U-Musik aus klassischer Zeit
























































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Das Rheingau Musik Festival präsentierte Mozarts und andere Nachtmusiken

 

Der Titel des Programms für den 31. Juli - "Mozarts große Nachmusiken VII" - war etwas irreführend, weckte er doch die Vorstellung, dass an diesem Abend nur Mozart gespielt würde. Das wäre zwar auch nicht tragisch gewesen - Mozart kann schon einen ganzen Abend füllen -, aber die Erweiterung des Programms um zwei weitere wesensverwandte Stücke stellte sich durchaus als Bereicherung dar. Nicht dass Mozart eine "Werterhöhung" durch andere Komponisten benötigte, aber das Spektrum der Klangfarben und der Musikstile verbreiterte sich dadurch doch. Das Oboenkonzert von Ermanno Wolf-Ferrari aus dem Jahr 1933 zeigte eine für die Entstehungszeit erstaunlich traditionelle Tonalität und Harmonik, ohne deswegen abgestanden zu wirken, während das Oboenkonzert des Barock-Komponisten Alessandro Marcelle aus dem frühen 18. Jahrhundert in die Zeit Bachs zurückführte. Die Kassation B-Dur KV 99 und die Serenade D-Dur KV 213 als Beispiel für die Unterhaltungsmusik des etwas reiferen Mozart rahmten diese beiden Werke ein und gaben dem Programm seinen Namen.

Die Kammerakademie PotsdamDie Kammerakademie Potsdam

Betrachtet man bei Mozarts Kassation das Entstehungsjahr (wahrscheinlich noch vor 1769), so wird klar, dass er dieses Werk im Alter von maximal dreizehn Jahren komponiert hat. Wer dem Stück beim ersten Hinhören vielleicht eine gewisse Schlichtheit attestiert, liegt zwar nicht ganz falsch, sollte aber immer diesen Umstand berücksichtigen. Ein Marsch am Anfang und Ende rahmt im Verein mit je einem Allegretto zwei jeweils im Wechsel aufeinander folgende Andante und Menuette ein. Die einzelnen Sätze sind kurz und bestehen weitgehend aus der Exposition und einer kurzen Verarbeitung von jeweils ein oder zwei Themas. Die Homophonie der einzelnen Instrumentengruppe dominiert hier noch, obwohl der junge Mozart schon mit ersten Einschüben und Tempovariationen experimentiert. Man kann an diesem Beispiel buchstäblich Mozarts Musik "in statu nascendi" erkennen. Die Musik kommt unterhaltend und gefällig daher und erfüllt eindeutig die Anforderung, das Publikum zu unterhalten und nicht zu sehr von Essen, Trinken und der Unterhaltung abzulenken. Daraus ergibt sich auch eine gedämpfte Expressivität, wie man sie heute von der Kaufhausmusik kennt. Die wichtigste Maxime dieser Musik lautete: "nicht auffallen" und "nicht aufschrecken", sondern angenehm unterhalten. Die Kammerakademie Potsdam unter der Leitung von Michael Sanderling spürte diesem ursprünglichen Auftrag nach und verzichtete bei dem Auftaktstück bewusst auf spektakuläre Momente.

Ramón Ortega QueroSolo-Oboist Ramón Ortega Quero

Die ergaben sich dann zwangsläufig mit dem Vortrag des jungen Oboisten Ramón Ortega Quero, der bei dem "Idillio concertino"   A-Dur von Ermanno Wolf-Ferrari zeigte, warum er in den letzten Jahren von einer Preisverleihung "durchmarschierte". Die Oboe ist nicht gerade eins der zugkräftigsten Soloinstrumente und die Konzertliteratur zeigt sich daher auch ein wenig knapp ausgestattet. Der Ton der Oboe erfordert hohes technisches Können, um an Wärme und Fülle zu gewinnen. Immer besteht die Gefahr einer eher gequetscht wirkenden, flachen Tonbildung. Doch wenn ein Virtuose wie Quero das Instrument bläst, zeigt es, zu welchen Klangfarben es fähig ist. Quero entlockte ihm warme, weiche Töne, bisweilen fast wie bei einer Klarinette, und meisterte die schnellen Läufe mit hoher Souveränität. Man konnte ihm die Spielfreude geradezu von den Lippen ablesen. Wolf-Ferraris Komposition kam ihm dabei aber auch entgegen, bewegte sie sich doch in weitgehend tonalen, melodiösen Gefilden, die für die Mitte des 20. Jahrhunderts eher ungewöhnlich sind. Bei einem Vergleich mit Zeitgenossen fällt einem vor allem Richard Strauss ein, der wie Wolf-Ferrari bei aller Erweiterung des harmonischen Materials dennoch im Rahmen des herkömmlichen musikalischen Weltbildes bleibt. Eindeutig erkennbare melodische Linien werden variiert und harmonisch angemessen vom Orchester begleitet, eine gewisse Gefälligkeit der Melodien war dem Komponisten offensichtlich wichtig. Und diese Kombination aus zeitgemäßer Tonalität und ausgewogener Harmonie macht das Stück - vor allem im Zusammenhang mit den anderen Werken dieses Programms - einfach rezeptierbar.

