihre Unfähigkeit, ihre
mangelnde Leistungsbereitschaft und ihr Selbstmitleid vorwirft. Die
einseitige Diskussion beendet er mit der Ankündigung, erst wieder
mit ihr zu sprechen, wenn sie Einsicht gezeigt hat. Katharina jedoch zeigt in den
Momenten ihres Alleinseins immer wieder den Wunsch, vom Vater
akzeptiert und geliebt zu werden. Schon als kleines Mädchen hat
sie sich Szenen ihres Verschwindens am Strand und die
untröstlichen Eltern vorgestellt, und diese Vorstellung gewinnt
auch jetzt wieder Macht über sie. Nachdem sie Dana verletzt, Jost
vertrieben und ihren Vater endgültig verloren zu haben scheint,
legt sie ihre Sachen am Strand ab und verschwindet. Kurz darauf beginnt
eine vergebliche Suche der gesamten Hotelbelegschaft nach Katharina,
ohne dass auch nur eine Spur gefunden wird. Verena, die heimlich
Katharinas Tagebuch mit den Eintragungen über den Gang ins Meer
gelesen hat, redet sich ein, dass Katharina nach Lagos gefahren ist,
ahnt aber, dass sie sich das Leben genommen hat. Als ihr Mann das
Verschwinden als pubertären Protest abtut, eskaliert die Situation
zwischen dem Ehepaar. Endlich findet Verena den Mut, ihrem Mann die
Wahrheit ins Gesicht zu schleudern, wie sie sie sieht: er ist nicht der
große und verkannte Architekt, der seine Karriere einer
undankbaren Familie geopfert hat, sondern hat es in seinem Beruf wegen
seiner Durchschnittlichkeit nie zu etwas gebracht und ist am Ende bei
kleinen Geschäftsanbauten gelandet. Als Ehepartner und Vater hat
er nie etwas getaugt und die Sehnsucht seiner Tochter um die Liebe des
Vaters hat er in seinem
Selbstmitleid und seiner beruflichen Frustration überhaupt nicht
bemerkt. Verena beschließt, von nun an alleine zu leben. In der letzten Szene erscheint
noch einmal Katharina, nun aber vor den zum lebenden Bild erstarrten
ihrer Eltern und der anderen Hotelgäste. Sie hatte sich nur
versteckt, um allen einen Schreck einzujagen. Die geradezu
surrealistische Anlage dieser Szene lässt jedoch den Schluss zu,
dass hier die Katharina ihrer Tagebücher aus einer anderen Welt
spricht, dass sie also tatsächlich die tödliche Konsequenz
aus dem Gespräch mit ihrem Vater gezogen hat und ins Meer gegangen
ist. Dieses offene Ende verhindert jegliche kurzschlüssige
Lösung, sei es nun als Vorwurf an die Eltern oder als
Tragikomödie eines psychisch kranken Mädchens, das lediglich
seine Umgebung nervt. Alle Deutungen sind erlaubt, und Lutz Hübner
verzichtet auf eine richtungsweisende Schlussaussage.
Die junge Regisseurin Anna-Lena
Kühner hat das Stück mit beeindruckender Dichte inszeniert.
Die einzelnen Szenen folgen geradezu logisch aufeinander und
auseinander, die zu Beginn latente Aggression bricht in mehreren
Schüben aus und bringt alle Lebenslügen der Protagonisten ans
Tageslicht. Dabei gestattet sich die Regisseurin weder Abschweifungen
noch überflüssige Ausschmückungen. Sie bringt das
Anliegen des Autors, die Offenlegung eines tiefen familiären und
sozialen Konfliktes, konsequent auf den Punkt. Die Nebenfiguren - Dana,
Jost und Pedro - passen nahtlos in dieses Konzept der Lebenslügen
hinein und werden als Zaungäste zwangsläufig in die
Familientragödie hineingezogen. Die Darsteller machen die
Inszenierung durch ein intensives und schlackenloses Spiel zum Erfolg.
Diana Wolf spielt die Katharina mit geradezu archaischer Zerrissenheit,
die immer wieder einen Anker im Leben sucht, doch sich überall
gerade durch ihre aggressive Liebessehnsucht nur Abwehr einhandelt.
Maika Troscheit bringt die Verzweiflung der Mutter Verena über die
gescheiterten Familienverhältnisse glaubhaft zum Ausdruck. Immer
etwas aufgelöst, hektisch nach Bestätigung suchend und in der
nie ganz versiegenden und doch immer wieder enttäuschten Hoffnung
auf ein gutes Ende. Uwe Zerwer verleiht ihrem Ehemann Günther
einen gerade elementaren Weltekel, der sich eigentlich auf ihn selbst
bezieht, den er sich aber nicht eingestehen will und daher gegen seine
gesamte Umgebung in Form angwiderter Aggressivität richtet.
Gabriele Drechsel hat ihre stärksten Momente als Dana Golubka zu
Beginn, wenn sie mühsam das langsam zerbröselnde Bild der
selbstbewussten, erfolgreichen Frau gegen die hellsichtigen
Provokationen der jungen Katharina verteidigen muss, und bevor die
Familientragödie den gesamten Bühnenraum einnimmt. Matthias
Lodd spielt den Jost anfangs als gut gelaunten "Sonnyboy", der immer
den richtigen Spruch parat hat, und zum Schluss als innerlich
verstörten Verlierer, der sich sowohl in Katharina als auch in
Günther Neuwirth wiederfindet. Hubert Schlemmer gibt den ewig
fröhlichen Pedro mit "Sascha-Schwänzchen", der jedoch die
Szene genau beobachtet und sich seine eigenen Gedanken macht. Das Premierenpublikum spendete
kräftigen Beifall für das gesamte Ensemble wie für die
Regie und hatte für die junge Diana Wolf sogar einige "Bravos"
parat. Weitere
Aufführungen finden am 17. und 22. Juni statt.
Frank Raudszus Alle Fotos © Barbara Aumüller |
|