Mit Alessandro Marcellos Konzert für Oboe ging es nach der langen Pause - der Solist brauchte Zeit zur Regeneration - zurück zum gemessenen Voranschreiten der Barockmusik. Das dreisätzige Werk bewegt sich ganz im Rahmen der barocken Musik, die der Unterhaltung der Fürstenhöfe diente, was eine Verselbständigung der Musik hinsichtlich Dynamik und Expressivität von vornherein verbot. Die Potentaten aller Zeiten haben die barocke Musik wegen ihres ehrfürchtigen and gravitätischen Hymnencharakters geliebt. Marcello hat das vordergründige Lobpreisende zwar verfeinert und mehr Wert auf musikalische Figuren gelegt, den schreitenden Charakter des Barocks verliert seine Musik jedoch nie. Auch hier konnte sich Ramón Ortega Quero noch einmal an der Oboe beweisen, nun jedoch mehr mit meditativer als mit expressiver Betonung. Marcellos Komposition fügte sich in diesen Abend mit seinem Rückblick auf die gehobene Unterhaltung vergangener Jahrhunderte nahtlos ein und spannte so einen Bogen vom frühen 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert auf.

Dirigent Michael SanderlingDirigent Michael Sanderling

Den Abschluss bildete dann wieder Mozart, diesmal mit der acht(!)-sätzigen Serenade in D-Dur KV 213a/b. Auch hier rahmen Allegrio und Marsch eine Folge von Menuetten und Andantes ein, wobei jedoch die musikalische Gestaltung wesentlich reichhaltiger und komplexer als bei der frühen Kassation ist. Mozart gibt hier die Schlichtheit seiner ersten Unterhaltungsmusiken und damit das Credo der damaligen Zeit auf und stellt die Musik sowie die Möglichkeiten der Instrumentierung in den Vordergrund. Man kann sich nach diesem Feuerwerk an Ideen, dynamischen Wechseln und instrumentalem Zusammenspiel vorstellen, dass so mancher Zuhörer gedacht haben mag, was der Kaiser ihm einst ins Gesicht sagte: "Zu viele Töne, Mozart". Denn hier geht Mozart eindeutig über den Unterhaltungsanspruch einer Gesellschaft hinaus, die auf jeden Fall eins nicht will: sich auf die Musik konzentrieren und ihr lauschen zu müssen. Die zahlenden Adligen sind schließlich der Mittelpunkt der Geselslchaft, nicht die Musik oder gar ihr Schöpfer. An Hand dieser Unterhaltungsmusik, die dabei noch nicht einmal die Wucht und Konsequenz seiner letzten Sinfonien aufweist sondern eben doch hauptsächlich zur Unterhaltung geschrieben wurde, kann man erahnen, weshalb ein Künstler wie Mozart letzten Endes bei seinen Zeitgenossen in Ungnade fiel oder zumindest ignoriert wurde. Wir Nachgeborenen dagegen dürfen uns an den Ergebnissen des künstlerischen Wagemuts erfreuen, den Mozart mit der Sprengung der ungeschriebenen höfischen Gesetze bewies. Die Kammerakademie Potsdam interpretierte dieses Werk mit viel Spielfreude, Liebe zum Detail und nie nachlassender Spannkraft.

Obwohl der übliche Zeitrahmen der Konzerte um mehr als eine halbe Stunde überschritten war, blieb das Publikum bis zum Schlussakkord und spendete begeisterten Applaus.

Frank Raudszus